Boys don´t cry

27.06.2009 um 18:01 Uhr

Live and let die

von: Ryan

Denn wir sprechen von "dem Tod", um die Dinge zu vereinfachen, aber es gibt fast ebenso viele von seiner Art, wie es Personen gibt. (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)

 Eine komische Woche, so kurz vor der freien Zeit, die mich jetzt erwartet. Eine Nachtdienst-Woche. Meistens so, dass ich nen völlig erschöpften Spätdienst angetroffen habe, die sich den Tag über durch 7-10 Aufnahmen gequält hatten und ich dann versucht habe das Chaos zu ordnen über Nacht - was mir eigentlich auch immer gut gelungen ist ... zwischendurch mal etwas beschäftigt mit verwirrtem grade nachts austickenden Patienten ... also eigentlich das gleiche Theater wie immer, nur mit dem Unterschied, dass ich selbst zur Zeit wahnsinnig dünnhäutig und sensibel reagiere - was nicht unbedingt immer schlecht ist, weil ich mich sehr sensibel, fürsorglich und mitfühlend gezeigt hab - mich aber auch kaum noch abgrenzen kann zur Zeit - so viel zur derzeitigen Selbstanalyse.

Und unter diesen Vorraussetzungen passierte irgendwie sehr häufig folgendes: Ich versuche natürlich schnell zu arbeiten, Chaos aufräumen, fix meine Sachen machen, die ich so machen muss, keine Pause, Zack zack zack ... mir fällt irgendwann auf, dass ich noch was machen wollte, Blutzucker messen, nochmal gucken ob der Patient ausscheidet, Infusion ändern, egal was ... ich komm ins Zimmer und ich seh gleich schon, der Patient atmet nicht mehr. Und das in einer Häufigkeit, dass ich an meiner eigenen Person zweifle - es ist im Krankenhaus oft so, dass man sagt: "Schwester Maria hat immer Pech, bei ihr sterben häufig Leute." Man spricht auch in "Bilanzen" die einer hat, zum Beispiel: "Ich hatte mal in 3 Nächten 2 Tote" und dadurch, dass wir auf der Inneren arbeiten mit den krankesten und ältesten Patienten überhaupt, haben die Kollegen in meinem Team die höchste Todesbilanz - aber ich hab diesmal den Vogel abgeschossen.

Das nimmt mich extrem mit - obwohl ich genau weiss, ich kein Verschulden. Alle Kollegen versicherten immer wieder, ich hätte keine Schuld, ist nur dumm gelaufen -lapidar gesagt. Es waren auch immer ältere und sehr, sehr kranke Menschen. Teils so krank, dass wir nur noch großzügig Schmerzmittel gegeben haben und bei denen es wirklich jede Minute hätte passieren können, aber auch Patienten wo es zwar abzusehen war, dass sie nächste Woche nicht mehr leben würden, aber man nicht wusste ob es heute oder übermorgen sein würde.

Das ist echt nen blödes Gefühl, wenn man in der tiefsten Nacht in nen Zimmer kommt und merkt, mein Patient atmet nicht mehr - schon wieder. Meine diensthabene Ärztin mag ich Gott sei dank sehr gerne und sie war zum Beispiel so lieb und ist immer noch bei mir geblieben wenn ich die Toten versorgen musste - ich find´s nämlich unheimlich alleine an Leichen zu arbeiten. Die Stimmung war auch nicht dramatisch. Eher so: Patient ist halt tot, passiert schon mal ... müssen wir reanimieren? Nein, gut so. Ja? Mmh ... aber der hat schon deutliche Todeszeichen, bringt nix mehr ab ... und nebenbei: wie war dein Wochenende eigentlich? So in etwa - und wenn wir fertig waren, haben noch eine geraucht für Nerven.

Manchmal - zum Beispiel heute - finde ich es sehr erstaunlich wieviel man ertragen kann . Für die meisten Menschen sind Tote ein absolutes No-Go-Thema. Ich weiss noch wie vor nen paar Wochen ne Patientin in ein Zimmer gelatscht kam und wir grade dabei waren ne Leiche umzulagern und diese Patientin dann psychisch so zusammen geklappt ist, nur weil sie die "gesehen" hatte. Mittlerweile finde ich es auch schwierig solche Erlebnisse "los zu werden", also sich sowas von der Seele zu reden, denn es beschäftigt mich, ich hab die Bilder im Kopf - aber der Großteil meiner Freunde ist ganz froh, wenn sie davon verschont bleibt, weil Thema Tod und Leichen nun nicht grade das geilste Thema beim Sushiessen ist. Ich muss auch zugeben, selbst hier verkneife ich mir Details.

Und jetzt? Jetzt geniesse ich meinen ersten Urlaubstag, ich hab endlich mal gut geschlafen, obwohl ich bis heute morgen noch gearbeitet hab, und heute Abend bin ich mit Freunden verabredet und werde mir mal richtig die Kante geben - und dann mal schauen.

24.06.2009 um 16:50 Uhr

Medizin

von: Ryan

Wenn man sieht, was die Medizin heute fertigbringt, fragt man sich unwillkürlich: Wie viele Etagen hat der Tod? (Jean-Paul Sartre)

Eigentlich wollte ich gestern schon einen Eintrag schreiben, hab ihn dann aber aus Frust, Übermüdigung und Hitzköpfigkeit gelöscht - dementsprechend war er nämlich auch geschrieben. Vorgeschichte: Ich hatte einige Tage frei - nicht grade entspannte Tage, aber positiv stressig. Und ich dachte ich könnte aus dem positiven irgendwas für mich rausholen, was mir hilft die letzten Schichten vorm Urlaub gut durchzustehen. Und gestern nach der Schicht wieder die Erkenntnis: Ich bin total leer, total ausgesaugt, oder auf neudeutsch: burn-outed.

Es ist wahnsinn wie schnell ich an meine Grenzen kommen, wie sehr mir die Energie und die Motivation fehlt. Gut, es ist zur Zeit auch wahnsinnig frustrierend. Nach meinem Empfinden geht es all meinen Kolleginnen so wie mir und dementsprechend versinkt alles im Chaos. Da sind auch viele, die been nicht mehr den Elan oder den Antrieb haben (so wie ich) nochmal zu versuchen wenigstens etwas Ordnung in´s Chaos zu bringen, und ich aknn das auch total verstehen - aber gleichzeitig macht es mich total wahnsinnig. Das sind so Kleinigkeiten, bei denen ich oft das Gefühl bekomme, dass meine Mühe und Arbeit total ignorant einfach übergangen wird. Zum Beispiel wenn ich etwas aufräumen und es sieht gut aus, es sind alle Arbeitsmaterialen aufgefüllt, es ist sauber und ich brauche sowas einfach, dass ich die Gewissheit hab, ich hab alle meine Sachen bei mir, ich brauch nicht wegen jedem Tupfer über die ganze Station rennen. Einen Tag später sieht es wieder aus wie Hölle, die Tupfer sind aufgebraucht, hat keiner nachgefüllt und irgendwelche zerknüllten Zettel und Blutflecken sind in meinem ehemals aufgeräumten Pflegekorb - DA DREH ICH DURCH ... wie kann man so ignorant sein? Ich verstehe es nicht.

Und sowas passiert im Moment dauernd. Ich versuche IMMER dass die nächste Schicht so wenig wie möglich nacharbeiten muss, eventuell denen sogar noch was abnehmen und vorarbeiten ... aber es sind immer wieder die gleichen Leute, die immer den gleichen Scheiss für dich übrig lassen mit der Ausrede: "Hab ich nicht geschafft" aber immer pünktlich Feierabend machen. Und dann gibt´s wieder die andere Fraktion, die grundsätzlich 1-2 Stunden länger bleibt - zu der gehöre dann leider ich. Ich kann das einfach nicht.

Und was mich eben zur Zeit auch sehr frustriert: Dieses Patientenklientel. Diese multimorbiden (=viele schwere Krankheiten gleichzeitig haben), bettlägerigen Menschen, die nur noch auf ihre Erlösung warten - so kommt´s mir zumindest vor, was auch nen deutliches Zeichen für mein Ausgebranntsein ist. Möchte ich später so im Bett liegen? 5, 10, 15 Jahre lang? Vielleicht 5 mal pro Tag ne neue Windel kriegen, alle 4 Stunden auf die andere Seite gelegt, dass mit ich mich nicht wund liege, ernährt durch Schläuche, total abhängig von anderen ... nee, das kann ich mcih für mich überhaupt nicht vorstellen und ich kann mir auch schwer vorstellen, dass das irgendwer will. Und auch nicht meine Patienten, die ich täglich unter meinen Händen hab. Und anstatt Menschen in Frieden sterben zu lassen wenn der liebe Gott ruft, ruft die Familie oder die Altenheimangestellten lieber den Notarzt, lassen diese Patienten reaniminieren, beatmen, wir pumpen sie voll mit schweinteuren Medikamenten nur damit sie nicht mit 92 sterben sondern vielleicht mit 94 Jahren.

Eigentlich sind solche Gedankengänge schon ethisch nicht vertretbar. Mein Berufskodex heisst immerhin Leiden lindern, Krankheiten heilen und verhindern, Gesundheit wieder herstellen. Warum ich so denke, glaube ich mittlerweile auch zu wissen: Ich sehe nur noch diese alten, schwerkranken Menschen. Ich hab keine anderen Patienten mehr. Alle Jubeljahre schneit mal nen junger Patient rein, der dann so schwer krank ist, dass wir ihn weiterverlegen müssen. Und die paar jungen Patienten, die dann echt bei uns bleiben, sind meistens so psychisch schwer krank, dass sie ihre Lage nicht verstehen und aufgrund mangelnder Kooperation in anderen Krankenhäusern rausgeflogen sind ...

Im Moment ist es wirklich ganz schlimm. Ich arbeite mich halbtot für scheinbar nix, es kommt zumindest scheinbar nix sinnvolles bei raus - so fühlt es sich zumindest sehr an. Ich hab zum Beispiel einen Patienten zur Zeit, älterer Mann, schwer krank, bettlägerig, inkontinent, wird über ne Sonde ernährt. Chronische Krankheiten, die ihm zu schaffen machen, bzw. Schmerzen bereiten, jetzt ne schwere Lungenentzündung. Er ist seit über ner Woche nicht ansprechbar, stöhnt nur vor Schmerzen, kriegt sehr schwer Luft. Die Enkeltochter liebt ihren Opa über alles und sie will dass wir alles versuchen, damit er wieder gesund wird. Der Arzt der Intensivstation weigert sich den Patienten zu sich zu nehmen, weil der Patient so schwerkrank ist, die Enkelin weigert sich ihren Opa endlich sterben zu lassen. Also tun wir alles was die morderne Medizin zu bieten hat, quälen Opa mit großen vernösen Zugängen, 3 mal täglich Antibiotikum intravenös, Dauerkatheter, Atemmaske, Inhalation, viele Geräte die dauernd Alarm piepsen, Spritzen morgens und abends, keine vernünftigen Schmerzmittel, weil die alle das Atemzentrum zu stark dämpfen ...

Das ist echt depremierend zur Zeit ... Ich hab jetzt noch nen bisschen Nachtdienst, da gehts mir eigentlich immer besser in solchen Phase, weil ich keine Rücksicht auf andere Kollegen nehmen muss, keiner außer mir Chaos macht und wenn nicht grade einer abdreht, ist es echt ruhig und angenehm.

22.06.2009 um 14:14 Uhr

Part two

von: Ryan

Okay, Festival begann, Wick Medi-Night sei dank war ich Samstag wieder so fit (zumindest schmerz- und fieberfrei), dass ich Samstag morgen sofort meinen Rucksack gepackt habe und hinterher gereisst bin. Das erste angekommen aufm Zeltplatz nach 30 Minuten Fußmarsch vom Bahnhof: Bier aufmachen. Alle anderen die schon länger da sind, können gar nicht sagen wieviel sie schon getrunken haben, obwohl erst nachmittag ist. Ich war natürlich auch so klever und hab mich meinen beiden chaoten-Brüdern angeschlossen, die mit ihren besten Kumpels da waren. Und die sind echt "hardcore". Da kamen so Aussagen wie: "Ich hab bestimmt heute schon 15 Bier getrunken ... ich hab grade gekotzt, jetzt gehts mir besser ... gib mir noch nen Bier rüber."

15 Bier pro Tag vertrage ich nicht (hab ich rausgefunden), bei mir war nach 4 schon immer Feierabend - aber trotzdem total Ausnahmezustand. Geil, aber anstrengend. Jetzt wo ich seit gestern Nacht wieder da bin (und außerdem nüchtern) kann ich sagen: Wir haben alle viel zu viel getrunken (geil war Sonntag morgen: duschen, Scheibe Brot essen, Bier trinken, meine Brüdern haben das inner anderen Reihenfolge gemacht also: Bier, duschen, Bier, Brot), wir haben uns alle nur von Grillfleisch und Toastbrot ernährt, trotz Sonnencreme und zeitweise Regen haben wir alle nen Sonnenbrand im Gesicht, meine Klamotten sind schon in der Waschmaschine und gestern Abend fiel mir auf, dass ich effektiv vielleicht knapp nen Liter Wasser getrunken hatte - in 2 Tagen! Und war damit schon einer derjenigen, der penibel auf seine Flüssigkeitszufuhr geachtet hat.

Zelten war auch super, meine Brüder hatten je ihre besten Kumpels dabei und außerdem - was ich echt nicht wusste - DER HÜBSCHE, also mein Arbeitskollegen und Ex-Affäre. Angeblich haben sie sich auf meiner Einweihungsfeier vor einem Monat über das Festival unterhalten und man habe Telefonnummern ausgetauscht und beschlossen zusammen zu fahren ... und jetzt waren sie alle da. Zelten brav im Kreis ausgebaut, in der Mitte die Campingstühle um den Grill drapiert - zwischendrin Müll, Zigarettenstummpel und unzählige leere Bierdosen. Ich war noch so klever und fragte nach ner Mülltüte oder sowas ... da guckten alle nur aufm Boden und zuckten mit den Schultern. Duschen ist natürlich total out - meine Brüder sahen zumindest so aus als ob sie seit Donnerstag Abend geduscht hatten (so roch das Zelt auch). Als mein Bruder bei einer Grillaktion ein verbranntes Würstchen achtlos neben sich in die nächste Zeltkolonie warf, kam das Würstchen postwendend zurück.

Ich glaube, ich bin zur Zeit noch zu sehr reizüberflutet - ich glaube mein Kopf muss das ganze WE erstmal filtern bevor ich vernünft und amuisant wiedergeben kann, was wir da so erlebt und getrieben haben.

Auf jeden Fall kann ich nur sagen: Mittlerweile bin ich geduscht, Haare vernünftig gestylt, hab gefrühstückt, Klamotten sind in der Waschmaschiene, ich hab die letzte Nacht in nem gemütlichen Bett geschlafen und das fühlt sich insgesamt sehr gut an nach den Entbehrungen der letzten Tage.

 

22.06.2009 um 13:16 Uhr

Grenzenlos

von: Ryan

Letzte Woche war furchtbar - meine persönliche Grenzgänger-Woche. Die Arbeit hat mal wieder neue Rekorde geschlagen bzgl. Arbeitsaufwand. Wir waren mal wieder nur zu zweit und eigentlich hatten wir uns verabredet in der Übergabe alles zusammen zu machen - blöd war nur, dass ich meine Kollegin während des ganzen Dienstes nur 3 mal gesehen hab ... ja soviel war zu tun. Auf einer Station und trotzdem sieht man sich nicht weil man aus den Patientenzimmern nicht mehr rauskommt. Nur rumrennen, wenn ich grade den letzten gewindelt hatte, konnte ich beim ersten wieder neu anfangen. 6 Leuten, die ich gleichzeitig füttern sollte, aber in ihrem Tempo mindestens ne halbe Stunde brauchen bis sie wirklich satt sind - aber ich kann nicht 3 Stunden lang nur Essen geben ... pünktlich zum Mittagessen hatten ich dann meinen ersten Nervenzusammenbruch auf der Arbeit. Eigentlich war ich schon um 11.00 so erschöpft, dass ich über meinen persönlichen toten Punkt hinausgearbeitet hatte, ich war körperlich schon total alle, hab selber noch nicht einen Happs gegessen, meine Wasserflasche hab ich mir aufm Weg zum Wäschelager schnell geschnappt und die stand verbotener Weise schon neben meinen Akten. Das war wirklich nen Tag, an dem ich mich selber über meine Kondition wundere, sonst wäre ich höchstwahrscheinlich zusammen geklappt. Nein, das einzige war zusammen geklappt ist, war mein Nervenkonstüm.

Irgendwann gegen 12.00 ging gar nichts mehr und nachdem wir meine letzte Oma noch den Boden "vollgekackt" hat und mir damit noch mehr Arbeit als so schon machte, bin ich total ausgeflippt. Mir sind die Tränen gekommen. Ich hab letztes Mal als Schüler im Dienst geweint und ich glaube sogar, dass es am Tag meiner Zwischenprüfung war - aber diesmal hab ich wirklich aus Erschöpfung geweint. Ich hatte die Nacht vorher knapp 2 Stunden Schlaf gehabt und dann noch diese gewaltige Überlastung, wurde nur angemault, musste alle dicken Leute alleine windeln, hochziehen und lagern (das geht natürlich auch total in den Rücken und in die Arme), meine Kollegin rannte auch nur mit schlechter Laune als Einzelkämpfer von Zimmer zu Zimmer ... und dann irgendwann war Feierabend. Auf dem Weg zu irgendwas, was ich tun musste, bin ich in nen Lagerraum abgebogen, hab mich hinter die Tür gestellt und mir kamen die Tränen. Ich hab´s echt selten erlebt, dass ich wirklich so vor Erschöpfung geweint hab. Ich war so erledigt, körperlich, psychisch, keine Hilfe in Sicht, der Arbeitsberg wird mit jeder Minute größer und im Moment hab ich auch schon wieder ne ganze fiese Phase, in der ich meine Arbeit so anzweifel, mich selber frage ob das alles so sein muss wie wir das machen. Muss jemand mit 97 Jahren noch reanimiert werden? Muss jemand in dem hohen Alter überhaupt noch Antibiotikum kriegen oder kann man da nicht aml sagen: So, Schluss. Müssen wir wirklich soviel Zeit, Geld und Energie darein stecken, dass Leute mit vielen Krankheiten ein hohes Alter erreichen? Aber das grenzt ja schon wieder an der anmaßenden Frage: Wann ist ein Leben lebenswert und wann nicht? Also versorgen wir wie gehabt ALLE - und ALLE sind ganz schön viele.

Ne halbe Stunde später lief mir meine Kollegin übern Weg, nahm mich unter Arm und zerrte mich raus aufm Parkplatz und ne Zigarette später waren meine Tränen versiegt, ich war zwar immer noch unendlich erschöpft aber es ging wieder halbwegs. Zumindest so dass ich halbwegs adäquat ne Übergabe an den Spätdienst machen konnte - hab ich erwähnt dass ich trotzdem ich mir fast schon beide Beine ausreisse immer noch 2 Stunden länger bleiben konnte, weil ich meinen Frühdienstkram nicht in 8 Stunden geschafft hab?

Das Fazit: Ich erzähl das Ereignis meiner (psychiatrisch arbeitenden) Freundin und die sagt nur: "Das war nen Nervenzusammenbruch! Du meldest dich morgen krank! Du gehst morgen mal zum Arzt und lässt dir dein Burn-Out-Syndrom diagnostizieren!"

Hab ich natürlich nicht gemacht ... ich bin ja ich. Ich mach sowas ja nicht ... statt dessen hab ich mir von diesem extrem harten Tag irgend ne Infektion gehalt, bin am nächsten Tag mit Fieber und Halsschmerzen aufgestanden, 2 Paracetamol und ab zur Arbeit. Auch klever. Aber anstatt alles selber zu machen und mir dabei nen Bein auszureissen, hab ich gleich um 8 Uhr meine Pflegedienstleitung angerufen und gefragt, wie ich 6 Leuten gleichzeitig Essen geben soll, wie ich alleine 16 Vollpflege-Patienten versorgen und waschen soll? Wussten die auch nicht und PLINK plötzlich stehen 3 Leute von anderen Station (unter anderen mein Hübscher) pünktlicher zu den Mahlzeiten vor der Tür: "Wir sollen Patienten essen reichen bei euch?" ich weiss auch nicht warum sowas immer erst funktioniert, wenn die Station kurz vorm zusammenbrechen ist ...

Und sonst so war ich dann Freitag (mein erster freier Tag) richtig krank: Gliederschmerzen, Kopf- und Halsaua, Fieber, Schnupfnase ... toll ... ich hatte nämlich ne Karte für´s Hurricane Festival in Scheeßel und saß also den ersten Tag des Festivals zuhause aufm Sofa mit Fieberthermometer im Mund ...  ganz großes Kino ... weiter im zweiten Teil (ich glaube so elend lange Blogs liest kein Mensch, also teilen wir den mal).

13.06.2009 um 00:13 Uhr

Mister Charming

von: Ryan

Heute war wieder so ein Tag, an dem ich zuhause sitze und zu müde für alles andere bin. Ich hatte nen stressigen Spätdienst, Aufnahmen zu jeder Tages - und Nachtzeit als wären wir die zentrale Notaufnahme der ganzen Stadt - und gleichzeitig betreiben wir die Station mit sowenig Personal wie möglich, also um genau zu sein 2 examinierte Pflegekräfte. Das Chaos regiert die Station, wir versuchen nur noch Schadensbekämpfung zu machen, für mehr ist keine Zeit. Dann das DRAMA: eine Krankmeldung und das ganze System bricht zusammen. Auf der anderen Seite rege ich mich im Moment (mit anderen Kollegen) darüber auf, dass die andere Hälfte der Kollegen bei jedem Kleinscheiss schon dekompensiert - ich hab zum Beispiel extra ne Waschhilfe für morgens organisiert und trotzdem maulen sie nur rum, dass sie nix schaffen und unsereins reisst sich nen Bein aus dass alles fertig ist wenn der nächste Dienst kommt und dann hör ich mittags von der "Waschhilfe" dass die ne Stunde Pause gemacht haben ... hallo? "War so stressig, wir mussten länger Pause machen" und wie lange mache ich Pause? Ich hab in den letzten 5 Dienste keine Pause gehabt und hab gestern sogar ne 11 Stunden Schicht geschoben. Ich hasse es, wenn andere pünktlich nach Hause gehen und alles auf den nächsten Dienst schieben.

Es geht zum Beispiel um so sachen wie Einläufe - eklige Geschichte, mag ich auch nicht, wenn es geht drücke ich mich auch. Aber wenn der Patient unter den Verstopfungen leidet, bzw. dass mittlerweile solche Folgen hat, dass dieser deswegen im Krankenhaus ist, dann muss im wahrsten Sinne des Wortes der ganze "Scheiss" raus. Einläufe sind Frühdienstaufgabe, zum einen damit die Leute nicht die ganze Nacht einkoten (Nachtdienst ist ja alleine, das ist super fies, wenn man sowas abends macht) und zum zweiten sind die meisten Leute im Frühdienst auch bezüglich drehen und sauber machen. Unser Frühdienst zuckte heute nur wieder doof die Schultern als ich sagte: "Habt ihr endlich den Einlauf gemacht, um den ich euch seit zwei Tagen bitte?" Nein natürlich nicht. "Keine Zeit für sowas" Klar haben die auch nen stressigen Dienst hinter sich ... aber ... Ryan macht das schon ... toll ... dann bin ich ausgeflippt und hab geschimpft mit meinen Kollegen - und als Entschuldigung kam nur: "Naja Ryan, wir dachten dir fällt das leichter, immerhin bist du nen Mann und hast mehr Kraft beim Drehen!" ... und darauf bin ich dann richtig ausgeflippt, hab mit der Faust aufm Tisch gehauen und brüllte sowas wie: "Sag mal spinnt ihr? Ihr seid 4 Leute morgens und erwartet, dass ich sowas ALLEINE mache?? Ich bin auch nicht der Größte und mein Rücken tut auch so schon genug weh!" Mister Charming hat gleich in der ersten halben Stunde auf Schicht schon zugeschlagen ... da saßen dann alle zähneknirrschend am Tisch und hatten schlechte Laune - nur meine Kollegin, die zur der fleissigen Bein-ausreiss Sorte gehört sagte später im Stillen zu mir: "Richtig so! Ich hätte auch gemeckert."

Eigentlich war der ganze Tag mit solchen Vorfällen durchzogen, wo ich meinen "Charme" versprüht habe und mich nicht grade beliebt gemacht hab. Gut, schlechte Laune hatte ich, ich war im Dauerstress, 6 Sachen gleichzeitig machen ist halt nicht einfach aber notwendig - und grade mir als Mann, der Multitasking hart erlernen musste, platzt dann schnell der Kragen. Folgende Situation war auch super. Patient sollte verlegt werden, kommen also unsere beliebte Leute vom Krankentransport alias Rettungsassis - ein Mann und eine Frau. Ich natürlich nur am fluchen als die kamen, dann hiess es plötzlich die Patientin weigert sich mitzukommen und ist trotzig (tief dement), ich also ins Zimmer geflitzt, aufs Bett gesetzt, Hand getätschelt und "Was ist denn los meine Süße?" und die Patientin am Jammern und Jaulen, 3 Minuten später hatte ich sie soweit dass sie widerwillig auf die Transportliege gestiegen ist. Scheinbar fand das Frau Rettungsassi total süß oder was weiss ich ... meine Kollegin brüllte schon irgendwas über den Flur, wo sie für mich die nächste Baustelle öffnet, grade wo ich die eine geschlossen hatte, ausm Nachbarzimmer streiten sich lautstark zwei demente Männer um einen Kaffeebecher, das Telefon klingelt, 3 andere Patienten stehen schon aufm Flur "Ähm, Pfleger, können Sie mir helfen?!" CHAOS PUR.

Frau Rettungsassi schaut mich mitleidig an: "Wirkt stressig." - und ich: "Ja! Heute ist ein furchtbarer Tag." Irgendsowas hab ich gesagt. Und sie: "Naja, vielleicht hast du ja Lust dir den Tag nach Feierabend von mir versüßen zu lassen - wenn ich deine Telefonnummer krieg." (Hab ich erwähnt, dass wir mitten aufm Flur stehen? Da stehen immer noch die 3 Patienten, 2 Meter weiter sitzt meine Kollegin und 1,5 Meter weiter läuft die Ärztin). Ich selbstverständlich perplex, weiss gar nicht wie ich reagieren soll und sag total reflexartig: "Nein ich bin schwul!" Das war keine Antwort über die ich nachgedacht hab, die Worte waren schneller als mein Gehirn. 0,2 Sekunden später brüllt meine Kollegin das dreckigste Lachen aller Zeiten aus ihrer Kehle und kriegt sich nicht mehr an, klopft sich auf die Oberschenkel und brüllt immer nur zwischen den Lachern: "Geil! Geil!"

Die Ärztin bleibt abrupt stehen und sagt "Geistesgegenwärtig" (sie war selber im Stress): "UND WAS IST MIT DEINER FREUNDIN?!" Meine Kollegin jappst mittlerweile nach Luft ... und ich PUDERROT im Gesicht, ringe um Worte und fluche sowas wie: "Ja äh ... also ... das ist hier nen Krankenhaus und keine Singlebörse!!" und stampfe wütend davon ... meine Kollegin ist mittlerweile vor lachen vom Stuhl geplumst. Ja, Mister Charming versprüht Sympathiepunkte. Da wird man mal angegraben und ich reagiere wie ein trotziges Kleinkind. Die selbständigen Patienten aufm Flur natürlich hochbegeistert, endlich was los, endlich kriegt man mal nen Wutausbruch mit. Mindestens 4 weibliche Patientinnen fragten danach: "Sind Sie wirklich schwul? Was wollte die von Ihnen?"

Zu den meisten Leute heute war ich - glaub ich zumindest - halbwegs nett.

05.06.2009 um 01:13 Uhr

That is now, this was then

von: Ryan

Heute mal wieder eine Erkenntnis, bzw. ein schöner Gedanke, der mir kam auf der Arbeit - etwas an dass ich mich viel öfter erinnern muss. Alte Menschen sind ja generell schwierig, nicht garde ansehnlich, meistens übergewichtig, viel zu krank, viel zu eigensinnig, viel zu pflegebedürftig, viel zu meckerig. Ich bin heute Abend im Spätdienst fast ausgerastet mit einer dementen älteren Damen, die patu nichts wollte. Sie schlug nach mir als ich ihre Herzmedikamente geben wollte, sie fluchte wie ein Seemann als ich das liebevoll angerichtete Abendbrot präsentierte und egal wie viel Zeit, Ruhe und Hingebung ich ihr wiedmete, es war nichts in Ordnung. Sie schrie, schmiess Gläsern nach mir und ich konnte in keinster Weise mit ihr arbeiten. Ich natürlich schweinesauer, hab so Sätze von mir gegeben wie: "Sind wir im Kindergarten?!" Sowas ist furchtbar anstrengend wenn einen so ne verwirrte Dame terrorisiert über Stunden und kein Ende in Sicht ist.

Als ich ner Patientin, die ich grade wegen frischen Herzinfarkt auf die Intensiv verlegt hatte, ihre Sache zur Intensivstation brachte (dazu muss man sagen, sie hat von dem herzinfarkt wie die meisten Frauen nichts mitbekommen, klar und orientiert wie wir im Krankenhaus sagen), sagte sie: "Kommen Sie mal her Pfleger, Sie sehen aus wie ein Netter, ich hab meine Fotos mitgebracht, ich nehme meine Fotos überall mit hin, kommen Sie her." Sie saß auf der Bettkannte, klopft nebensich auf die Matratze, ich setze mich also neben sie und sie zückt nen Stapel Fotos, den sie mit mir zusammen durchschaut. Bilder, die über 60 Jahre alt sind, auf denen sie eine junge Frau ist. Sie zeigt mir ein Bild, auf dem sie keck in die Kamera schaut, mit Stubsnase, großen Augen, im Kleid, lockigen langen Haaren, schlank, ganz ohne Falten, ohne die dünnen weissen Haare, ohne die Alterflecken, ohne die hängende Haut im Gesicht - und sie sagt: "Dieses Bild hatte mein Mann bis zu seinem Tod auf seinem Nachtschrank stehen - und er sagte mir jeden Abend vorm schlafengehen, er hätte die schönste Frau von ganz Hamburg geheiratet."

Ich vergessen oft, dass die alten Menschen, deren Windeln ich täglich wechsel auch eines Tages mal jung und attraktiv waren. Dass sie Party gefeiert haben, dass sie auch verliebt waren, dass sie gegen alte Regeln rebelliert haben, dass sie auch mal in ihre erste eigene Wohnung gezogen sind, vielleicht sogar Drogen genommen haben. Denken wir nur mal an die 68# Generation. 1968 liefen die Menschen nackt über Festivals und waren dicht mit Marihuana bis in die Haarspitzen. Wenn diese Menschen damals 20 waren, sind sie heute 60 Jahre alt und damit Rentner. (siehe die Mellietta Werbung, die find ich auch geil).

Mein Vater ist auch ungefähr der Jahrgang und ich hab das oft gar nicht ernst genommen, wenn er sagte: "Du hast mein gutes Aussehen geerbt." Hää? Mein Vater hat 30 kg Übergewicht, weisse Haare und nen faltiges Gesicht, trägt nur Hemden und Stoffhosen - gutes Aussehen?? Nein was mein Vater meinte, war sein gutes Aussehen in MEINEM Alter, als er selbst anfang 20 war und sich vor schönen Frauen nicht retten konnte (zumindest sagt er das). Er hat mir mal was erzählt, was ich mich heute irgendwie erinnern musste: Sein eigener Vater war selbst relativ alt bei seiner Geburt und dementsprechend konservativ. Mein Vater trug nun aber als Teenager und als junger Mann "längere" Haare. Alles auf über die Ohren ging war damals "lang". Männer hatten damals nen 3 cm Haarschnitt, alles andere war lang und irgendwie komisch. Mein Vater wollte seinen Vater besuchen und der sagte ihm, er käme nicht ins Haus, solange er mit solch langen abartigen Haaren herum liefe (seine Haare im Nacken fielen auf den Kragen seines Hemdes, das war schon zu lang). Also musste mein Vater in meinem Alter zum Friseur und sich die Haare schneiden lassen. 2 cm ab (mein Vater war und ist eitel mit seinen Haaren), und mein Großvater ließ ihn immer noch nicht ins Haus, also lief mein Vater wieder also zum Friseur und ließ weitere 2 cm abschneiden.

Meine Mutter wiederrum erzählt immer die Geschichte, dass sie mit ihrer konservativen Mutter um jeden Zentimeter Rock gestritten hat. "Und dabei hatte ich damals so schöne schlanke Beine." beendet sie die Geschichten jedes mal.

03.06.2009 um 00:03 Uhr

The big Nothing

von: Ryan

Ich hab lange nicht geschrieben - zwischendurch hatte ich mal nen Eintrag verfasst, aber aus irgendwelchen Gründe (keine Ahnung warum, ob Blogigo spinnt oder mein Rechner) wurde der nicht gepostet. Whatever ...

Zur Zeit ist eigentlich alles in Ordnung, keine größeren Konflikte, mein Leben läuft halt so auf der Arbeit ab, zuhause schlafen, essen, duschen, versuchen Zeit mit meiner Frau zu vebringen. Zur Zeit fühle ich mich auch ziemlich antriebsarm und unmotiviert mich von meiner großen gemütlichen Couch zu erheben und noch was anderes zustande zu bringen. Arbeiten tue ich auch mal wieder viel. Ich werde im Moment in alle erdenklichen Fortbildungen und Seminare gesteckt und arbeite nebenbei viel. Obwohl die Dienste zur Zeit relativ ruhig, hab ich ziemlich selten frei - kommt mir zumindest so vor.

Ich hab auch grade so ne Phase in der ich mit allem irgendwie unzufrieden bin. Was genau weiss ich gar nicht, wahrscheinlich brauch ich nur mal dringend 3-4 Tage frei, aber im Moment bringt mich jede Kleinigkeit auf die Palme, wenn Schatzi zum Beispiel die Milch beim einkaufen vergessen hat bin ich sofort ultra genervt, oder noch schlimmer, wenn auf der Arbeit irgendwer etwas nachlässiger als ich arbeitet (was eigentlich dauernd vorkommt, weil ich den Ruf als "überkorrekter" und fast zwanghaft ordentlicher Pfleger hab), könnte ich jedes Mal auf der Stelle ausflippen.

Dann hab ich auch noch 2 kg zugenommen - kein Wunder wenn man warme Mahlzeiten durch Süßigkeiten ersetzt - aber das nervt mich auch schon wieder bis in die Unendlichkeit.

Kochen und Kuchen backen tue ich zur Zeit auch sehr selten, weil ich eben so wenig zuhause bin. Über alles was so in der Zwischenzeit passiert ist, muss ich auch nochmal schreiben - aber im Moment fehlt mir die Motivation, zum Beispiel Einweihungsfeier, Zusammentreffen des Hübschen und meiner Freundin und was sonst so an persönlichen Dramen war in der Zwischenzeit. Aber nicht heute.