Boys don´t cry

02.02.2010 um 18:18 Uhr

Fehldiagnose und Stressabbau

von: Ryan

Ich dreh bald durch . Mein Leben ist mal wieder grade chaotisch. Irgendwie auch so widersprüchlich und einfach echt anstrengend. Zum einen fand ich den Schnee ganz nett udn schön anzusehen und mit passender Kleidung ist das schon irgendwie auszuhalten ... aber mittlerweile bin ich tief in meiner kleinen Winterdepression, dass ich an meinem letzten freien Tag fast bis 17.00 in der Koje lag ... kein Bock aufzustehen, keine Motivation, alle sollen mich bloß in Ruhe lassen. Einfach nur BÄHHH-Stimmung. Schnee ist BÄH, kaltes Wetter ist BÄH und diese Winterdunkelheit kann ich auch nicht mehr ertragen. Mein Lieblingslied - was ich auch dauernd vor mich hinsumme ist: "Wenn jetzt Sommer wär´..." Langsam vermisse ich meine Flip Flops, ich vermisse meine Fahrrad, Nachmittage im Stadtpark, Abende am Elbstrand,  und vor allem vermisse ich die Sonne.

Ja und nachdem ich ne Zeit lang gar nichts von meinem Herzen mitbekommen habe und dann mal in meinem jugendlichen Leichtsinn die Medis abgesetzt hab ... (was man ja niemals tun sollte - als Krankenpfleger sollte man das wissen) ... kam´s dann ganz dicke - und natürlich auf Arbeit, ganz peinlich ... ich hing jappsend nach Luft übern Fenster, griff mir nur dauernd an die Brust und dachte ich müsse (mal wieder) sterben. Ganz schlimm ist da, wenn man so recht drüber nachdenkt. Ich krieg in solchen Momenten echt starke Schmerzen in der Brust, hab das Gefühl kaum Luft zu kriegen und mein Herz rasst, so dass ich jedes Mal denke, ich rutscht gleich ins Kammerflimmern. Und nachdem mein Oberarzt das mitkriegte, sagte der nur: "Komm, wir machen mal nen Echo." Ich also die Arztbriefe mitgebracht, Echo und Belastungs-EKG gemacht. Und was kommt dabei raus? Mein Oberarzt nur: "Komisch, ich seh da nix, was die in der anderen Klinik gesehen haben." Akte angefordert, noch mal nen EKG, immer noch nix im neuen Echo. Komisch ... aber laut Akte hat EIN Arzt eine Diagnose gestellt und alle haben so gearbeitet alla: "Wird schon richtig sein." Ja witzig ... Wenn man dem Kardiologen  vor dem Echo sagt: "Das ist der Junge mit der und der Diagnose" dann wird der schon was finden. Ich bin echt enttäuscht von so einer großen Fachklinik ... und vor allem hab ich 6 Wochen in dem Glauben gelebt, dass ich meine Enkelkinder nicht erlebe, weil vorher mein Herz schlapp gemacht hat! Boah war ich sauer als mir das richtig klar wurde, was für nen Fusch die da mit mir getrieben haben. Vor lauter Wut hab ich gleich wieder so nen "Herzanfall" gehabt. Naja, Ende vom Lied: Meine Medis sind zwar gut, soll ich aber nicht so oft nehmen. Und vor allem nicht als Festmedikation, so wie die erfahrene Fachklinik gesagt hat.

Diagnose: Stress. Was passiert genau? Ganz einfach: mein Körper schüttet Adreanlin (ein Stress-Hormon) aus und ich krieg dann Herzrasen. Nur leider tut das mein Körper irgendwie immer dann, wenn ich grade gar keinen Stress mehr hab, also zuhause aufm Sofa. Da kann ich kein Herzrasen gebrauchen. Mein Herz läuft also mal eben nen Marathon ohne den Rest meines Körpers. Ist ätzend und total nervig. Vor allem weil ich jedes Mal total Panik kriege, so Gedanken wie "Vielleicht hab ich ja doch grade nen Herzinfarkt" - "Vielleicht hat sich mein Oberarzt geirrt und ich bin doch sehr krank" - "Muss ich sterben?" Solche Gedanken können einen wahnsinnig machen und das tun sie auch mit mir.

Also Therapie: Stress abbauen. Darin bin ich leider nicht so gut. Vor allem wenn ich ne totale Horror-Schicht wie heute hatte. Ich hab mal wieder 10 Stunden ohne Pause durchgearbeitet. "Pfleger, können Sie mal ...?" - "Ihr kriegt noch ne 7. Aufnahme ..." - "Wir müssen jetzt dringend ALLE umschieben." ÄTZEND ... und die Hälfte der Schichtbelegschaft sitzt krank zuhause. Ich hasse meinen Job mittlerweile. Ich mag es mit den Patienten zu arbeiten, ich liebe es Krankenpfleger zu sein und helfen zu können, aber nach so ner Schicht ärgere ich mich über mich selbst wie dämlich ich sein konnte mir den stressigsten Job dieser Welt ausgesucht zu haben. Ich bin ja leider auch nen total ergeiziger Mensch, meine Patienten müssen immer gut versorgt sein, egal ob ich dann schon was gegessen habe, ob ich 6 Stunden lang nicht aufs Klo komme ... irre was ich heute alles abgearbeitet hab. Und morgen wird wieder irre, ich hab nur komische und sehr anstrengende Patienten aufgenommen. Entweder total nervige Privatpatienten: "Ich hab sie zwar schon 28 mal gefragt, aber WANN WIRD ENDLICH MEIN Privatzimmer frei??!" - "Gar nicht heute, wir haben nen Notfall, der da rein muss." - Und die Patientin: "Das kann ja wohl nicht wahr sein, ich habe ein ANRECHT auf dieses Zimmer. Das wird für SIE rechtliche Konsequenzen haben!!" (mir haben heute 3 Patienten mit rechtlichen Konsequenzen gedroht und es ging noch nicht mal um was ERNSTES, eher so ne "meine Tageszeitung ist ne halbe Stunde zu spät angekommen, ich habe ein Recht darauf, dass sie um 7.00 auf meinem Tisch liegt!" Woooah .... woanders sterben Kinder und die machen sich über so lapidare Geschichten nen Kopf ...) Und die andere Hälfte meiner Patienten ist schwer krank, bettlägerig und pflegerisch einfach total super anstrengend und aufwändig. Ich freu mich schon morgen auf den Frühdienst ...

So nochmal was lustiges zum Schluss. Ich will ja Stress abbauen - vor allem nach so ner Schicht. Okay, ich hab mal so gefragt was die Leute in meiner Umgebung so machen um Stress abzubauen ... und irgendwie kam ziemlich häufig die Antwort: JOGGEN. Hört sich gut an, ich laufe mir den Stress ab, laufe den Marathon zusammen mit meinem Herzen, super, ich fange an zu Joggen. Toll, super Idee, ich also ganz motiviert nachm Dienst eine Jogginghose gekauft und neue Schuhe (flupp, 40 Euro wieder weg, aber ist egal, ist ja für meine Gesundheit). So, hochmotiviert hatte ich mir gedacht, ich laufe heute nur mal 20 Minuten - für den Anfang. Ab in die Hose, ab in die Schuhe, Pullover und Jacke, Mütze und ab auf die Straße - mein Bruder (der hier irgendwie gar nicht mehr auszieht) guckte nur doof: "Was machst du?" - "Ich geh Joggen." - "Du?!" - "Jaaa, ich geh JOGGEN!" - "Aha ..." Ich natürlich nur noch motivierter - ha, dir zeig ichs. Ich bin sportlich, ich kann das, ich geh joggen. Jeden Tag, freue mich auf Glückshormone, Kondition, nen tollen Körper, ole ole, ich geh joggen.

Raus auf die verschneite Straße, nen kleinen Trampelpfad hoch ... Seitenstiche ... okay, langsamer. Nach 30 Metern musste ich das erste Mal Pause machen. Nach ein paar Augenblicken dann wieder trampelndes Laufen (ich kann nicht joggen, ich lauf die ein Nilpferd) und dann ziemlich flott wieder Pause. Ich dachte nicht, dass ich so untrainiert bin ... naja und kaum bin ich an meinem Haus wieder abgekommen (ich bin nur ne kleine Runde gelaufen, also einmal um den Häuserblock), rutsch ich natürlich auf der zentimeterdicken Eisfläche aus. BATSCH, aufs Knie, aua aua ... also mit verletzten Knie das Treppenhaus hochgeschlappt. Mein Bruder schaute nur aus der Küche: "Du bist aber schnell wieder da, du warst nur 6 Minuten draussen." Oh man ...