Oh man, soviel passiert grade in meinem Leben und ich schreib hier kaum etwas darüber. Das nervt mich selber. Ich würde gerne nachlesen wie es Tag für Tag so ist oder was sich verändert. Aber ich bin lethargisch, meistens. Lustlos, erschöpft - ja erschöpft, sehr sogar.
Am schlimmsten wurde es nachdem ich wieder versuchte ein paar Tage zu arbeiten. Ich bin ja schon ewig krank geschrieben - es kotzt mich an - eigentlich dachte ich, eine Woche würde mir gut tun, würde mich regenerieren, ich könnte mal richtig ausspannen und wäre dann fit für alles was danach kommen würde. Nee ... leider nicht. Kaum wieder bei der Arbeit, wurde es wieder sehr schlimm. Ich fühlte mich schon nach der ersten Schicht als hätte ich nie frei gehabt. Dieser Erschöpfungszustand ist eines der schlimmsten Symptome. Ich konnte es mir vorher kaum vorstellen - jetzt weiss ich es aus eigener Erfahrung um so besser. Normaler Weise fühlt man sich nach 8 Stunden Schlaf erholt und fit, gut ich bin ein Morgenmuffel. Meine Fittness setzt erst nach ner Stunde wachsein und ner Tasse Kaffee ein. Aber so war es in letzter Zeit gar nicht. Ich schlafe nicht um mich zu erholen. Ich bin nicht erholt wenn ich aufwache. Ich fühle mich morgens, noch Stunden nach dem Aufstehen, wie gerädert. Ich hab das Gefühl, ich leg mich nur schlafen um meinen Verstand ein paar Stunden auszuknippsen und etwas Zeit tot zu schlagen. Ich will nicht abstreiten, dass ich im Moment eigentlich sehr fest und gut schlafe - auch keine Selbstverständlichkeit für mich - aber ich bin nicht erholt, wenn ich morgens aufstehe.
Im Moment ist es schlimm. Ich hasse es krankgeschrieben zu sein. Ich verdiene mir gerne, was ich hab. Ich bin auch gerne beschäftigt. Ich mag meinen Job und ich mag den Kontakt zu den Patienten, ich liebe es Dinge zu können, die "Normalsterbliche" nicht können, zum Beispiel Spritzen setzen, komplizierte Verbände machen, ich weiss soviel über eine Menge Medikamente. Ich bin sogar stolz drauf so ein fitter Krankenpfleger zu sein. Aber ich glaube, genau das hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Ich hab nicht gut auf mich aufgepasst. Ich sehe mich selbst nicht mehr als ICH, sondern nur noch als der Krankenpfleger. ICH bin nichts besonderes, aber der Krankenpfleger ist sinnvoll und nützlich. Ich hole mich meine Selbstbestättigung über meine Arbeit.
Ich versuche immer zu den Kolleginnen zuzuarbeiten. Meine Freundin sagte mal: "Du darfst nicht immer soviel machen, es hört sich oft so an als ob deine Kollegen ihre Arbeit von 100% auf 70% runterfahren um sich zu schützen, und du versuchst das Defizit aufzuarbeiten." Und genau das isses. Wir haben extrem viel Stress, viel Arbeit, wir müssen viele Aufgaben übernehmen, die in anderen Kliniken von stationsexternen Personal übernommen werden. Und je mehr meine Kollegen runtergefahren haben, desto mehr hab ich versucht aufzuarbeiten. Ich komme oft nach Hause nach der Schicht und beschwere mich, dass niemand außer mir sich für die Lagerbestellung zuständig fühlt. Dass nur ich das medizinische Lager aufräumt und organisiert, dass nur ich den Rea-Wagen kontrolliert, dass nur ich die Kurzinfusionen anmischt und anhängt. Nur ich. Niemand anderes. Woran liegt das? Ich glaube, ich gebe meinen Kollegen zu sowas keine Chance. Es läuft ja auch ohne mich. Ich bin krank, seit Wochen, der Betrieb läuft weiter. Nix ist zusammengebrochen, ich bin entbehrbar. Es läuft - ohne mich. Meine Kollegen freuen sich immer, wenn sie mit mir Dienst haben, weil ganz oft so nen Satz kommt wie: "Wir müssen noch dringend das und jenes bis zum Abendbrot machen" Und ich sag dann oft: "Ist schon fertig" Eine Kollegin sagte vor einiger Zeit: "Wenn ich mit Ryan Dienst hab, sind immer die Heinzelmännchen da, irgendwie ist alles schon fertig, wenn ich anfangen will." Aber jetzt hat das Heinzelmännchen nen Burn-Out.
Ich unterteile im Moment die Tage in "Gute Tage", "mittelmäßige Tage" und "schlechte Tage". Die schlechten Tagen werden im Moment weniger, in denen ich nix schaffe, nur lethargisch auf dem Sofa liege und mich zu schwach zum atmen fühle. Diese Tage sind schrecklich. Entweder ich habe Herzattacken am laufenden Band, heule ununterbrochen oder habe alle 10 Minuten einen Angstanfall oder bin einfach nur unerträglich unruhig innerlich. Kaum auszuhalten. An guten Tagen fühle ich mich wie ich mich sonst fühle. Ruhig, ich bin ich. Ich bin belastbar, ich kann Anrufe tätigen, alles in Ordnung. Und die mittelmäßigen Tagen sind irgendwas dazwischen.
Jeden Morgen stehe ich auf und frag mich, was für ein Tag das wird. Ich bin meistens unruhig morgens und muss irgendwas tun und abwarten. In der Zeit mach ich im Moment immer nen bisschen Hausarbeit, putzen, Wäschewaschen, durchwischen, irgendwas und später merk ich dann wie es heute ist. Letzte Woche hatte ich viele schlechte Tage. Im Moment sind es wieder mehr mittelmäßige, heute war sogar ein guter. Meine engsten Freunde und meine Brüder wissen bescheid und versuchen mich zwar nicht zu bedrängen aber mit mir "Gassi zu gehen". Meine Freundin sagte, ich müsse wenigstens einmal am Tag vor die Tür und ich glaub, die haben heimlich hinter meinem Rücken ne Liste wer wann für mich zuständig ist. Heute kam zum Beispiel ganz überraschend mein bester Freund vorbei, wir haben ne Stunde gequatscht und später waren wir zusammen mit meinem Bruder-Schrägstrich-Mitbewohner sogar in der Innenstadt noch nen Bier trinken - ich hätte es gestern zum Beispiel nicht bis in die Innenstadt geschafft. Ich finde das ist ein Fortschritt mit meinen Panikattacken U-Bahn zu fahren. Und danach war ich noch mit meinem Bruder nen Steak essen im Block House. Das ist ein erfolgreicher Tag, ziemlich gut sogar, weil ich im Moment extrem unbelastbar bin - aber es hat mir echt gut getan, dass die beiden mich hochgepeitscht haben. Für nächste Woche ist Sport angesagt. Wir haben Termine für Volleyball und Squash.
Was mir im Moment nicht so gefällt, ist meine Freundin. Ich bin sehr froh, dass ich sie in meiner tief depremierten Phase mit 3 Tage Non-stop Heulen nicht vergrault hab und sie sich nicht getrennt hat. Ich bin auch sehr sicher, dass sie bei mir bleibt, egal was bei mir psychisch noch abgeht. Sie ist da und begleitet mich auf meinem schweren Weg zurück ins Normalsein. Sie fragt auch, wie es mir geht, was ich heute geschafft hab und so weiter. Das ist alles toll und ich glaube mehr sollte ich nicht erwarten. Trotzdem gibt es Leute, die irgendwie grade mehr für mich tun, als sie. Ich bin profitiere von ihr nicht. Von ihr kommt nur häufig der Satz: "Ich weiss nicht was ich tun kann." Ich weiss es erst recht nicht. Sie versucht mich zwar auch raus an die frische Luft zu schicken, ist aber nicht halb so durchsetzungsfähig wie mein Bruder. Bei ihr brauch ich zweimal jaulen: "Ich glaub, ich krieg ne Blase!"und schon kehren wir um. Mein Bruder erwidert nur: "Hör auf zu jaulen!" und geht eiskalt weiter. Ich brauche Arschtritte und von ihr kriege ich sie grad nicht. Und mich bringt es auch nicht weiter, wenn ich von ihr höre, wie hilflos sie sich fühlt. Sie hat bestimmt schon zwei duzendmal gesagt, dass sie nicht weiss wie sie mir helfen soll. Nur dieser Satz kommt. Nur ein Statement wie es ihr geht. Das nervt mich. Hab ich ihr auch neulich ziemlich schroff gesagt. Sie wirkt überfordert mit mir, aber sie bleibt bei mir. Sie arbeitet viel, ist dementsprechend mit Fahrtwegen schon 10 Stunden am Tag weg, und sie hat seit diesem Monat noch nen Nebenjob auf 400 Euro Basis in nem Pflegedienst, den sie dann noch an ihren freien Tagen macht. Das heisst wir sehen uns selten und verbringen dementsprechend kaum noch effektiv Zeit miteinander. Und wenn sie dann mal nen Abend Zeit hat, muss sie mit irgendner Freundin noch zum Aerobic. Ich hab ihr aber auch schon gesagt, dass ich mir ein wenig Zeit für uns zwei wünsche und sie hat es auch verstanden, irgendwie hat sie mit zwei Jobs, Aerobic 4 mal die Woche und Freunde treffen sehr wenig Zeit für mich.
Wie füll ich meine Tage? Ich male sehr viel, Malen nach Zahlen, hab ich schon als Kind gerne gemacht. Diese riesigen Bilder mit 3 Millionen kleiner Felder. Da bin ich wenigstens beschäftigt. Abends dann nen Film oder ne DvD, wahlweise alleine, mit meinem Bruder meistens oder mit Steffi, je nachdem wer dann da ist.