Boys don´t cry

29.04.2010 um 03:56 Uhr

Die Sache mit den Erwartungen

von: Ryan

Erwartungen - mein Therapeut sagte, ich sei voll von Erwartungen. Von anderen. Meine Mutter erwarte etwas von mir, mein Vater erwarte etwas von mir, mein Arbeitgeber hätte Erwartungen. Alle erwarten was von mir. Und das krankhafte daran sei, ich würde alles versuchen zu erfüllen. Würde mich schuldig fühlen, wenn ich es nicht könnte. Und das sei eines der großen Dinge, die mich krank machen würde.

Darüber habe ich heute etwas mehr nachgedacht. Eigentlich wurde es mir heute klar. Ein kleiner Gedankenanstoss und plötzlich sah ich es. Und wenn man solche Gedanken zueende denkt, wird man sehr traurig. Nein, ich wurde traurig. Und ich musste weiter denken - und schon war wieder alles da: Die Unsicherheit, Angst und dieses Unwohlsein in der Brust, das mich so quält.

Meine Mutter - ja, sie ist eine starke Frau. Ich glaube, sie möchte eigentlich nur, dass ihre Kinder glücklich sind. Aber ich glaube sie selbst ist nie wirklich glücklich. Es nervt sie, dass sie ihr Studium abgebrochen hat um Kinder zu kriegen. Ich glaube, sie hätte sich für ihr eigenes Leben was Größeres erwartet. Sie hat gleich nach´m Abitur die Krankenschwesternlehre angefangen und zuende gebracht und neben dem Studium im Krankenhaus was nebenbei verdient. Bis sie ihren Mann kennenlernte und schwanger wurde. Und mit ihren Kindern hatte sie es auch nicht sehr leicht. Immerhin ist sie Mutter von 6 Kindern - ich bezweifle nicht, dass sie uns alle liebt und sich keinen von uns wegwünscht, aber sie hätte es leichter haben können - ich glaube, das weiss sie auch. Und sie wünscht sich sicherlich für uns was anderes, als das was sie selbst lebt. Und wir sind irgendwie alle Problemkinder. Mein einer Bruder hat mit 16 seine Freundin geschwängert. Mama ist damals total ausgerastet, hat sich aber den Arsch abgearbeitet um ihm zu helfen. Mein anderer Bruder ist drogensüchtig gewesen, hat aber den Absprung geschafft - auch mit viel Hilfe der Mama. Sie ist streng und schimpft viel, aber sie ist immer da, wenn man sie braucht. Dann die vielen Männer in ihrem Leben - ihre große Liebe ist gestorben, die anderen meinten es nicht ernst mit ihr oder waren fies. Und vor lauter Angst alleine zu bleiben, bindet sie sich lieber an den Mann, den sie mal geheiratet hat aber nicht liebt. 

Und nur einer ihrer Söhne hat studiert - der Rest schlägt sich so durch und macht auf "Lebenskünstler". Und ich? Ich trete als Nesthäkchen irgendwie in ihre Fusstapfen und bin jetzt auch Krankenschwester. Aber wenn ich mich recht erinnere versuchte sie mich eigentlich immer irgendwie in die Richtung Medizinstudium/Arzt zu schuppsen. Sie hat erst vor einem Jahr irgendwann aufgehört immer zu sagen: "Naja, du kannst ja immer noch Medizin studieren. Deine Krankenpflegeausbildung wird nen großer Vorteil sein." Und ich hab immer gesagt: "Ich will aber kein Arzt sein! Ich will das sein was ich will!" Und sie sagte sowas wie: "Du wirst schon wissen, was gut für dich ist" aber mit nem verbitterten Unterton, so alla: Ach das arme Kind ist noch verwirrt, der wird schon es schon noch rauskriegen. Erwartung: Arzt werden. Wenn möglich berühmt.

Da fällt mir meine Schwiegermutter spontan ein. Also Steffis Mutter. Sie ist furchtbar lieb. Eine nette, mütterliche Frau ende 50 mit einer richtigen Mama-Figur. Sie kann einen drücken wie eine Mama es kann. Dazu muss ich sagen, meine Mama ist sehr schlank, fast knochig und groß, Steffi´s Mama ist einen halebn Kopf kleiner als ich und hat ein wenig Speck. Halt so "Ich habe 4 Kinder auf die Welt gebracht"-Speck, Nicht schlimm, nicht fett, nein, sie ist halt so ne richtige Mama, wie ich sie mir vorstelle. Und sie mag mich gerne. Das ist toll. Aber jedes Mal wenn wir ihre Eltern sehen, stichelt ihre Mama: "Na? Wann ist denn der TERMIN" Oder sie sagte zu Steffi´s Bruder beim Mittagessen: "Reich doch bitte deinem Schwager die Nudeln" Steffi´s Bruder darauf: "Ryan ist noch nicht mein Schwager." und ihre Mutter: "Aber das ist nur eine Frage der Zeit!" Sie hält mich für nen guten Fang für ihre Tochter - das ist mir eigentlich egal, aber beim letzten Besuch fing sie immer an zu erzählen WIE wir heiraten würden. Sie hat schon alles gedanklich geplant. Meine Schwiegereltern leben ja auf Usedom. Da gibt es einen Ort - Zinowitz heisst der glaub ich - da kann man idyllisch am Meer heiraten. Erst kirchlich im Dorf und dann feiern am Meer, direkt am Wasser. Sie weiss genau in welchem Festsaal, wo die 150 Verwandten unterkommen werden für die Nacht. Und sie hat schon mal die Catering-Gesellschaften in der Ortschaft gecheckt. Und Getränke werden nur auf Kommission bestellt. Erwartung: Heiraten wie Steffi´s Mama es will. Das wurde mir klar, nachdem ich vor ner Woche schweissgebadet aufgewacht bin und Steffi geweckt hab, nur um ihr zu sagen: "Wir heiraten nicht auf Usedom! Ich will ne kleine Hochzeit, mit unseren Freunden - in Hamburg. Von mir aus im Stadtpark auf ner Picknick-Decke, aber nicht auf Usedom mit deiner gesamten Verwandtschaft!" Und sie sagte nur schlaftrunkend: "Ja, ist mir doch egal wo wir heiraten." 

Ich weiss nicht ob Steffi das kapiert hat, aber sowas setzt mich wahnsinnig unter Druck. Scheinbar kriege ich unterbewusst alles mit was Menschen von mir erwarten und versuche es ihnen allen Recht zu machen. das geht aber nicht so weiter, weil ich dabei auf der Strecke bleibe. Mir ist schon klar, dass mein Arbeitgeber blöde Dinge erwartet, zum Beispiel dass wir in ner massiven Unterbesetzung jeden Tag die scheiss Station mit fast 40 Patienten schmeissen. Aber ich glaube diese privaten Erwartungen machen mich viel mehr, und zwar richtig fertig.

Mein Vater hat mich erst richtig dazu angeregt, darüber nachzudenken. Ich hab zwar Kontakt zu ihm, aber mehr über E-Mail, manchmal Telefon. Er meldet sich zeitweise Monatelang gar nicht - gut, kenn ich, ich bin nicht enttäuscht. Von ihm erwarte ich gar nichts. Er hat sich nicht mal als mein Vater eintragen lassen. In meiner Geburtsurkunde steht wirklich Vater unbekannt. Nicht weil er unbekannt ist, sondern weil er sich so affig anstellt. Aber natürlich tut ihm alles so leid, und er liebt mich, und natürlich sei er immer für mich da ... haha ... gut, kann ich mittlerweile mit umgehen. Ich hab das alles meinem Psychiater erzählt (hört sich immer noch doof an: "Mein Psychiater" - als hätte ich ne Macke - gut ich brauchte ihn und hab ihm dann auf Nachfrage auch erzählt wie ich zu all meinen leiblichen Familienmitglieder stehe, man muss ja ehrlich sein beim Psycho-Doktor) - zumindest mein Psychiater sagte: Bei der schwierigen Familienkonstellation wäre es toll, dass ich ohne Persönlichkeitsstörung groß geworden bin. Ja, finde ich auch, um mal ehrlich zu sein. 

Aber mal zurück zu meinem Vater. Ich nenn ihn ihm übrigen nicht Daddy oder Papa, ich nenn ihn beim Vornamen. Er war ja die meiste Zeit in meinem Leben abwesend. Richtig Zugang zu ihm kriegte ich eigentlich erst, nachdem ich das Austauschjahr in Amerika gemacht hab und sich mein Patenonkel (und sehr guter Kumpel meines Vaters) als Gastvater angeboten hatte und ich dementsprechend ein Jahr bei ihm verbracht hab. Und meinen Vater dann auch mal regelmäßig gesehen hab. Ich krieg aber irgendwie keinen Zugang zu ihm. Ich dachte ganz häufig - oder denke es immer noch - ich müsste ja irgendwie mich sehr mit ihm verbunden fühlen. Er ist mein Vater. Ich hab total viel von seinen Genen abgekriegt. Ich seh total aus wie er als junger Mann in meinem Alter. Aber er ist irgendwie total anders als ich. Zu seinen Töchtern, also meinen Stiefschwestern hab ich auch kaum Kontakt. Mit einer hab ich mich in Amerika damals angefreundet und hab heute noch E-Mail Kontakt zur ihr. Und sie sagt - nein, sie schwärmt immer, er sei ein toller Vater gewesen für sie und ihre Schwestern. Immer da, bei jeder Schulaufführung war er dabei, Zehntausend Fotoalben von seinen Töchtern hat er. Er passt dauernd auf seine Enkelkinder auf, er sei super. 

Ja komisch, ich hab nen total anderes Bild von ihm. Für mich war er nie da - gut, ich lebe auf nem anderen Kontinent als er. Das mag sicher der Grund sein, ich kann´s auch ein bisschen verstehen von seiner Seite her. Immerhin war er mit der Frau nicht mal lange zusammen, die da schwanger wurde von ihm. Aber er war nicht da, als ich die "kleine Raube Nimmersatt" in der Grundschule gespielt hab - ey Hauptrolle, was war ich stolz - er war nicht da, er war nicht auf meinem Abiball und er wird auch nicht da sein wenn ich heirate. Er schreibt mir ne E-mail oder ruft und fragt wie es mir geht. Und ich sage: "Alles ist fein." und er: "Das freut mich." Also handle ich wie er es erwartet. Alles irgendwie unkompliziert zu halten und trotzdem ein "guter" Vater zu sein. 

Und irgendwie erwartet er dann doch mehr. Er ist Musiker - er verdient damit seinen Lebensunterhalt - nicht mal schlecht, wenn ich das behaupten darf. Und er weiss, dass ich musisch veranlagt bin, dass ich Schlagzeug spielen kann - wenn auch nicht mehr so aktiv wie früher. Und dann kamen häufig so Diskussionen warum ich mein Talent nicht so nutze wie er. Ich könnte es doch. Ich könnte doch auch Musiker sein. Ich bräuchte ja nur in die Staaten kommen, er müsste ein-zwei Kontakte spielen lassen und PENG ich wäre Musiker. Ja klar, ich bin Gott sei dank so abgeklärt und kann sagen: Träum weiter, alter Mann. Also: Erwartungen von Dad: Musiker werden. Wenn möglich erfolgreich und berühmt. Ach ja: Und noch ne super geile Vater-Sohn-Beziehung aus dem Nichts herbeizaubern.

Das sind schon mal ne Menge Erwartungen, die nur alleine meine Eltern an mich haben. Und irgendwie versuche ich es auch allen recht zu machen. Irgendwie fällt mir auch auf, ich steh echt im Schatten meiner Eltern.  So unterschiedlich sie auch sein mögen. Ich sag mal nur als Beispiel: Meine Mama. Es ist schon echt schwer ihr Sohn in meinem Krankenhaus zu sein - nein, in UNSEREM Krankenhaus. Sie hat so lange in meinem Krankenhaus gearbeitet. Alle, die länger als 10 Jahre dabei sind, kennen sie. Ich hab auch noch Kolleginnen, grade 30 Jahre alt, die meine Mama noch als Stationsleitung oder OP-Schwester kennen. Letzte Woche hab ich erst die Geschichte gehört, wie meine Mama schon hochschwanger mit mir war, es ging ihr nicht gut (ich hab ihr ne Schwangerschaftvergiftung verpasst ) und sie dennoch zum Frühdienst erschienen und fast aus den Latschen gekippt, weil es ihr so schlecht ging - aber sie ist ja zäh, sie wollte arbeiten. Nen Arzt konnte sie überreden ne Blutuntersuchung machen zu lassen, wo dann nen paar Stunden später rauskam, wie schlimm es eigentlich auch um ihr eigenes Leben stand. Und Mama wollte trotzdem den Frühdienst noch zuende bringen. Und 20 Stunden später wurde ich per Kaiserschnitt geholt. Fast 26 Jahre ist das schon her und trotzdem wissen das noch einige (mittlerweile) meiner Kollegen.

Und wenn dann auch noch der Sohn DER Krankenschwester ein Bunout hat - und ich bin mir sicher, es wissen mehr Leute bescheid, als ich wissen will - ist das echt bitter und ich fühl mich mies. Okay, es ist spät - ich sollte schlafen gehen. Ich krieg ja morgen wieder meine Spritzen in den Rücken ... ich fühl mich schon wieder wie ein Wrack, alleine durch diese Rückengeschichte. Noch ne Erwartung, die ich dringend erfüllen will: Gesund werden - in jeglicher Hinsicht.

29.04.2010 um 00:23 Uhr

Ich hab Rücken - und alle wissen was zu tun ist

von: Ryan

Oh wie witzig - ich bin schon wieder krank geschrieben. Ich hasse es. Endlich hab ich mal wieder etwas arbeiten können, war stolz auf mich - und dann? Kaum mache ich zwei Nachtdienste, merke ich wie mein Rücken krampft. Vermehrt Schmerzen, total verkrampfte Stellen im Rücken, soweit bis ich kaum noch laufen konnte. Und dann der Anruf: "Ich bin krank." Ich find´s furchtbar krank zu sein. Ich find´s doof zuhause sitzen zu müssen - und vor allem terrorisieren mich die Schmerzen. Mein ganzer Rücken fühlt sich an wie ein dicker Panzer, der nur schmerzt.

Mein Hausarzt hat mir erstmal Spritzen in den Rücken gejackt - aber kaum Besserung. Das Kirschkernkissen ist im Moment mein bester Kumpel. Steffi sagte, es liegt wahrscheinlich daran, weil ich so lange nicht gearbeitet hab und jetzt wieder schwer heben und hochziehen musste. Also keine Muskulatur plus Belastung gleich Schmerzen. Kann sein. Kann aber auch an den "gestört fliessenden Kräfte" in meinem Körper liegen - sagt mein Therapeut.

Auf jeden Fall nervt es mich. Chris hilft mir auch wenig weiter, der erzählt mir nur Horrorgeschichte: "Ich hab nen Kumpel, dem ging es genauso, und der hat abends fernsehen geschaut und kam vor Schmerzen nicht mehr aus dem Sessel! Und seine Frau war arbeiten und er musste warten bis sie um 8 Uhr morgens nach Hause kam!" Määääp!!

Morgen krieg ich wieder Spritzen in den Rücken ... schön war beim ersten Termin: ich bin mit Chris zu meinem Hausarzt (ich konnt mich ja kaum bewegen und Steffi war nicht da). Und mein Arzt sagt nur ganz locker: "Ja, da spritz ich Ihnen jetzt etwas Methansäure in den Rücken." Und ich nur augenverdrehend: "Muss das sein?!" - mein Arzt: "Ja, vertrauen Sie mir." und nimmt die Spritze in die Hand. Aber Chris´Gesicht war viel besser: der wurde plötzlich kalkweiss. Er lied echt mit. Mein Arzt hat noch so nen Spruch abgelassen wie: "Na, ist nicht so toll auf der anderen Seite zu stehen und nicht selbst die Spritze in der Hand zu haben?!" Und Chris total schockiert: "Ryan? Machst du sowas auch auf der Arbeit?" Jaaaa, ich arbeite im Krankenhaus, ich verteile an manchen Tagen auch bis zu 20 Spritzen. Was denkt der, was ich den ganzen Tag auf der Arbeit mache??? Und dann wollte mein Arzt mir noch Tramal intramuskulär spritzen. Und ich nur: "Nee, nee, Tramal will ich nicht, ich nehm lieber Novalgin!" Und Chris ganz schockiert: "Ryan! Du kannst doch nicht sagen, dass du das nicht willst, der Mann ist Arzt!" Doch, selbstverständlich kann ich sagen wenn ich was nicht will, ich weiss immerhin was das ist. Chris war selbst auf dem Heimweg noch ganz fix und fertig: "Wie kannst du denn bitte was ablehnen?" - "Das ist mein gutes Recht als Patient!" - "Aber, der ist doch ARZT!" - "Aber kein Gott! Wenn ich kein Tramal will, dann ist das so!" - "Aber vielleicht hätte dir das Medikament besser geholfen!" - "Glaub ich nicht! Ich bin Krankenpfleger, ich weiss was mir hilft!" - "Du hörst dich schon fast an wie Mama!" ... das hat gesessen ...

Natürlich hat meine Mama, die alte Krankenschwester, auch ein paar Tips: "Du musst ein Kirschkernkissen nehmen! Das ist gute Wärme für den Rücken!" - "Ja, mach ich schon!" - "Und die Beine hochlagern, das entlastet die Muskulatur." - "Ja Mama ..." Und im Hintergrund höre ich meine Oma quäcken - eine noch ältere Krankenschwester:  "Der Junge muss heisse Kartoffelwickel auf den Rücken legen, so haben wir das immer früher gemacht, es gibt NICHTS über Kartoffelwickel!!" *augenrollen* Es ist in solchen Situationen nicht so hilfreich Krankenschwestern in der Familie zu haben - mal davon abgesehen, dass ich wahrscheinlich auch mal eine heiraten werde. Aber meine Frau in Spä hält sich wenigstens mit so altklugen Tips zurück. Wo ist der familiäre Physiotherapeut, den ich jetzt bräuchte??

26.04.2010 um 01:47 Uhr

Läuft immer noch gut

von: Ryan

Es läuft immer noch ganz gut - obwohl ich eigentlich schon auf nen Rückschlag gefasst war. Ich hab zwar wieder einige Angstattacken, aber nicht halb so schlimm wie es sein könnte. Im Moment glaube ich sogar, dass mir das Arbeiten ganz gut tut - zumindest besser als nur zuhause zu sitzen. Wir hatten sogar nen ziemlich gutes und ruhiges Wochenende - eine Ausnahme bei uns auf Station. Dennoch spiele ich mit dem Gedanken mich zu bewerben in der Arztpraxis, die nett und ruhig zu sein scheint. Und alle unterstützen mich. Alle sagen: "Mach´s! Geh weg! Arbeite dich nicht mehr kaputt!"

Auf der anderen Seite fällt es mir schwer. Ich hab immer noch das Gefühl, dass die Klinik mich "erzogen" hat, "groß gemacht hat". Viele meiner Freunde arbeiten dort und ich hab vielleicht auch Angst diese zu verlieren. In der jetztigen Situation sehe ich meine Freunde dauernd auf der Arbeit, gehe mit ihnen rauchen, verabredet mich mit ihnen nach Dienstschluss. Ich muss noch überlegen und abwarten. Ich hab meine Stelle reduziert von 100% auf 75%. Meine Chefin dazu nur schulterzuckend: "Ja, kriegen wir nicht hin. Ich plane dich die nächsten 2 Monate auf 100% ein, du hast Minusstunden und die Dienste müssen besetzt werden." Ja super ... ich nur: "Ja, ich bin jetzt krank, ich bin noch nicht voll gesund nur weil ich wieder arbeiten kann. Müssen wir sehen, wie es läuft." Wie gesagt, ich erwarte von mir selbst nicht viel. Auch nen Rückfall halte ich für möglich. Aber ich bin um so froher, wenn es mir immer noch gut geht.

Und ansonsten so? Ich war neulich auf ner Party von meiner Exfreundin. Ich mag sie gerne, sie gehört auch zu einer meiner besten Freundinnen, aber im Moment bin ich böse mit ihr. Zum einen: Sie läd zu ihren Partys immer Hinz und Kunz ein. Also alle, zu denen sie Kontakt hat. Dementsprechend waren da plötzlich 50 Menschen in ner 50 quadratmeter Wohnung. Kann man haben, muss man aber nicht. Und darunter auch teilweise echt fiese Gestalten. Ein Mädel war da, um die Ende 20, Anfang 30, super abgeschossen (betrunken) und total distanzlos, wie man inner Psychiatrei sagt. "Du bist ja nen Süßer" säuselte sie betrunken. Und ich: "Ja so bin ich, und da drüben sitzt meine Freundin." Und sie: "Dann gehen wir halt woanders hin." Hä?? Ich hab mich also distanziert, höflich aber freundlich verhalten. Und irgendwann hatte ich diese Frau nur noch an der Schulter hängen. "Was machst du? Was hast du für Hobbies? Hast du schon mal deine Freundin betrogen? Und wenn, würdest du es auch mit mir?" Es ist nicht so einfach vor so ner Frau in ner 50 qm Wohnung zu flüchten. Steffi hatte sich mittlerweile mit nen paar Gothics angefreundet und winkte immer nur ab alla: "Du kommst schon klar." Und Chris meckerte am Anfang immer: "Hier sind nur Gothics und ich kenn hier niemanden!" Nach´m 7. Bier kam von ihm nur immer: "Diese Gothics sind voll nett! Ich will noch nicht nach Hause."

Ich werde alt, ich kann so ne Homepartys nicht mehr ab. Ich fühlte mich auch sehr unwohl, weil meine Ex soviele Unbekannte eingeladen hatte. Ich kannte davon grade mal 4 Leute sehr gut, 5 flüchtig und den Rest gar nicht. Und dann meckerte sie mich plötzlich noch ganz fies an. Blöde Situation, ich kam in die Küche um mir was zu trinken zu holen und sie stand da mit 4 "neuen besten Freundinnen", die ich nicht kannte und maulte mich lautstark an wieso unsere Beziehung nicht funktioniert hat. Total aggressiv. Ich kenn sie so gar nicht. Klar, dass man angetrunken plötzlich so ne Schwellenbrände abarbeiten will, aber nicht sinnvoll. Okay, und ich hab versucht möglichst undverfänglich zu sein und sagte sowas wie: "Keine Ahnung, du hast dich doch getrennt." Und sie total sauer: "Ja, aber da bin ja ich nicht alleine dran Schuld, jetzt sag doch mal was!" Und ich stehe da, in der kleinen Küche, die wütende Ex vor mir (vor 5 Jahren getrennt), 4 andere wildfremde Mädels um mich herum, die auch ne Antwort wollten ... das war mir echt zu blöde. Und sie total sauer brüllt mich an: "Sag doch was!" Unheimliche Situation. Und ich nur: "Das diskutiere ich nicht jetzt mit dir aus!" - "Wieso nicht?!" Ääh? Vielleicht weil man sowas nicht im angetrunkenen Zustand machen sollte und außerdem 4 parteiische Frauen um mich herum stehen, die es nichts angeht? Boah, ich war sauer ... ich wollte sofort nach Hause. Party war gelaufen. Blöd, dass Frauen sowas immer betrunken diskutieren wollen. Ich weiss auch gar nicht wie sie aus heiterem Himmel plötzlich nach 5 Jahren darauf kommt.

Und die betrunkene Uschi war bei unserem Aufbruch noch ganz schlimm. "Du musst schon gehen?" - "Ja, ich muss morgen arbeiten." - "Aber du kannst bei mir schlafen." - "Nee, ich schlaf lieber bei mir." - "Kann ich bei dir schlafen?" - "Nee, da schläft schon meine Freundin, die DA GENAU NEBEN mir steht." - "Kann die nicht woanders schlafen?" ... ÄÄÄHH ... Steffi hat nur gelacht. Gut so, ich reg mich alleine schon noch 2 Tage später drüber auf. Und über meine Ex reg ich mich auf. Was fällt der überhaupt ein, mich vor wildfremden Leuten und in so nem dämlichen Ton so anzumachen? Wääh ... muss ich ihr noch mal sagen, dass das doof war von ihr.

21.04.2010 um 22:59 Uhr

Es läuft gut

von: Ryan

Heute war nen schöner Tag. Ich hab ausgeschlafen, die Wohnung geputzt, Wäsche gewaschen - mich geärgert, dass Steffi und Chris kaum einen Finger rühren um mir mal zu helfen. Mittlerweile schmeisst Chris auch schon sehr selbstverständlich seine Klamotten in unseren Wäscheabwurf und wartet bis die Wäsche gewaschen wird. Wenn´s hoch kommt nehmen Steffi und Chris mal den Staubsauger in die Hand und erwarten beim kleinsten Staubwischen sofort ein dickes Lob - aber den Rest mache ich. Also ärgerte ich mich beim Wäsche aufhängen als mir auffiel, dass ich derjenige bin, der dauernd Wäsche macht und sie aufhängt. Stattdessen waren Steffi und Chris unterwegs mit meiner Nichte aufm Spielplatz. Und dann war ich auch noch Einkaufen, hab mir für den Wocheneinkauf total einen abgeschleppt - mal davon abgesehen, dass ich eh schon derjenige bin mit den fiesen Rückenschmerzen - ja meine Laune war nicht so gut ...

Aber es geht mir eigentlich gut. Ich habe keine Angstattacken, ich freue mich dass es mir so geht wie es mir geht, ich bin aktiv, ich kann vieles erledigen. Ich ärgere mich nur, ich liege nicht im Bett und kann nix. Ich gehe arbeiten. Ich hab gestern vormittag vorm Spätdienst noch mit dem Gedanken gespielt mich sehr bald wieder krank zu melden, aber es geht mir gut. Ich bin nicht gesund, ich darf nicht zuviel erwarten, aber ich denke Nicht-Arbeiten macht mich kranker als zu arbeiten. Ich glaube zumindesten dran.

Ich spiele ja grade mit dem Gedanken zu kündigen und mich als Arzthelfer in einer Privatpraxis zu bewerben. Und heute schaue ich natürlich wie jeden Mittwoch erst Grey´s Aanatomy und dann Privat Practis. Ja ... wo will ich hin? Grey`s Anatomy ist das Krankenhaus, Privat Practis die Praxis. Doofer Vergleich aber irgendwie muss ich mir klar werden wo ich hin will. Ich hab´s gestern einer Kollegin erzählt. Und sie sagte: "Wenn dein Bauchgefühl dir sagt, du sollst dich bewerben, dann musst du das tun! Dieses Krankenhaus bringt dir nix - und ehrlich: Ich hatte hier auch schon nen Burnout, deswegen musste ich 1 Jahr lang weg." Das macht mich nachdenklich.

Die nächsten zwei Tage sind gut gefüllt mit Freunden. Endlich fülle ich mein Leben wieder mit Dingen, die nicht mit der Arbeit zu tun haben. Vor allem nicht mit Gedanken an die Arbeit. Ich glaube, das dauernde Denken an die Arbeit hat mich so krank gemacht. Meine Nichte ist bis zum Wochenende bei uns, ich hab heute schon 2 Stunden mit ihr Verstecken gespielt und sie ist wieder super zutraulich. Ne Weile war sie etwas distanziert zu mir - lag vielleicht daran, weil ich stock-depressiv war. Aber heute war echt toll. Jedes Mal wenn sie mich "gefunden" hatte, fiel sie mir lachend in die Arme. Und abends Zähneputzen und Waschen und Umziehen durfte nur Onkel Ryan, niemand anderes. Eine Weile hatte ich sehr das Gefühl Kindbetreuung kostet mich sehr fiel Kraft, aber heute hatte ich wahnsinnig Spaß. Ich glaube, das liegt an meinem guten Seelenzustand.

Ja und morgen treff ich mich mit meiner besten Freundin, um feiern zu gehen. Ich werd sie mal fragen, ob sie noch befreundet mit mir sein möchte, wenn ich nicht mehr auf der Nachbarstation arbeite. Und Übermorgen feiert meine Exfreundin und meine andere beste Freundin Einweihung, die beiden sind als WG zusammengezogen. Mit meinen beiden besten Kumpels fahre ich zusammen hin und werde ne Menge netter Bekannte sehen. Ich freu mich sehr auf die nächsten Tage. Es ist schön, sich freuen zu können. Vielleicht empfinde ich das Gefühl so intensiv und wertvoll, weil ich mich lange über nichts freuen konnte. Es geht mir gut und ich finde das toll.

Mir ist aufgefallen - oder es fällt mich jedes Mal auf, wenn ich in den Spiegel seh, dass ich irgendwie älter geworden bin. Ich sehe Falten in meinem Gesicht, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Vor allem um die Aufen. Gut, ich hab  einige Kilos abgenommen und ich hatte vor meiner depressiven Phase eh schon kaum Reserven. Eine Kollegin sagte neulich: "Du siehst so dünn und eingefallen aus." (Sie denkt immer nicht nach, was sie mit solchen Worten alles auslösen kann, obwohl sie weiss, dass ich in solchen Sachen ein "Mädchen" bin).  Ich werd morgen mal in ne Drogerie und mich beraten lassen bezüglich Cremes.

Meine Tiere fühlen sich im übrigen sehr wohl bei uns. 10 Tage wohnen sie jetzt schon bei uns und sie nehmen mittlerweile Futter aus meiner Hand. Chris konnte eine der Ratten schon auf die Hand nehmen, aber er ist schreckbefreiter als ich. Ich ziehe oft die Hand zurück sobald mich eine beisst, bzw. fester knabbert. Auch so ne Sache: Steffi und Chris füttern dauernd Leckerlies und wollen sie dauernd auf die Hand nehmen und zahm machen, aber wer hat den ganzen Spaß bezahlt? ICH. Und wer ist da, wenn der Käfig gereinigt werden muss? Steffi und Chris bestimmt nicht. Aber von "unseren" Ratten dauernd reden. Ich hab heute mal dran erinnert wie der genaue Wortlaut der beiden war, als ich mit der Idee ankam: "Aber Ryan, du kümmerst dich alleine um die Viecher! Das sind deine Tiere!" So sind meine menschlichen Mitbewohner halt. Irgendwie undankbar.

Alpträume - in den letzten Nächten habe ich dauernd welche. Ich träume manchmal von der Arbeit, vor allem, dass ich Nachtschicht alleine mache und alles in einer Katastrophe endet, dass ich die Patienten alle nicht kenne, und dass die Nachtrunden totaler Horror werden. Zum Beispiel gehe ich in Zimmer rein und die Patienten sind vollgekotet, haben sich vollgekotzt oder sonst was schreckliches und wehren sich dagegen, dass ich sie säubere. Und im nächsten Zimmer genau das gleiche. Und im dritten Zimmer auch. Und wenn ich im vierten Zimmer bin, geht die Sonne auf und ich nichts von meiner restlichen Arbeit geschafft. Und zweiter immer wiederkehrender Alptraum ist von meinem Stiefvater. Er ist betrunken aggressiv, ich bin wieder 14 Jahre alt und gefangen in seinem Haus und gefangen in seiner Brutalität. So einen Alptraum hatte ich letzte Nacht. Und die Nächte, in denen ich schlafen und mich erholen sollte, sind dann leider gar nicht erholsam, wenn ich die ganze Nacht im Schlaf Horror-Nachtdienste erlebe oder gegen meinen Stiefvater kämpfe. Es ist schon irre, was das Gehirn im Schlaf hochholt.

Vielleicht gehe ich deswegen so ungern schlafen. Aber die Tage sind dafür im Moment sehr gut. Dafür bin ich dankbar. Und ich bin dankbar, dass ich nicht so neurotisch bin wie sonst. Ne Weile hatte ich wirklich große Probleme mit meiner eigenen Sterblichkeit. Nachdem ein guter Kumpel von mir vor einigen Wochen gestorben war (jung, vital, keine Anzeichen einer chronischen Erkrankung) lag ich regelmäßig wach und hatte regelrecht Panik, dass ich auch bald sterben müsse. Ich rechnete auch nicht damit, dass ich morgens wieder aufwachen würde. Ich hatte Todesangst. Ich wusste ganz genau: Ich hab ein Stechen im rechten Thoraxbereich, ich habe jetzt einen Herzinfarkt, ich hab nur nichts gesagt, weil ich befürchtete es mir einzubilden und dass mir keiner glauben würde. Ich hab 20 mal am Tag meinen Blutdruck gemessen und war mit keinem Ergebnis zufrieden. Bei meinen Patienten ist das ja anders. Wenn die mal nen Ausreisser haben nach oben, sage ich: "Das kann mal sein." Bei mir dachte ich: "Oh Gott, das ist nicht mein Druck, wenn er noch mehr steigt, krieg ich gleich nen Schlaganfall." Im Moment bin ich gar nicht panisch, es ist alles ganz gut und in Ordnung. Ich freue mich auf den nächsten Tag. Ich freue mich auf das, was ich mir vornehme und gerate nicht in Panik, wie ich nen Termin wieder los werde. Ich glaube, es läuft ganz gut.

20.04.2010 um 23:08 Uhr

Schnauze voll!!

von: Ryan

Boah, hab ich die Schnauze voll von diesem Kaputt-Arbeiten. Ich hab mir wieder heute die Hacken abgerannt, hab Klingeln abgelaufen bei denen die Patienten nur schulterzuckend sagten: "Mir war langweilig, ich find Sie so nett, deswegen hab ich geklingelt." Schwenkeinläufe, Windeln wechseln, keine Pause, unzufriedene Patienten, Rückenschmerzen vom vielen Heben und Hochziehen, 40 mal am Tag Blutdruck messen ... ich kann nicht mehr. Ich steht´s bis oben hin. Ich mach das nicht mehr mit. Ich mochte meinen Job mal echt gerne, aber mittlerweile hat diese oberstressige Station mir alles verdorben.

Und der Knaller des Tages: Patient stirbt. Gut, war sehr krank, fast alle Organe irgendwie extrem kaputt, aber es war nicht sichtbar vorher. Also müssen wir mal wieder die Polizei anrufen und ich konnte ne Stunde meines Lebens damit verbringen den Beamten zu erklären um welche Uhrzeit ich das letzte Mal den Patienten gesehen hab, was ich über ihn alles wusste und was nicht noch alles. Und die Beamten waren super unfreundlich, als hätten die Ärztin und ich den um die Ecke gebracht ... waaaah ... es ist Zeit schreiend im Kreis zu laufen ... 

Auch wenn alle meine Freunde da arbeiten, ich hab keinen Bock mehr mich kaputt zu arbeiten. 

19.04.2010 um 22:42 Uhr

Traumjob

von: Ryan

Besuch von einer Freundin. Medizinisch-technische Assistentin. Sie war mal ne Arbeitskollegin, wurde dann aber wegen verhaltenskritischen Fehlern gefeuert. Dann hat sie mal hier, mal da gearbeitet und erzählte heute abend Stundenlang von ihrem neuen Traumjob. Sie arbeitet in einer Praxis, spezielle diagnostische Untersuchungen für teuer Geld. Man arbeitet sich nicht tot, die Patienten sind meistens nett, man braucht sie nicht pflegen, nur mal Blut abnehmen, eine Infusion anhängen, Termine koordinieren, Patientenakten raussuchen und wieder wegsortieren. Und ein wenig das Telefon bedienen. Der Chef spendiert kleine Bonusgelder für fleissige Mitarbeiter, Weihnachtsfeiern kosten locker mal einige tausend Euro und die Mitarbeiter werden regelmäßig mit Pizza und Sushi in ihrer Pause verwöhnt. Geregelte Arbeitszeiten, jedes Wochenende frei, kein Nachtdienst oder sowas. Einiges zu tun, aber weit weg von dem was wir im Krankenhaus Stress nennen.

Und die suchen eine Arzthelferin/Arzthelfer. Und ich überlege. Grade nach einem unmenschlichen Frühdienst, den ich mal wieder hinter mich gebracht hab. Ich hab erst von 6:00 bis fast 10:00 gewaschen, Windeln gewechselt, gefüttert, Medikamente eingetrichtert und hab mir die Hacken abgerannt, nur um denn mal eben 10 Minuten ein Brötchen zwischen 4 Klingeln zu futtern. Ich hasse es, wenn ich noch halb brötchenkauend irgendwelche Popos abwischen muss. Eklig, oder? Jaaaaahaaa, aber großer Hunger und harte Arbeit machen´s möglich. Nebenbei beobachte ich bei meinen Kolleginnen auch die mittelschweren Anzeichen von Burnout. Unsere Stationsseele hat grottenschlechte Laune, so dass man sie nicht mal mehr ansprechen mag, meine Chefin verschanzt sich nur noch hinter Papierbergen, die andere Kollegin regt sich über die beiden auf und ist nur am zettern und meckern. Müde und abgekämpft macht man dann seine Übergabe, ist froh alles halbwegs geschafft zu haben - auch wenn man mal wieder riesige Abstriche ziehen musste - nein, wir waschen keine Füsse, unsere Patienten werden auch nicht jeden Tag eingecremt, nein nein, für so ne Schnickschnack haben wir schon lange keine Zeit mehr. Das Nötigste vom Nötigsten und trotzdem ist die Zeit so wahnsinnig knapp, dass wir nur hetzen. Ja und nach der Übergabe, oh Schreck, da wartet ja noch 1,5 Stunden Papierkrieg auf mich. Jeden Tag der gleiche Scheiss. Kratzende, beissende Patienten, alte Opas, die den jungen Schwestern an den Hintern langen, Omas die in ihrer Scheisse schwimmen - aber nein, sie können ja nichts dafür, wir sind verständnisvoll, wir machen alles mit. Und das Wort "Überlastungsanzeige" ist auch bei Strafe verboten bei uns. Wir haben´s mal versucht - und es gab so ein Theater, dass danach Leute freiwillig gekündigt haben.

Nun die Frage? Muss das sein? Muss ich mir so einen Job wirklich noch länger antuen? Ich könnte in einer sauberen, hellen, geräumigen, hochmodernen Praxis sitzen, Termine verteilen, Krankenkassenkarten durchziehen und die Patienten bitten im Wartezimmer Platz zu nehmen. Ich würde soviel Kaffee trinken dürfen aus einer hochmodernen Espressomaschine, bis mir schlecht wird und kriegte nicht gleich ne Abmahnung, wenn ich mich an nem Patientenkeks vergriffen hätte. Diese Praxis bestellt sogar Tageszeitungen für die Patienten - UND für die Mitarbeiter. Zum Geburtstag gibt´s nen saueteuren Blumenstrauss und ne noch teurere Flasche Champus - nicht nur die ungläubige Frage, ob du nicht doch vielleicht an deinem Geburtstag noch nen Nachtdienst schieben kannst, weil schon wieder die Dienste nicht besetzt sind.

Und jedes Wochenende frei. Und nie mehr nachts arbeiten. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufstehen. Eine Stunde Mittagspause, in der man shoppen gehen kann oder was essen geht. Nicht dieses "Schnell ne Stulle reinwürfen, eine Rauchen und weiter gehts!" Keine Überstunden. Und das Tollste, was die Freundin sagt: "Du wirst geschätzt. Du machst was gut, bemühst dich und die Chefs sehen das und loben DICH, DICH als Mensch!" Bei uns wird keiner gelobt. Wir alle müssen waschen und windeln und füttern im akord. Die einen sind fleissiger und die anderen eben nicht. Das wissen alle aber keiner sagt was.

Steffi sagt, als Arzthelfer würde ich nicht glücklich werden. Ich hätte wahrscheinlich sehr bald keine Herausforderungen mehr. Gut, hab ich im Moment auch nicht mehr. Alles was man auf meiner Station lernen kann, kann ich im Schlaf. Da gibt´s kaum was, was ich noch nicht kenne oder noch nie gemacht hab. Und mal davon abgesehen würde so ein ruhiges Leben mir grade sehr gefallen. Ich spiele mit dem Gedanken mich zu bewerben.

16.04.2010 um 21:30 Uhr

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von: Ryan

Es hat sich einiges getan. Die guten Tagen werden häufiger, Angstattacken hab ich so gut wie keine mehr. Ich komme morgens aus dem Bett und ich war sogar schon arbeiten. Gut, ich erbringe nicht meine Best-Leistung, aber ich war auch sehr lange raus. Ich glaube, das darf so sein. Ansonsten konnte ich heute meinen langerwarteten Psychiater-Termin wahrnehmen, nur um dem guten Mann zu sagen, dass es mir mittlerweile wieder gut geht. Er meinte, ich hätte schon ne sehr schwere Depression gehabt wenn es mir körperlich so schlecht ging. Er hätte mir Antidepressiva verschrieben, aber zur Zeit würde ich sie nicht brauchen. Sehe ich auch so.

Ansonsten musste ich ein wenig von meinem familiären Hintergrund berichten, das hat mich heute ziemlich mitgenommen. Der Stiefvater ein alkoholabhängiger Haustyran und die halbe Familie Co-Abhängig. Da meinte der Doktor doch wirklich, es würde ihn freuen zu was für einem stabilen Menschen ich mich trotzdessen entwickelt hätte. Andere würden da mit ner dicken, fetten, lebenslangen Persönlichkeitsstörung rausgehen. Und ich bin halbwegs stabil. Bis auf mein Burnout jetzt grade. Aber die meiste Zeit meines Lebens komme ich ziemlich gut klar.

Das hat mich etwas nachdenklich gemacht. Ein wenig dünnhäutig bin ich auch. Und müde. Irgendwie hab ich schlecht geschlafen und ziemlich erschöpft. Meine Lebensgefährtin nervt mich im Moment ziemlich. Vielleicht bin ich es auch, der einfach zu empfindlich ist, aber irgendwie bringt sie mich zwei duzend Mal heute zum ausrasten. Zum Beispiel nervt mich echt, dass sie unaufmerksam ist. Ich sage etwas und sie fragt noch mal nach. Ich wiederhole es, sie fragt wieder nach. Ich rede eigentlich ziemlich klar und deutlich aber sie hört nicht zu ... Und nach dem 10. Mal, möchte ich am liebsten sagen: "Ach vergiss es." Oder im Moment ist sie ziemlich pampig, zieht nur ne Schnutte und reagiert manchmal echt irgendwie doof. Ich bin mir sicher, dass es daran liegt, dass sie auch viel um die Ohren hat. Zum einen bin ich sicherlich auch ziemlich anstrengend manchmal, dann hat sie ja auch ne harte Zeit hinter sich mit meinen Depris und dann hat sie auch noch seit einem Monat nen 2. Job. Ich glaube, ich wäre auch maulig und pampig an ihrer Stelle, aber es nervt mich abgrundtief! Und ich bin zwar auf dem Weg der Besserung, aber noch nicht ganz gesund. Ich hab das Gefühl, das schnallt sie noch nicht so ganz. 

Zum Beispiel hatten wir heute nen ziemlich anstrengenden Tag. Früh aufgestanden, Psychiater-Termin (sie war in der Zeit bei H&M shoppen, ich musste über meine verkorkste Kindheit reden), und nochmal in den Baumarkt, ich hab Essen organisiert, sie war im Internet daddeln. Ich putze das Badezimmer, sie telefoniert mit ihrer besten Freundin. Ich sortiere unsere Papiere ne Stunde lang und kümmer mich um unbezahlte Rechnungen, sie liest Zeitung - und ist dann abends sauer, wenn ich um 8 total müde aufm Sofa liege und mault mich an, ich soll doch mitkommen mit ihrer besten Freundin zum feiern.  Ihr zuliebe bin ich mitgegangen ... um vor der Disse zu merken wie müde und lustlos ich wirklich bin. Nein, ich bin wirklich erschöpft. Ich reize es lieber noch nicht aus. Nein, ich bin noch nicht gesund. Nein, es geht mir besser, aber ich brauche noch Ruhe wenn ich mich erschöpft fühle. Und sie ist sauer. Es nervt mich. Ich bin dann alleine nach Hause, sagte ihr ich sei so müde, dass ich im Stehen fast einschlafen würde und sie maulte irgendwas vor sich hin. Super Situation. Manchmal fühle mich unverstanden, aber ich denke sie ist nur überfordert. Manchmal wünsche ich mir, dass sie nen bisschen durchgreift und irgendwie aktiv was macht. Vielleicht erwarte ich auch zuviel. Sie arbeitet in ner Akut-Psychiatrie. Wenn ich neben ihr sass und ihr sagte: "Ich hab schon den ganzen Abend dauernd Panikattacken." dann kam von ihr immer nur: "Ja ... mmh ... das tut mir leid ... mmh" Was macht sie denn auf Arbeit, wenn ein Patient über sowas klagt? Ich bin mir sicher, dass sie dann anders reagiert. Aber wahrscheinlich gibt sie nur Tabletten. Ich würde mir irgendwie ne Übung wünschen, Motivation zum richtigen Atmen und was es da nicht alles gibt. Aber anstatt dessen fühle ich nur ihre Unsicherheit. Und fühle mich dann irgendwie alleine.

Ja, es ist alles nicht so einfach mit mir. Hab ich eigentlich schon die erfreulichesten Veränderungen erzählt? Ich glaube nicht. Davon gab´s in dieser Woche eine Menge. Ja ich war wieder arbeiten. Super stressige Schichten, aber ich hatte weder Herzklopfen, noch bin ich in Tränen ausgebrochen, nein ich war ziemlich gut und hab ne Menge geschafft. Aber nur das was wirklich nötig war. Nicht wieder meine 250%, die ich sonst gewohnt zu geben war. Alle meine Kolleginnen haben sich sehr gefreut, dass ich wieder da bin. Dicke Umarmungen. Super schön meine Mädels wiederzusehen. Natürlich hab ich auch nen bisschen erzählt wie es mir in den letzten Woche so ging und grob, was so war. Und plötzlich sagte ne Kollegin: "Ja, das hatte ich vor 5 Jahren auch." Eigentlich finde ich nur Verständnis. Mit meiner Abteilungsleiterin hatte ich nen sehr gutes Gespräch. Auch viel Verständnis, Tips und einige Angebote, die ich nutzen kann, wenn es mir wieder schlecht geht. Ich könnte zum Beispiel auf eine andere Station meiner Wahl für eine gewisse Zeit oder für immer wechseln, wenn ich das wollen würde. Ich dürfte auch mal unbezahlten Urlaub machen, auch über Monate oder Jahre. Man scheint mich zu mögen. Um meinen Arbeitsplatz brauche ich mir keine Sorgen machen. 

Und seit einer Woche nennen zwei Ratten-Ladies mein Zuhause auch ihr Zuhause. Ich hab sie ausm Tierheim. Supersüß die beiden. Sehr zutraulich aber noch schreckhaft. Sie klauen sich schon die Leckerlies von meiner Hand, aber sie kriegen sofort Panik, wenn ich sie versuche auf die Hand zu nehmen. Aber sie sind ja auch erst eine Woche bei uns. Gestern hab ich eine zusätzliche Tür in den Käfig reingemacht - ich kam an eine Stelle des Käfigs gar nicht ran, mit den vorgefertigten Türen - und das abgeknipsen der Gitterstäbe, hat den beiden so Angst gemacht, dass sie danach total beleidigt waren. Leider haben sie noch nen ganz fiesen Schlafrhythmus. Tagsüber liegen sie verkrochen in ihrem Häuschen, und wenn ich ins Bett geh um Mitternacht, feiern die beiden ne Party. 

Es ist echt super, was für ne Wirkung Tiere haben. Ne Freundin von mir sagte: "Tiere sind ja auch ein bisschen Balsam für die Seele" und sie vollkommen recht. Ich hatte ewig keine Tiere mehr. Nachdem meine beiden letzten Ratten total qualvoll gestorben sind, hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf sowas. Die eine hatte nen dicken Tumor, musste ich einschläfern lassen und die andere hatte kurz darauf nen Schlafanfall, lag fiepsend vor Schmerzen im Käfig und hat in Todesangst (obwohl sie super handzahm war) nur noch gebissen, dass ich Angst hatte nen Finger zu verlieren, wenn ich sie rausnehme.

Mit meinen neuen beiden versuche ich mich viel zu beschäftigen. Es geht nicht ganz so schnell wie mit meinen vorigen Tieren - die hatte ich je vom nem Züchter - Kumpel von meinem Bruder - und hab sie je, sehr jung bekommen. Oder hab von ner Freundin bereits handzahme Ratten übernommen, weil die umziehen musste. Meine beiden Süßen sind wie gesagt ausm Tierheim. Sind zwar super neugierig und munter, aber es wurde sich wohl nie wirklich intensiv mit ihnen beschäftigt. Zumindest nicht so mit regelmäßig auf die Hand nehmen und sowas. Aber ich bin recht zuversichtlich, dass wir das mit der Zeit hinkriegen. Es ist total cool, zu sehen, dass selbst Steffi und Chris dauernd vorm Käfig stehen, mit den beiden reden, dauernd fragen ob sie ihnen Leckerlies geben dürfen. Ja ich bin wieder ein Tierbesitzer. Fühlt sich ziemlich gut an. Ich freu mich schon drauf, wenn sie ein  wenig zahmer sind und sie sich streicheln lassen. Mit viel Hingabe wird alles gesammelt, was irgendwie für die Ratten zum spielen verwendet werden kann, Pappkartons, Äste, Klorollen usw. Sämtliche Freunde haben sich schon zum "Rattenbesuch" angekündigt. 

Ansonsten ist mir heute das erste Mal wirklich klar geworden, dass ich im "frei" bin und nicht krankgeschrieben. Das fühlt sich sehr gut an. Aber ich darf noch nicht so viel erwarten. Im Moment ist die Gefahr eines Rezidivs, weil ich noch nicht ganz gesund bin, wahrscheinlich ziemlich hoch. Ich muss mir selbst ein wenig Zeit geben und nicht so streng mit mir sein. Ich muss auch nicht sehr viel arbeiten, mal davon abgesehen, hab ich meine Arbeitsstelle auf 50% runtergekürzt. Alle fragen, ob ich mit dem Geld dann hinkomme, aber das ist meine kleinste Sorge. Ich bin sehr genügsam und hab immer einiges von meinem Gehalt sparen können. Ich hab auch nicht besonders hohe Ausgaben, ich konnte alles beiseite legen, was andere in ihr Auto stecken oder in teure Hobbies oder Auslandsurlaube. Ich werd klar kommen mit weniger Geld. 

Ab morgen hab wir wieder das Kleinkind in der Wohnung rumwuseln. Und Steffi ist sauer. Chris muss Samstag Nacht arbeiten und Steffi hat sich sofort angeboten, dass sie abends auf die Kleine aufpasst. Ich hab sowas gesagt wie: "Find ich nicht gut, wenn deine Tochter da ist, musste die Arbeit auch mal abgeben." Aber Chris sofort: "Ja aber wenn Steffi aufpasst, dann ist doch kein Problem!" Okay, eure Geschichte, macht doch was ihr wollt. Steffi dachte sich natürlich, dass ich auch da bin - obwohl ich sagte: "Und was ist wenn ich feiern gehen will?" - "Dann gehste eben feiern" sagte sie. Gut, heute hab ich mich mit meiner besten Freundin verabredet für´n Biergarten morgen abend ... und Steffi ist muksch. "Da kann ich ja gar nicht mit!" Nein, muss sie auch nicht. Und als ich sagte, ich möchte auch mal was alleine unternehmen, kam sie gleich der Schiene: "Ich bin neu in Hamburg, ich kenn nicht so viele Leute wie du, ich will auch mal raus." Haha, Mausi wohnt schon seit über 6 Jahre hier und trifft sich mal wesentlich häufiger mit ihren Leuten, als ich mich mit meinen. Und theoretisch findet sie das auch super wichtig, dass man mal was alleine macht und nicht nur als Pärchen auftritt, aber wenn ich davon mal Gebrauch machen will, ist sie gleich sauer oder kommt mit der "Ich kenn hier niemanden"-Masche - und sie kennt hier sehr wohl mindestens genauso viele Leute (und die auch noch ziemlich gut) wie in ihrem Heimatdorf. Oder sie will einfach nur wissen, was ich so treibe, wenn ich nicht zuhause bin. Vielleicht ist sie auch ein wenig eifersüchtig, wenn ich nach Hause komme und so Sachen sage wie: "Ich hatte soviel Spaß mit meiner besten Freundin!" Gut, aber ich finde, da muss sie durch. Immerhin gehen wir schon gemeinsam mit meinen Freunden Sonntag Brunchen. Und sie geht heute mit ihrer Freundin in die Disse und ich morgen Abend in´n Biergarten. Ich finde das ausgeglichen.

Ja und ansonsten werde ich heute mal früh schlafen. Ich glaube, ich brauche mindestens 10 Stunden Schlaf um mich erholt zu fühlen. Vielleicht hab ich noch Schlafmangel vom Frühdienst, da hab ich pro Nacht weniger als 5 Stunden gepennt. Komischer Weise hab ich im Moment dauernd Hunger. Nachdem ich Wochelang kaum gegessen hab, hab ich jetzt dauernd Hunger. Ich mach mir jetzt meine Chips auf. Gute Nacht!

09.04.2010 um 23:34 Uhr

Mein Therapeut hat aber gesagt ...

von: Ryan

Es wird besser - glaube ich. Ich fühle mich die meiste Zeit besse und ich schaffe auch mehr. Ich versuche jeden Tag raus zu gehen, mache lange Schaufenster-Bummel und hab mich nicht mehr krank schreiben lassen. Aber nächste Woche gehts wieder los. Im Moment glaube ich sogar, dass mich das Nicht-Arbeiten kranker macht als das arbeiten.

Ich hab zwar noch Angstattacken und zwischendurch leichte Paranoia, aber bin nicht halb so neurotisch wie die letzten Wochen. Ich glaube mein Therapeut tut mir jetzt schon gut. Ich hab neue Termine mit ihm abgequatscht. 

Ich frag mich immer noch wie es soweit kommen konnte. Bzw. wie man so werden kann wie ich bin/war. Normaler Weise isses ja so, dass man - oder besser ICH (es ist gefährlich und unfair sowas zu verallgemeinern) - dachte, dass man verrückt ist oder nicht. Natürlich weiss mein rationaler Verstand dass es nicht so ist und dass jeder mal ne Lebenskrise haben kann, aber es war nicht bewusst. Man ist von Geburt an irgendwie krankhaft belastet oder nicht. Man hat immer schon Angstattacken oder eben nicht. Nein, ich weiss es jetzt besser. Vielleicht musste ich das lernen, auch wenns schmerzlich ist. 

Ich überlege ob ich meine Erfahrungen nutzen kann. Ich wollte ja schon lange mal nen Buch schreiben, wusste aber nicht welches Thema - muss ja auch interessant sein und irgendwie fehlt mir immer der berüchtigte rote Faden. Vielleicht wäre meine Lebenskrise ein gutes Thema. Ich weiss es noch nicht so recht. Es ist komisch, dass ich weiss, dass es mir vor einigen Monaten noch ziemlich gut ging, dass ich meine Mitte bei mir hatte, dass ich zufrieden war, dass ich morgens ohne Ängste aufstehen konnte. Und jetzt ist das alles anders und ich habe Panikattacken, weine viel zu häufig als dass es normal sei. Seltsam wie irr-sinnig man werden kann. Seltsam wenn man es selbst ist.

Ich hoffe, dass es jetzt bergauf geht. Alleine zu wissen, dass ich ne Therapeuten hab, gibt mir Sicherheit. Ich muss sogar manchmal über mich selbst grinsen, wenn ich mir in meinem Kopfkino vorstelle, wie ich aus vollster Überzeugung irgendwen belehren muss und folgendes sage: "Aber mein Therapeut hat gesagt, das ist nicht gut für mich!" 

Mein Therapeut hat gesagt, ich solle mehr auf mich achten, mich schätzen und in mich rein hören, was mein emotionales-ICH möchte und braucht. Heute wollte es shoppen. Es wollte wieder gut aussehen. Und was soll ich sagen? 3 Stunden im Kaufhaus später war ich stolzer Besitzer von 2 neuen Hosen und 4 neuen Hemden. Und ein wenig Schmuck. Ich bin ja nen verkappter Schwuler, und ich stehe auf Schmuck und Assoissers und so nen Kram. Außerdem wollte mein emotionales ICH gerne mal wieder tanzen und flirten. Daraus wurde aber nix, weil meine beste Freundin Fieber gekriegt hat. Ja, auch flirten brauche ich mal wieder. Selbstbestättigung. Auf jeden Fall. Mal wieder Marktwert abchecken. Ich hab ewig nix abgecheckt, hab mir gesagt, ich sei vergeben, sowas tut man nicht, bin sämtlichen Kontakten die annähernd einem Flirt ähneln könnten ausm Weg gegangen. Selbst mit meinen Kolleginnen flirte ich nie. Jede kleinste Andeutung, sei sie auch aus Spaß, hab ich nie erwiedert aus lauter Unsicherheit. Dabei kann ich so sehr charmant sein und mein Therapeut (...) sagt, es ist wichtig, es gehört zu Emotionen, die ich ja unterdrücke.

Mir ist heute aufgefallen, dass selbst Kleinkinder flirten. Meine Freundin sagt, der Sohn ihrer Freundin würde immer mit ihr flirten. Darunter konnte ich mir nix vorstellen. Heute meine kleine Nichte - mittlerweile fast 3 Jahre alt - tobt durch die Wohnung. Ich bin dabei Abendbrot zu kochen, sie kommt in die Küche angelaufen, stellt sich neben mich, zupft am Hosenbein, wartet bis ich sie ansehe - und grinst. Ich lächel sie an, sie läuft wieder aus der Küche. 30 Sekunden später rennt sie wieder in die Küche, zupft am Hosenbein und grinst über beide Backen. Süß. Ein kleiner Sonnenschein. Wäre da nicht die Mutter, die gleich riesiges Theater bei uns gemacht hat, nur weil mein Bruder 10 Minuten zu spät seine Tochter bei der Mutter abgegeben hat. 

Das kann man sich kaum vorstellen wie irre diese Frau ist. Steffi gleich wieder super solidarisch und für Jedermann-Verständnis: "Sie lässt halt ihren Frust bei uns aus, das dürfen wir ihr nicht übel nehmen, es ist nicht einfach für sie." Mir und meinem Bruder ist schon wieder die Hutkrempe geplatzt. Folgende Geschichte: Ich hatte gekocht. Salat, Baked Potatoes (ja ich mache die besten auf der Welt), Sour Creme, Salat und Putensteaks. Lecker, lecker. Wir haben alle gegessen, uns nett unterhalten und viel zu viel gegessen (ich koche ja so maßlos wie meine Mutter). Mein Bruder schaut auf die Uhr: "Ach du Sch..., ich muss die Kleine ja in 5 Minuten abgeben bei der Mutter." Kind geschnappt, mein Bruder macht sich frisch, ich zieh die Kleine an, und wie das so ist mit nem Kleinkind -es dauert alles etwas länger: "Nein, Onkel Ryan, ich kann die Schuhe alleine anziehen!" Dauert ne viertel Stunde, klappt aber wirklich alleine. ""Onkel Ryan, wo ist mein Winnie Puh?" Winnie Puh suchen. Und zwischendurch schon die Mutter am Telefon bei Chris. Und er natürlich: "Ja, ich bringe sie sofort, wir haben noch gegessen. Ja, SOFORT!" Er also genervt. 

Kaum ist er los gefahren, ruft die blöde Kuh bei uns an: "Wo ist mein Kind? Sag deinem Bruder, er soll pünktlich sein oder er kriegt seine Tochter gar nicht mehr!" - "Er ist unterwegs." - "Du brauchst nicht für deinen Bruder lügen. Die Kleine muss gleich ins Bett, das weiss er ganz genau! So kann ich ihm nicht vertrauen, ist ja klar dass ihr alle unter einer Decke steckt und euch gegenseitig schützt." - "Wir haben 19.10, die Kleine geht doch erst in ner Stunde ins Bett?!" - "Ryan, du hast mir nicht zu sagen, wann ich mein Kind ins Bett bringen soll, und überhaupt und bla bla bla ..." *nerv* Am liebsten hätte ich gesagt: "Mein Therapeut hat aber gesagt ..."

02.04.2010 um 23:26 Uhr

Boykott

von: Ryan

Ich fühl mich eigentlich ganz gut. Nicht so gut wie gestern, aber das erwarte ich für den Anfang noch nicht. Eigentlich will ich davon berichten, dass es wie immer ist. Also am Wochenende. Die Gretchen-Frage: Was machen wir? Steffi hat Nachtdienst, Chris und ich dümpeln alleine in der Wohnung rum.

SMS von einer guten Freundin, die zufällig um die Ecke wohnt: "Hey was machste heute?" Ja keine Ahnung, aber egal was, wir sind dabei! Also was machen wir? Tanzen gehen im Kampnagel? (Kampnagel = ne alte Fabrik in Barmbek, wo regelmäßige Partys sind) Problem: Heute ist keine Party im Kampnagel. Okay, nächste SMS: "Kino?" - "Nö, keine Lust." Chris und ich hatten eher Lust auf ´nen Bier. "Was trinken gehen?" - "Wo?" - "Weiss nicht, sagt was." - "Da vielleicht?" - "Nö zu laut." - "Oder da?" - "Nein, zu voll." - "Oder dahin?" - "Nö, zuleer." - "Film ausleihen?" - "Welchen?" Und das geht ewig so weiter. Also wurde es nichts.

Nächste Freundin: "Lust aufm Bier zu kommen?" - Eigentlich schon, aber diese Freundin wohnt nun nicht grade um die Ecke, sondern südlich der Elbe, was ergo bedeutet mindestens eine Stunde Bahnfahrt. Auto fahren geht auch nicht, weil Chris aus lauter Streitfrust mit seiner Exfreundin aka Mutter seiner Tochter schon ein Bier getrunken hatte. Außerdem hatte der noch vor mehr heute Abend zu trinken.

Also was machen wir? Wir sitzen hier, schauen "Da Vinci Code" (kannte ich vorher noch nicht", ich trinke Rotwein, Chris Bier. Nicht grade eine großartige Variante um nen langes Wochenende zu geniessen. Aber ne Ruhige.

Ansonsten ist familiär mal wieder richtig Stress. Es nimmt mich sehr mit und ich mach mir große Sorgen. Mein Stiefvater ist mal wieder zu Höchstleistung hochgefahren, trinkt ohne Unterlass, rastet aus und ist jetzt auch gegen meine liebe Mama gewaltätig. Und obwohl ich sie eigentlich immer als sehr starke Frau erlebt hab, ist sie in der Sache viel zu weich und emotional. "Er will ja nicht mehr trinken, er hört morgen auf, ganz bestimmt, ich kann ihn dich nicht alleine lassen wenn er es diesmal ernst meint. Er weiss, dass es seine letzte Chance ist." Die letzte Chance, Nummer 3011. Es hilft mir, dass Chris da ist und sich auch sorgt. Und sehr ähnlich denkt wie ich. Den gleichen alten Schrecken in den Knochen spürt und eine ähnliche Angst. 

Doof wie wir sind haben natürlich unsere anderen Geschwister in Kenntnis gesetzt. Mutter will ja immer nix sagen, um uns nicht zu belasten. Wir sind ja immerhin ihre Kinder, auch wenn ich als jüngster Sohn schon 25 bin. Aber sie hat´s mir dann doch gesagt. Ich hab´s Chris erzählt und der dem Rest. Mutti hat uns eingeladen zum Osteressen. Erst haben alle zugesagt, nur ich sagt: Ich komme nicht, wenn der Typ dabei ist. Ich kann nicht an einem Tisch mit nem Kerl sitzen, der meine Mama schlägt. Mach ich nicht, will ich nicht, muss ich nicht haben. Ich muss mich schützen. Punkt, Ende, aus. Ich will ihn nicht sehen. Vielleicht niemals mehr. Er wird nicht eingeladen sein auf meiner Hochzeit, er wird meinen Kinder nicht zu nahe kommen, er wird gar nichts solange ich es so einrichten kann. 

Das hab ich Mutti brutal offen gesagt, sie schluckte und sagte, sie versteht es. Ich bin auch entschuldigt, ich bin ja im Moment labil. Natürlich hab ich Chris das auch erzählt und der hat daraufhin auch abgesagt. Er findet, es ist ne gute Idee das Osteressen zu boykottieren. So aus Protest gegen meinen Stiefvater. Natürlich fand Chris die Idee großartigst und hat sie meinen anderen Brüdern auch mitgeteilt. Und was soll ich sagen? Keiner meiner Geschwister (außer meiner Schwester, aber die wohnt bei Mama) geht mehr zum Osteressen. Mein Bruder Mike hatte schon riesen Stress mit seiner Ehefrau, weil sie ja anfangs zugesagt haben und sie ihn jetzt für trotzig und kindisch hält. Ähnlich muss es bei Steve´s Familie aussehen. 

Fazit: Familienosteressen findet statt. Frauen und einige Enkel sind dabei. Mike zum Beispiel ist auch der Ansicht, dass seine Kinder bei ihm bleiben und da nichts zu suchen haben. Steve konnte sich da nicht so durchsetzen, oder er hat´s nicht so verstanden. Steve und ich stehen uns auch nicht so sehr nahe. Er ist ausgezogen als ich noch ziemlich klein war, weil er eben der Älteste ist. Aufgewachsen bin ich die meiste Zeit mit Mike, Christopher und meiner kleinen Schwester Christina.

Naja Ende vom Lied: Beim Essen wird nur meine Schwester sitzen, aber kein einziger von Mamas Söhnen. Die Schwiegertöchter kommen alle. Aber mehr aus Anstand und ich glaube, weil sie Mama den Wunsch nicht abschlagen wollten. Chris und ich haben uns vorhin überlegt ob wir was alternativ machen wollen. Uns gemeinsam betrinken oder sowas. Billard spielen, Pommes essen. Irgendwas sollten wir machen.

02.04.2010 um 00:43 Uhr

Primäre

von: Ryan

Primäre: erste Therapie. Besser gesagt: Verhaltenstherapie. Komische Sache. Zwischendurch dachte ich, ich sei im falschen Film, wenn ich zum Beispiel mir selbst sagen sollte, dass ich wertvoll bin. Natürlich laut und deutlich damit auch mein Unterbewusstsein es mitkriegt. Mein Therapeut ist ein seltsamer Mann. Irgendwie undurchsichtig. Sowas macht mir irgendwie Angst, grade bei Männnern. Ungewohnt. Ich mag Menschen eigentlich nicht so gerne, die für mich schwer einschätzbar sind.

Aber er hat schon mal ne Theorie. Wenn ich das so richtig wiedergeben kann, ist der Teil in mir, der dauernd perfekt sein will,einen viel zu großen Stellenwert in meiner Persönlichkeit eingenommen. Irgendwie einleuchtend. Immerhin bin ich sehr wertefixiert, sehr darauf bedacht allen zu gefallen und ja alles richtig zu machen. Ich hab hohe Ansprüche, vor allen an mich selbst. Mir hat mal ne Azubine gesagt, ich erwarte viel. Und ich sagte: "Ich warte von dir weniger als von mir selbst." und sie sagte sowas wie: "Na, dann will ich gar nicht erst wissen, was du von dir erwartest." Also wenn ich schon so hohe indirekte Ansprüche an andere hab, wie soll ich mir selbst gerecht werden?

Und unter meinem viel zu großen Über-Ich, ist meine emotionale Seite verkümmert. Sie stirbt sogar. Sie hat Todesangst. Daher meine Angstattacken. Sie versucht mir dringend zu zeigen, dass sie da ist, dass sie auch dringend gesehen werden muss. Und macht mir damit große Beschwerden, weil sie sich ja nicht anders wehren kann. Hört sich soweit alles einleuchtend an. Ich hab mich vorher nicht so emotional eingeschätzt, aber irgendwie dann schon. Ich kann sehr empathisch sein. Aber vielleicht ist das nur eine Rolle in meiner Fassade, also gar nicht echt. 

Oh man, willkommen in der Psychoanalyse. Also musste meine emotionale Seite meiner perfekten Seite laut sagen, dass sie auch noch da ist und eine Dasein-Berechtigung hat. Und zwar laut. Da kam ich mir irgendwie doof vor. Außerdem hoppelte ich immer zwischen den beiden Stühlen hin und her um auch körperlich meine Abspaltung zu machen. Hmpf. Anstrengend. Geheult hab ich natürlich auch. War ja klar. Aber vielleicht muss das sein.

Was mir nicht so gut gefiel: ich hab echt kurz geredet und irgendwie war dann alles schon klar. Er wusste dann scheinbar schon was Sache ist alleine an den Eckdaten. Mmh, vielleicht ist das so. Vielleicht auch nicht. Aber erstaunlicher Weise gehts mir den ganzen Tag schon echt gut. Nix dunkel, nix traurig. Ich bin heute sehr mittig. Finde ich gut.