Boys don´t cry

30.05.2010 um 02:07 Uhr

Die süße Azubine

von: Ryan

Lena-Fieber. Wer hätte gedacht, dass wir wirklich gewinnen. Ich freu mich sehr, auf der anderen Seite sitz ich zuhause und freu mich alleine. Cooler wäre gewesen aufm Kiez zu feiern und sich dort zu freuen. Ganz sicher! Aber ich bin noch krank geschrieben und man kann nicht aufm Kiez feiern, wenn man nicht arbeiten gegangen ist wegen ner Krankschreibung - finde ich zumindest. Ich riskier mal lieber nichts. Aber die Zeiten meiner Isolation sind bald vorbei.

Ja, beim meinem Therapeuten war ich auch mal wieder. Und obwohl ich 90 Minuten non-stop geheult hab, hat der es geschafft mich aus meinem depressiven Tief rauszukriegen. Oder mir zu helfen, dass ich mich selbst raus krieg. Cool, oder? Ganz gut isses noch nicht, aber ich muss meine krankhaften Verhaltensweisen ja auch erst ändern und das geht nicht von heute auf morgen. Wir (also mein Therapeut und ich) arbeiten mit Suggestion, also nicht immer: "Ich bin so krank, ich bin so depressiv, ich kann nix, ich schaffe nix, huuuu gehts mir schlecht." Nein, ich sag mal ein duzend mal am Tag: "Es geht mir gut, ich bin gesund, ich schaffe das, ich schaffe alles was ich will." hört sich simple und irgendwie naiv an - hilft aber. Ich bin noch nicht ganz in Höchstform, aber ich stehe früh auf, ich schaffe einiges und ich sehe mich auf nem guten Weg.

Ansonsten hat Steffi mal wieder alle meine Freunde aktiviert, alla: "Wer geht heute mit Ryan gassi, damit er den ganzen Tag nicht in der Wohnung sitzt?" Seeehr auffällig, weil PLÖTZLICH jemand vor der Tür steht und fragt ob ich Lust auf Spazierengehen hätte ... weil meine Freunde auch alle so gerne spazierengehen und weil das ja vorher auch unser aller Lieblingshobby war ... ha ha ... aber es tut mir gut, raus zu kommen. Es ist nur so fast schon "süß" offensichtlich. Nebenbei hab ich auch etwas Eigenelan an den Tag gelegt, zum Beispiel hab ich uns nen Wochenendtrip nach Holland organisiert und mein Bruder und seine Kumpels nehmen mich nächstes Wochenende mit an die Ostsee. Es ist schön, was vor zu haben, grade wenn man wie ich nicht arbeiten geht und den ganzen Tag Langeweile schiebt.

Und sonst so? Sonst so wäre ja alles ganz nett - aber irgendwie hat der Alltag jetzt endgültig meine Beziehung erreicht. Ich liebe sie, unendlich, sie ist die Frau mit der ich alt werden will, ich will sie heiraten, ich will Kinder von ihr, ich will alles mit ihr teilen, sie versteht mich, ich versteh sie - es könnte alles so schön sein. Aber irgendwas ist ja immer. Und vor allem ist es immer das Selbe. Sie kommt nach Hause, Schatz wie war dein Tag, ich erzähle, sie erzählt, wir essen was, wir gehen nochmal spazieren, wir gehen schlafen - und genau das gleiche am nächsten Tag wieder. Sie ist außerdem kaum noch zuhause, weil sie sich nen Zweitjob zugelegt hat - nicht, dass wir ihn bräuchten - gut, ihr eigenes Konto ist unausgeglichen und sie will es aufbessern. Also arbeitet sie nebenbei zu ihrer Vollzeitstelle noch mal locker flockig 40 Stunden im Monate extra. Also ist sie kaum noch zuhause, kaum noch bei mir, muss dauernd früh ins Bett, hat kaum freie Tage. Das nervt mich tierisch. Hab ich ihr aber auch schon achtundzwanzigtausend Male gesagt, sie hat genauso oft ihre Argumente geschildert, und ja, ich bin ja kompromisbereit, sie hat mich überzeugt. Man kann ja über alles reden - haben wir auch - x-tausend mal - aber die Situation bleibt doof. Nicht besonders beschissen, aber eben doof.

Und genau dann lernt man wen kennen - oder mal wieder ich lerne wieder wen kennen. Eine Azubine bei uns. Total nettes Mädel, super nett, ein Sonnenschein. Total fit, aufmerksam und ... ja, man kann eigentlich nur von ihr schwärmen. Und was passiert? Die letzten Wochen die ich noch arbeiten konnte, hab ich eben mit ihr gearbeitet. Sie war mir zugeteilt, also wir beide für die gleiche Patientengruppe zuständig. Und von ihr kamen so Sätze wie: "Mit dir macht das Arbeiten total Spaß!" - "Cool, dass du mir das erklärt hast" - "Ich find deine Art, wie du mit den Patienten umgehst total super." Und so weiter und so fort. Nebenbei ist auch noch hübsch .... ach ja ... und dann haben wir angefangen zu chatten. So über Gott und Welt. Nur so Kram, aber eben so Kram, wenn man sich sympathisch ist. Die Fronten sind so oberflächlich geklärt, sie weiss, dass ich inner Beziehung bin, ich weiss, dass sie 5 Jahre jünger und Azubine bei uns ist (das ist nämlich so nen No-Go: Azubi und Examinierter) - aber ich find sie super nett und süß. 

Und ich fühle mich angezogen von ihr. Ich weiss nicht ob es ihr auch so geht, ist auch besser, wenn ich es nicht weiss. Aber alleine diese Gedanken machen mich kirre. Das soll ja eigentlich nicht so sein, wenn man glücklich in seiner Beziehung ist. Na gut, Steffi und ich sind glücklich, ich liebe sie, kein Zweifel, aber irgendwie ist doch der Wurm drin. Sie geht dauernd arbeiten, ich sitz zuhause und mach den Haushalt. Und wenn sie dann mal zuhause ist, sind wir auch nie alleine, weil mein Bruder ja auch noch hier rumhängt. Und so gemeinsame Aktivitäten als Paar haben wir auch ewig nicht mehr gemacht. Wir gehen mal essen, aber dann kommt entweder Chris dauernd mit - er ist nicht das dritte Rad am Wagen, wir mögen ihn ja beiden sehr gerne, und ich glaub Steffi sieht ihn auch mittlerweile als super guten Kumpel - aber so für uns zwei haben wir ewig nichts gemacht, vor allem wahrscheinlich aus Zeitmangel. Sexualleben ist auch eingeschlafen - darüber könnt ich jetzt auch ewig philosophieren, aber ich lass es mal lieber.

Und nun? Nun schwirrt mir diese Azubine im Kopf rum. Ich werd ganz kribbelig, wenn ich sehe, dass sie online ist. Neulich hab ich sogar nachts im Schlaf von ihr geträumt - keine versauten Sachen, nee nee, nur so ne harmlose, aber emotionale Geschichte, dass sie halt da wäre für mich. So Träume, wo eine Umarmung von einem Menschen, das absolute Glück sind. So einen Traum hatte ich von ihr. Nicht von Steffi. Steffi hätte da in meinem Traum sein sollen, aber statt meiner Freundin war da ne Andere. Und sie hat mich berührt und den ganzen Tag nicht mehr losgelassen. 

Solche Gedanken machen mich irre. Ich überlege dauernd hin und her. Ist das nen Grund alles wegzuschmeissen, was ich mit Steffi hab? Kann man jemanden lieben, wenn man nen paar Tage intensiv an wen anderes denkt? Ist das normal, weil ich nen Mann bin? Sind Menschen für die Monogamie geschaffen? Bin ICH für die Monogamie geschaffen? Oder finde ich mein Seelenglück nur mit der anderen? Das macht mich halb irre. Aber solange ich meine Finger bei mir behalte wird doch alles gut sein. Hoffe ich. Gut, mir ging´s ähnlich mit dem einen Kerl/Nachbarn/Arbeitskollegen/jetzt guter Freund, mit dem ich sie betrogen hat - wovon sie GOTTSEIDANK nichts weiss und diese Gefühle haben sich dann ja auch in Luft aufgelöst, weil die Gefühle zu Steffi eben stärker waren und ich diese ganze Affäre in die Schublade "Verwirrung" ablegen konnte.

Auf der anderen Seite dulde ich bei Steffi auch so "Kumpels" - also sprich: männliche Freunde - wo ich bei mindestens einem davon ausgehe, dass der sie dauernd angräbt. Zumindest sehe ich nach jedem Treffen so Bilder, wo sie bei ihm aufm Schoss sitzt, er sie ganz innig umarmen muss, Küsschen auf die Wange hier, Füttern mit Kräuterbaguette da ... und immer wenn ich so den kleinsten Anflug von Eifersucht zeige, kommt nur von Steffi: "Hach, sei nicht albern." Gut und sie weiss, dass ich fast nur Freundinnen hab (oder schwule Kumpels) und ich hab oft das Gefühl, ihr kommt gar nicht in den Sinn mal eifersüchtig zu sein, was ich denn so mache. Selbst als meine Affäre mitten auf unserer Einweihungsfeier saß und sich ne halbe Stunde mit Steffi intensiv unterhielt, kam ihr selbst kein Verdacht. Von ihr kam am nächsten Tag nur so Sätze wie: "Der ist so nett, den müssen wir mal öfter einladen. Grüß den mal ganz lieb, wenn du ihn das nächste Mal siehst! Oh, der würde gut zu meinem schwulen Kollegen passen, wir müssen mal was zu viert unternehmen und die beiden einander vorstellen." Selbst als ich mal ne Nacht nicht nach Hause kam und bei ihm geschlafen hab (*hüstel*) hat sie meine Ausrede alla: "Wir haben Bier getrunken, uns lange unterhalten und ich bin auf seiner Couch eingeschlafen" ohne weiteres Nachharken hingenommen.

Ja, was will ich denn eigentlich damit sagen? Wir vertrauen uns zu sehr? Mich nervt, dass sie mir keine Affäre unterstellen würde? Nervt mich, dass sie mich nicht als attraktives Wesen sieht, dass auch durchaus von anderen Menschen begehrt werden könnte? Keine Ahnung. 

Vielleicht sollte ich einfach warten, bis diese neuen, verwirrenden Gefühle ablauen - offline gehen, wenn sie online ist. Keine SMS, und schon mal gar nicht telefonieren so wie sie es vorgeschlagen hat. Und nicht treffen. Niemals treffen - auch wenn´s mit Sicherheit tollen werden würde. Niemals, auch nicht ausversehen treffen. Oder hoffen sie zu treffen. Niemals. Wäre das Beste. Auch nicht hoffen, dass sich ne Freundschaft entwickelt. Gar nichts, einfach gar nichts machen. Desinteresse heucheln. Auch wenn´s schwer fällt. Treue sollte einfach sein.

25.05.2010 um 01:57 Uhr

Seele nackig

von: Ryan

Es läuft nicht gut - um ehrlich zu sein bin ich stockdepressiv seit Tagen. Ich muss dauernd heulen und ich bin unendlich traurig ohne Anlass. Gleichzeitig unruhig. Seltsame Kombi, aber nichts neues für mich. Zumindest nicht in den letzten 6 Monaten. Morgen hab ich wieder nen bisschen was vor mir und die Tage vor sowas sind immer etwas schlimmer - wahrscheinlich wegen dem innerlichen Druck oder sowas. Oh man, ich bin so unbelastbar geworden.

Eigentlich hatte Chris, Steffi und ich uns verabredet für heute. Wir haben alle frei, wir wollten zusammen was essen, dann nen paar Drinks und Kino. Ja - daraus wurde mal wieder nichts weil ich abgedreht bin. Tränen über Tränen, den ganzen Tag lang. Dann haben beide mich mal um den Block geschleppt und ich konnte mich halbwegs zusammenreissen, so dass ich das Sushi auch ohne heulen im Restaurant essen konnte. Aber mehr war nicht drin. Chris und Steffi diskutierten mittags über den Film - und ich bin alleine bei dem Gespräch schon so überfordert gewesen, dass ich dauernd geweint hab. Waaah ... warum ist das so? Es nervt mich so.

Chris erzählte beim Essen von nem Artikel, den er vor ein paar Monaten gelesen hatte - ich hab ihn auch gelesen, aber völlig verdrängt. Es ging um Burnout-Syndrome bei jungen, ergeizigen Menschen. Unter anderen ein Beispiel: junger Mann, im Büro, sehr ergeizig, konnte selten seine Arbeit abgeben. Hat seine gesamten Büroschränke alle alleine abgearbeitet, Tag für Tag, solange bis er eines Nachts aufwachte und keine Luft mehr kriegte und wusste nicht was los war. Also Notarzt gerufen. Aber der konnte keine Ursache für seine Luftnot finden. Dann wurde der Mann depressiv, es ging nichts mehr. Tagelang katatonisch aufm Sofa gelegen, solange bis er sich Hilfe suchte. Und was kam raus? Die Luftnot war symbolisch von seiner Psyche umgesetzt worden quasi "als würde sein Aktenschrank auf seiner Brust liegen". Und alle interviewten Personen hatten ähnliche Erlebnisse, alles war gut bis zu dem Tag wo plötzlich sehr seltesame und lebensbedrohliche Symptome auftauchten. Kaum zuzuordnen, aber echt fiese Symptome, und dann der psychische Zusammenbruch und ne echt lange Heilungs- und Regenerationsphase.

Und wo gehe ich jetzt hin wo ich weiss, was los ist? Ich geh erstmal in Urlaub. Ziemlich lange. Ich rede morgen mit meinem Geschäftsführer und dann bin ich echt lange nicht auf Arbeit - und ich bin jetzt überzeugt, dass mir das gut tun wird. Kein Druck, nix, nur ich und mein Leben. Hobbys, Freunde treffen, nen bisschen WM-Fussball gucken, sonst nichts. 10 Wochen lang. Natürlich nen paar Termine bei meinem Therapeuten und Psychiater, aber die sollen mir ja helfen. 

Ich hab mir vorgenommen viel zu malen und zu lesen - und den Haushalt zu machen. Ich muss mir noch ein wenig mehr vornehmen, sonst macht mich das Nicht-Arbeiten vielleicht auch noch irre. Irgendne Außenaktivität pro Tag, wie zum Beispiel mindestens ne halbe Stunde spazieren gehen oder Sport machen oder sowas. Mal sehen. Jetzt hab ich morgen erstmal das Gespräch vor mir (wieder mein Seelenleben offen legen, und grade im Moment fällt es mir schwer ...) - und dann brauch ich noch ne Krankschreibung für die Woche (zweites mal Seelenstrippteas ...) und übermorgen hab ich nen Date mit meinem Therapeuten - drei mal Seele nackig machen in zwei Tagen, das wird ganz schön anstrengend.

22.05.2010 um 01:41 Uhr

Von Ängsten, Alkohol und nicht wollen sein

von: Ryan

Es ist immer noch furchtbar. In mir selbst ist es kaum aushaltbar. Gestern hatte ich nen ziemlich guten Tag und ich hab ne Menge organisiert und viel telefoniert. Ich hab zum Beispiel organisiert, dass ich den Sommer über Urlaub hab, unbezahlt aber Urlaub. Kein Stress mehr mit krankschreibungen, ich denke, dann fühle ich mich besser. Kein Druck mehr. Ich kann feiern, wenn mir danach ist (haha) - aber nur so für den Fall, dass es so sein sollte, wäre es cool nicht krank geschrieben zu sein.

Gestern ging es mir wirklich gut. Ich hab Scherze gerissen, ich war mit Chris Nachmittags essen - Thai in der Sonne. Ich hab Steffi gefragt wie ihr Tag war, ihr aufmerksam zugehört, ich hab viel gemalt. Ich hab den Fernseher kaum angemacht und war so voll Tatendrang, dass ich irgendwas immer machen wollte. Und heute? Heute ist es als ob ich all meine Glückshormone aufgebraucht hätte und heute nicht mehr da sind. Ich konnte morgens nicht aufstehen, ich hab überhaupt keinen Tatendrang mehr. Steffi und Chris haben mich richtig getreten um mal 10 Minuten aus der Wohnung rauszugehen. Die Sonne scheint draussen, aber in mir drin scheint rein gar nichts. Ich möchte am liebsten nur auf dem Sofa liegen und gar nichts machen. Ich mag mich nicht mal bewegen. Und obwohl draussen ganz tolles Wetter ist, ist in mir drin gar kein gutes Wetter. Nein, in mir drin fallen nur dicke, fette Regentropfen in einer dunken Umgebung. Den ganzen Tag lang. Keine Minute hört es auf zu regnen. Nicht eine einzige Minute. Nur wenn ich getrunken hab, wirkt mein innerliches Unwetter wie durch einen Schleier und es wird erträglich. Wenigsten ein paar wenige Stunden am Tag.

ich weiss, dass ich im Moment echt zuviel trinke. Vielleicht ne halbe Flasche Wein am Tag - gut, kann auch mal ne ganze werden. Aber halt jeden Tag im Moment. Ich weiss, dass es nicht gut, das genau so eine Alkoholsucht anfängt, dass ich gefährdet bin, dass ich mit dem Alkohol nur meine Gefühle deckeln will - bla bla bla - ja ich weiss. Ich arbeite selbst auf ner Entzugsstation. Ich weiss genau wie alles anfängt. Und ich weiss dass ich gerne trinke, aber ich kann im Moment nicht anders. Ich hab das Gefühl, so wie ich jetzt bin, kann ich mich kaum kontrollieren. Und grade wenn ich mich so fühle, wie ich mich jetzt fühle, weiss ich nicht was ich anderes tun kann. Ich trinke - um schlafen zu können, ich trinke um mich besser zu fühlen - wenigstens ein kleines bisschen - ich trinke, weil ich ja keinen Grund hab nicht zu trinken. Oh, ich hasse es. Und ich hoffe inständig, dass ich weniger trinke, wenn es mir besser geht. Grade für das lange Wochenende hab ich mich heute ertrappt, wie ich nen kleinen Vorratseinkauf getätigt hab - damit der Alkohol nicht ausgeht. Das hat mich ziemlich erschreckt. Klar, ich liebe es gesellig nen Bier zu trinken, oder auch mal zwei, drei, vier oder mehr. Aber am Anfang hab ich mit Chris vorm Fernseher mal ne Bier getrunken, aber mittlerweile arbeitet Chris bis nachts um 3-4 Uhr und Steffi hat Nachtdienst bis 7 Uhr morgens. Und ich? Ich sitz zuhause und trink alleine Rotwein. Das erschreckt mich.

Im Moment bin ich echt dünnhäutig. Das nervt mich auch furchtbar. Chris sucht zum Beispiel seit einiger Zeit neue Reifen für sein Auto. Sommerreifen. Bei e-Bay. Und heute fand er welche und bot fleissig mit. Und brüllte schon ne halbe Stunde vorher: "Die sind in Magdeburg! Wer fährt mit mir morgen nach Magdeburg?!" - Und Steffi sofort: "Wir!" Und ich: "NICHT WIR! Ich komm nicht mit." - "Ja aber das wäre doch mal was anderes, du kommst mal raus." - "Ich will nicht raus." - Steffi zuckt mit den Schultern und sagt: "Dann fahren Chris und ich alleine und wir fahren früh los, dann sind wir abends wieder da." Und in meinem Kopf sah ich nur, wie die beiden, die nachts arbeiten, wirklich früh mit viel zu wenig Schlaf nach Magdeburg oder unterwegs nen dicken Autounfall haben. Wegen Übermüdung. Er arbeitet nachts, ist gegen 5 Uhr morgens zuhause, sie hat auch seit über 7 Tagen Nachtdienst, ist erst gegen halb 8 Uhr morgens zuhause. Und dann wollen die vormittags los auf lange Autofahrten wegen so nen blöden doofen Sommerreifen?? Und es könnte ihnen was passieren - und das würde ich nicht verkraften. Also nein, nein nein! Die fahren nirgendwohin. Und während Chris und Steffi neben mir schon überlegen ob sie kurz nen Abstecher nach Berlin machen zum Shoppen, spring ich aufgebracht mit Tränen in den Augen auf und schreie halb hysterisch vor Angst: "Ihr fahrt nirgendwo hin morgen! Ich will das nicht! Ihr fahrt morgen nicht! Ihr könnt das nicht machen! Nein!" - "Ryan? Du kannst auch mitfahren." - "Nein! Und ihr fahrt auch nicht!" und renn halb heulend raus und knalle die Türen hinter mir zu.

 Das Verhalten ist doch mehr als pupertär. So komme ich mir vor. Aber ich hab meine Gefühle kaum unter Kontrolle. Normalerweise - also wenn ich nicht grade so durchgedreht und freakig bin wie jetzt - bin ich so der Typ Mensch, der auch mal ruhig in ner Diskussion seine Meinung ändert - natürlich müssen die Argumente gut sein. Aber ich bin eigentlich eher ruhig und nicht so hysterisch wie jetzt. Und weinen tue ich viel - doof, grade für nen Kerl. Ich breche dauernd in Tränen aus. Bei dem Streit, bei dem ich sofort Todesangst um meine engsten Menschen hatte - im übrigen hat Chris die Reifen nicht gekriegt, weil wir ja umbedingt spazieren gehen mussten für ne halbe Stunde und er die Auktion verpasst hat - aber auch so vorm Fernseher. Kaum heult jemand im Film oder ne tragische Szene tritt auf, sitz ich da mit Wasserfällen im Gesicht. 

Oh Gott, ich glaub, ich bin wirklich richtig stock-depressiv im Moment. Oder ich komm in die Menopause - aber bei einem grade mal 25 Jahre alten Mann ist das recht unwahrscheinlich. Aber fast noch schlimmer ist, dass ich schon wieder diese Gedankenkreisel hab. Ich denke den ganzen lieben Tag nur über meine Situation nach. Keine konstruktiven Gedanken, nee, nur so Zeug wie: Was wenn es für immer so bleibt? Kannst du so weiterleben? Was wenn du deinen Job verlierst? Wenn du in die Klappse kommst, so nen Langzeit-Psycho wirst? Wie kannst du dir helfen? Ja im Moment mal rein gar nicht. Was ist wenn all meine Freunde mich nur noch als Psycho sehen und nichts mehr mit mir zu tun haben wollen? Was wenn dich keiner mehr mag? Das geht den ganzen lieben Tag so. Und es macht mich irre. Am ende bin ich nen Harz-4-Empfänger, der den ganzen Tag in seiner Wohnung verbringt, keine sozialen Kontakte hat und all sein Geld in billige Zigaretten und Snaps investiert und dauernd dem Arbeitsamt erzählt, dass er aufgrund seiner langanhaltenden Phobien arbeitsunfähig ist.

Ich will nicht so sein. Auch nicht so wie ich jetzt bin. 

20.05.2010 um 01:21 Uhr

Irre

von: Ryan

Es ist immer noch anstrengend und heute ist es auch ein wenig schlimmer als die letzten Tage. Ich bemühe mich aufzustehen, aber es fällt mir schwer. Heute zum Beispiel bin ich erst um 14 Uhr aufgestanden, weil ich bis dahin immer wieder schlafen konnte - also tue ich es auch so lange ich kann, denn solange hab ich meine Ruhe vor mir selbst und vor allem anderen. Schlafen ist nicht anstrengend. Steffi sagt aber, ich müsse nen vernünftigen Tag-Nacht-Rhythmus kriegen, und ich weiss dass sie recht hat. Es hilft mir nicht wenn ich bis zum späten Mittag schlafe, das unterstützt meine Krankheit, aber es fällt mir schwer aufzustehen.

Ich war kurz einkaufen und hab was echt leckeres gekocht. Wir haben uns angewöhnt so gegen 18.00 warm zu essen. Da sind wenigstens fast immer alle da. Und ich hab echt lecker gekocht: Pilze mit Zwiebeln, baked Potatoes und Putensteaks. Dazu Kräuterbutter. Chris und Steffi haben nicht ein Wort beim Essen gesagt - ein sehr gutes Zeichen, dass es ihnen schmeckt. Ich bin ja der Koch bei uns. Und grade wenn ich nicht arbeiten gehe, sollte ich wenigstens das übernehmen. Aber irgendwie war ich die ganze Zeit dabei so angespannt innerlich, dass ich nix geniessen konnte. Ich hatte Kopfschmerzen - ich denke ich hab Spannungskopfschmerzen - durch meine innere Anspannung verkrampft sich mein Rücken und meine Nackenmuskulatur und ich kriege dann irgendwann Kopfschmerzen. Und irgendwie war ich trotz des leckeren Essens nur froh als endlich alles abgespült war und zuende.

Oh, ich hasse es so. Ich will nicht so sein wie ich grade bin. Ich hab an nichts Freude. Ich hab zu nichts Antrieb. Ich mag nicht shoppen, ich mag nicht die Sonne geniessen. Nichts, einfach nichts. In mir ist ein großes, fieses, alles fressendes Nichts. 

Ich hab immer noch nicht beim Psychiater angerufen. Ich versuche die Medis vor mir herzuschieben. Ich hab keinen Antrieb was zu ändern. Es ist schwer. Alles so schwer. Aber ich muss. Das macht mich irre.  Ich fühl mich wie unsichtbar, aber gleichzeitig belastet es mich, wenn ich merke, dass es nicht so ist. Ich möchte ein paar Tage unsichtbar sein, für mich alleine sein. Ruhe haben. Niemand, der mich fragt, ob ich schon draussen war an der frischen Luft. Kein "Wie geht´s dir heute" Einfach nur ne Weile unsichtbar sein. Ich hab neulich gelesen, dass Menschen mit nem Burnout Syndrom daran leiden, dass ihr Akku leer ist. Bzw. besser gesagt: Der Akku kaputt ist. Sie können ihn nicht aufladen. Sie können keine Erholung finden und Kraft schöpfen so wie andere Menschen. Das denke ich mir immer für mich: "Mein Akku ist kaputt" und so fühle mich auch. Früher bin ich nach nem "doofen", erschöpfenden Tag schlafen gegangen und bin dann fit und munter wieder aufgewacht. Aber ich erhole mich nicht mehr im Schlaf. Ich stehe noch geräderter auf als ich schlafen gegangen bin. Das ist doch furchtbar.

Mich machen die Dinge, die mich sonst glücklich machen, nicht mehr glücklich. Ich sehe sie an, ich versuche sie zu tun, aber ich fühle nichts. Da ist nix. Und jedes Mal wenn mir das bewusst wird, ist es schrecklich. 

Ich weiss nicht was ich tun soll. Was ich ändern kann.  Aber das weiss ja keiner um mich herum. Ich wünschte, da wäre jemand, der mir ne klare Linie zeigt. Der kommt und morgens brüllt: "Steh auf, geh duschen und styl dich! Zieh gute Klamotten an, nicht das Schlapperzeug!" oder in der Küche beim Frühstück: "Iss kein Zuckermüsli! Mach dir was Nahhaftes! Nein, das sind zu wenig Kalorien! Iss was Vernünftiges!" - "Geh raus! Mindestens eine Stunde spazieren, geh verdammt noch mal raus!" Aber da ist niemand, der mich anbrüllt und mich stösst. Niemand der genau weiss, was ich tun und lassen soll. Aber ich hab mir selbst so Halbwissen angeeignet, von dem ich nicht weiss, ob es stimmt. Zum Beispiel, dass man viele Proteiene zu sich nehmen soll, weil das gut für das Gehirn ist, viel Bewegung um das Cortisol (Stresshormon) aus dem Gehirn zu kriegen, was sich abgesetzt hat und krank macht. Aber das hab ich irgendwo gelesen, ich weiss nicht ob es stimmt, und außerdem weiss ich nicht ob es mich weiterbringt. Und ich hab keine Lust dazu. Also lasse ich es. Meine große Hoffnung ist ja dass mein Psychiater einen tollen Masterplan erstellen wird und mir genau sagt, was ich tun muss. Das würde mir helfen. Ich würde mich genau an den Plan halten, damit ich mich so schnell wie möglich besser fühle und ich gut mir selbst helfen kann. Aber so ergeizig ich auch bin, so schlimmer wird es. Je mehr ich mich bemühe, desto schlimmer wird es. Ich muss viel ändern, aber ich weiss nicht was und ich weiss nicht wie. Verzweiflung pur.

Alle erwarten von mir gesund zu werden - zumindest ist das so in meinem Kopf. Und das setzt mich so unter Druck, dass ich es kaum aushalte. Heute zum Beispiel war das so mein Hauptgedanke, den ganzen Tag über: "Werd gesund, werd gesund, du musst gesund werden, wie wirst du nur gesund? Egal, aber sieh zu, dass es schnell geht, du musst gesund werden, sieh zu dass du gesund wirst." Den ganzen Tag lang ging das so in meinem Kopf. Kein Wunder, dass ich Kopfschmerzen hab.

18.05.2010 um 23:39 Uhr

Eintrag von gestern (konnte nicht posten)

von: Ryan

Es ist so anstrengend so zu sein, wie ich jetzt bin. So unendlich anstrengend. Ich schlafe schlecht. Ich schlafe zwar mit viel Hilfe von Rotwein, aber ich wache auch nach ein paar Stunden wieder auf und kann nicht wieder einschlafen. Also stehe ich auch auf und versuche mich abzulenken, als mich nur im Bett zu wälzen und dumme Gedanken zu haben. Ich frühstücke etwas Müsli und versuche mich abzulenken. Ich male, ich daddel im Internet, ich kümmere mich um Kleinigkeiten - die ich eben so schaffe. Meine Ratten füttern, etwas lesen, mehr schaffe ich nicht.

Ich hab mich krank schreiben lassen heute und hab fast alles erledigt, was ich erledigen musste. Aber es war anstrengend und ich bin wahnsinnig erschöpft. Es ist furchtbar, ich bin so müde, aber nicht müde genug um schlafen zu können, aber zu müde um wirklich wach sein können. Ich laufe rum wie ein Zombie, ich hab tiefe Augenränder, Gott weiss wo ich die her hab. Ich kann Menschen kaum fixieren, ich schaue durch alles durch. Nichts interessiert mich. Ich versuche nur die Zeit tot zu schlagen, bis es besser wird. Ich fühle mich die allermeiste Zeit wie hinter Pelxisglas gefangen. Die Welt läuft weiter aber irgendwie ohne mich. Ich kann nur aus weiter Ferne zuschauen.

Ich hab dauernd Gedankenkreise, so alla: Wie gehts weiter? Was mache ich nur? Was ist wenn es länger dauert? Wieviele Menschen sind dann sauer auf mich? Was denken sie, was reden sie? Und ja, ich weiss, dass sie ganz sicher reden. Der Typ mit der Macke. Ich fühle mich als wäre mein Gehirn blockiert. Es hat Schnupfen oder eine Grippe und funktioniert deswegen nicht richtig und deswegen fühle ich mich eigenartig. Ich mag nicht reden. Ich spreche nur das Nötigste und selbst das ist schon anstrengend. Alles ist einfach schwer. Ich mach nicht. Es es ist wirklich alles fies schwer.

Ich wache morgens auf und denke: Warum bin ich bloss wachgeworden. Es ist sogar anstrengend einfach nur da zu sein. Und ich hoffe, es geht schnell vorbei. Selbst mein Hausarzt sah mich heute sehr mitleidig an und fragte: "Was soll ich nur mit Ihnen machen?" Und ich sah wie hilflos er war. Er fragt - und ich mag ihn wirklich - ob er mir helfen könne, zum Beispiel nen Antidepressiva verschreiben solle. Aber es ist furchtbar, dass selbst Ärzte an mir verzweifeln.

Ich hab wirkllich Angst, dass der ganze Sommer an mir vorbeizieht während ich heulend oder versteinert in der Wohnung sitze. Das wäre doch scheisse. Aber es hilft mir noch weniger, wenn ich die ganze Hilflosigkeit meiner Umgebung fühle. Was soll ich dann erst fühlen? 

Ich werd die nächsten Tage den Psychiater anrufen. Mal schauen, was er sagt. Ich muss aufpassen, dass ich etwas esse und ausreichend trinke, das fällt mir auch schwer. Ich ertrage mich selber kaum noch. Ich will nicht depressiv sein. Ich will einfach nur meine innere Ruhe, und das alles wieder so wird wie vor einem halben Jahr. Das es mir gut geht. Das ich belastbar bin. Das ich wieder ganz normal bin. 

17.05.2010 um 01:08 Uhr

I don´t know, what to do with myself

von: Ryan

Es ist furchtbar. Nein, ich bin furchtbar. Es ist furchtbar wie ich mich fühle, wie ich mich verhalte ... ich weiss einfach nicht weiter. Ich stehe auf - möglichst spät, damit ich nicht soviel von meiner Depression mitkriege. Dann versuche ich irgendwas sinnvolles zu machen, zum Beispiel duschen und frühstücken. Aber alles fällt mich unendlich schwer. Und gleichzeitig bin ich wahnsinnig unkonzentriert. Ich denke etwas, oder plane etwas, und plötzlich ist es weg. Einfach so weg. Der Gedanke, den ich grade gedacht hab. Ich kann mich nicht konzentrieren. Furchtbar. Selbst wenn ich nicht dauernd anfangen würde zu weinen, würde ich nicht arbeiten. Ich hätte große Angst, dass ich durch meine Unkonzentration richtig großen Mist machen würde. Richtig große Fehler auf der Arbeit. Und ich würde es nicht mal mitbekommen.

Ich fühle in meine Brust hinein - ich soll das regelmäßig machen, sagt mein Therapeut. Und ich soll es zulassen. Mit all der Härte, die es mit sich bringt. Aber grade jetzt geht das nicht. Ich fühle in mich rein und es ist so unerträglich, dass ich es nicht weiter zulassen kann. Unruhe, wahnsinnige Unruhe. Mein Herz schlägt zu schnell und ich bin unruhig. Fast schon getrieben. Aber mein Körper ist gleichzeitig träge. Ein furchtbarer Zustand. Ich versuche, um es Chris und Steffi zu erklären und mir selbst natürlich auch, es mit einer Wetterlage zu beschreiben. Manchmal scheint die Sonne und es ist ein wenig windig. Das ist okay und aushaltbar. Wenn ich traurig bin, regnet es in meiner Brust. Wenn ich depressiv bin, regnet es dauernd dicke fette Regentropfen, und der Himmel ist tiefdunkel. Und wenn ich unruhig bin, dann ist es windig. In den letzten Tagen wechseln sich Dauerregen und sturmflutartige Regenschauer ab. Sturmflut - und Orkanwarnungen wechseln sich dauernd ab. 

Und neurotisch bin ich auch. Ich hab nen paar wichtige Dinge vor mir, morgen. Ich muss organisieren, dass ich nicht arbeiten kann. Also zum Arzt und krankschreiben lassen. Aber wie soll man jemanden erklären was los ist? Das wird mir schwer fallen. Ich stell es mir furchtbar vor mal wieder zu meinem Hausarzt zu gehen und ihm zu erklären wie es in mir aussieht. Ich mag das nicht mehr. Ich möchte nur, dass es mir gut geht. Aber das ist im Moment nicht so. Aber ich mag mich nicht dauernd erklären. Ich mag meinen Seelenzustand nicht mehr offenlegen. Und noch schlimmer: Das Offenlegen muss ich auch noch bei meiner Geschäftsführung. Ja, das werd ich müssen. Ich muss die noch anrufen morgen. Und meinen Urlaub beantragen. Unbezahlt natürlich. Wäre okay für mich. Alle sagen, ich soll das nicht machen, aber ich hab´s überlegt, und es wäre fairer meinem Team gegenüber, da die dann wen anderes einstellen können auf meinem Gehalt. Ja, ich denke, das wäre fair. Obwohl schon ne Kollegin sagte: "Krank ist krank, lass dich nicht übern Tisch ziehen, du hast Anrecht auf Lohnfortzahlung, das ist total kurupt dich in nen unbezahlten Urlaub zu schieben." Aber ich denke, ich mach´s. Nun die Frage, über die ich mir heute schon mein verschusseltes Gehirn zerbreche: Wie lange? 4 Wochen müssten es schon sein. Oder länger? Das letztes Mal war ich auch 4 Wochen krank, und es hat mir nur in der letzten Woche Besserung gebracht. Und jetzt mal super igoistisch gedacht: Wenn ich 2 Monate nicht arbeiten müsste, das wäre schon irgendwie nicht-reizlos. 8 Wochen frei. Den ganzen Sommer keine einzige Schicht. Ich könnte die ganze WM durchfeiern. Jeden Sommertag im Juni und Juli draussen verbringen solange ich will. Kein Stress, keine Patienten, nix, nur ich und der Sommer. 

Chris sagt: "Mach so lange wie möglich!" Steffi sagt: "Mach so wenig wie möglich, dir fällt die Decke auf den Kopf und du drehst durch." Und beide haben recht. Aber morgen muss ich erstmal ne Menge Anrufe tätigen, schwere Anrufe mit Überwindung. Ich hasse so ne Tage. Und ich hoffe nur, dass meine Geschäftsführung nicht auf ein persönliches Gespräch pocht. Ich kann schon kaum ohne Panikattacken die Strasse hoch und runter laufen, wie soll ich da die Geschäftsführung treffen ohne mich nach 2 Minuten vor lauter Angst unter nem Tisch zu verstecken? Und dann muss ich meine Kolleginnen noch anrufen und sagen: "Hey, ich weiss, ihr habt Überstunden ohne Ende, weil ich dauernd krank war - aber ich werd in nächster Zeit nicht mehr kommen, damit ihr von euren Überstunden runterkommt. Nein, ihr werdet meinen Arbeitsplatz weiter mitabfangen. Tut mir leid, aber ich leg zuhause nen paar Wochen die Füsse hoch, wärend ihr euch den Arsch ab arbeitet." Scheiss Gefühl. Ich fühl mich so schuldig - vielleicht hab ich auch deswegen die Sturmflutwarnung in meiner Brust. Und ich hab natürlich wie schon immer in meinem Leben riesige Angst vor "Liebesentzug". Ich hab riesige Angst, dass Menschen, die ich mag, mich nicht mehr mögen könnten. Und ich würde es meinen Kolleginnen grade nicht mal verübeln - obwohl sie alle sehr verständnisvoll zu sein scheinen. Aber ich habe Angst, ich bin neurotisch, ich mache mich irre durch solche Gedanken und Ängsten. 

Und zum Psychiater will Steffi mich auch schleppen. Sie sagt, so wie ich jetzt bin, geht es nicht ohne Tabletten. Also noch ein Anruf beim Psychiater und nen Termin machen. Ich werd mir also Antidepressiva verschreiben lassen. Natürlich vorher alles wieder erklären, mein privates Seelenleben offfen legen (kotz) und er wird mir Antidepressiva verschreiben. Ich weiss noch nicht, ob ich das möchte. Aber wenn mein Psychiater denkt, dass ich es müsste, dann muss ich. 

Ich hab morgen nen schweren Tag vor mir. Ich hab ne Menge vor mir und zuwenig Antrieb oder Kraft um das alles zu schaffen. Mal davon abgesehen, dass Steffi ganz recht hat: ich muss mich beschäftigen. Mein nächstes Malen-Nach-zahlen-Bild ist unterwegs, müsste morgen ankommen. Dann kann ich wenigstens malen tagsüber und bin beschäftigt. 

 

16.05.2010 um 01:01 Uhr

Rückfall

von: Ryan

Es ist soweit - ich hatte Angst davor. Ich wusste, dass Rückfälle bei nem Burnout normal sind. Aber ich hab gehofft, dass es nicht soweit kommen würde. Natürlich war es hart zu arbeiten, klar, ich hatte ja auch nach der langen Auszeit keine Kondition mehr.

Und was passiert? Seit einigen Tagen wieder Herzrasen, aber es ging. Ich dachte, es ginge mir gut. Also weiter arbeiten. Dann eine Schicht, in der ich kaum noch sprechen konnte vor Erschöpfung. "Geht´s dir gut? Du zitterst am ganzen Körper." sagte ne Kollegin von ner anderen Station, bei ner gemeinsamen Raucherpause. Da ist es mir erst aufgefallen, dass ich wirklich zitterte. Ein Warnsignal. Aber wie immer: alle Signale ignoriert. Wie immer. Alte Verhaltensweisen.

Aber ich wollte doch durchhalten. Ich wollte arbeiten. Ich wollte es so sehr. Ich wollte wieder normal und gesund sein. Ich hab mich so angestrengt. Aber genau das war wohl die falsche Taktik. Meine Geschäftsführung hat mir schon beim letzten Mal gesagt, ich müsse beim "nächsten Mal" in unbezahlten Urlaub. Was ich nicht wollte. Ich hab Panik, dass dieses "Nicht-Arbeiten" mich kranker machen würde als das arbeiten selbst. Ich hab Angst, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, alle noch schlimmer wird, wenn ich keinen Sinn in meinen Tagen hab. Depressionen durch Nichts-Tun. Und zum zweiten ist da mein fehlendes Gehalt. Ich nage nicht am Hungertuch und ich hab Erspartes, aber auch das ist eines Tages zu ende und meine Neurose fragt gleich sofort, was ist, wenn es ewig dauert bis ich arbeiten kann? Was ist wenn ich Schulden mache? Ich hab Angst und alle Angst-Schubladen gehen gleichzeitig auf.

Und heute morgen - ja heute morgen - ein verhängnisvoller Tag - noch einer in meinem Leben. Ich bin aufgestanden. Ich hab geduscht - und fing an zu weinen. Und hörte nicht mehr auf. So kann man nicht arbeiten. Natürlich könnte ich das, aber wie sieht das aus wenn der Pfleger an deinem Bett die ganze Zeit seine Tränen wegwischt. Also krank melden. Mal wieder. Es kotzt mich so an. Ich bin´s so leid krank zu sein. Ich bin´s mehr leid als alles andere.

Ich fühl mich furchtbar. Ich fühl mich als hättte ich versagt. Ich bin wieder an meiner hohen Erwartung gescheitert. Und ich glaube, ich bin mal wieder in ner Depression drin. Emotionaler Einbruch, sagte meine Freundin. In mir drin fühlt es sich furchtbar an. Ängste, Traurigkeit, Hilflosigkeit. Ich versuche mit Wein mein Inneres zu deckeln. Ich hasse es, ich hasse mich.

Was werde ich machen? Unbezahlter Urlaub, einige Monate, und versuchen nebenbei nicht durchzudrehen. Ich werde mich ablenken. Ich male viel mein "Malen nach Zahlen", ich hab mir schon nen großes neues Bild ausgesucht und bestellt, was ich in Angriff nehmen kann. Und sonst so? Ich weiss es noch nicht. 

04.05.2010 um 15:48 Uhr

Mister Muffelkopp

von: Ryan

Ich fühl mich wie ein 80-Jähriger. Mein Rücken hat sich letztes Wochenende komplett verabschiedet. Es war so schlimm, dass ich abends kaum noch stehen konnte vor Schmerzen. Mediziner lieben ja die "Schmerzskala" - 0 bedeudet Schmerzfrei, 10 bedeutet die stärksten Schmerzen, die man sich vorstellen kann. Mein Rücken hatte irgendwann die Grenze gesprengt und ich war mindestens bei 14 oder so ...

Arbeiten fällt mal wieder flach. Und es nervt mich. Ich nehm nur noch Schmerzmittel. Die Tabletten wirken ja so ungefähr 3-4 Stunden und das merk ich dann auch jedes mal. Also alle 3 Stunden Tablettenfuttern. Und jeden Tag zu meinem Hausarzt und Spritzen in den Rücken. 

Ich bin so angefressen - ich hab so die Schnauze voll vom Kranksein. Meine Freundin und mein Burder gleich oberklug: "Das ist psychosomatisch - es ist die Last, die auf deinen Schultern liegt und auf deinen Rücken drückt. Deswegen hast du Rückenschmerzen." .... witzig ... tolle Erklärung, kann ja auch stimmen, tut trotzdem saumässig weh.

Man kann ja mit Rückenschmerzen auch nichts machen - so rein gar nichts. Fernsehen gucken in ner liegenden Position - das war´s aber auch schon. Nein, ein´s fällt mir noch ein: PC-Daddeln mit dem Laptop aufm Bauch. Aber dann hört´s auch schon auf. Ich kann nicht lange sitzen, ich kann nicht lange stehen oder laufen ... und natürlich hab ich schon wieder Panik vor was schlimmeren als nur psychosomatische Verspannung - immerhin wurde grade nen Kumpel von mir (auch Krankenpfleger, selbes Alter) an der Bandscheibe operiert, nachdem der auch plötzlich so starke Rückenschmerzen kriegte. Bitte lieber Herr Gott im Himmel, lass es nicht die Bandscheibe sein - für die Nicht-Mediziner: Es ist eine (nichtanerkannte) Berufskrankheit. Ich kenne keinen Kollegen in der Pflege, der nicht irgendwann mal dicke Rückenschmerzen hatte, und alle älteren Kollegen hatten mindestens einen Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall.

Natürlich kann ich mir jetzt auch alle Dates mit meinen Kumpels abschminken. Ich wollte eigentlich am Wochenende aufm Hafengeburtstag, auf nen Geburtstag von ner Freundin, die ich ewig nicht gesehen hatte und ne Menge Bier trinken. Naja, noch ist das Wochenende nicht da und heute geht´s mir schon ein wenig besser - und ich hoffe, wenn die Schmerztablette endlich anfängt zu wirken, dass ich mal fast schmerzfrei bin. Permanente Schmerzen können einen echt irre machen. Ich bin schon wieder Mister Muffelkopp persönlich, weil mich die Schmerzen so irre machen.