Boys don´t cry

31.08.2010 um 02:07 Uhr

von stress und ruhe

von: Ryan

Ich kann was positives berichten. Es geht mir im Moment ganz gut. Es läuft alles gut. Vor allem das Arbeiten. Es läuft wirklich im Moment besser, als ich erwartet habe. In den ersten Wochen, nach meiner Rückkehr hatten wir wirklich sehr ruhige Schichten. Jetzt sind wieder stressigere Tage der Alltag - und selbst das wuppe ich gut weg. Ich bin selbst erstaunt, wie belastbar ich wieder bin. Großartig.

Ich bemerke, dass ich mein Denken geändert hab. Ich bin nur das Stressbündel von früher. Vor nem halben Jahr bin ich noch fast panisch zur Schicht gefahren, wenn ich wusste, es wird viel zu tun sein. Ich hab schon vor der Übergabe gebrüllt und geschimpft, hab mich aufgeregt über die Ungerechtigkeit der Welt und habe furchtbar viel Energie verschwendet, noch bevor irgendetwas Schlimmes passiert war. Jetzt ist das nicht mehr so. Ich geh zur Arbeit und guck was kommt. Bin ruhig. Ich schimpfe nicht mehr, ändert ja eh nichts. Und in spätestens 10 Stunden bin ich wieder zuhause und alle können mich mal. Und wenn ich zuhause bin, bin ich zuhause. Ich denk nicht mehr dran, was auf Arbeit war. Das tut mir unendlich gut. Früher hab ich echt lange gebraucht zum abschalten, ich hab meist noch 2 Tage später über die letzte Schicht nachgedacht: Haste was vergessen? Was war besonders doof? Und jetzt? Ich geh durch meine Wohnungstür und es ist alles weg. Ich bin zu hause ... und ich bin zuhause. Nix weiter. Großartig.

Zur Zeit nervt mich gar nicht mal so die Arbeit - ich geh einfach hin, arbeite alles ab und geh dann (selbst mit ner Überstunde im Nacken) nach Hause. Mir gehts gut. Ich rege mich nicht mehr auf über den Arbeitsaufwand. Es kommen ja auch wieder ruhige Zeiten. Also was soll´s. Nur meine Kolleginnen können das nicht. Und so ruhiger ich werde, um so mehr fällt mit auf, wie hektisch die anderen sind. Natürlich gibt es auch ruhige Seelen um mich herum, aber ich hatte grade nen Wochenende mit zwei extrem hektischen Kolleginnen, die ich menschlich sehr mag - aber es ging mir so aufm Sack wie die beiden rumgestresst haben. Wir haben mittags nicht mal die Übergabe gehabt und die beiden schon: "Oh Gott, wie sollen wir das bloss heute alles schaffen! Oh Gott, oh Gott, oh Gott ..." und ich nu: "Na, jetzt mal nicht den Teufel an die Wand malen, wir haben immer alles geschafft und das schaffen wir auch heute auch - gucken wir erstmal was da kommt." - "Aber wir haben da 3 Patienten fixiert, und 9 Leute zu lagern und zu windeln- und außerdem haben wir noch dies und das und jenes und haste nicht gesehen zu tun ... und überhaupt!!" Dazu muss ich echt sagen: die beiden Kolleginnen sind echt lieb und nett, ich mag sie echt gerne. Aber das sind so Leute (und die gibt´s ja überall), die erstmal brüllen und sich aufregen, egal ob sie Ahnung haben oder nicht. Und Samstag mittag haben sie beiden noch gemeinsam gestänkert, und Sonntag haben sie sich gegenseitig angebrüllt, weil sie nicht einer Meinung waren. Eh beide super gestresst und dann waren sie sich plötzlich uneinig, über einige (lapidare) Entscheidungen.

Und ich hab mich schön rausgehalten, hab gleich von vorne rein gesagt: "Ich mach meine 20 Patienten ganz alleine und ihr macht die anderen 20." (meine waren leichter und wirklich alleine zu handeln) aber ich hab mich echt aus diesen ganzen Zickereien total rausgehalten. Und nachdem die sich Sonntag gezofft hatten, wollten die natürlich nicht mehr zusammen arbeiten und die eine (die der Springer war) kam dauernd zu mir, um sich a) auszuheulen "Die ist so doof, haste gesehen wie uneffektiv die arbeitet? Soooo unkollegial!! Immer muss man hinter der her arbeiten!" und b) um bei meinen Patienten reinzuzwitschen - und Unruhe zu verbreiten. Das kann ich grade aufn Tod nicht ab! Das ist komischer Weise echt so, dass man mit seiner Ausstrahlung als Krankenschwester/pfleger die Patienten beeinflussen kann. Ich gehe oberruhig in ein Zimmer und vermittle meinen Patienten das Gefühl, dass ich da bin, dass ich mich kümmere, kompetent bin und dass sie sich bloss zu melden brauchen sobald irgendwas sein sollte. Und meine Patienten sind alle ruhig gewesen ... und die Patienten von den zwei oberhektischen Schwestern waren dementsprechend auch nur hektisch, nur am klingeln, nur fordernd ... aber ich hatte irgendwie ne ziemlich ruhige Schicht (kam mir so vor), auch wenn ich ne Stunde länger bleiben musste, nicht weil ich langsam war, sondern weil einfach echt viel zu tun ist. Aber das ist okay und es geht mir gut damit. Und meine Kolleginnen ... mir fällt kaum was dazu ein, wie ich die noch beschreiben kann. Nur hektisch, Stressbündel pur, und dementsprechenden deren Patienten. Das ist mir an diesem Wochenende echt zum ersten Mal so aufgefallen, dass mein Verhalten auf die Patienten abfärbt. Gut, ich gebe zu, es gibt ne kleine Patientengruppe, die sofort die ganze Hand nehmen sobald man denen den kleinen Finger anbietet und dann um so mehr klingeln und von allem mehr wollen, aber insgesamt finde ich meine Strategie echt gut im Moment.

Mir gehts auf jeden Fall sehr gut zur Zeit so wie ich jetzt bin. Und wie läufts so "privat"? Ich glaube auch ziemlich gut. Ich nehme mir meine Ruhezeiten, auch wenn ich viel zu erledigen hab. Wenn ich nicht zu müde bin, lese ich ne Stunde zwischen ins-Bett-gehen und schlafen, leg mich mal tagsüber auf die Couch und höre über Kopfhörer Musik (das hab ich kurz vorm Burn-Out echt lang nicht mehr gemacht) - und ich hab mein Arbeitszimmer zurückerobert. Mein Bruder hat ja so super lange bei uns gewohnt. Er ist vor 2 Wochen ausgezogen - in die Wohnung unter uns. Durch Zufall habe ich rausgekriegt, dass die frei wurde und jetzt wohnt er unter uns. Cool. Er hängt zwar trotzdem fast jeden Abend bei uns rum, aber ich find´s irgendwie ruhiger. Und heute Abend war ich mit einer meiner besten Freundinnen was trinken/lästern über gemeinsame Freunde/Kollegen. Das war auch toll. Jetzt bin ich etwas beschwippst. Und morgen kommt mein Bruder vorbei mit seiner Tochter, die wir echt lange nicht gesehen haben, weil ihre Mutti mit ihr 6 Wochen im Urlaub war. Ich denke, ich geh jetzt mal ins Bett, damit Onkel Ryan morgen nicht so müde ist.

20.08.2010 um 23:38 Uhr

Burn-out nervt weiter

von: Ryan

Oh man - die ganze Geschichte dauert echt lange. Ich mehr als nur die Schnauze voll. Immer wenn ich denke, es wird wieder besser, alles läuft gut, kommt irgend ein neues, dummes Symptom dazu. Im Moment bin ich stolzer Besitzer einer Angst- und Panikstörung ... super. Vor nen paar Monaten hatten das andere. Ich hab sie nicht drum beneidet, aber ich konnte es auch nur erahnen, was das für nen Betroffenen bedeutet - aber jetzt bin ich mittendrin statt nur dabei.

Arbeiten geht im Moment ganz gut. Ich nehm nen homöipathisches Zeug, was ganz gut hilft. Normaler Weise glaub ich an sowas nicht und hab Heilpraktiker für Scharlatane gehalten, aber es wirkt. Ich weiss nicht wie, aber es wirkt. Es nimmt wenigstens die Unruhe in mir drin. Ja und ich kann arbeiten. Darüber bin ich sehr froh, auch wenn ich mich jeden Tag dazu durchringen muss loszugehen, trotz schweissnasser Hände und Herzklopfen, aber wenn ich erstmal da bin, ist die meiste Zeit alles gut. Ich bin wieder gerne Krankenpfleger. Mich nervt kaum was an, ich mag es mit den Patienten zu reden. Eine Kollegin sagte heute sogar zu mir, sie fände es toll, dass ich ruhiger bin in den letzten Wochen, als ich es sonst immer war. Vorher war ich sehr hektisch, hastig, hab schnell und unüberdacht über alles geschimpft, was mir im ersten Augenblick falsch vorkam - und das ist jetzt anders. Das sehe ich als Fortschritt.

Was mich grade extrem nervt sind diese Ängste. Depressionen hab ich im Moment Gott sei Dank keine. Ich bin echt gut drauf, stimmungsmässig. Ich bin auch wieder normal müde, nicht so unendlich erschöpft wie zwischendurch, nicht erschöpft, so dass ich katatonisch nur auf dem Sofa liege und so ausgelaugt bin um die Fernbedienung zu drücken. Nein, normal müde und kaputt, aushaltbar, völlig normal und gut.

Aber nochmal zu den Ängsten. es ist obernervig. Ich hatte immer schon Höhenangst. Ich fürchte mich vor Wolkenkratzer (wer baut so nen Mist? wir sind doch keine Vögel, ich finde hohe Gebäude nur unheimlich, nicht beeindruckend) und ich grusele mich davor ein Flugzeug zu besteigen. Mit viel Überwindung und Händchenhalten kann ich aber fliegen, ich kann an Wolkenkratzern vorbeilaufen ohne nen Herzanfall zu kriegen, ich vermeide zwar immer noch den Fernsehturm zu besteigen, aber ich hatte 2 Jahre ne Wohnung im 6 Stock. Also alles im Rahmen. Jetzt nicht mehr. Ich hab plötzlich Phobien vor den dämlichsten Dingen - Dinge, die ich seit 20 Jahren täglich tue. Und vor denen ich noch NIE Angst hatte. Die mir nicht mal unheimlich waren oder ich auf die Idee gekommen wäre, mich zu fürchten.

Zum Beispiel: ich komme aus einem Stadteil in Hamburg, in dem ein mittlegroßes Kaufhaus steht. Mit Rolltreppen. ich hab echt viel zeit in diesem Kaufhaus verbracht. Anlaufpunkt Nummer 1 um zu shoppen. 4 Stockwerke, Rolltreppen. 10.000 mal mindestens Rolltreppe gefahren ohne das ich mir irgendwas dabei gedacht hätte. Jetzt hab ich Panik vor den Rolltreppen. Vor 2 Wochen stand ich da im zweiten Stockwerk und war so steif vor Angst, dass ich nicht wusste, wie ich jemals wieder ins Erdgeschoss kommen sollte. Und Fahrstühle sind aus ähnlichen Gründen auch grade relativ problematisch - und ich arbeite im 4. Stock bei uns im Krankenhaus. Das Treppenhaus geht eigentlich auch nicht, weil das ganze Treppenhaus verglast ist mit freier Sicht ("freier Fall") - aber das geht noch. Ich kann sowas auch nicht meiden - ich versuche sogar mit Absicht einmal pro Schicht das Treppenhaus wenigstens eine Etage runterzugehen, um mir selbst zu beweisen, dass es geht, auch wenn ich das Flattern krieg. Es geht, ich kann es, es passiert mir nix - und die Angst wird weniger, je öfter ich das mache.

Ganz abgenervt war ich als ich Angst vor meinem eigenen Treppenhaus kriege - wir wohnen im 2. Stock eines Altbauhauses, also Wendeltreppe. Vor solchen Treppen (wahrscheinlich durch die Höhenangst) hatte ich eh schon immer Panik, aber unsere ging eigentlich immer total gut, no problemo - und nachdem ich merkte, ich krieg Panik vor meinem Treppenhaus, bin ich die doofe Treppe aber jeden Tag 10 Mal hoch und runter gelaufen, um mir ganz schnell diese Angst wieder abzugewöhnen. Hat auch geklappt. Das wäre ja auch noch schöner. Mir kommt´s so vor als würde mein Gehirn "Gespenster" in Form von Ängsten erfinden.

Aber was mich richtig annervt: Ich hab plötzlich Angst vorm U-Bahn fahren. Ich weiss nicht wieso. Dadurch, dass ich auch keinen Führerschein hab, ist das mein Fortbewegungsmittel Nummer 1 gewesen. 20 Jahre lang. Ich hab ganze Bücher verschlungen, weil ich zeitweise echt langeU-Bahn-Fahrten hatte - in meinem Adressbuch, steht bei all meinen Freunden, die passende Haltestelle unter dem Strassennamen. Ich versteh das nicht. Ich steh in der U-Bahn, die Türen gehen zu, die U-Bahn rollt los --- und ich hyperventilliere und springe fluchtartig bei der nächsten Haltestelle aus dem Wagon. Das ist doch scheisse!

Ich bin heute Abend besonders frustriert. Ich hab ne neue Freundin (nein, Steffi ist immer noch die Liebe meines Lebens, es ist alles okay), aber ich hab mich mit der Azubine, mit der ich soviel gechattet hab - und dachte ich wäre verknallt - richtig angefreundet. Nur zur Entwarnung, ich hab sie richtig kennen gelernt, sie ist nen toller Kumpel, wir leihen uns gegenseitig Bücher aus, die wir toll finden und sind uns sehr ähnlich. Aber sämtliche särtlichen oder anderweitig ähnlichen Gefühle haben sich vom Acker gemacht, nachdem ich gemerkt hab, was für nen geiler Kumpel sie ist. Sie ist toll, wir telefonieren und schreiben uns Nachrichten täglich, aber sie ist kein sexuelles Wesen mehr, seitdem ich sie richtig kennen gelernt hab. So okay, nennen wir sie der einfachheithalber mal "Puschi" (mein Spitzname für sie) - und nennen wir ihren besten Freund (schwul, hab ich auch schon kennengelernt, auch kein sexuelles Wesen für mich, aber cool drauf) mal "Uschi". Uschi und Puschel haben mich heute Abend angeheitert angerufen, sie wollen sich mit mir treffen. Sie mögen mich beide so, ob wir zu dritt einen drauf machen wollen. Und ich - ein Bündel voll Unsicherheiten, und müde von der Frühschicht und Schlafmangel - hab mal gleich prophylaktisch abgesagt - und mich ne halbe Stunde später drüber geärgert, weil ich ne Cola später doch nicht soooo müde war, wie ich dachte - und wollte beide überraschen. Steff muss eh bis Mitternacht arbeiten, also bin ich Strohwitwer, hab Langeweile - okay, warum nicht, also wollte ich nachkommen. Hab mich fertig gemacht, das Haus verlassen - und dann ging das Theater los.

Wie komm ich zu der Kneipe ohne die Bahn zu benutzen? Mit U-Bahn: 30 Minuten-Wegzeit, mit Bus und diverse Male umsteigen und Wartezeiten: 50 Minuten .... okay ... schon mal ärgerlich. Und dann: Bus verpasst, der nur alle halbe Stunde fährt, weil ich vor lauter Grübeln und Aufregung mich in meiner eigenen Nachbarschaft verlaufen hab ... boah. Also am Schlüpper reissen und schnell zur Bahn, um die Zeit aufzuholen. 4 Minuten Wartezeit am Bahnsteig  ... Zeit um zu überlegen an welcher Haltestelle man rausspringen kann, wenn´s schief geht ... Zeit um sich die Panikattacke auszumalen, in grellen, schreienden Farben ... gut, Ende vom Lied: ich bin gar nicht erst eingestiegen und hab den Heimweg angetreten. Also keine Überraschung für Puschi und Uschi, nur Ärger für Ryan. 

Und so läuft die Geschichte im Groben im Moment dauernd ab. Innerer Stress pur. Und es nervt - unendlich. Und ich fühle mich bekloppt - ver-rückt. Manchmal hab ich so neurotische Gedanken, dass es mir Leute ansehen können, dass ich nicht alle beisammen hab. Naja, vielleicht jetzt noch nicht, aber irgendwann vielleicht. Steffi sagt, ich rede Quatsch. So ne "Krise" (sie nennt das so) hat fast jeder mal und das geht auch wieder weg. Und ansonsten würde ich mich ja auch nicht auffällig benehmen. Aber mir selbst fällt ja jede "Auffälligkeit" auf, sei sie noch so klein, weil ich ja den ganzen Tag mit mir zusammen bin. Ist das verständlich?

Oder besser: ich hab mein Mojo verloren. Eine Mischung aus meine Selbstsicherheit, der tiefen Überzeugung, dass mir nicht passieren kann und meiner inneren Ruhe. Meine Ausgeglichenheit. Mir fehlt eben was - mein Mojo. Wie könnte ich meine Krankheit nennen? Hypomojorititis. Ein entzündlicher Infekt, der hervorgerufen wird, durch das Fehlen von Mojo. Ich will eigentlich nur normal sein, ich will Bahnfahren können, um mit Puschi und Uschi aufm Kiez nen Bier trinken zu können, um an die Elbe zu fahren wenn ich möchte, um meine Freunde zu besuchen, die südlich der Elbe wohnen, um nicht stundenlang mir das Hirn zu zermattern wie ich die Bahn umgehen kann mit Bussen. Ich sollte morgen nur Bahnfahren, den ganzen Tag, egal wie oft die Panik hab, solange bis sie weg ist ... oder übermorgen ... oder ich warte bis die Angst von alleine weggeht ... oder ich bleibe in meiner Schockstarre ... 

 

11.08.2010 um 01:04 Uhr

Gute Nacht

von: Ryan

Es wird besser. Durch die letzten Dienste hab ich mich sehr gequält - teilweise meine Symptome mit Medis abgeschwächt ... heute allerdings war richtig gut. Ich hab endlich wieder Spaß an meiner Arbeit. Ich bin endlich wieder gerne Krankenpfleger.

Nur müde bin ich im Moment dauernd. Ich trinke kaum noch, schränke mich mit dem Rauchen ein, versuche sehr gesund zu essen. Aber irgendwie bin ich trotzdem dauernd müde, egal wie wenig oder lang ich schlafe. Und heute hatten wir ´ne echt stressige Schicht und mir fallen seit ner halben Stunde schon dauernd die Augen zu, obwohl ich echt lange heute geschlafen hab. Aber auch was gutes: Ich schlaf im Moment echt gut ein. Das war lange nicht mehr so. Ich hab Monatelang Stundenlang wachgelegen, bevor ich annäherend dösen konnte. Und jetzt leg ich mich hin und knacke sofort weg.

Ich glaub, das mache ich jetzt auch.

05.08.2010 um 01:15 Uhr

Burn-Out nervt

von: Ryan

Ich hab lange nicht mehr geschrieben. Ich mag mich nicht gerne mit mir selbst beschäftigen. Ich knabbere sehr an meinem Burn-Out-Syndrom. Es ist schwer und es dauert für mich schon viel zu lange an. Ich bin ungeduldigt, ich will wieder so sein wie vorher, aber das wird wohl nicht mehr so sein.

Ich bin nicht mehr depressiv. Ich kriege viele Sachen auf die Reihe, die ich in meinem schlimmsten Zeiten nicht auf die Reihe gekriegt habe. Aber ich bin noch lange von einem normalen Leben entfernt - oder besser: von meinem innerlichen Frieden. Ich kann fröhlich sein, ich kann lachen. Ich kann Freunde treffen. Ich kann viel, aber noch nicht alles. Ich arbeite seit dieser Woche wieder und es ging. Ich musste mich sehr überwinden, hab gekämpft, aber ich hab die Schichten durchgehalten.

Im Moment hab ich sehr zu kämpfen mit Angst. Ich hättte nie gedacht, dass ich jemals an sowas wie ne Angst- und Panikstörung dran kommen würde, ich kannte sowas bis vor 6 Monaten nicht mal. Aber im Moment ist es schlimm. Ich versuche mir einzureden, dass ich alles kann, was ich will. Das ich alles schaffen kann. Ich versuche krampfhaft keine Angst vor der Angst zu haben, aber dann kommt die Panik doch in Momenten, in denen ich nicht damit rechne. Es ist als ob mir plötzlich der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Und ich falle. Unaufhaltsam. Unaushaltbares Herzklopfen, schweissnasse Hände, Atemnot. Ich bin unendlich unruhig, Todesangst. Aus dem nichts. Beim Frühstück in meinem Wohnung, in der U-Bahn, auf der Arbeit, wenn ich mit ner Kollegin rede. Nicht witzig, überhaupt nicht witzig.

Es muss für andere Menschen komisch aussehen, wenn ich sowas hab. Ich versuche es zu unterdrücken, meistens gelingt es mir. Sobald ich nen Anflug von Angst spüre, versuche ich mich abzulenken, irgendwohin zu gehen, mich zu bewegen, Stresshormone abzubauen. Hauptsache keiner kriegt mit wie bekloppt ich wirklich bin. Ich hab mittlerweile auch Angst in Situationen, in denen ich sonst nie Angst hatte. Ich kann nicht mehr Autofahren. Neulich auf der Autobahn mit Steffi. Ich kannte die Strecke, alles okay, wir hatten Zeit, ich hab auf 140 beschleunigt und hatte von einer Sekunde zur nächsten so starke Panik, dass ich nur hastig auf den Standstreifen gefahren bin, aus dem Auto geflüchtet bin und mich vor Angst übergeben hab. Ich hab Minuten lang gebraucht bevor ich überhaupt wieder ins Auto einsteigen konnte. Selber fahren geht im Moment gar nicht. Steffi durfte dann mit 100km/h die ganze Strecke zurück schleichen, weil ich bei schneller Fahrt sofort wieder Panik kriegte.

Ich hab sie heute gefragt, ob ich zum Psychiater sollte und mir Tabletten verschreiben lassen sollte - gegen die Angst. Sie weiss es nicht. Sie arbeitet in der psychiatrischen Notaufnahme. Sie arbeitet mit Menschen, die noch viel bekloppter sind als ich - aber mit mir ist sie nur überfordert. Sie weiss nicht was sie tun soll. Sie weiss nicht mal, ob sie es gut findet, dass ich Tabletten nehmen sollte oder nicht. Sie tut mir leid. Sie ist bestimmt ne tolle Psychiatrie-Krankenschwester, aber zuhause ist sie nur meine Freundin und kann mir nicht helfen.

Mein Therapeut hat es mir so erklärt: Mein Über-Ich - also meine perfektionsstrebende Seite ist zu groß geworden und unterdrückt meine emotionale, sensible Seite. Dadurch kriegt diese Panik und denkt, sie muss sterben. Sie kann sich nur äußern, indem sie mir diese anstrengenden Symptome beschert. Weil ich alle Erwartungen erfüllen will, die so mein Umfeld an mich stellt und es jedem recht machen will, versuche ich so perfekt wie möglich zu sein. Dabei habe ich in meinem Unterbewusstsein so eine hohe Perfektion für mich selbst erreicht, dass ich daran innerlich zerbreche. Und an die kein anderer Mensch mehr dran kommt. Dementsprechend werte ich alle Menschen in meiner Umgebung ab. Klar, dass sie nicht so sein können wie ich. Aber dementsprechend einsam bin ich innerlich. Und keine Mensch ist in der Lage mein destruktives Spiel zu durchschauen und mich zu retten. Das ist die Kurzfassung der Grund meiner Erkrankung.

Erkrankung ... haha ... komisches Wort. Ich hätte letztes Jahr noch laut gelacht, wenn mir jemand prophezeit hätte, dass ich dieses Jahr psychisch krank sein würde. Und jetzt bin ich total angeknackst. Und es ist schweine anstrengend. Es ist so anstrengend. Ich will nicht mehr krank sein, ich will meinen inneren Frieden zurück haben. Ich will keine Angst in unangemessenen Momenten haben. Ich will nicht mehr zur Therapie.

Therapie ist auch nen gutes Stichwort. Wenn mir jemand von seiner Therapie erzählt hat, dann hörte sich das oft so an, als ob man da mal hin geht, sich allen Müll von der Seele redet und sich danach unendlich besser fühlt. Und die meisten Leute mögen es in Therapie zu sein, weil sie da mal endlich ihren seelischen Schrott entsorgen können. Ich mag meine Therapie nicht. Ich hab davor immer Panik, bin super angespannt - obwohl ich den Therapeuten sympathisch finde. Und danach fühle ich mich zwar manchmal entspannter, aber es gibt mindestens genauso viele Tage, an denen ich danach Stunden lang heule und mich schlimmer als vorher fühle. Ich finde Therapie nur anstrengend und furchtbar. Aber langfristig gesehen, sehe ich Erfolge. Wenn ich wieder glücklich sein will, muss ich jetzt anfangen meine Leichen zu begraben. Und es ist schmerzhaft und ich muss dadurch. Damit es später alles gut sein kann. Ja, ich bin zuversichtlich.

Ja arbeiten tue ich auch wieder. Ich hab in diesem Jahr noch nicht viel gearbeitet. Ich war extrem lange krankgeschrieben. Nicht weil ich nicht wollte. Ich kann nicht heulen auf Arbeit. Das geht einfach nicht. Ich hab teilweise vor den Schichten angefangen zu heulen und hab mich erst 6 Stunden später wieder beruhigt. Oder ich war richtig körperlich krank. Ich hab dieses Jahr schon 7 Mandelentzündungen gehabt plus eine Lungenentzündung. Mein Immungsystem ist im Arsch, weil ich so nen Stress in mir hab. Ich bin anfällig für jedes Bakterium, dass an mir vorbei schwebt. Ich nehm Vitaminpräperate, die helfen ganz gut, sind aber sauteuer. Zudem kommt, dass ich 3 Monate beurlaubt war - unentgeldlich, und damit meine Ersparnisse ziemlich aufgebraucht sind.

Warum mache ich den sowas? Ganz einfach: meine Geschäftsleitung hat es mir "nahe gelegt". Mir erzählt, mein Team würde ja auch unter meinen Krankheitsausfällen leiden, sie würden wen anderes in der Zeit beschäftigen können auf meiner Stelle ... jaja ... hab ich geglaubt. Also hab ich mich beurlaben lassen, unentgeldlich. Wen hat mein Team gekriegt für den Zeitraum? Niemanden. Witzig. Und zu allem Überfluss, dachte ich: "Ach, das Thema regel ich mal ohne die Mitarbeitervertretung, sonst wird der Geschäftsführer nur noch böser auf mich als so schon" Ha, Fehler. Im letzten Gespräch wurde mir nahe gelegt, mich in den nächsten 3 Jahren nicht nochmal krank zu melden, auch nicht für einen Tag, sonst wüssten sie nicht ob sie auf mich als Mitarbeiter nicht verzichten könnten ... boooaaaah ... Gespräche mit der Geschäftsführung nur noch mit der Mitarbeitervertretung. Die haben jetzt Krieg mit mir.

Ne andere Kollegin von mir - und beste Freundin - musste grade an der Bandscheibe operiert werden - war auch 6 Woche krank geschrieben. Gleicher Text im Sinne: "Noch mal so ne Fehlzeit und Sie sind gekündigt!" Also quält sie sich mit dicken Rückenschmerzen zur Arbeit und darf eigentlich noch gar nicht schwer heben, aber das ist ja allen egal. Und das dritte Beispiel: junge Kollegin von ner anderen Station - ich mag sie sehr gerne, ist auch ne Freundin von mir - Knoten in der Brust. Verdacht auf Brustkrebs. Hat sich bestättigt, sie macht Chemo. Sie kann aber nicht unentgeldlich in Urlaub, weil Geld fehlt. Und unsere Geschäftsführung: "Natürlich, seien Sie solange krank wie Sie brauchen, kein Problem! Wir finden Alternativen! Werden Sie erstmal richtig gesund und dann schauen wir was WIR für Sie tun können! Wir zahlen alles!"

Ich will mich jetzt nicht mit ner Krebskranken vergleichen, aber wir sassen neulich zusammen, wir drei, also die Brustkebst-Kollegin, die Bandscheiben-Kollegin und ich und die Erstere sagte ganz zynisch: "Man muss wohl erst Krebs haben bevor unsere Geschäftsführung nett ist!" Und es ist ja so. Jetzt mal abgesehen von dem Schweregrad der Krankheit, egal ob psychisch oder physisch: krank ist krank. Aber das kommt nicht an.

Psychische Erkrankungen sind scheisse. Ist zumindest mein Fazit was ich bislang ziehen konnte. Aber ich hab was rausgefunden. Wenn Menschen - egal ob Kollegen, die sowas auch mal durchhatten - die fühlen sich plötzlich total verbunden mit einem. Aktuelles Beispiel: Mein Schwiegervater, als Steffis Vater. Der hat auch grade so ne Art Burn-Out. Viel innerlicher Stress mit physischen Symptomen. War auch im Krankenhaus zum Herzinfarktausschluss. Sehr ähnliche Symptome wie ich. Sehr unruhigt innerlich. Und wir waren im Juli 1 Woche bei Steffis Eltern. Und ich war der einzige, mit dem er wirklich intensiv über sich selbst geredet hat. Steffi sagt: "Er füllt sich sehr tief zu dir verbunden, weil du nachvollziehen kannst, wie es ihm geht." Das ging mir sehr nahe.

Ich hab das Gefühl, als würde ich versuchen eine Aufgabe zu bewältigen, die ich nie haben wollte.  Aber es ist meine Aufgabe und ich muss da durch. Es ist schwer und schmerzhaft - aber niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde. Im Moment bin ich dankbar für jeden Moment, in dem ich mich gut fühle und merke, dass ich ganz bei mir sein kann. Ich bin dankbar, dass ich arbeiten kann, auch wenn ich davor stundenlang schweissnasse Hände habe und zweifle ob ich die Schicht durchstehe, aber wenn ich erstmal drin bin, hab ich wieder Spaß an meinem Job. Ich glaube, das ist viel wert und ich bin dankbar. Ich bin im Moment für viele Kleinigkeiten dankbar. Für viele Selbstverständlichkeiten. Ich denke, ich werde das durchstehen. Und gesunder daraus gehen als ich reingegangen bin. Davon bin ich überzeugt.