Boys don´t cry

03.03.2012 um 16:47 Uhr

Kein Titel heute

von: Ryan

Heute ist schon Samstag. Mein Vater ist am Mittwoch gestorben. Jetzt hab ich Zeit zum nachdenken. Ich hab vorher lange Schichten geschoben, kurze Schichtwechsel gehabt, viel zu tun auf Arbeit, Leute um mich herum, die mich ablenken. Heute Nachmittag bin ich alleine. Steffi macht Spätschicht, ich komm vom Frühdienst. Zeit, um zu realisieren und mitzukriegen, was eigentlich passiert ist.

Mein Vater ist gestorben. Mein Vater war nicht besonders alt. Ein Alter, in dem man schon Blutdruck-Tabletten nimmt, die ersten Enkelkinder hat, aber noch lange an´s Sterben denkt. Als er morgens aufgestanden ist, ging es ihm nicht gut. Schwindel, Schmerzen in der Brust. Zusammengebruch, seine Frau rief in Panik den Notarzt. Als der ankam, konnten sie nur noch reanimieren. Im Krankenhaus dann für tot erklärt.

Ich überlege, was das für mich heisst. Im Grunde genommen und hart, nüchtern ausgedrückt, ändern sich für mich nicht viel. Also in meinem derzeitigen Leben. Wir hatten wenig Kontakt, teilweise Monate/Jahre lang gar nicht. Ab und zu E-Mails, skypen. Ich war nie richtig Teil seines Lebens, er auch nicht in meinem. Ich wusste bis zu meinem 12 oder 13 Lebensjahr - ich weiss es nicht mehr genau - wer mein Vater ist. Natürlich hab ich gefragt und Antworten bekommen, aber gesehen hab ich ihn nie. Meine Geschwister hatten einen Vater. Meiner Mutter ist ja früh Witwe geworden, und mein Stiefvater lebte mit uns zusammen. Alles irgendwie greifbarer und realer, als das was ich hatte. Meine männlichen Vorbilder waren meine älteren Brüder.

Ich denke, unser distanzierte Beziehung lag in erster Linie an der geografischen Distanz. Er lebte in Amerika, ich in Deutschland. Ich hab Jahre lang unter dem Gedanken gelitten, dass ich ein ungewolltes Kind bin. Ich bin das Ergebnis einer unbedachten und kurzen Affäre. Als meine Mutter merkte, dass sie schwanger war, waren sie schon wieder getrennt. Das ist meine Lebenstragödie: ich hab mich immer ungewollt und überflüssig gefühlt. Mittlerweile ist das nicht mehr, aber das liegt auch daran, dass ich mir ein Leben aufgebaut hab, in dem ich nicht mehr abhängig von irgendwem bin. Ich kann mir selbst aussuchen welche Menschen mich umgeben. Und natürlich nehme ich nur die, die mich auch wollen. Aber als Kind war´s schlimm.

In meinem Austauschjahr in Amerika hatte ich viel Kontakt mit meinem Vater und hab ihm richtig kennen lernen können. Ich lebte 30 min Autofahrt vom Haus meines Vaters entfernt und ich war damals sehr überrascht, dass mein Vater derjenige war, der auf mich zu kam und es ihm scheinbar wichtig war, dass ich meine Halbgeschwister und deren Familien kennen lerne.

Ja, und jetzt bin ich tagelang durch die Welt gelaufen und hab mich mit Arbeit vollgepackt. Und günstiger Weise war auch immer was los, Horrorschichten. Wir haben eh schon viel zu tun und routieren vor Arbeit. Aber zur Zeit ist irgendwie der Wurm drin. Gleich früh morgens gings einem Patienten so schlecht, dass wir ihn noch auf Station intubieren mussten und auf die Intensiv schieben, kaum wieder da liegt eine Patientin plötzlich mit Halbseiten-Lähmung im Bett-Schlaganfall gehabt. Also auch die versorgen und auf die Stroke-Unit schaffen. Und als ich dann entnervt wieder kam und nur noch meine Regelarbeit beenden wollte, steht eine Oma plötzlich super verwirrt auf dem Flur, fuchtelt mit einem Buttermesser und schreit hysterisch, dass sie uns alle umbringen will. Und der Psychiater erzählt mir am Telefon, dass er erst seine Visite zuende macht und dann vielleicht mal vorbei kommen würde, wenn er was gegessen hätte ... in der Zwischenzeit hat die ältere Dame eine Tasse nach der Ärztin geworfen, und diese hat sich so erschrocken darüber, dass sie in Tränen ausgebrochen ist. 

Zudem wird grade das Krankenhaus umstrukturiert und ich weiss gar nicht, wo ich in einem halben Jahr arbeiten werde. Ja, ich war beschäftigt, mit allem. Nur nicht damit, dass mein Vater gestorben ist.

01.03.2012 um 23:47 Uhr

Heute

von: Ryan

Ich verdränge noch. Ich konnte heute Nacht nicht schlafen, bin aufgestanden, hab 100 Seiten heute Nacht gelesen, bin irgendwann dann doch eingeschlafen, viel zu früh wieder aufgewacht, zur Arbeit, viel zu spät noch Hause und in ein paar Stunden muss ich schon wieder arbeiten. Und zwischendurch noch ein paar Stunden Schlaf bekommen.

Ich fühl noch nix. Ich hab vorhin angerufen, ein paar schlimme Details erfahren. Alle sind unter Schock. Keiner weiss, was noch kommen soll. Keiner kann sich mit der Beerdinung auseinandersetzen. Wann, wo, keiner kann mir was sagen. 

Ich kann auch nix sagen. Ich hab auf Arbeit nichts gesagt - ich hab Angst Sonderurlaub zu bekommen für einen Mann, den ich kaum gekannt habe. Wenn ich frei hätte, würde ich mich verpflichtet fühlen zu diesem total fremden Teil meiner Familie zu fliegen. So kann ich arbeiten, bin beschäftigt. Und ich kann viel arbeiten - ich hab noch 9 Schichten vor mir, bevor ich frei hab und in die Verlegenheit komme nachzudenken. Auf Arbeit sind grade so unendlich viele andere Dinge, mit denen ich mich beschäftigen muss, organisieren, planen.

Steffi ist mit einer Freundin vorhin auf die Reeperbahn gefahren, feiern.  Ich hab´s ihr auch noch nicht gesagt.

01.03.2012 um 00:24 Uhr

29. Februar 2012

von: Ryan

Ich war heute Abend mit Freunden was trinken. Freunde, die auch auch im Krankenhaus/Pflegeheimen arbeiten. Wir haben uns unterhalten und rausgefunden, dass im Moment eine Zeit ist, in der überdurchschnittliche viele sterben. Ein beiläufiges Gesprächsthema unter Menschen, die viel mit dem Tod zu tun haben.

Als ich nach Hause kam, dann die Nachricht: Mein Vater ist gestorben. Heute. Herzinfarkt.

Und das einzige woran ich denken kann, ist dass ich morgen arbeiten muss und woran ich alles denken und noch erledigen muss.