Boys don´t cry

13.09.2012 um 02:58 Uhr

Ryan, der Vegetarier

von: Ryan

Musik: Florence & the Maschine - Between two Lungs

Ich bin Vegetarier - seit ... ich muss überlegen ... 3 oder 4 Monate müssten es jetzt sein. Ich gehe damit nicht hausieren. Hallo, hört, hört, Ryan ist VEGETARIER! Ihr alle seid schlecht weil ihr noch Fleisch esst. Hört, hört, ich bin VEGETARIER!! Nein das mache ich nicht, ich beschmeisse die Fleischtheke im Edeka nicht mit Farbbeuteln, das war eher eine persönliche Entscheidung.

Ich höre immer die Frage: "Wie isses gekommen? Du hast doch letztens beim Grillen noch Würstchen gegessen?" Ja, das hab ich wohl. Ich saß abends vorm Fernseher, und Steffi und ich haben eine Reportage über Indier gesehen (haben bestimmt ganz viele von euch auch), über die unterste Kaste, die super arm sind. Ich glaube, diese indischen Männer und Frauen war es nicht gestattet aufgrund ihrer Kaste etwas wie Reis oder Getreide anzubauen, also sind sie auf die Felder Reisbauer und haben die Ratte ausgeräuchert und sich von denen ernährt. Und von dem Reis, den die Ratten in ihren Bau gesammelt hatten.

Und das fand ich abgrundtief schlimm. Dazu muss ich vielleicht erklären, dass ich seit Jahren stolzer Rattenhalter bin. Wir haben in unserer Wohnung einen riesengroße Käfig mit mittlerweile 6 Ratten. Alle haben Namen, 4 sind so zahm, dass sie mir sofort auf den Arm oder die Schulter springen, wenn ich die Käfigtür öffne. Ich hab Ratten seitdem ich 16 bin. Meine jetztigen hab ich seit Anfang des Jahres, sie waren so winzig als ich sie gekauft hab. Alles meine Babys. Ja, ich weiss, viele Menschen finden Ratten eklig. Ich finde, es sind beeindruckende Tier. Intelligent, jede meiner Ratten hat seinen eigenen Charakter. Eine benutzt mich als Klettergerüst, eine andere krabbelt sofort in eine Kleidungsniesche und bleibt da sitzen. Eine beisst, sie hasst mich, aber das ist okay, das ist unsere Beziehung zueinander. Eine Ratte gehört Steffi, sie war erst gegen Haustiere. Aber ich hab dann gesagt, sie kann sich auch eine aussuchen und die gehört dann ihr. "Äh, bin ich ein Kleinkind, oder was?" Aber als wir dann beim Züchter standen, kam von Steffi: "Die da, das soll meine sein!" - "Ach, du bist kein Kleinkind?" - "Ich will die, die ist am allerniedlichsten!" Steffi hat ihre Marla getauft. Manchmal steht sie vorm Käfig, schaut den Ratten bei ihrem Rangkämpfen zu und sagt so Sachen wie "Go Marla, go Marla, go Marla!"

Um´s kurz zu machen, mir war unbegreiflich wie Menschen Tiere essen können, die ich als Haustiere und Lebensgefährten beherberge. Und dann kam mir der Gedanke, wie kann ich Tiere essen, die diesen Menschen heilig sind (Kühe, für alle die es nicht wissen). Und wo ist der Unterschied zwischen Rattenfleisch, Kuhfleisch, Hundefleisch oder gar Menschenfleisch? Und das Erschreckende: Es gibt keinen Unterschied. Fleisch ist Fleisch.

Ich muss dazu sagen, ich war nie der große Fleischesser. Ich mag Würstchen, aber mehr als 3 kann ich nicht essen, dann hab ich den Geschmack über. Steaks mag ich nicht. Mochte ich noch nie. Ich hab als Kind schon angefangen zu würgen, wenn ich auf einen Fleischknorbel gebissen hab. Es gibt nix ekelhafteres für mich als Knorbel.  Deswegen meide ich seitdem ich denken kann Schweine- und Kuhsteaks. Wenn Steffi und ich essen gegangen sind, hat sie meistens Rindersteaks bestellt (oh wir haben so eine gutes Steakshaus um die Ecke) und ich bin dann meistens bei Pute oder Hähnchen geblieben. Geflügelfleisch mochte ich echt gerne. Ich hab eigentlich immer versucht auf Geflügel umzusteigen, weil - ist gesünder. Geflügeldöner, Geflügelwurst - das war so auf meinem Einkaufszettel.

Seit Anfang des Jahres versuch ich schon auf Eier zu verzichten. Wenn überhaupt dann Bio-Eier. Ach, die sind so teuer, aber auch diese Idee entstammte dem Fernsehen. Ich hab gesehen, dass männliche Küken vergast oder geschreddert werden. Wieder panischer Blick zum Fernseher, entsetzte Frage: "Warum wusste ich das nicht?!" Und dann die Entscheidung keine Eier mehr zu essen, bzw. zuerst nicht mehr zu kaufen. Ich will das mit meinem Geld nicht unterstützen.

Anfangs wollte ich nur kein Fleisch mehr essen wegen den Ratten aus Indien, die regelmäßig zu Suppe verarbeitet werden. Aber dann war mein Hunger auf ´nen Cheeseburger nach ´nem harten Spätdienst größer. Cheeseburger fehlen mir besonders muss ich zugeben. Aber ich hab mich dann über Massentierhaltung in Deutschland ein wenig schlau gemacht. Ich war auch echt so klever mir zu überlegen, nur auf rotes Fleisch zu verzichten so alla: "Hühner und Fische sind so doof, die ham´s irgendwie verdient zu sterben und gegessen zu werden. Kühe und Schweine haben sicherliche eine Seele, aber Hühner picken ja nur den ganzen Tag." Nein, falsch.

Ich hab sicherlich 3-4 Bücher gelesen zu Massentierhaltungen - und die Geflügelhaltung ist ja fast die Schlimmste, stellte sich heraus. Dann hab ich mich angefangen mit Vegetariern auseinander zu setzen. Freunde und Bekannte, die es nun mal sind, aber die man immer belächelt hat. Wenn die abends angetrunken anfingen über Massentierhaltung zu philosphieren, hab ich wie die meisten anderen Fleischessern abgeschaltet und nicht mehr richtig zugerhört. Immer diese militanten Vegetarier, Weltverbesserer, Ökos!!

Ich hab mich jetzt mit einigen auseinander gesetzt, unter anderen mit einer Freundin die Tierärztin ist. Und sie hat vorher echt gerne Fleisch gegessen und war die Lauteste, die "Scheiss Vegetarier!" gebrüllt hat. Und sie ist als Tierärztin in den "Bauernhöfen" gewesen, wo Kuh an Kuh steht und niemals Sonnenlicht sieht, wo sich die Puten halbtot treten, weil sie zuwenig Platz haben um alleine in der dunkeln Halle am Boden zu leben. Sie war in Schlachtbetrieben, wo völlig abgestumpfte Arbeiter halblebende Tiere zerteilen, die ihren Todestoss überlebt haben. Und grade diese Freundin, die sonst so kaltschnäuzig solchen "Ökos" gegenüber getreten ist (ich kenn sie mein halbes Leben lang, und sie war echt nie ein besonders mitfühlenden Mensch), sagte zu mir: "Mein Freund hat neulich Gulasch gekocht, ich konnte das nicht essen. Ich konnte es nicht. Ich glaube, ich kann nie wieder sein tolles Spezial-Gulasch essen."

Und nach solchen Gesprächen und einfach zu vielen Argumenten, warum man kein Fleisch essen sollte, kam die Entscheidung es nicht mehr zu tun. Ich möchte es nicht glorifizieren oder es als besonders Tugenhaft beschreiben, aber es ist wirklich so, als ob ich etwas nicht wahrhaben wollte, aber mich jetzt damit auseinander gesetzt habe. Nämlich das Thema Massentierhaltung. Jeder weiss es. Kühe produzieren irre viel Co2, von dem Getreide, was man an Rinder verfüttert könnte man ganze Landstriche vorm Verhungern retten. Ja, wir leben in einer Überfluss-Gesellschaft. Bestes Beispiel, wir schütten Lebensmittel in unseren Tank anstatt mal 5 oder 10 km mit dem Fahrrad zu fahren. Ich als führerscheinloser Fahrradfahrer darf das sagen. Ich hab seit über 2 Jahren nicht mal mehr ´ne Karte für den Bus, ich fahr echt bei jedem Wind und Wetter mit dem Rad - und das in verregneten Hamburg.

Ein Öko bin ich trotzdem nicht. Ich bin eher ein Pudding-Vegetarierer. Man unterstellt Vegetarierer ja immer gerne eine gesunde Nahrungszufuhr. Ja ... ich nicht ... nö ... ich esse Kartoffeln am liebsten in der frittieren Form. Pommes und Kroketten würde ich sofort jedem Gemüseauflauf vorziehen. 

Was für mich neu ist, seitdem ich mich gegen Fleisch entschieden hab, ich latsche ab und an in Bio-Läden rum, in der hoffnungsvollen Suche nach pflanzlichen (von mir aus auch chemischen) Fleischersatz. Aber ich finde nix. Ich hab mich zwischendurch an Tofu versucht ... boah, Tufo, mein Hass-Wort 2012. Ich hasse Tofu. Es schmeckt nicht. Unwissender Weise dachte ich wirklich, Tofu würde nach Fleisch schmecken. Wieso gibt es nichts, was halbwegs den Fleischgeschmack imitieren kann?  Tofo-Salami, die nach Salami schmeckt und nicht nach Tofu? Steffi und ich sind grade viel am ausprobieren, immerhin bin ich der Koch in der Familie, Steffi isst weiterhin Fleisch. Ich bin ja tolerant, ihr Schnitzel darf sogar neben meiner Aubergine in der Pfanne brutzeln. Aber Steffi isst deutlich weniger Fleisch, weil ich eben öfter die Entscheidung über das Essen fälle, was ich eben koche. Ich koche viel mit Gemüse-Pattis, Gemüsesticks gibt es anstatt Fischstäbchen, vegetarisches Pilz-Schnitzel anstatt Putenschnitzel. Anstatt Hackfleisch in der Lauchsuppe schwimmt bei uns jetzt was vegetarisches names "Schnetzel" drin rum. Macht´s gehaltvoller wegen Eiweiss und so, aber ich glaub ich lass das Zeug bald raus, das schmeckt nämlich nach nix. 

Ganz, ganz super strenger Vegetarier bin ich auch nicht. Das Allereinzigste was ich mir noch gönne, um nicht ganz die Lust am Essen zu verlieren ist ein wenig Fisch. Ich hab früher viel Fisch gegessen, weil ist ja gesund und so. Ich hab meinen Fischkosum "nur" stark reduziert. Ganz ab und zu Sushi mit Lachs und Tuna. Alle 6 Wochen wenn´s hoch kommt. Sonst gar nicht, auch keine Fischstäbchen - und ich liebe Fischstäbchen. Schön Zitronensaft drauf, schön knusprig mit Kartoffelbrei und Spinat ... 

Ich muss sagen, am Anfang hab ich gar nicht so mitbekommen was Vegetarismus so bedeutet. Aber mit der Zeit merke ich die Entbehrungen. Neulich kam ich ziemlich spät in die Kantine im Krankenhaus, hatte wirklich Hunger und die Küchenfee sagte sowas wie: "Ryan, ich will ehrlich sein, ich kann dir Joghurt anbieten. Wir hatten heute nur Gerichte mit Fleisch und die Beilagen sind leer." - "Okay, 4 Becher Joghurt?" - "Ryan, es sind nur noch 2 da." (ich war echt spät dran) - "Gut, dann nehme ich die beiden." Früher, als ich noch Fleisch gegessen hab, hätte ich die restlichen 4 Würstchen gegessen.

Man ist echt eingeschränkt. Wenn ich jetzt essen gehe, brauche ich die Fleisch-Kategorien auf einer Speisekarte nicht lesen. Fällt alles raus. Neulich war ich echt sauer. Steffi und ich wollten schön essen in einem Restaurant, was wir nicht kannten und es gab - und ich übertreibe nicht - es gab nur 3 Gerichte ohne Fleisch auf einer 25-Gerichte-Speisekarte. Steffi hatte eines der bestens Steaks ihres Lebens (nach ihrere Aussage) und ich hab lustlos in meinem Salatteller rumgestochert. Wenn es zum Salat wenigstens gutes Brot geben würde, aber nein, es ist immer dieses furchtbare 20 Cent-Aufback-Baguett.

Ich musste leider feststellen, dass Restaurants generell unflexibell sind. Anstatt Pommes Bratkartoffeln zu bekommen ist meist kein Problem, aber ein Burger ohne Fleisch überfordert alle. Ich mochte in einem meiner Lieblings-Lokalitäten immer den Burger. Und ich hab´s echt versucht: "Ich möchte so gerne euren Cheeseburger, aber ich ess kein Fleisch mehr. Kann ich den ohne haben?" - Bedienung: "Hä, wie soll das denn gehen?" - "Ich nehm den Burger, aber ihr lasst das Fleisch einfach weg. Leg auf das untere Brötchen einfach die Scheibe Käse, Salat, Burgersauce, oberes Brötchen. Ich bezahle auch den vollen Preis als wenn da Fleisch drauf wäre." Und dann die Antwort die ich liebe: "Das können wir nicht machen." Warum nicht??!! "Also entweder sie nehmen den Burger mit Fleisch oder die Gemüsepfanne." Unflexibilität ist auch so typisch Deutschland.

Richtig leid tat´s mir neulich für meine Oma. Sie hatte meine Brüder und mich eingeladen zu ´ner Feier. Büffett, super schön angerichtet. Bestimmt 30 Leute, wenn nicht sogar mehr bei meiner kleinen Oma in ihrer kleinen Wohnung. Und Essen ist ja alles für die Kriegsgeneration. Und es gab so Sachen wie Kartoffel- und Nudelsalat natürlich mit Fleischwurst. Kartoffelsuppe mit Mettenden, Frikadellen, Würstchen im Speckmantel, Würstchen im Blätterteigmantel und so weiter und so fort. Steffi stand gleich als erste am Büffet und ich wusste, dass meine Oma selbst das Brot mit Speck anbrät. Dann kam Oma ganz besorgt an: "Junge, warum isst du nicht, bist du krank?" - "Nee Oma, ich kann das alles nicht essen, ich bin Vegetarier." Und es ist so grausam den traurigen Blick seiner eigene Oma zu sehen. Ich hätte auch sagen können: "Oma, dein Essen schmeckt scheisse, ich ess davon NIX!" Sie hätte genauso geguckt, und sich wahrscheinlich genauso gefühlt. Ich hätte natürlich auch so ein Würstchen essen können, Oma sagen, wie furchtbar gut sie gekocht hat und alles wäre in bester Ordnung gewesen. Aber das geht nicht.  Stattdessen ist Oma mit mir an der Hand durch die Küche gestapft und hat krampfhaft nach Lebensmittel gesucht, damit sie mich fleischlos satt bekommt. Und das Ende vom Lied war, dass Oma sich nochmal 15 Minuten an den Herd gestellt hat, um mir Zuckernudeln zu kochen, ich die ganze Zeit neben ihr stand, sowas sagte wie: "Das muss nicht sein, ich ess den Nudelnsalat, ich geb Steffi oder Christopher die Wurststücke." und Oma trotz größer Vorbereitung 20 Minuten ihrer Feier verpasst hat, nur weil sie sich genötigt fühlte mir ein vegetarisches Gericht zuzubereiten. Und das langfristige Dilmma: Ich weiss jetzt schon, was ich bei jeder Familienfeier zu essen bekomme: Zuckernudeln. Die anderen essen Bratkartoffeln mit Speck, Rotwein-Sauce, gedünsten Brokkoli und ein Stück Lammfilet - und ich bekomme eine Teller mit Nudeln, triefend vor Butter, überstreut mit weissem Rohrzucker. "Ryan, nimmst du zu deinen Nudel Wasser?" - "Nee, ich hätte gerne auch Rotwein." - "Aber das passt nicht zu deinen Nudeln." - "Ich weiss, ich nehm trotzdem Wein, randvoll das Glas, vielen Dank."

Es ist nicht leicht, aber ich denke trotzdem, das es das wert ist. Mein Bruder fing zum Beispiel an zu diskutieren: "Also wir essen nur fair-trade Fleisch. Wir fahren einmal die Woche zum Bio-Bauernhof nach xy-Arsch-der-Heide, da werden nur glückliche Küche geschlachtet." Ja, aber er isst trotzdem Mett-Brötchen vom Kiosk und Grützwurst von Oma. Das ist nicht fair-trade. Und halbwegs akzeptable Schlachtmethoden gibt es auch noch nicht. Egal ob die Kühe vorher glücklich waren oder nicht. Aber ich hab nicht vor jemand zu sein, der dauernd diskutiert oder Nachts in Massentierbetriebe einbricht und Mörder auf deren Viehställe schmiert. Nein, ich will nur jemand sein, der diese Konzertmaschinerie mit seinem Geld nicht unterstützt. Auch wenn das heisst auf Familienfeiern Zuckernudeln zu essen zu bekommen anstatt Bratkartoffeln.

Im Moment bin ich noch in einer Phase, in der ich noch sehr genau weiss wie köstlich Fleisch ist. Nach ´nem besonders harten Nachtdienst hab ich häufig frisches Mett vom Fleischer geholt. Und das mit frischen, noch warmen Brötchen, Zwiebeln und Pfeffer - geil. Geflügelwürstchen einer gewissen bekannten Marke, hab ich sehr häufig als Snack genutzt. Oder wenn ich betrunken von einer Party kam, hab ich mir diese "Toast-Don´t call it Schnitzel" Dinger gemacht. Hot-Dogs, Cheeseburger, Mettenden mit Grünkohl. Oma´s Grützwurst. Putensteaks mit Kräuterbutter, Flammenkuchen mit Speck. Alles Dinge, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Alles Dinge, die ich unglaublich gerne mag - aber nicht esse. Und das finde ich gut.

12.09.2012 um 23:36 Uhr

ALLES nervt

von: Ryan

Musik: Billy Talent - Dead Silence

Da bin ich wieder - lange nichts geschrieben, aber viel gewesen. Wo fang ich an?

Die letzten Tage waren eine einzige Katastrophe, überarbeitet, erschöpft, depressiv. Arbeiten macht echt keinen Spaß mehr. Ich mag meine Station total gerne, ich mag die Leute, ich mag die Atmosophäre. Aber alles andere hasse ich. Es ist nichts da, wegen jede, Absaugkatheter latsche mir die Haken ab. Erst Station A - hat ihn nicht - Station B klugscheisst rum: "Warum bist du nicht auf Station A gegangen." - "Da komm ich her, du Pappnase!!" - zuletzt die Psychiatrien: "Absaug-waaaahaaas?" Es nervt, jeden Tag das Gleiche. Und alles nur für´s Geld. Schnell, schnell mit immer weniger Geld. Und in jede Ecke wird noch ein Bett gebaut, denn jeder Patient bringt Geld. Sitzecke weggebaut, eine tragbare Wand davor gestellt und man nannte es neues Patientenzimmer. Ätzend. Und die Patienten merken das auch: "Äh, Pfleger, das ist ´ne Ecke, kein Zimmer." - "Ich weiss." - "Da soll ich nicht schlafen oder?" - "Es tut mir leid ..." Immerzu entschuldige ich mich für meine Geschäftsführung. Für Dinge, für die ich nichts kann. 

Dann eine neue Kollegin nervt mich unendlich. Sie ist sehr jung, Anfang 20, vor nicht mal 6 Monaten Examen gemacht und lehnt sich gegen alle auf: "Aber ich hab mich dagegen entschieden das so zu machen, wie wir es immer machen." Und ich stehe mit weitaufgerissenen Augen daneben und denk mir: "Warum macht die so ´ne Scheisse?!" Es geht nicht um unnütze, einfahrene Strukturen, sondern um solche die Wichtig sind, wie zum Beispiel um 5.30 einen Parkinson-Patienten zu wecken, damit der seine Medis nimmt. Wenn der die später nimmt, ist der den ganzen Vormittag und Mittag zu nix zu gebrauchen. Nein, Fräulein guckt lieber ihren Film im Nachtdienst zuende als zu arbeiten. Oder so Sachen wie Akten verlängern: "Ich hab mich dagegen entschieden, es gibt ja auch noch einen weiteren Dienst, der das machen kann!" Zwischendurch bin ich richtig ausgerastet und hab der so wütende Ansagen gemacht wie: "Noch so ein Ding und ich reiss dir den Kopf persönlich ab!" Komischer Weise mag sie mich trotzdem - oberätzend.

Bewerbungen laufen schleppend. Ich hab einige geschrieben, aber niemand meldet sich. Ich sehe mich schon sterben in dem Drecksladen. Ich dachte wirklich, alle würden sich um mich reissen. Ich bin jung, männlich (ich kann nicht schwanger werden), ich habe lange stationäre Erfahrung, ich bin fit und lernwillig. Immerhin bin ich ein Mensch, der nur sieht, welche Diagnose der Patient hat und fange sofort mit den Massnahmen an, ohne das eine Arzt nur eine Piep gesagt hat. Eine unserer Oberärztinnen liebt mich dafür abgöttisch. Ich geniess wirklich einen sehr hohen Status da, wo ich jetzt bin. Zum Beispiel hatte ich mit der Oberärztin zusammen Reanimationstraining und ich habe verbissen der Rea-Puppe versucht einen Tubus zu schieben. Das ist eigentlich Arzt-Aufgabe. Mittlerweile hab ich schon drei erfolgreich bei Menschen gelegt, dank der Oberärztin, die mich dazu bestellt hat und augenzwinkernd sagte: "Zeig mal was du kannst."

Ja, ich langweilige mich auf Arbeit. Es ist unbefriedigender Stress. Blutdruckmessen, waschen, Patienten wiegen, Frühstück verteilen, bei der Visite dabei laufen, dies und jenes erledigen zwischen durch, also Patientenwünsche "Ich möchte ´ne Zeitung", dann Aufnahmen, Aufnahmen, Aufnahmen, Medis verteilen, Windeln wechseln ... ich gehe soweit zu sagen, dass ich Herzstillstände herbei sehne, weil dann mal was anderes passiert. Ich werde endlich gefordert. Alles andere hab ich schon 500mal gemacht, wenn nicht sogar öfter. Es gibt nichts, worauf ich nicht reagieren kann oder alleine fertig werde. Letzte Woche kam eine übergwichtige Frau keuchelnd im Nachtdienst aus ihrem Zimmer und brüllte: "Ich kriege keine Luft!" Ich hab sie auf ´nen Stuhl gesetzt, mich selbst gegenüber, "Luftmesser" angeschlossen und je länger sie da saß und mit mir redet, verschwand die blaue Hautfarbe, wurde wieder rosig und die "Luft" im Gerät stieg auf ein Normallevel an. Ich ruf bei so ´nem Kram nicht mal mehr ´nen Arzt an. Die Ärzte wissen auch mittlerweile, wenn ich Dienst hab, fang besser an zu rennen, wenn ICH anrufe. Das ist es nämlich ernst. Alles andere krieg ich alleine geregelt.

Ja, das ist mein guter Ruf. Irgendwie auch Narrenfreiheit. Vielleicht bin ich deswegen so zögerlich mit Bewerbungen. Die anderen Krankenhäuser wissen ja nicht wie gut ich bin - ist bestimmt nicht gut, wenn ich gleich so über die Strenge schlage. Meine Verlobte sagte, das ist ein Vorwand, weil ich Angst vor Veränderung habe. Stimmt.

Im Moment ist so´ne Phase, in der ich eh so eingefahren und unglücklich bin. Ich nehme mir vor etwas zu verändern, ein Buch zu lesen zum Beispiel, nur mal so - und schaff´s nicht. Ich komm von der Arbeit, dann mach ich unseren Tieren was zu essen, putze etwas, gehe einkaufen, mache uns was zu essen. Wäsche zwischendurch und schwuppdiwupp sitze ich abends auf der Couch und hab kein Buch gelesen.

Steffi nervt mich im Moment auch irre an. Im Moment haben wir den Plan, wir wollen grün. Wir möchten eine Erdgeschoss-Wohnung mit Garten, Terrasse oder sowas. Und ich will einen Hund. Nachdem ich den Hund meines Bruders eine Woche hüten durfte, als der mit seiner Familie in Urlaub geflogen ist, möchte ich einen Hund. Spazieren gehen, einen Kumpel haben, der sich freut wenn ich nach Hause komme. Ich liebe Hunde, absoluter Hundemensch. Kein Welpe ist vor mich sicher. Und jetzt, wo wir uns nach einer neuen Wohnung umsehen, fängt Steffi immer an von Haus kaufen. Steffi will ein Haus kaufen, weil - und jetzt kommt´s - wir die Miete, die wir zahlen ja auch besser in eine eigenes Haus investieren können. Da hat sie irgendwie recht. Aber ich will mich noch nicht soweit binden. Ein Haus bedeutet Verantwortung, jahrzehnte lange Verschuldung mit ´nem Kredit, Bindung an einen Platz - und das Schönste: Wer macht die Anzahlung? Steffi nicht. Die hat kein Geld. Steffi kann einfach nicht mit Geld umgehen. Sie sieht 200 € Überschuss auf ihrem Konto und denkt sich sofort: "Oh, was kann ich mir davon bloss kaufen?!" und Ryan, der Depp, hortet sein Geld brav zusammen. Oberste Bedingung bei einer Heirat: getrennte Konten.

Das heisst nicht, dass ich ein Geizhals bin. Ich möchte gerne in unsere Zukunft finanzieren. Aber wenn ich mich in unserer Wohnung umsehe, sehe ich einen Tisch und ein Besteckset von ihr. Den Rest inklusive Kaution kam von meinen Konto. Ich bin da nicht böse drum, ich hab das gerne für unsere gemeinsame Wohnung gezahlt. Ich wollte eine Bett für uns, ich wollte einen großen Fernseher für uns, ich wollte ein großes Bücherregal, ich wollte das wir eine schöne Couch haben.

Mein Problem ist eher, das Steffi Pläne macht, die ich nicht will. Vor ein paar Tage erzählte sie was von großem Grundstück mit Hühnern. Und da ist das Problem: Steffi will ländlich wohnen, Rand von Hamburg. Ich will unbedingt zentral bleiben. Ich könnte auch glücklich werden, wenn ich mein ganzes Leben lang in einer Mietswohnung bleibe. Ich denke auch grade gar nicht so weit. Mein nächster Lebensschritt ist eine Wohnung mit Garten und mein Hund. Die Heirat noch. Sonst nichts. Alles kann, nichts muss. Nein, Steffi ist da anders: "Aber ich will mal so gerne meine eigenen Bio-Eier essen." - "Schatz, aber weiss du denn, was Hühner im Unterhalt kosten?" - "Ja nix, meine Oma hatte Hühner und die haben das Gras von der Wiese gefressen!" - "Schatz, meine Oma hatte auch Hühner, und innerhalb von 2 Wochen war da kein Gras mehr, was die fressen könnten!" - "Ja, dann kriegen die, was wir vom Abendessen übrig lassen!" - "Die brauchen Hühnerfutter, und wöchentlich frisches Stroh und im Winter muss man die mit Hafer füttern." - "Nein, Ryan, meine Oma hatte Hühner und ich weiss wie das läuft! Die sind günstig!" - "Meine Oma hatte auch Hühner, und es ist günstiger Bio-Eier zu kaufen!" und so geht die Diskussion bis open-end weiter. Gestern Abend saßen wir beim Italiener und Steffi fing von ihrer eigenen Bio-Kuh names Berta an. "Und stell dir doch mal vor, du wäscht grade das Geschirr ab und Berta stubbst mit der Nase ans Küchenfenster, weil sie weiss dass ich zu streng bin, um ihr ein Leckerlie zu geben, aber du mein Schatz, du bist derjenige, den die Tiere alle viel lieber mögen. Und Berta krieg bei dir immer aus dem Küchenfenster ein Leckerchen rausgereicht. Stell dir das mal vor Ryan, wie schön wäre das?!" Ich will das nicht, das ist nicht meine Zukunft. Ich bin ein Grosstadtmensch. Ich will keine Kuh, ich will keine Hühner, ich will nicht am Arsch der Heide wohnen. Ich will nicht jeden morgen um 6.00 aufstehen, um alle Tiere zu füttern. Nein, das bin nicht ich. Ich will keinen Bauerhof, da ist es immer schmutzig. Bauernhof für ne Woche Urlaub ist okay, aber nicht für immer. No Way!

Und ich muss dazu sagen, ich bin - nein, besser gesagt, ich will ein entspannter Mensch sind. Ich hasse aggressive, aufbrausende Menschen. Das ist auch eins meiner großen Probleme, dass ich meine Wut unterdrückte. Sie macht mich wütend, ich schluck es runter und sammel es, solange bis ich unzufrieden und tottraurig bin. Gestern nicht. Ich bin fast geplatzt. Steffi wieder weiter mit ihrem Bauerhof: "Aber ich habe eine Arbeitskollegin, die hat mit ihrem Mann jetzt einen Bauernhof, einen ganz kleinen, aber die fahren wir morgen besuchen. Zum Frühstück!" - "Steffi, ich will das nicht." - "Doch, doch. Oder lieber abends? Dann kannst du mit ihrem Mann ein Bier trinken? da kannst du auf den Gemüsegarten schauen!" - "Steffi, nein, ich will das nicht." - "Doch, das machen wir, warte ich ruf mal an." Und in dem Moment, wo Mäuschen schon das Telefon am Ohr hatte, hab ich echt auf´n Tisch gehauen und ihr angedroht gleich so heftig auszurasten, wie sie mich noch nie ausrasten sehen hat. Mitten im Restaurant vor allen Leuten. Und dann kam nur ein "Ich wusste nicht, dass du wütend bist." - "Doch ich bin irre wütend." - "Ich dachte, ich ärger dich nur ein bisschen."

Und genau das isses. Sie weiss nicht, wann Schluss ist. Steffi kriegt keinen Kompromis auf die Reihe. Vielleicht würde ich mich breit schlagen lassen, aus dem Zentrum raus an den Rand nach Hamburg, aber noch dort, wo die U-Bahn fährt. Ein mittelgroßes Grundstück, wo man 3 Hühner halten kann - aber sie kommt dann gleich mit Schafen, Kuh Berta und Pferden zum reiten. Sie ist da auch nicht realistisch, wir können froh sein, wenn wir den Kredit abbezahlen können. Wir verdienen nicht viel in unserem Job. Sie ist ja jetzt schon jeden Monat blank mit ihren derzeitigen Ausgaben. Vielleicht bin ich auch einfach zu hart und realistisch, und im Moment zu negativ eingestellt, aber wie will sie denn eine Kuh finanzieren? "Wir können die Milch doch verkaufen." - "Stellst du dich dann 12 Stunden an den Straßenrand?!" - "Nee, die Leute finden unsere Milch so lecker, dass sie viel bezahlen werden." - "Klaust du neuerdings Medikamente auf Arbeit?!!"

Sie macht mich irre, wir führen nur solche dumme Diskussion, die zu nix führen. Und ich glaube, sie meint das noch nicht mal alles komplett ernst. Ich glaube, sie würde schon gerne, aber sie möchte wissen, wie weit ich mit ziehen würde. Ich glaube, ich mache morgen mal eine Ansage, sowas wie: "Wenn du in deinem Leben wirklich solche Ziele verfolgst, bin ich der Falsche. Dann verlass mich und melde dich bei Bauer sucht Frau an."

Ich merke jetzt erst beim schreiben, wie wütend ich bin. Ich hab mich Tage lang mit Symptomen wie Schwindel, Herzklopfen, Halsschmerzen, Unruhezuständen usw. durch die Gegend geschleppt. Ich dachte, ich kriege eine Angina, nein ich bin nur wütend. Ich bin immer wieder fasziniert, was die Psyche mit einem macht. Ich will nicht wütend sein, bin es aber, unterdrücke es und mein Körper rächt sich an mir.

Neuigkeiten gibt´s im übrigen auch in meinem Leben. Nachdem ich gemerkt habe, dass es mir wieder schlecht geht, muss ich mehr auf mich achten. Also wirklich ein Buch lesen, wenn ich es will. Einfach nur mal Musik hören. Ewig nicht gemacht. Ich schreib jetzt ab sofort, was ich beim Blog-schreiben gehört hab - das soll keine Wertung über die Musik sein, nur eben was ich gehört hab. Heute hab ich zum Beispiel in Billy Talent´s Dead Silence reingehört - hab ich mir heute gekauft, keine Ahnung, was ich davon halten soll, ich brauch immer ein bisschen bis ich mich "reingehört" hab.

Und ach ja, ich bin Vegetarier, auch neu. Ein blogfüllendes Thema, also mehr im nächsten Eintrag.