Boys don´t cry

23.11.2012 um 10:40 Uhr

Heile heile Gänschen ...

von: Ryan

Hand ist wieder zusammengewachsen, Fäden raus - nur noch ein paar blaue Flecken erinnern an meinen Unfall. Blöder Weise wurde ich gleich 2 Tage später total krank - Fieber, Husten, Schnupfen. Ist ja klar: bei Stress fährt das Immunsystem komplett runter und die Tore sind offen für alle Grippeviren der Welt.

Und jetzt ist fast alles wieder gut. Ich hab noch etwas Schnupfen, bisschen Husten nachts und nur ein Pflaster auf der Hand. Ich bin froh, dass bald wieder alles so ist wie vorher - ganz normaler Alltag. Ich freu mich sogar wieder auf´s Arbeiten. Dadurch, dass mich das Fieber ja eine Woche niederstreckte, kenne ich nun das komplette Fernsehprogramm zu jeder Tages- und Nachtzeit auswendig. Und irgendwann siehst du nur noch die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung. 

Natürlich kommt auch nicht nur Gutes im Fernsehen, ich hab viel Assi-TV gesehen, so möchte ich es mal nennen, wenn man dem Langzeit-Arbeitslosen Jeremy-Pascal bei seinem 10 minütigen Monolog zusieht, warum er leider nicht mal Vorstellungsgespräche wahrnehmen kann. Zumindest weiss ich jetzt wieder warum ich arbeiten gehen muss: 10 Tage Couch und Fernsehen waren echt anstrengend. 

Ich bin echt froh, dass ich mich nachts wieder umdrehen kann, ohne Angst zu haben mich auf eine schmerzende Prellung zu legen - und dass ich wieder selbstständig bin. Ich bin ja Rechtshänder - ich konnt kaum noch was. Die Chirurgin hat mir beim Nachkontrolltermin die halbe Hand geschient mit der Begründung: "Die Finger sind ja immer noch massiv blau und dick, die stellen wir jetzt für 10 Tage komplett ruhig." Erst wollte sie gibsen - aber nicht mit mir.

So hatte ich mal einen kleinen Vorgeschmack, wie es ist, wenn man eingeschränkt ist in seiner Selbstversorgung. Brotschmieren zum Beispiel ging gar nicht - du musst ja mit einer Hand das Brot festhalten, damit es nicht wegrutscht und mit der anderen Hand mit dem Messer schmieren - tja, also gabs ziemlich häufig Müsli für mich. Noch so ein halbes Kunststück: Duschen. Jeder der mal nen Gibs hatte, weiss was ich meine. Dusche an, drunter stellen und die rechte Hand irgendwie hochhalten, damit du zum einen nicht ausversehen dran kommst und zum zweiten die Schiene nicht nass wird. Die ersten drei Tage hab ich mich noch von Steffi rasieren lassen, danach hatte ich so Fieber, dass mir selbst das egal war.

Ansonsten muss ich sagen, psychisch hat der Unfall einiges mit mir gemacht. Eigentlich war es ja nur ein kleiner Unfall. Prellungen an Beinen, Hüfte, Finger und eine Platzwunde kann man verschmerzen. Und jetzt knapp 14 Tage später hab ich nur noch blaue Flecken, ein Pflaster, aber nichts was noch wehtut. Aber was mir durch den Kopf geistert: Es hätte auch ganz anders kommen können. Ich trage nie einen Helm beim Fahrradfahren, ich bin zu eitel. Meine Frisur geht kaputt und ich rechne ja auch nicht damit auf den Kopf zu fallen. Aber: es kann passieren. Eine Freundin von mir arbeitet auf einer Intensivstation für Polytrauma-Patienten. Das sind Patienten mit gebrochenen Schädeln, abgerissenen Gliedmaßnahmen und schlimmeres. Normalerweise kann ich mich super abgrenzen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt - ist eher interessant mit dem medizinischen Aspekt. Vor zwei Tagen waren wir Kaffeetrinken und mir wurde klar: ein bisschen weniger Glück und mein sehr kleiner Unfall, hätte ganz anders ausgehen können. Es hätte nur gereicht, dass ich ein bisschen anders gefallen wäre und ich hätte mir den Kopf gestossen - und dann wäre ich mit einer schweren Gehirnerschütterung noch glimpflich weggekommen. Ich fühl mich plötzlich sehr verwundbar - und sterblich. Das ist fast noch schlimmer. 

Also Normalo, wenn du nichts zu tun hast mit dem Sterben anderer Leute, denkt man nicht so drüber nach. Ich merke das Steffi. Auf ihrer Station stirbt alle 10 Jahre mal ein Patienten, ich hatte in einem Nachtdienst schon mal 4 Tote. Steffi macht sich über sowas keine Gedanken, ich schon. Ich glaub, ich steigere mich auch manchmal wirklich rein. Ich denke viel darüber nach, ob nach dem Tod noch was kommt oder ob es das dann war. Und ich bin mir nicht sicher. Früher war ich sehr von dieser Leben-nach-dem-Tod-Theorie überzeugt. Aber ich bin mir nicht mehr sicher. Und dieses "Ich bin dann weg, alles was mich ausgemacht hat, ist dann weg, keine Gedanken mehr, keine Gefühle und die Welt dreht sich weiter ohne mich" macht mir häufig sehr große Angst. Neulich hatte Steffi Nachtdienst, ich sass alleine zuhause vorm Fernseher und hab mir einen Zombiefilm angesehen. Zombiefilme find ich super, guck ich eigentlich ganz gerne - aber während die Gruppe der Überlebenden immer kleiner wurde und die Zombies sie immer mal wieder eingekreist hatten und eine schlimme Situation sich an die nächste reihte - und diese lebenden Toten und meine Gedankenkreisel bezüglich Leben und Sterben, waren irgendwann zuviel und ich bekam richtig ´ne dicke Panikattacke.

Um mich nicht vollends kirre zu machen, versuche ich solche Gedanken zu ignorieren. Was nützt es sich darum Sorgen zu machen? 

 

 

13.11.2012 um 14:57 Uhr

Grün und blau

von: Ryan

Urlaub, 4 Tage arbeiten, krankgeschrieben. Super Timing. Diesmal bin ich derjenige, der richtig leidet. Eigentlich schimpfe ich den ganzen Tag. Egal, ich bin so angefressen.

Was ist passiert? Ich hatte ´nen Unfall, Rückweg von der Arbeit. Eine Autofahrerin hatte falsch geparkt, ich wollte langsam am Auto vorbei mit dem Fahrrad - auf Höhe der Fahrertür reisst sie mit Schwung die Tür auf, und die hab ich volles Rohr mitgenommen. Ganz ätzende Nummer, meine rechte Seite ist blau und geprellt, weil ich die Tür abgekriegt hab, meine linke Seite ist ebenfalls blau, weil ich darauf gefallen bin. Ich weiss nachts trotz Schmerzmittel nicht wie ich liegen soll.

Die Frau war super erschrocken - und ich hatte eine ganz neue Selbsterfahrung: Ich stand total unter Schock. So schlimm hab ich das noch nie erlebt. Als ich vom Fahrrad gefallen bin, kam mir der Sturz unendlich lang vor. Während des Fallens dachte ich noch: "Scheisse, das wird gleich richtig, richtig wehtun." Ich hab die Frau sogar noch getröstet und ihr gesagt, dass es nicht so schlimm sei (sie hat so furchtbar geweint vor Schreck), hab mein Fahrrad kontrolliert ob irgendwas kaputt ist - und erst Minuten später ist mir aufgefallen, dass Blut auf der Strasse und meiner Hose ist. Ich hatte zwei Platzwunden an der Hand und das Blut lief mir die ganze Hand und den Arm runter während ich mein Fahrrad kontrolliert hab. Mir tat auch nix weh. Unfassbar. 

Mein Glück: Der Unfall war 30 Meter von einer Notaufnahme entfernt und weil die Hand doch ziemlich stark blutete, bin ich da mal hin gelaufen - nur mal kurz hin und fragen, ob das genäht werden muss. Alles kein Drama, tut ja nicht mal weh. Nochmal Glück: Auf dem Weg zur Notaufnahme kam mir eine meiner besten Freundinnen entgegen, die grad aufm Weg zum Auto war und dort arbeitete. Ich noch ganz fröhlich auf sie zur "Hey, was für ein Zufall dass wir uns sehen! Wie gehts deinem Mann und deinem Hund?" - Sie total entsetzt: "Wie siehst du denn aus?" - "Ach, hatte grad einen kleinen Unfall, ich dachte ich zeig die Hand mal ´nem Arzt in der ZNA." - "Ryan, du bist leichenblass, ich hol einen Rollstuhl, du klappst gleich ab." - "Ach, pah! Rollstuhl? Spinnst du?! Lass uns eine rauchen, bevor ich da reingehe, wer weiss wie lange ich warten muss." Ich hatte grad zwei Züge von der Zigarette genommen, da merkte ich: Oh, mir ist irgendwie sehr schwindelig, ein Rollstuhl ist doch nicht die schlechteste Idee.

Meine Freundin hat sich echt super lieb um mich gekümmert, hat alles ausgefüllt, weil ich nicht schreiben konnte, hat Steffi angerufen, mir was zum kühlen gebracht und mit dem Arzt gesprochen, dass ich keine 4 Stunden warten musste trotz knallvoller ZNA. Danach hat Steffi übernommen. 

Nochmal Glück: nix gebrochen. Wir saßen da zu dritt in der ZNA und wir alle drei: Oha, die Finger sehen aber komisch aus, da ist mindestens einer gebrochen. Nee, war aber nicht. Hand wurde genäht - ich kam mir beim Nähen vor wie das letzte Kleinkind. Ich hab zwar stillgehalten, aber musste Steffis Hand halten - an einer Stelle war die Lokalanästhesie nicht so gut angekommen und das waren die letzten zwei Stiche - lohnt sich ja wegen zwei Stichen nicht noch wegen Schmerzmittel zu picksen. 

Ja und jetzt sitz ich hier, krankgeschrieben. Ich muss Ende der Woche nochmal zum Chirurgen, Nähte kontrollieren lassen und die restlichen Verletzungen nachdokumentieren lassen. Wie gesagt: In der ZNA tut nix weh. Und zuhause bin ich um 5 Uhr morgens aufgewacht und bin vor Schmerzen fast durch die Decke gegangen. Die rechte Hand ist blau und dick, ich kann nur Daumen und Zeigefinger bewegen (Tippen klappt, Brot schmieren alleine nicht). Am rechten Oberschenkel und Knie hat ich den Abdruck der Autotürkante - linker Ellenbogen und Schulter sind geprellt und blau, da bin ich drauf gefallen, ebenso die linke Hüfte und Oberschenkel - ich weiss nachts nicht wie ich liegen soll trotz Schmerzmittel.

Nochmal Glück gehabt: Ich wollte an dem Tag unbedingt meine neue Winterjacke tragen, obwohl es zu warm war - ich bin mit T-Shirt und Winterjacke zur Arbeit gefahren. Hätte ich die nicht angehabt, hätte ich mir wahrscheinlich Schulter oder Ellenbogen gebrochen. Nochmehr Glück: Ich hatte keinen Helm auf und hab nix am Kopf abbekommen. Das war auch so Gedanke beim Fallen: Hoffentlich hau ich mir nicht den Kopf an.

Was auch echt fies ist: Ich hab an der Hand noch eine relativ tiefe Hautabschürfung, die Naht selber an den Fingern tut kaum weh, die Prellungen und die Schürfwunde sind so fies, das gibt eine große Narbe. Aber wenn die Haut weg ist, kann man ja nicht nähen.

Ja und jetzt sitz ich hier zuhause und mir ist schweinelangweilig. Ich weiss nicht, was ich tun soll. Ich kann ja auch recht wenig machen. Und den ganzen Tag nur lesen und fernsehen ist auch doof.  Ich nehm schon alle Pakete der Nachbarschaft an, weil ich wohl der einzige bin der zuhause rumhockt. Was macht noch so nervt ist, dass ich gehandicapt bin. Beim Duschen die Hand hochhalten und aufpassen, dass der Verband nicht nass wird und dass man keine Bewegung macht, die wehtut. Haarewaschen ging noch einhändig, aber beim Rasieren brauchte ich Hilfe - ich kann mich mit links nicht rasieren. Flaschen alleine aufdrehen kann ich nicht, ich kann kein Brot schmieren, Steffi muss mein Essen klein schneiden.

Noch ein letztes - ich muss Pause machen, ich verkrampf die geprellten Finger doch zu doll beim Tippen - heute ist Tag der Nettigkeit, und ich hab grad Strafanzeige gegen die Unfallverusacherin gestellt. Wollte ich eigentlich nicht, weil sie mir auch leid tat, aber mein Anwalt-Bruder sagte, ich muss das unbedingt machen.

 

08.11.2012 um 10:53 Uhr

Mein Bruder und die OP - Teil 2

von: Ryan

So, jetzt geht´s eigentlich um meine Mutter. Man muss dazu sagen, meine Mutter hat das Leiden dieser Welt mit all ihren Sorgen und Nöten ganz für sich alleine reserviert. Ich weiss, eigentlich sollte ich nicht so reden/schreiben oder mich über sowas aufregen, aber das hat sich echt aufgestaut.

Es geht einfach darum, dass mein Bruder eine große OP hatte, mein Bruder ist schwach, mein Bruder und seine Frau brauchen Hilfe und ich wollte meinem Bruder und seiner Frau und seinen Töchtern helfen. Und nicht meiner Mutter! So, was ist passiert? Meine Mutter war ja mal wieder auf psychiatrischer Kur ("Das hab ich so dringend gebraucht, Ryan, ich war schon wieder vööööllig fertig mit den Nerven, mir ging es sooo schlecht") und keiner hat verlangt, dass sie die abbricht. Wir haben alles ohne sich organisiert und alles war in trockenen Tüchern. Ich bin mit Sack und Pack bei meiner Schwägerin eingezogen am Montag, hab meine Nichten zum Kindergarten und zur Schule gebracht, war einkaufen, hab sauber gemacht, Wäsche usw. Abends kam meine Schwägerin von der Arbeit, wir waren gemeinsam bei meinem Bruder im Krankenhaus - alles war gut. 

Dienstag Morgen hat meine Mutter empört ohne Ende bei meiner Schwägerin angerufen, sie hält es nicht mehr aus auf Kur, sie muss sofort nach Hause kommen, sie muss alle unterstützen, ohne sie läuft ja nix. Gut, also hat meine Mutter ihre Kur abgebrochen, natürlich planmässig, dass sie am gleichen Tag wie mein Bruder nach Hause kommt - und mein Bruder lebt im gleichen Stadtteil wie meine Mutter - und meine Mutter war original eine Stunde vor meinem Bruder angekommen, hat sich auf die Couch gesetzt und dann ging das Theater los, es ginge ihr psychisch so schlecht. Die Sache mit der OP habe sie so mitgenommen, sie sei zu nichts mehr in der Lage. Katastrophe hoch 10. Und dann hatten wir Stress, also meine Schwägerin und ich, denn uns war sofort klar: Jetzt haben wir zwei Kranke. 

Und ich hatte wirklich die Hoffnung, dass meine Mutter sich nach einem Tag verkrümmelt - nein, es war schlimm. Es war echt schlimm. Meine Mutter hat sich auf die Couch gesetzt und ist nur abends wieder aufgestanden, um zum schlafen nach Hause zu gehen. Bei meinem Bruder war klar, dass er schwach ist, dass er nicht alleine kann. Er kann nicht 600 Meter gehen, um seine Töchter abzuholen, er kann nicht einkaufen gehen, er sollte sich auch ausruhen. Aber meine Mutter hat das gleich so aufgefasst, dass sie sich auch ausruhen soll. 

Ich weiss gar nicht wie ich das beschreiben soll, um deutlich zu machen was da los war: Ich frage meinen Bruder, was ich einkaufen soll - und augenblicklich quatscht meine Mutter dazwischen: "Wenn du schon gehst, kannst du mir bitte auch das und jenes mitbringen? Und du bringst es doch auch zu mir nach Hause?" Klar, sicher. Am Anfang hab ich noch alles gemacht. Wenn man schon mal geht ... und es liegt ja aufm Weg. Ich bin sogar zu meiner Mutter rüber und hab deren Wäsche gemacht - bis mir klar wurde: meine Mutter ist so stock depressiv, die macht schon länger nix mehr. Auch in den Wochen vor der Kur. Und meine kleine Schwester, die noch zuhause wohnt, ist entweder sau faul (was ich vermute) und angeblich auch stock depressiv. Ungelogen: ich hab in 2 Tagen 6 Maschinen Wäsche alleine bei meiner Mutter durchgekloppt.

Und dann ging´s weiter: "Ryan, wenn du schon drüben bist, kannst du kurz noch durchwischen?" Klar. "Ryan, wenn du nachher kochst, du denkst dran, dass du für mich und deine Schwester mitkochst?" Ja, selbstverständlich. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hab mich zusammengerissen, weil ich keine schlechte Stimmung machen wollte. Und es waren ja auch nicht meine eigenen 4 Wände, ich hätte meine Mutter sonst rausgeschmissen. Ungelogen, sobald sie wach war, war sie drüben, und ging erst gegen 22.00. Und sie wusste alles besser: "Ryan, dein Bruder soll kein Koffein! Er hatte eine Herz-OP!" - "Ich mache ihm einen Cappucchino!" - "Da ist Koffein drin!" - "Im Krankenhaus durfte ich morgens auch eine Tasse Kaffee trinken, wieso darf ich jetzt kein Koffein?" - "Das ist nicht gut für dein Herz!" - "Das ist nur Cappucchino und kein Espresso." - "Na gut, wenn ihr Jungs meint, ihr müsst Mike umbringen, dann will ich nichts gesagt haben!!!"

Oder noch so ein Thema: wann wird die Kleine ausm Kindergarten geholt? Meine Schwägerin sagt, sie hätten eine Zeit zwischen 12.00 und 16.00. Man muss nur aufpassen, dass man die Wochenzeit nicht so überstrapaziert. Einen Tag ist sie komplett zuhause bei mir geblieben, weil sie die Woche vorher bisschen zu lang im Kindergarten war. War alles abgeklärt. Und dann mischt sich meine Mutter ein: "Ryan, guck mal auf die Uhr." - "Es ist 12.30, was möchtest du mir damit sagen?" - "Ja Ryan, es ist schon 12.30 ... jetzt denk mal nach ... willst du Kleine gar nicht mehr ausm Kindergarten holen?" - "Doch, ich mach das hier nur noch eben fertig." - "Ryan, ich wollt nix sagen, aber du bist schon eine halbe Stunde drüber." - "Ich hatte geplant sie um 13.00 zu holen." - "Ryan, verlässlich sieht anders aus ..." - "Ich hab mit Sabrina besprochen, dass ich sie um 13.00 heute hole." - "Wenn ICH sie hole, hole ich sie immer um 12.00." - "Dann hol du sie doch, wenn du es so eilig hast. Dann kann ich hier in Ruhe Wäsche auffalten und kochen." - "Ryan, du weisst ganz genau wie krank ich bin!"

Und diese Diskussionen hatte ich non-stop an der Backe ... und immer wieder dieses "Ich bin sehr krank" ... blablabla ... sie hat folgende Diagnose bekommen in diesem Kuraufenthalt: depressive Episode. Ich möchte nichts abwerten, Depressionen sind eine sehr schlimme, ernstzunehmende Krankheit. Aber niemand der auf der Couch sitzt und non-stop meckert ist stock-depressiv!!!

Ich hab mich wirklich heftig zurück gehalten - und meine Schwägerin auch. Die war irgendwann auch massiv angenervt, aber sie wollte kein Machtwort sprechen, um keine schlechte Stimmung zu machen, Stress zu vermeiden, weil mein Bruder so angeschlagen war und meine Mutter hat extra die Kur abgebrochen hatte, damit sie "helfen" kann. Im Grunde genommen - sagen wir mal ganz klar wie es war - ich hatte zwei Haushalte an der Backe, den von meiner Mutter hab ich nämlich noch mitgemacht. Und als meine Schwester dann auch noch rüber kam, weil der alleine so langweilig war, ging gar nichts mehr. Meine Schwester ist nämlich mittlerweile von meiner Mutter so stark beeinflusst, dass die sich jetzt auch eien Depression einredet. "Depressionen sind nämlich vererbbar!" musste ich mich belehren lassen. 

Und wenn man soviel Zeit miteinander verbringt und soviel spricht, gibt es natürlich auch immer die Gelegenheit um noch mal allen Seelenmüll rauszulassen. Natürlich hatte meine Mutter kein leichtes Leben, aber das betraf die ganze Familie. Aber sie ist immer noch darüber hinweg, was für Abscheuchlichkeiten mein Stiefvater ihr angeblich angetan hat. Letztendlich hatte das erst ein Ende als er sie für eine andere Frau verlassen hat vor ein paar Jahren, aber sie stellt das immer so hin, als ob sie ihn rausgeworfen hat. Meiner Meinung nach würde dieser schreckliche Mann immer noch in meinem Elternhaus wohnen, wenn er nicht freiwillig gegangen wäre. Und mitten beim Essen holt meine Mutter die furchtbaren Geschichten raus, was mein Stiefvater ihr alles angetan hat, er hat sie sogar 2 mal geschlagen. Und da ist selbst meiner Schwägerin der Hals geplatzt, ist mitten beim Essen aufgestanden (Mutti erzählt schön weiter, die bekommt so zwischenmenschliche Sachen nicht so mit, gewollt oder ungewollt) und fragte ob ich kurz mit ihr raus gehe, weil´s ihr nicht gut ginge. 

Und draussen fragte Sabrina mich, ob das nicht auch ´ne Krankheit sei, wenn man verblendet durch´s Leben geht. Zum einen sitzen ja die wirklich jungen Enkelkinder am Tisch, die solche Horrorgeschichte nicht hören müssen - und zum zweiten drehte sich ja alles nur um meine Mutter. "Mir geht es schlecht, weil MIR das passiert ist." Es ist ja nicht so, dass uns anderen das nicht auch passiert ist. Mein Stiefvater hat Mike mit 16 vor die Tür gesetzt - meine Mutter hat zugelassen, dass der Mann dafür sorgt, dass ihr ältester Sohn abdachlos ist. Mit Chris hat er genau das gleiche abgezogen als der auch erst 17 war. Meine Mutter geht es so furchtbar, weil er zwei mal die Hand gegen sie erhoben hat, ich hab 3-4 mal die Woche was eingesteckt. Und nun fängt meine Schwester genauso an ... und dabei war sie immer die kleine Prinzessin. Meine Brüder waren die Kuckuckskinder und ich der Bastard, die nur so mit durchgefüttert werden mussten. 

Ich will niemanden absprechen, dass er/sie leidet oder wirklich schlimme Zeiten ertragen musste. Aber wie um Gottes Willen kann man sich so dermassen in seinem Seelenmüll wälzen und sich den ganzen Tag mit alten Geschichten runterziehen?? Und dann kommt ja auch nicht mal sowas wie: "Es tut mir leid, dass ich den Typen nicht früher rausgeschmissen hab." - Nee, wenn´s um unsere Rolle geht, kommt eher sowas wie: "Ich hatte mir ja immer Hilfe von meinen Söhnen erhofft, aber da kam nicht viel." Ja wie auch? Entweder wir waren zu Kinder oder hatten Hausverbot. Und ganz ehrlich, wenn jemand so tief in ´ner Co-Abhängigkeit und Opferrolle drinsteckt, kannst du nicht helfen.

Und ich glaube, das ist das Problem: meine Mutter hat keine anderen Indendität mehr als dieses arme Opfer meines Stiefvaters. Aber das kann man ihr auch nicht so direkt sagen. Das versteht sie auch nicht. Sie fasst alles als Angriff auf, also traut sich auch keiner mehr Kontra zu geben. Und wenn man Kritik äußert, geht gar nichts mehr.  Und diesen Eiertanz hab ich mir volle 6 Tage angetan.

Mein Bruder ist jetzt zur Herz-Reha, um wieder auf die Beine zu kommen und er schrieb mir gleich am ersten Tag: "Hi, bin gut angekommen, hab jetzt endlich Ruhe ;)"

08.11.2012 um 09:31 Uhr

Mein Bruder und die OP - Teil 1

von: Ryan

Lange nicht geschrieben - und es ist wirklich viel passiert. Ich wollte, aber zwischendurch zickte diese Internetplattform. Dann wollte ich - aber am Ende sah der Text aus wie Blablabla und wollte es nicht veröffentlichen.

Also, was ist passiert? Ich wurde gefragt, wie es meinem Bruder geht. Und JETZT kann ich sagen: wieder gut. Kaputte Herzklappe ist nicht unbedingt eine Diagnose, bei der man sagen kann wie sie kurzfristig verläuft. Und dann ging alles ganz schnell: Mein Bruder bekam eines Abends heftig Atemnot, Brustschmerzen - ab in die nächste Notaufnahme. Diagnose: Herzklappe hat sich komplett verabschiedet, OP dringend notwendig und das auch noch schnell. 

Krasse Situation. Er durfte nicht mehr das Krankenhaus verlassen, durfte nicht mehr nach Hause Sachen packen, OP so schnell wie möglich angesetzt. Das hat mich echt geschockt, als mein Bruder anrief, es war vormittags, ich war grade auf Arbeit, Frühdienst und er keuchte (er hatte zu dem Zeitpunkt wirklich fiese Atemnot und dementsprechend erschwerte Atmung) ins Telefon: "Ryan, ich will dass du mein Notfallkontakt bist. Wenn ich sterbe, will ich dass du es allen sagst!" was sagst du in dem Moment? Ich glaube, ich hab noch nie in meinem Leben so einen Anruf bekommen. Nachmittags bin ich gleich hin zu meinem Bruder ins Krankenhaus und der erklärte mir das dann so: Das Krankenhaus wollte, dass es nur einen Kontakt zur Familie gibt. Ist verständlich, weil für Krankenhäuser ist es extrem ätzend und aufwändig, wenn jeder Angehörige anruft und fragt: "Wie gehts meinem Vater/Mutter/Onkel?" Man wiederholt sich irgendwann zum 10ten Mal und fragt sich nur, warum spricht diese Familie nicht miteinander. Warum sollte seine Frau nicht sein Kontakt sein? Er hatte Angst, dass sie aus lauter Panik das "Mediziner-Chinesisch" nicht versteht und sich nicht traut nachzufragen. Und dann sagte er noch was, was ich ihm nicht zugetraut hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand der nicht grade so wie ich mit Schwerkranken oder Sterbenden arbeitet, so tiefgründig und weitreichend denkt, grade im Bezug auf sein vorzeitige Ableben. Er sagte sinngemäß: "Wenn was schief geht, bist du der Einzige, der den Arsch in der Hose hat den Stecker zu ziehen."

Bäääm - Verantwortungs-Betonklotz auf den Schultern. Aber das war okay. Ich glaube, mein Bruder wusste auch, dass ich der Einzige war, der diesen Klotz tragen konnte. Klar eigne ich mich großartig, weil ich selbst im Krankenhaus arbeite. Sicher ist das mein Bruder und nicht irgendwer, aber ich kenne einfach die nüchternen Fakten. Meine Mutter ist zwar auch Krankenschwester, aber die ist natürlich genau zu dem Zeitpunkt mal wieder auf einer ihrer psychosomatischen Kuren gewesen. Und die dreht immer komplett am Rad, wenn irgendwas schwieriges ansteht. Aber dazu später mehr - es könnte eine eigene Geschichte füllen.

Meine Schwägerin - also die Frau meines Bruders - war fix und fertig. Zum einen wegen der großen OP - und Schande über mein Haupt, Steffi und ich hatte lange Diskussionen, aber mein Bruder und ich haben sie angelogen. Wir haben ihr erzählt, die OP ist klein, alles nur Routine. Dauert maximal eine halbe Stunde. Winziger Schnitt, alte Herzklappe raus, neue rein, zumachen, fertig. Nein, die OP war ganz und gar nicht klein und das wussten wir vorher. Nur kurz die fiesen Fakten für die Nicht-Mediziner: Der komplette Brustkorb wird geöffnet, das Herz wird angehalten, weil man so große Eingriffe nicht am schlagenden Herz machen kann. Bei meinem Bruder hat über 3 Stunden sein Herz nicht geschlagen - mir selbst kommt das grade sehr unglaublich vor. Während der Operation gab es wohl Probleme, so dass die OP anstatt geplanten 3 Stunden über 5 dauerte, und er bekam zusätzlich noch einen Schrittmacher implantiert.

Noch so ein Problem für die Familie meines Bruders: Dadurch dass die OP so überraschend kam, wusste meine Schwägerin nicht was sie mit ihren beiden Töchtern machen sollte. Insgesamt haben sie 3 Töchter, die Älteste ist  26, lebt aber nicht in Hamburg, und die beiden Kleinen sind 8 und 5. Und meine Schwägerin hat trotz harter Umstände keinen Urlaub bekommen. Normaler Weise springt dann meine Mutter ein, aber die ist ja weit weg auf Kur. Und wenn es sowas wie göttliche Fügung gibt, dann hatten wir sie: denn ich hatte Urlaub und hab dann angeboten mich um meine Nichten und den Haushalt zu kümmern, um meine Schwägerin zu entlasten.

Ja und dann kam der OP-Tag, Gott sei Dank auch der vorletzte Tag vor meinem Urlaub. Eigentlich sollte das Krankenhaus anrufen sobald die OP vorbei ist und mir berichten wie es gelaufen ist. Ich hatte glücklicher Weise eine extrem stressige Schicht mit Reanimation und allen Katastrophen, die man sich so vorstellen kann. Dementsprechend war ich abgelenkt und hab mir keine Sorgen gemacht. Aber als mich mittags meine Schwägerin anrief und sagte, dass mein Bruder bereits nachts not-operiert werden musste, machte ich mir schon Sorgen. Und danach kamen echt harte Stunden - ich bin sogar mit Telefon auf´s Klo gegangen. Und als dann immer noch niemand um 17.00 angerufen hatten, bin ich nur noch panisch durch die Wohnung getigert. Mittlerweile hatten mich auch schon alle aus meiner Familie mindestens einmal angerufen, ob ich schon was weiss - ich hab wirklich extrem Sorgen gemacht. Steffi war auch noch bis 18.00 unterwegs - und ich konnte da nicht anrufen ohne sie. Ich wollte nicht alleine sein, wenn ich was wirklich schlimmes erfahre. ABER alles gut gelaufen. Er lag wie erwartet auf der Intensivstation, aber war bereits exturbiert, keine Atemnot, Vitalwerte alles spitze - ja, ich muss zugeben, da flossen einige Erleichterungs-Tränen.

Im Nachhinein muss ich sagen, war das Telefonat recht amüsant. Ich hab mit einem Pfleger telefoniert, der mir sagte wie es ihm geht und der Pfleger fragte dann, ob ich kurz mit meinem Bruder sprechen will und hat ihm das Telefon an´s Ohr gehalten. Und mein Bruder war zum einen noch super heiser wegen dem Tubus in seinem Hals und zum zweiten super high von den Medikamenten "Ryan, die sind alle so nett ..." - "Mike, nicht reden, ruh dich aus." - "Die sind alle so nett hier, die Schwestern ... und gut aussehenden sind die hier ..." - "Mike, alles okay, du hast es hinter dir, schlaf dich schön aus, ja?" - "Die sehen hier alle so gut aus, auch die Jungs ... Ryan, aber sag das nicht meinen Mädels zuhause ... so schöne Menschen ..." - "Ja Mike, jetzt schlaf schön und ruh dich aus, und red nicht soviel, schon deinen Hals." - "Hey Sie da, Sie sehen gut aus ... und Sie auch ..." Ich befürchte, dass die Intensivstation sich heute noch erinnert: "Könnt ihr euch an den Kerl erinnern, der uns alle so aussehend fand?"

Soviel zur OP - ich denke ich fang einen neuen Eintrag an, den alles weitere dreht sich mehr um meine Mutter als um meinen Bruder. Das ist ein eigenes Thema, und ich will die Einträge kürzer halten.