Boys don´t cry

26.04.2013 um 00:37 Uhr

Modeschmuck und schwule Chirurgen

von: Ryan

Woaaah, was für ein Tag - nachdem ich grade mal den Ausschlaftag hatte und dann gleich wieder in den Spätdienst einspringen konnte, weil´s unserer Schwangeren nicht gut ging, hab ich ab jetzt Wochenende. Ich gönne mir ein 3 Tage Wochenende - ich freue mich so, bis Montag Morgen muss ich den Drecksladen nicht sehen. Woran liegt´s? Die nerven mich alle - die Mädels sind okay, sogar mit Uschi hab ich heute gelacht - sie hat so ein ganz quieckiges, schrilles, fast schon aufgesetztes Lachen, so als würde jemand auf einen Quitscheball drücken. Dafür war ich Dienstag streng mit ihr. Ich hing so durch, völlig gejetlagt vom Nachtdienst, keinen Bock mehr die Patienten zu sehen - einige liegen die sechse Woche in Folge bei uns und jeden Tag zur gleichen Tag: "Mir ist schlecht." Und genau eine Stunde später: "Ich krieg so schlecht Luft." Das geht jeden Tag so - ich stell schon die dementsprechend Medikamente vom vorraus hin, weil ich weiß: Irgendwann fällt dem Ömchen ein, dass ihr schlecht sein könnte.

Naja, Dienstag - ich war so schlecht drauf, und Uschi wedelt schon mit dem Katzenposter -  ich hörte mich selbst nur knurren: "Ich will da keine Poster haben, da kommt ein Kunstdruck hin!" (Ich rahm das Nirvana-Poster ein und sag, es sei ein Kunstdruck) und sie war sofort still - Kunstdruck! Jaaa, das hat Stil. Hat sie sofort verstanden.

Heute war nicht so cool auf Arbeit - im Grunde genommen sogar ziemlich ätzend. Zum einen hatte ich mittags gleich ein Gespräch. Die anderen Stationen nutzen schamlos aus, uns die schwierigen Patienten, bzw. die nölligen unmotivierten Omas zu geben. Deswegen bekam der geriatrische Chef heute eins aufn Deckel - nein, natürlich haben wir wie Erwachsene die Problematik angesprochen. Dann hat der Aufwachraum sich angewöhnt sich zu entlasten, indem sie mir nachmittags und abends Aufwach-Post-OP-Patienten in die Überwachungsbetten schieben - weswegen ich die Überwachungspatienten nicht nehmen kann und die wiederrum auf der richtigen Intensiv landen. Geil. Heute lagen original 4 Post-OPs in meinem 2 Überwachungsbetten. Ja wie geht das? Man die schiebt die Betten näher aneinander - alles geht, wenn man es nur richtig macht. Deswegen war ich ziemlich sauer als ich zum Dienst kam. Den verantwortlichen Chirurgen hab ich natürlich gekrallt, der durfte persönlich eine Post-OP mitnehmen und auf die Chirurgie schieben. Ja, so fies bin ich!! 

Aber ich muss unheimlich charmant nebenbei sein - denn der Chirurg kam eine Stunde später zurück, entschuldigte sich ausführlich  und zwinkerte mir verheissungsvoll zu. Ich sofort eine Freundin angerufen, die auf der Chirurgie arbeitet: "Ist der schwul?!" - "Ja! Der hat sich so über dich aufgeregt, da hab ich gesagt, du seist auch schwul - da isser gleich runter und wollt sich entschuldigen bei dir!" So einfach ist die Welt zu regeln: Gib den Leuten den Hauch einer Chance auf Sex und sie entschuldigen sich sofort für ihr arschiges Benehmen. Unglaublich. Erst kommt: "Ich kann nix dafür, wenn ihr überfordert seid!" Kaum denkt er, ich sei, schwul höre ich Sätze: "Wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt, ich bin der Thimo." Thimo kam dann auch persönlich noch fünf Mal runter, um seine Post-OPs anzuschauen - vorher hab ich noch nie einen Chirurgen bei den Post-OPs gesehen.

Gegen 19.00 war ich völlig fertig, hatte allerdings 3 meiner 4 Post-OPs verlegt bekommen, weil Thimo fand, sie seien kreislaufstabil und könnten jetzt auf die Peripherie. Dafür fühlten sich meine geriatrischen Omas so unterversorgt, dass die alle 5 Minuten pro Nase auf die Klingel drückten und alle besonders schlimme Atemnot hatten als an anderen Tagen. Selbst meine Azubinne guckte schon ganz gequält und wusste nicht wie sie gegen die Flut von Wünschen und "Nöten" ankommen sollte. Und es ist nur Kleinscheiss: "Meine Beine jucken" - "Ich möchte telefonieren" -  "Mir ist schwindelig" - "Wieso krieg ich nur einen Joghurt?" - "Mein Kissen muss ausgeschüttelt werden" - "Ich brauche Klopapier" - außerdem waren alle so unverschämt meine sehr taffe Auszubildende zu bitten eine "richtige" Schwester zu holen, zum Kissen ausschütteln. Dann fiel der diensthabenden Internistin noch ein komplett alle Visitenreiter zu ziehen ... und was soll man sagen? Ich war zwei Stunden zu spät zu Hause wegen Klopapier und Kissen ausschütteln. Und die letzte Post-OP Dame war noch so durchgängig, dass die um halb noch nackt mit Drainagen im Bein und Infusionsflasche hinter sich her ziehend auf dem Flur brüllte: "Ich sterbe!!!" --- bis zu dem Zeitpunkt hatte ich um 13.00 die letzte Zigarette geraucht, nicht einen Bissen gegessen und vielleicht eine halbe Tasse Kaffee getrunken --- ich hab den unterbezahltesten Job der Welt. Man kann sich wohl lebhaft vorstellen wie angepisst ich war.

Um´s kurz zu machen: Heute hasse ich meinen Job.  Nicht den Chef-Job, sondern den Krankenpfleger-Job. Der einzige Gedanke, der mich über Wasser hält, ist der Jungesellinnen-Abschied am Samstag von meiner besten Freundin. Ich freue mich darauf mich erst in einer Limousine zu betrinken mit vielen lustigen Mädels und mir danach sternhagelvoll einen Stripper anzugucken. Steffi und der zukünftige Bräutigam sind Fahrer - ha! Erst muss Steffi uns hinfahren und später kann sich mich am frühen Morgen irgendwo betrunken wieder einsammeln. Dafür gehe ich morgen mit ihr einkaufen - Klamotten shoppen für Steffi ist immer ein Drama, weil sie fast in Tränen ausbricht, wenn sie Größe 38 anziehen soll. Aber sie schätzt meine werte Beratung (ich kann wirklich gut Frauen einkleiden - vielleicht sollte ich das hauptberuflich machen), aber ich drück mich, nachdem es die letzten Male immer Streit gab: "Das ist zu groß!" - "Nee, das passt dir!" - "Nein, das ist Größe 38! Das schlabbert!" - "Da schlappert nix, und 36 war zu klein." Dann zieht sie den Bauch ein und sagt mit angehaltender Luft: "Das schlabbert, das ist zu groß!" und am Ende nennt sie sich mich "Arsch!" und ich sie "Blöde Kuh!" und wir schweigen den ganzen Weg nach Hause. Super auch der Satz: "Ich hab doch gesagt, dass mir das Kleid in 34 passt!! - und jetzt hilft mich das wieder auszuziehen, ich krieg kaum Luft!" Was so ein dummes Zettelchen an der Kleidung genäht für große Auswirkung haben kann! Ich hab ihr mal eine Bluse gekauft und den Zettel mit der Größe rausgeschnitten - ist seit dem Tag ihr Lieblingskleidungsstück. Nicht weil ICH es gekauft habe, sondern weil es gut aussieht ohne sie mit einer Kleidungsgröße zu verurteilen. Plan für morgen: Die Verkäuferin dazu bringen alle Zettel rauszuschneiden, bevor wir bezahlen können. Meine Verlobte ist auch immer super abzulenken beim einkaufen: "Guck mal, da gibt´s Modeschmuck." - "Was?! Wo?!!!" Unglaublich, dass man Frauen 20-30 min beschäftigen kann mit einem Regal voll billigen Schmuck. Wahlweise geht das auch mit Schuhen. 

22.04.2013 um 23:44 Uhr

Ein Tag, aus dem man zwei Wochen machen kann

von: Ryan

Ich glaube, ich hab mir wirklich das Karma zerschossen - nachdem ich jetzt schon Ewigkeiten wach bin - ich warte nur noch auf einen Anruf, dann gehts ins Bett. Ich hatte einen komischen Tag, mit dem man locker eine Woche füllen könnte. Vielleicht liegt es an meinem völlig überreizten, übermüdeten Gehirn aber heute waren sämtliche Gefühlsregungen in allen Extremen da.

Geärgert habe ich mich heute über die Mädels auf Arbeit, die alle mit aller Macht verhindern wollen sich ja nicht zu überarbeiten auf einer Station, auf der man sich gar nicht überarbeiten kann. Wir sind alle ganz andere Sachen gewohnt. Ich hab zeitweise bis zu 50 Patienten alleine versorgt - jetzt ist es nicht mal ein Drittel. Gut, zwei IMC-Betten, die aufwändiger sind. Aber selbst das engmaschige Blutdruckmessen macht doch der Monitor für mich. Ich muss nur alle Stunde mal reingucken. Nein, selbst das ist zuviel.

Hass ... Katzenposter in UNSEREM Büro? Wovon träumt die kleine Uschi sonst noch? In meinem Büro ist nicht mal genug Sauerstoff für einen alleine - die brauch sich nicht einbilden einen zweiten Stuhl an meinem Schreibtisch stellen zu dürfen. Wenn ich ganz furchtbar nett und entgegenkommend bin, darf sie eine eigene Ablage habe, aber das war´s auch schon. Katzenposter ... da fällt einem doch nix mehr zu ein. Schneid doch noch ein paar Ponys aus Zeitschriften aus und kleb sie an die Wand! Wenn meine Tochter mit 24 noch Katzenposter aufhängen möchte, hab ich irgendwas grundlegend falsch gemacht.

Wütend und schlecht gelaunt ... als Steffi ankam mit dieser "Wir stellen jetzt das ganze Wohnzimmer um"-Idee, war ich so wütend. Ich finde Veränderungen immer doof. Mein Wohnzimmer war mein Wohnzimmer so wie es war. Nicht anders. Ich hab ja schon die Krise bekommen, wenn sie nach dem Staubsaugen einen Sessel um wenige Zentimeter verrückt hatte - 3 Stunden später hatten wir ein neues Wohnzimmer mit unseren alten Möbeln. Während dessen kamen von mir nur so unqualifizierte Kommentare wie: "Find ich scheisse. Warum lassen wir es nicht so wie es ist? So ein Scheiss! Das sieht so blöd aus! Ich geh rauchen, das kannst du alles alleine machen!" Jetzt - nachdem ich 10 Stunden Zeit hatte mich dran zu gewöhnen - sieht es wirklich gut aus. Sie macht einen guten Job ihr Ding durchzuziehen, selbst wenn der Alte nur meckert und schimpft. Find ich wirklich - großartige Leistung, wie sie mich und meine schlechte Laune heute Vormittag ausgehalten hat ohne selber durchzudrehen.

Schockiert ... ich bin dann anstatt schlafen zu gehen, mittags noch zum Friseur. Frisur total rausgewachsen. Kopp wie ´n Mopp, sagt Oma dann immer. Und als ich dann völlig verstrahlt vom Schlafmangel im Friseursalon stand, preschte ein homosexueller Hühne von Mann auf mich zu und säuselte: "Hallo mein Lieber, was kann ich denn für dich tun? Soll ich dich wieder hübsch machen?" Ich war so perplex, ich konnt gar nicht antworten. Und ich bin einiges gewohnt, mein bester Freund ist ja stockschwul und trägt es stolz in jeder seiner Verhaltensweisen vor sich her. Aber das war selbst für mich zuviel. Völlig überrollt hab ich wohl irgendwie gestottert: "Ja, äh ... Haare schneiden ..." - "Na, dann nimm mal da Platz und ich tue dir gleich was Gutes an!"

Ich hab ca. 5 Minuten gebraucht um mich wieder zu fangen. Danach haben wir nett unterhalten über seinen Lebensgefährten, der zufällig auch Krankenpfleger ist und warum meine Haare toll fallen mit meinem neuen Schnitt. Danach war ich begeistert. Ich bin ja sonst nie zufrieden, wenn ich vom Friseur komme - Eitelkeit lässt grüßen - aber als Steffi dann noch fragte, ob er mir die Haare gestylt hätte und ich stolz sagte: "Nein, die fallen einfach nur toll." war klar, ich geh nie wieder zu einem anderen Friseur. Selbst wenn der nach Frankreich auswandert, dann muss ich halt nach Frankreich fliegen zum Haare schneiden.

Frisch frisiert kam gleich das nächste Gefühl: Panik. Erinnert sich jemand an "Farbratte Mary"? Mary und Co. sind unsere Haustiere, Steffi sagt immer "Pelzige Mitbewohner". Ratten leben leider nicht sehr lang und versterben dann meist an wirklich furchtbaren Erkrankungen wie Tumoren. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Krankenheitssymptome von Tieren und Menschen sich kaum unterscheiden. Ich dachte erst, Steffi macht einen fiesen Scherz, als sie sagt, dass Mary einen epileptischen Anfall hätte. Aber es war wirklich so. Das arme Tier zuckte  und war halbseitig gelähmt, und quickte ganz gequält. Sofort Mary eingepackt und zum Tierarzt zum Einschläfern. Wartezimmer sind ja immer spannend - heute hatten wir ein besonders fröhliches. Alle unterhielten sich, ein Kaninchen lief auf dem Boden, ein Chiwuawa "spielte" mit dem Kaninchen, alle unterhielten sich angeregt über ihre Tiere und die Charaktereigenschaften - selbst der Hamster soll ein besonders kluges Tier mit Charakter gewesen sein, was ich bezweifel. Nur Steffi und ich sitzen bedrückt im Wartezimmer und ziehen mit unserer Anwesenheit die allgemeine Laune runter. Irgendwann spricht eine gut gelaunte Frau uns an: "Und? Was haben Sie für ein Tier dabei? Ein Meerschweinchen? Vielleicht möchte es mein Kaninchen beschnuppern?" Steffi funkelt sie wütend an und sagt sowas wie: "Unser Tier möchte ihren scheiss Hasen nicht beschnuppern. Wir haben nämlich ein sterbendes Tier!" Damit hatte Steffi die komplette gute, angeregte Laune des Wartezimmers gecrasht. Gut gemacht, Schatz.

Danach waren wir natürlich traurig - selbst Steffi hat ein Tränchen verdrückt, obwohl die nicht der größte Tierfreund ist. Steffi hatte nie Haustiere, und die Tiere, die sie in ihrer Kindheit kennen gelernt hat, waren zum Essen da. Sie erzählt immer von einem Kaninchen, was sie hatten - aber es war immer klar, dass es zu Weihnachten geschlachtet und gegessen wird. Es ist nicht so, dass Steffi Tiere, insbesondere unsere Tiere nicht mag, aber sie hatte nie die Gelegenheit so innige Beziehungen zu Tieren aufzubauen, dass man sie danach nicht essen kann. Daraus resultierte ein Gespräch, was sehr interessant war. Sie isst ja eigentlich Fleisch, gibt auch schamlos zu, dass sie auf Arbeit immer das Fleischgericht in der Cafeteria wählt, weil´s zuhause kaum noch Fleisch gibt. Ist auch nichts schlimmes bei, kann sie machen, solange sie mich nicht zum Fleischesser bekehren will. Zumindest sagte sie zuhause, sie fände es schlimm, dass die Wellensittiche im Warteraum eingesperrt wären, ihr ganzes Leben lang. Sie könnten nicht fliegen, seien eingesperrt und können sich nicht verhalten wie in der freien Natur, deswegen fände sie Haustierhaltung fragwürdig. Darauf fragte ich, wieso sie dann Fleisch esse, wo doch allgemein bekannt sei, dass Massentierhaltung um vielfaches schlimmer sei als Haustierhaltung. Und sie sagte: "Du hast recht, darüber muss ich mal nachdenken." Ich hatte eigentlich nicht den Gedanken sie zu bekehren, wir unterhalten uns natürlich warum ich Vegetarier bin und hab ihr alles auch schon haarklein erklärt, aber wenn sie das nicht will, dann ist das ihr Ding. Wir sind zwei verschiedene Menschen, sie muss tun was sie für richtig hält, und ich genauso. Aber ich hab sie zum Nachdenken gebracht. Darauf bin ich fast stolzer, als dass ich heute wahrscheinlich den Grundstein für die zukünftige Vegetarierin gelegt habe.

Zu guter letzt, nachdem ich über 36 Stunden wach war, ohne zu schlafen, habe ich noch ´ne Stunde mit einer Freundin telefoniert. Dieses Wochenende ist Junggesellenabschied und wir haben uns alle die Organisation geteilt und man muss ja absprechen, wie es beieinander läuft. Mein eigentlicher Plan für diesen Tag war, oder besser die Ziele: ich wollte ein Bier trinken (die Flasche Bier lacht mich schon an, seitdem ich morgens nach Hause kam), danach mein Buch weiter lesen und darauf warten, dass ich beim lesen einschlafe. Mittlerweile ist es fast Mitternacht, die Bierflasche ist seit 10 min offen (ich hab schon vor 12 Stunden lauthals angekündigt, dass ich das Bier trinke und dann schlafen gehe) und ich habe viel zu viel erlebt. Manche Tage dauern eine Ewigkeit - heute war so einer.

22.04.2013 um 14:45 Uhr

Fleiß-Sternchen und Katzenposter

von: Ryan

So, endlich ist der Nachtdienst rum - gleich die Entschuldigung: Ich bin mittlerweile 24 Stunden wach - wenn ich also ganze Wörter vergessen sollte, ist das halt so. Wieder viel passiert, alleine der jetztige Tag fühlt sich schon an wie eine ganze Woche. Ich kam um halb neun nach Hause, hab Steffi geweckt, mit ihr gefrühstückt. Danach hat sie mich gezwungen mit ihr das gesamte Wohnzimmer umzustellen - jetzt sieht mein Wohnzimmer nicht mehr aus, wie mein Wohnzimmer! Aber sie will unbedingt ein Sideboard haben ... also habe ich die ganze Geschichte laut fluchend, völlig übermüdet und reizoffen hinter mich gebracht. Jetzt war ich beim Friseur, wo ein sehr schwuler Mann mir extrem gut die Haare geschnitten hat. Jetzt fühle ich mich trotz Schlafmangels wieder wohl.

Jetzt kommt der Knüller: Ich hab ein Mädel im Team - wie beschreibe ich es kurz ohne rumzuschwafeln? Sie ist Krankenschwester mit Leib und Seele. Ich glaube, sie hat nichts anderes. Keinen Freund, keine Hobbys, nur eine Katze, von der sie gerne und ausführlich erzählt. Gleichzeitig will sie als gute und fleissige Krankenschwester anerkannt und geachtet werden - das heisst, ich kann mir in regelmäßigen Abständen anhören, wieviel sie wann gearbeitet hat, welche Extra-Aufgaben sie alle übernommen hat, bla bla bla. Eigentlich ist nichts dahinter, denn da ich nach ihr Nachtdienst hatte und beim Dienstzimmer putzen fast einen schwarzen Lappen in der Hand hatte, kann ich mit Gewissheit sagen: Dienstzimmer hat sie nie geputzt, das war schlicht gelogen. Angeblich seien ihre Nächte auch monströs anstrengend gewesen - wie gesagt, ich hatte das gleiche Pantientklientel und habe in 3 Nächten ein Buch mit 400 Seiten durchgelesen. Ich hätte auch noch ein zweites geschafft, wenn ich nicht so getrödelt und mit einer anderen Nachtwache dauernd telefoniert hätte.

Und genau die Uschi hat mir erklärt, dass sie meine Stellvertretung wird. Da ist mir erstmal die Kinnlade runtergefallen. Ich hab nicht damit gerechnet eine Stellvertretung zu bekommen, weil wir so wenig Leute sind im Team. Zum zweiten dachte ich nicht, dass die blöde Uschi das wird. (Ich hab grade beschlossen, dass sie ab sofort Uschi heisst hier). Mal von Uschis Helfersyndrom abgesehen, muss sie sich über alles profilieren. Dann steht so eine kleine, unförmige Frau vor einem und erklärt dir mit piepsiger, affektierter Stimme, dass sie soviel arbeitet, dass sie schon 4 kg abgenommen hat - sooolchen Stress hat sie auf Arbeit. Und jetzt noch drei Nachtdienste gehabt, oh mein Gott, sie seie ja kurz vorm Burnout, sie fühle sich schon andauernd erschöpft, deswegen habe sie dann auch das Reanimationstraining ausfallen lassen, weil sie sich dachte, jetzt bräuchte sie mal einen einzigen Tag frei um mal endlich wieder runterzukommen nach dem ganzem Stress ... das einzige, was mir Stress macht auf Arbeit ist genau diese Frau! Ich überlege schon, ob ich Klebe-Sterne in der Tasche haben sollte, damit jedes mal wenn sie meint was besonders gut gemacht zu haben, ich ihr ein Fleiß-Sternchen auf die Stirn kleben kann.

Eigentlich war gar nicht vorgesehen, dass ich eine Stellvertretung bekomme ... aber ich hab jetzt rausgefunden, dass Uschi petzen war "Ryan verlangt, dass wir Überwachungspatienten betreuen." Patientenbetreuung in einem Krankenhaus - ein Unding, was ich da verlange! "Ryan schickt uns aus reiner Schikane zu Fortbildungen." Reanimationstraining ist eine Pflichtveranstaltung, da muss jeder alle 2 Jahre mal hin, das ist gesetzlich geregelt! Mittlerweile hab ich spitz gekriegt, dass Uschi auf meinen Job scharf war, noch bevor ich wusste, dass ich Leitung werden sollte. Warum macht sie den scheiss Job freiwillig? Weil sie dann stolz sagen kann: "Ich bin Leitung" wenn wildfremde Leute oder ihr Friseur sie fragen, was sie beruflich macht. Und weil ihr stinkt, dass sie trotz ihrer überragenden Leistungen und ihrer unendlichen Überstunden immer noch nur einfache Angestellte ist. Ihr wahres Potential wurde bislang nur missachtet. 

Ich hab schon angesprochen, dass ich Uschi fehlbesetzt finde in einer Leitungsposition - sie hat doch immer so Stress, sie nimmt ja pausenlos ab, irgendwann ist sie nicht mehr da! - und dass ein so überschaubares Team nicht aus 40% Leitungen bestehen sollte. Dann kam die an Antwort, das sei jetzt erstmal auf Probe, und wenn ich in Urlaub gehen wolle, bräuchte ich eine Stellvertretung und das letzte Wort bei egal was, hätte ja immer noch ich.  Aber nun weiß ich ja aus Erfahrung: Die diskutiert ja trotzdem! Das machen Frauen so!

Und heute morgen kam folgender Satz aus ihrem piepsigen Mund: "In unserem Büro sind die Wände so leer, ich habe ein Katzenposter mitgebracht!" - Ich überlege krampfhaft mit was ich mein Karma zerschossen habe.

16.04.2013 um 22:51 Uhr

stabile Seitenlage mit dem Sofamops

von: Ryan

Heute war ein Tag, an dem ich 10 Stunden auf Arbeit verbracht habe ohne auch nur einen einzigen Patienten gesehen oder angefasst habe. Kommt selten vor, wird aber öfter - ich bin ja jetzt Chef. Heute ein Tag an dem ich nur Chef war, in Jeans, T-Shirt, Turnschuhen und Mitarbeiter-Pass durch´s Krankenhaus gelaufen bin. Sobald man nicht eindeutig als Mitarbeiter ausgemacht werden kann, wird man nicht dauernd von Patienten oder Besuchern angesabbelt. Dafür hatte ich ein Erlebnis, bei dem ich im Dienstzimmer saß, am Dienstplan basteln musste (mein Büro ist ja noch nicht fertig) und eine Besucherin rief laut durch die Tür: "Ey Junge! Hol mal ´ne Schwester! Ist wichtig!" - "Vielleicht kann ich Ihnen ja kurz helfen." - "Ich glaub nicht, dass der ZIVI mir helfen kann - hol jetzt eine Schwester!" Hab ich dann auch gemacht - ich hatte keine Lust zu diskutieren. Ich nehm das als Kompliment für mein jugendliches Erscheinungsbild.

Kommen wir zuerst zu meinem Büro: Ich wurde vorgewarnt, es würde noch renoviert, der Fussboden kommt neu rein und Möbel würden ja auch keine drin stehen ... ich hatte kein 50 Quadratmeter-Raum mit Mamor und bepflanzter Außenterasse erwartet ... aber ich muss wohl trotzdem ein sehr enttäuschtes Gesicht gemacht haben, als ich in die winzige Besenkammer guckte. Ich bin mir nicht sicher, ob ein handelsüblicher Schreibtisch reinpasst, dafür stehen die Wände zu dicht aneinander. Sage und schreibe eine einzige Steckdose hab ich. Angeblich kommt da noch eine Sitzecke rein für Gespräche und sowas ... aus dem Polly Pocket-Haus oder was? Wenn ich allerdings in Zukunft von meinem "Büro" spreche, dürft ihr euch trotzdem ein riesiges Büro mit Marmor-Fussboden, einem großen Eichenholztisch in der Mitte, Caipirina-Wasserfall, eine Ecke eigens für exotische Orchideen, ein zwei-Meter-mal-zwei-Meter-Aquarium mit Zierkarpfen und eine Konferenzecke mit edelster Seide bezogen vorstellen. Den privaten Swimmingpool auf der Terasse nicht vergessen!

(Die anderen Leitung haben alle ein viel schöneres Büro als ich! Eine hat ein Büro, dass ist so groß wie zwei Patientenzimmer! Eine andere hat sogar Parkett-Fussboden! Wenn ich eine Palme reinstelle, denkt man man sei im Urwald, so klein ist dumme Abstellkammer! Sooo ein Scheiss! Menno!!!)

So, kommen wir zu dem Gespräch mit Coco. Ruhige Atmosphäre - ich hab mir vorher sogar Gedanken gemacht, was ich anziehe. Ich hab mich dann für ein schlichtes schwarzes T-Shirt entschieden (ich hab fast nur T-Shirts mit Bandnamen und Totenköpfen - ich hab keine Lust sie mal auf einem Konzert neben mir stehen zu haben) und schlichte Jeans - und natürlich hab ich den Verlobungsring poliert. Da ich sonst keinen Schmuck trage, dürfte der sehr eindeutig zu sehen gewesen sein. Insgesamt hatten wir uns das so vorgestellt: Ein ruhiges, freundliches Gespräch unter Erwachsenen. Keine Vorwürfe, klar die Fakten forumlieren, Konsequenzen verdeutlichen, Coco nach ihrer Aussage fragen und wieder gehen. So läuft das natürlich nicht im wahren Leben und schon gar nicht, wenn man eine persönlichkeitsgestörte 19-Jährige vor sich sitzen hat. Die Bezugsmentorin hatte noch nicht mal drei Wörter gesagt, um zu erklären warum wir zusammen sitzen, da flossen schon die ersten Tränen. Erst wollte Coco gar nichts sagen, also haben die Erwachsenen geredet. Aber nachdem wir eine Pause gemacht hatten, hat sie sich eingekriegt, ihre Aussagen dementiert, sie hätte nie sowas behauptet, irgendwer habe da was falsch verstanden. Klar. Aber als ich dann ganz klar gesagt hab, dass ihr Praktikum auf meiner Station abgesagt sei, liefen wieder Tränen. Liegt doch auf der Hand, dass ich nicht mit ihr arbeiten werde oder? Dann erst fing Coco an zu diskutieren, es sei ihr gutes Recht auch auf meiner Station zu arbeiten, man könne sich ja nicht "aussperren" von einer Station, bla bla ... Ihre Mentorin ließ sich dann weichklopfen: "Naja, darüber rede ich dann mit Ryan nochmal alleine." Generell fand ich, dass meine Kollegin zwischendurch ganz schön weich wurde, mitleidigt auf den frisch verbunden Unterarm starrte und als wir alle Argumente durch hatten, noch so ein eigenes miteingebracht hat wie: "Schau mal, für Ryans Verlobte ist das auch nicht schön, wenn sie sowas hören muss." Meinen bösen Blick hat sie komplett ignoriert und machte dann weiter mit: "Das Gerücht, dass Ryans Verlobte hier mal Auzubildende war, ist wahr. Aber mittlerweile ist sie examinierte Schwester und arbeitet nicht mehr hier!" Ich saß da recht sprachlos bei dem Satz. Erstens geht die das gar nichts an. Das Gespräch hätte es auch gegeben, wenn ich seit hundert Jahren Single wäre - und zweitens sieht das jetzt so aus, als würde ich dauernd Azubis klar machen. Und mit keinem Wort gesagt, dass ich damals auch Azubi war. Und die ganze Kiste ist gefühlte fünzig Jahre her! Unendlich lange! Als mein Sofamops und ich uns kennen gelernt habe, war ich 19 und sie 21 - in ´nem halben Jahr wird die Dicke 30!

Kommen wir kurz zum "Sofamops" - seit heute ist sie Sofamops. Nachdem ich irgendwann abends nach Hause kam (in weiser Vorraussicht noch beim Supermarkt vorbei geschaut hatte), liegt die Dicke faul und bewegungslos auf dem Sofa: "Frühdienst war sooo anstrengend, ich mache heute gar nichts mehr! Kochst du was?" Und dann erzählt sie mir im gleichen Atemzug, dass sie morgens verschlafen hat, erst um sieben auf Arbeit war und dann noch eine Stunde früher gehen konnte, weil es so ruhig war. Und dann kam sie nach Hause und hat sich erstmal 5 Stunden aufs Sofa gelegt, hat eine Zeitschrift gelesen und ist dabei eingeschlafen. Bett nicht gemacht, nichts. Jetzt ist sie offiziell mein "Sofamops" - "Nenn mich nicht so! Ich gehe im Mai wieder zum Sport!" Steffi ist Gott sei Dank keine von den Frauen, die einem sofort eine klatschen wenn man ehrlich auf die Frage: "Ist das zu eng?" - "Ja" sagt. Sie hat schon zugenommen seitdem wir zusammen sind, aber dafür war sie früher auch wirklich sehr dürr. Vor ein paar Jahren hat sie mal alle Kleidungsstücke in Größe 34 aussortiert. Und nicht dass sich irgendwer beschwert: Sie ist immer meiner "Dicke", weil ich sie so dicke lieb hab - das sagt man so in Hamburg! (Hab ich ihr zumindest so erklärt - ist auch kein Segen mich als Partner zu haben)

Kommen wir zurück zu Coco - ich hab doch erwähnt, dass ich meine Kolleginnen alle zu Fortbildungen verdonnert habe und die natürlich als gutes Beispiel auch wahrnehmen muss. Zwei meiner Kolleginnen (die beiden "besonderen" Mädels) haben sich gedrückt - "Ich fühle mich heute nicht" - "Ich wusste davon nix!". Also stand ich da heute mit einer einzigen Kollegin alleine da bei der Notfallfortbildung - was ich nicht wusste: Azubis und Examinierte besuchen die gleichen Fortbildungen. Also meine Kollegin und ich als einzige beiden Examinierte und um uns herum nur Azubis. Cocos Kurs, inklusive derselbigen. Ja toll. Das ist nicht so schön, wenn man erst Vormittags ein Gespräch hatte und dann 4 Stunden am Nachmittag mit der Person in einem Raum sitzen darf. Ich wurde ungefähr 10 mal von Auszubildenen gefragt, ob sie mir zusammen stabile Seitenlage üben dürfen ..."Nee Franzi (meine Kollegin) hat vor dem Kurs schon gefragt, und sie wäre sonst beleidigt." Puh!!! Ja, wenn sowas erstmal war, überlegste dir dreimal ob du die stabile Seitenlage mit ´ner Schülerin übst, wo du sie vielleicht an der Hüfte anfassen musst!!

Es gab dann auch eine kurze Pause, in der doch plötzlich Coco neben mir stand und mir wieder ernst, sachlich und ohne Heulerei erklärt hat, sie wolle nicht dass irgendwas zwischen uns steht - also zwischen ihr und mir ... ich hab nur gesagt, das Thema hätten wir ja schon ausgiebig besprochen, mehr wolle ich dazu nicht sagen. 

Und der Sofamops schläft schon wieder - eigentlich haben Frauen doch sowas wie einen Nestbau-Instinkt, der sie dazu bewegt die Wohnung sauber zu halten, oder? Das ist an Steffi völlig vorbei gegangen. Mit voller Absicht mache ich ihren Nachtschrank nicht mehr sauber, vielleicht fällt ihr ja mal auf, dass da Staub liegt. Dafür will sie immer technische Sachen reparieren, weil "mein Vater ist Elektriker, wah!" Immer öfter frage ich mich, was für eine Frau heirate ich da eigentlich? Eigentlich stehe ich gar nicht auf Blondinen, aber Steffi ist blond. Ich fand Frauen mit Dialekt ganz schrecklich, ich bin ja selbst so auf Hochdeutsch versessen - meine Dicke berlinert, nicht mehr so schlimm wie früher, aber wenn sie mit ihrer Schwester telefoniert muss ich echt raus: "Da kickste da aba, wah! Da ham wa aba wat jeschafft, dat sach ich dir!" - dafür hat sie mich heute nachgemacht: "In Hamburch sacht man das so!" Außerdem macht sie grade eine Entschlackungsdiät - das hat nichts mit Gewichtsreduktion zu tun, sondern sie trinkt keinen Kaffee, raucht nicht und isst kein Fleisch. Tolle Diät, geraucht hat sie seit über 2 Jahren nicht mehr, Fleisch kriegt sie eh nicht zu essen, dazu müsste sie ja alleine einkaufen und sich welches besorgen (ich koche ja nur vegetarisch), statt Kaffee trinkt sie 2 Liter schwarzen Tee am Tee und abends mir mein Bier weg. Ich glaube nicht, dass das großartig entschlackt. Aber ich liebe sie, meinen kleinen Sofamops.

15.04.2013 um 03:27 Uhr

Ein Coco-Tag

von: Ryan

Was für ein Tag - ich fang mal von hinten an. Das ist einfacher. Ich komm vom Spätdienst nach Hause, Spätzchen liegt auf der Couch und schläft schon - ich wecke sie und sie will Applaus, weil sie das Bett neu bezogen hat - alte Bettwäsche natürlich nicht gewaschen "Das kannst du ja morgen machen, du hast doch frei!" - "Du hattest das ganze WE frei!" - "Ja, aber ... Christina war noch da und ... hab ich nicht geschafft." Verlang ich zuviel? Die Alte soll doch nicht zum nächsten Fluss gehen und mit Waschbrett stundenlang unsere Wäsche per Hand schrubben. Das macht doch die Waschmaschine von alleine, wenn man sie anmacht! Ich verstehe das nicht.

Ich hab drei Jobs, habe ich heute festgestellt. Erstens bin ich Krankenpfleger (meine Wochenend-Kollegin hat es wieder geschafft, sich so passiv zu verhalten, dass ich 90% der Patientenversorgung gemacht hab), zweitens Chef (die schwangere Kollegin hat heute angerufen und ZUGEGEBEN, dass sie schwanger ist, also war Dienstplan umschreiben heute dran, toll) und drittens Hausmann - und der letzte Job kotzt mich grade richtig an. Steffi hat letzte Woche ca. 25 Stunden gearbeitet, ich dagegen ganz grob gerechnet 60 Stunden und sie kriegt in der Wohnung nichts auf die Kette. Und mittlerweile hat unser Badezimmer einen Vermutzungs-Grad erreicht, an dem Steffi mich fragte, wann ich mal Zeit hätte es zu putzen ... also stört es Schätzelein ja scheinbar auch, dass es schmutzig ist. Also werde ich morgen an meinem einzigen freien Tag wahrscheinlich diverse Stunden mit Hausputz und Waschen verbringen. Und einkaufen muss ich auch, nachdem Steffi und ihre Freundin auf die glohrreiche Idee kamen Schinkenwürfel in meinem vegetarischen Brotaufstrich zu mischen - wir hatten nämlich nichts mehr im Kühlschrank - ich erinnere nochmal: Steffi sollte Samstag einkaufen, aber leider gab es im Supermarkt scheinbar nur Sekt und Himbeerlikör. Hat laut Steffi gut geschmeckt, meine Tofuwürstchen allerdings nicht so, aber Herr Gott im Himmel sei dank, Christina und Steffi sind trotzdem satt geworden!! Ich könnte sie erwürgen ... und Christina gleich mit. Und ich Dussel hab Freitag vorm Spätdienst Christina noch einen Geburtstagmuffin vorbeigebracht.

Ja und sonst so? Ich mach nächste Woche wieder eine Teambesprechung, wenn meine Mädels so weiter arbeiten. Niemand fühlt sich für irgendwas verantwortlich. Aufräumarbeiten werden gekonnt ignoriert und in der Übergabe beschweren sie sich, dass sich so gelangweilt haben. Und gemeckert wird: "Wir haben NICHTS! Ich weiß gar nicht, wie ich arbeiten soll!" - "Habt ihr mal im Lager geguckt?" - "Äh, nee ..." - "Da ist ein ganzer Karton voll!" - "Oh, nee, also nacheguckt hatte ich nicht ..."- was soll ich dazu sagen? Dann hab ich heute beim Aufräumen ein komplettes Frauenzeitschriften-Arsenal gefunden ... 10 kg Zeitschriften haben die Mädels gelagert. Denen scheint echt langweilig zu sein. Aber Putzarbeiten oder Wäschewagen auffüllen gehen irgendwie nicht. Ich sag doch, es ist immer das gleiche mit den Frauen - aber das Schöne ist, auf Arbeit kann ich mich ruhig unbeliebt machen - im Gegensatz zu meiner Verlobten müssen meine Kolleginnen mich nicht mögen. Ich mach nächste Woche persönliche Putzlisten, das haben sie nun davon.

Dann hatte ich heute eine völlig irre Küchenfee am Start. Ihr war auch langweilig und sie wollte sich unterhalten und kam dann mit so seltsamen Fragen um die Ecke. Erst wollte sie uns was zu essen machen. Ich sagte: "Nee danke, ich esse keine Fleisch, ich mach mir ein Käsebrot." - "Warum isst du kein Fleisch?" - "Diverse Gründe." - "Aber der Körper braucht Fleisch! Man wird sonst krank!" - "Ich esse seit fast einem Jahr kein Fleisch und lebe noch." - "Aber du bist krank." - "Bin ich nicht, ich bin Krankenpfleger, ich weiß wann ich krank bin!" - "Ich mach dir ein Steak!" - "Ich will kein Steak!" - "Dann ein Wurstbrot!" - "Ich will kein Wurstbrot!" - "Ein Schinkenbrot?!" - "Nein!!!" Irgendwann hatte ich so die Schnauze voll, dass ich gesagt hab, mir täten die toten Tiere so sehr leid, dass ich immer weinen müsste, wenn ich Fleisch sehe ... dann hatte ich Ruhe. ABER dann kam sie vom Rauchen wieder und hatte spitz gekriegt, dass ich heirate nächstes Jahr: "Du heiratest? Aber kirchlich?!" - "Nein, ich bin nicht so religiös." - "Aber man muss kirchlich heiraten!" - "Ich finde nicht, dass ich das muss." - "Aber es wäre ein guter Start für eine Ehe in einer Kirche zu heiraten." - "Ich muss in keine Kirche gehen, um meine Freundin zu heiraten." - "Aber ihr könntet damit anfangen!" - "Ich will das aber nicht!" - "Aber Gott würde sich freuen und denk doch mal an den göttlichen Segen!" ... Als sie dann irgendwann fragt, ob ich meine zukünftigen Kinder taufen lassen möchte, bin ich einfach wortlos weggegangen ... 

Die Frühdienst-Kollegin wollte dann wissen, was meine Tätowierungen für Bedeutungen haben - ganz ehrlich: natürlich habe ich mir lange Zeit Gedanken gemacht, was ich mir für die Ewigkeit tätowieren lasse, aber tiefere seelische oder religiöse Bedeutungen sind es nicht. Natürlich habe mir Oldschool-Stil ausgesucht, weil mir die Bedeutungen gefallen. Nautilussterne haben sich zum Beispiel die Seefahrer früher tätowieren lassen, damit sie sie beschützen. Ein Anker ist beispielsweise ein Glückssymbol, genauso wie Herzen für Liebe stehen sollen, aber in erster Linie habe ich mich aus ästhetischen Gründen tätowieren lassen. "Oh Gott! Du kannst doch nicht so große Tätowierungen lassen machen, nur weil du es schön findest!" - Doch, hab ich gemacht. - "Das muss doch eine tiefe Bedeutung haben!" - Nee, muss es nicht. Schön, wenn andere Menschen meinen was man muss und was nicht. Zum Beispiel würde ich mir niemals Geburtsdaten tätowieren lassen - ich bin doch kein lebender Kalender. Oder Namen von Kindern (wobei ich das wegen der representativen Funktion verstehen kann) - ich weiß doch, wie meine Kinder heissen. Muss ich doch nicht jeden Tag auf meinem Körper nachlesen. Ich würde mir Symbole aussuchen, die den Charakter meiner Kinder wiederspiegeln aussuchen. Eine Sonne wenn ich eine besonders gutgelaunte Tochter hätte beispielsweise. Oder ein blutendes Herz, wenn ich ein sehr emotionales Kind hätte. Nein, solche Ideen waren nicht tiefgründig genug für die Kollegin ... und die andere Frühdienst-Kollegin beugte sich über den Tisch und fragte sehr ernst: "Du weisst schon, dass das nicht mehr weggeht? Tätowierungen bleiben für IMMER."- Mensch, darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht! Gut, dass sie das sagt! Um Gottes Willen, was habe ich mir angetan?! --- Wieso behandeln mich neuerdings alle als wäre ich bescheuert?

Und jetzt kommt der Brüller: Ich hatte nochmal Besuch - nicht richtig Besuch, eher eine kleine Notaufnahme. Coco. Und egal was an diesem Tag passiert ist, DAS war mein persönliches negativ-Highlight. Schleppt doch die diensthabende Ärztin Coco an, weinend mit blutenden Unterarm. Sie hätte ihr so leid getan, sie stand da ja so verzweifelt vorm Krankenhaus rum, und die Wunden! Das war sie selber! - ALTER! Ich hätte ausrasten können. Ob ich ihr nicht mal ´nen Verband machen könnte. Ich dachte, ich guck nicht richtig ... "Nein! Ich kann mal eben schnell so nebenbei keinen Verband machen!" Da zieht mich die doofe Ärztin bei Seite und erzählt mir die bewegende Geschichte, dass sie als Teenager auch mal so ´ne "Phase" hatte und so drunter gelitten hätte, dass sich niemand gekümmert hätte. Wir müssten das Mädchen doch jetzt ernst nehmen in ihren Problemen - zähneknirschend und extrem widerwillig musste ich also mit Ärztin und Coco in den Behandlungsraum, hab aber drauf bestanden das Ganze nicht so "nebenbei unter der Hand" abzuwickeln, sondern sie wenigstens ambulant aufzunehmen und die Wundversorgung als "Notfall" abzurechnen. So hatte es wenigstens eine offizielle Komponente und Coco kann nicht erzählen, ihre "Affäre" hätte mal so nebenbei liebevollst ihren Arm zusammengenäht. Genau das mussten wir nämlich. Ich hab die Ärztin auch gezwungen mir ihr Telefon zu geben, damit sie nicht nebenbei rausrennen konnte, und ich nicht mit Coco und Nahtmaterial im Arm alleine bleiben musste.

Herr Gott im Himmel ... Ja, Sonntag ist der Tag des Herren und ich hab gearbeitet und wurde dafür bestraft. Ich kann es mir nicht anders erklären. Zumindest hab ich der Ärztin vorher erklärt, wie man mit so einer Situation umgeht. Bei Wundversorgung von selbstzugefügten Wunden wird nicht rumgesabbelt, man macht das und kann danach reden. Kein "Oh Gott oh Gott, du armes Mädchen", man bestärkt Menschen nur dass sie Zuwendung durch Selbstverletzung bekommen, wenn man sich selbst so aufregt dabei. Hab ich erklärt vorher - hat sie sich nicht dran gehalten. Professionalität am Arsch. Ärztin: "Warum machst du das denn, Mädchen?" - Coco: "Ich bin so unglücklich." - Ärztin: "Warum denn? Gefällt es dir nicht hier zu arbeiten?" - Coco: "Doch, da ist aber was anderes ..." guckt mich an, ich guck weg. "Ärztin: "Ja was denn? Ist jemand nicht nett zu dir? Soll ich mit jemanden reden? Wenn dich eine Schwester schlecht behandelt, dann ...." - Ich: "Das ist Sache der Berufsschule sowas zu regeln." - Ärztin: "Ja, dann musst du zur Schule gehen!" - Coco: "Sowas kann die Schule nicht klären ..." - und dann bin ich raus ... ein Pflaster musste ich ihr noch aufdrücken, aber auf dem Flur unter Beobachtung von sämtlichen Patienten und der Kollegin. Später kam die Ärztin noch völlig aufgewühlt und erzählte, Coco habe von einer unglücklichen Beziehung berichtet. Von einem Mann, der sie soweit gut behandeln würde, aber sie hinhalten würde und sich nicht von seiner Freundin trennen wolle. Sie habe Coco geraten, ihn vor die Wahl zu stellen. Entweder sie oder seine Freundin. Mein Kommentar dazu war, dass ich sie (die Ärztin) zum offiziellen Termin am Dienstag auch erwarte - "Wie? Offizieller Termin?!" - "Ich bin der Mann." - "Was? Wie kannst du?!" - "Ich hab nix gemacht!" Ich wedel mit meinem Verlobungsring rum. "Das passiert alles in ihrer Fantasie!" - "Ach du scheisse! Ich kann aber Dienstag nicht, meine Schicht endet erst Montag früh!" - "DU kommst Dienstag! DU hast mir den Scheiss eingebrockt heute! DU erklärst bei jedem offiziellen Gespräch was heute war und was nicht war! Und dass ich nicht eine Sekunde mit ihr alleine war!" - "Ryan, das ist aber dein Problem, ich hab keine Lust mich einzumischen!" - "DU hast dich soeben voll eingemischt als du sie hier angeschleppt hast!" Coco weiss von dem Termin noch nichts, sie wird morgen früh erst eingeladen.

Super Tag - und Steffi und Christina haben mir genau zwei Dosen Bier übrig gelassen, die sie nicht ausgesoffen haben. Ein toller Tag, an dem man sich bei engstirnigen Küchenkräften rechtfertigen muss, wie man eben so lebt, den Kolleginen erklärt, dass man nicht mehr 13 ist und dann noch helfen muss einer völllig abgedrifteten 19 Jährigen den Arm zusammen nähen muss, die sich eine große Liebesbeziehung mit einem einbildet und extrem verzweifelt scheinbar nach meiner Aufmerksamkeit ringt.

Memo an mich selbst: Flasche Wiskey in mein zukünftiges Büro legen.

14.04.2013 um 00:52 Uhr

Der Schokoladenbrunnen in meinem Büro

von: Ryan

Heute zur Abwechslung nur zehn Stunden auf Arbeit gewesen - ich muss am WE eine Kollegin einarbeiten. Ich weiß nicht warum die alle so Panik vor den Überwachungsbetten haben. Da ist doch nix dabei. Die Leute gehen an den Monitor und wenn was schlimmes ist, gehen die eh auf die Intensiv. Mal davon abgesehen haben ich einen bösen Verdacht: Wenn man eine neue Station aufmacht, gehen die Leute über alle Station und fragen, was so über ist, bevor man was Neues kauft. Und alle Station sagen: Ja klar, wir haben hier eine alten Stuhl, den könnt ihr haben. Du kriegst natürlich den Stuhl, der fast auseinander fällt, den man versäumt hat auf den Sperrmüll zu bringen - und ich glaube, so ist es auch mit meinen Mitarbeitern. Die heutige Kollegin hat es so geschickt angestellt, dass sie heute vielleicht den ganzen Tag über zwei Blutdrücke messen musste und einmal den Spülraum aufgeräumt hat. Ach ja, und sie war mit einem Patienten in die Lobby "spazieren", damit der eine Zeitung kaufen konnte. Alles andere hab ich heute gemacht. Faszinierend ... die übersicht einfach die Arbeit. Gegen Abend war ich so bedient, dass ich mich teilweise echt fies hingestellt hab und so Sachen sagt wie: "Was fällt dir noch auf? Ja genau, der Mülleimer ist voll ... vielleicht machst du den nochmal leer? Ja, genau, so ist es brav!" Und diese Frau hat ihr Examen gemacht als ich noch ein Kleinkind war ... ich dreh langsam echt durch. Meine Praktikantin war da gestern wirklich kleverer ...

Ach egal, morgen noch, Montag nehm ich mir frei. Nachdem ich letzte Nacht vielleicht 3 Stunden geschlafen hab und fast schon mit Kopfschmerzen zur Arbeit gefahren bin, muss ich nur Dienstag noch einen Leitungsdienst machen und dann mache ich erstmal 5 Nachtdienste und dann kann mich alles, was tagsüber passiert kreuzweise. Ich regel dann alles per E-Mail. Hab ich doch heute eine E-Mail gefunden, in der mich die Sekretärin von wichtigen Leuten fragt, ob ich ein Büro haben will? Ohne Witz, die wollen mir ein eigenes Büro geben. Ha! Jetzt bin ich ein wichtiger Mann. Ich mache schon den ganzen Tag lang Witze darüber, was ich alles in meinem Büro haben will. Als erstes werde ich Nirvana-Poster aufhängen, den ganzen Tag lang Metallica hören und einen Schokoladenbrunnen aufstellen. Und Besucherkekse, ganz wichtig. 

Apropo Kekse, ich werde fett. Ich vermeide es geschickt mich körperlich zu betättigen. Nachdem ich ja Jahre lang täglich meine 8 km zur Arbeit mit dem Fahrrad abgerissen hab, hab ich in Zeiten von Eis und Glätte die U-Bahn genommen. Und jetzt bin ich faul geworden ... ach, du fährst wieder, wenn´s über null Grad ist. Ja, ist ja jetzt ... irgendwie nehme ich immer noch die U-Bahn. Und aus lauter Frust habe ich heute abend eine halbe Schachtel Pralinen gefuttert beim Berichte schreiben.

Und dann komm ich nach Hause und wer sitzt betrunken und kichernd auf der Couch? Mein Herzblatt und trinkt mit ihrer besten Freundin Himbeerlikör und Sekt. Ist ja soweit nicht schlimm, aber Steffi hat sonst auch nicht viel mehr gemacht - ihre von mir auferlegte Tagesaufgabe war Badezimmer putzen und einkaufen. Eingekauft hat sie aber nur Schnaps und als ich fragte, ob sie es morgen einrichten könne zu putzen, überlegte sie kurz und sagte: "Ich kann ja morgen Wäsche waschen." Ja, Wäsche waschen kann sie (nicht Wäsche abnehmen und zusammenlegen, das ist zuviel!) und alle Jubeljahre die Spülmaschine ausräumen, aber sonst nix. Ich sehe es schon ganz genau vor mir, wenn wir mal Kinder haben und sie zuhause bleibt: Sie wird sämtliche Spielplätze im Umkreis von 300 km anfahren, aber nie Staubsaugen oder die Betten machen.

Ich werd langsam zum Zyniker. Überall muss ich alles alleine machen. Zuhause, auf Arbeit ... da ist es doch verständlich, wenn ich den Wunsch habe mich von der U-Bahn zur Arbeit bringen zu lassen anstatt selber zu strampeln oder? Auf der anderen Seite hab ich sie heute so knapp verpasst, dass ich dann geschlagene 10 Minuten auf die nächste warten musste - und dabei hatte ich mich so sehr beeilt und bin sogar noch über ´ne Hecke gesprungen. (O-Ton Steffi: "Was? Du?! Wie hoch war die Hecke? 15 cm?!" Blöde Kuh ...)

Und zu guter letzt hat mich Coco besucht. Sie kam ganz unscheibar vorbei geschlendert und fragte ob ihre Mitschülerin heute Schicht hätte. "Nein, hat sie nicht." - "Achso ... und? Viel zu tun?" - "Jepp." - "Und wie gehts dir so?" - "Gut." - "Und machst du nach der Schicht noch was?" - "Nein." - "Gehst du nicht feiern oder was trinken?" - "Nein." - "Achso ... na dann, man sieht sich." Oh ja, und wie, Dienstag zum Gespräch mit deiner Bezugsmentorin! Irgendwie unheimlich - ich wette, wenn ich gesagt hätte: ich flieg nachher nach Amsterdam und will in Club xy feiern, wäre sie auch da gewesen - um uns "zufällig" zu treffen.

Oh diese Welt geht mir heute so ungeheuer auf den Keks ... wenn ich erstmal mein eigenes Büro habe, wird das mein absoluter Rückzugs-Wohlfühl-Tempel. Ich frag mal, ob ich richtig dicken Teppich verlegt haben kann. Dann laufe ich den ganzen Tag barfuß in meinem Büro umher. Und ich zwinge die Putzfrau täglich mein Büro sauber zu machen. Ich stelle auch mit Absicht kein Foto von Steffi auf meinem Schreibtisch, weil sie immer so gemein ist zu mir. Reicht schon, wenn ich sie heiraten muss, da muss ich sie nicht noch in meinem Büro sehen. Eine Dartscheibe an der Wand wäre eine großartige Idee und ein Caipirina-Wasserfall genau neben dem Schokoladenbrunnen ... das wird ein Fest.

 

 

13.04.2013 um 02:40 Uhr

Komischer Tag

von: Ryan

Das Gespräch bezüglich "Coco und mich" war seltsam - immer wieder kam die eindringliche Frage: "Sind Sie sicher, das da nichts war?" - Nein! - "Wirklich gar nichts?" - Nein, gar nichts! Und irgendwann der Satz: "Naja, wir wissen ja auch, dass Sie eine Vorgeschichte haben." Bitte?!

Ja, die Vorgeschichte ... ich hatte ja schon mal was mit ´ner Auszubildenden ... das hat niemand vergessen. Was aber vergessen wurde, ist, dass diese Azubine Steffi war und heute meine Verlobte ist. Und ich zu dem Zeitpunkt keine Stationsleitung war, noch nicht mal examinierter Pfleger sondern selber noch Azubi. Soviel zur "Vorgeschichte".

Naja, die Schule meint, wenn ich auf der sicheren Seite sein will, dann muss ich die Verleumdungsklage einreichen. Mein Bruder meinte: "Das mach ich dir schnell fertig, kein Problem." Aber mal eben schnell jemanden "verklagen"? Ich weiss nicht ... ich überleg schon den ganzen Tag, ob das eine gute Idee ist.

Ich mein, wie alt ist das Mädchen? Maximal 20 Jahre alt. Und ich glaube, sie hat ganz andere Probleme als von ´nem Typen wie mir verklagt zu werden. Da kommt schon wieder die wankelmütige Seele in mir durch. Sie hat die ganzen Unterarme zerschnitten, die Kollegin auf deren Station sie grade ist, erzählte mir heute was von "fragwürdigen" Essverhalten und dann komm ich und drück ihr ´ne Verleumdungsklage rein? Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist.

Ich bin befreundet mit der "Vertrauens-/Bezugsschwester" - die bot mir an, wir könnten zu dritt mal ein Gespräch suchen (auf keinen Fall mach ich das alleine, unter keinen Umständen - wer weiss, was dann passiert, am Ende ist sie noch schwanger von mir, nein danke), um einfach mal durchzusprechen und zu verdeutlichen, was solche Aussagen für Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Ich weiß aber grad nicht so recht, wo ich die Zeit hernehmen soll. Heute zum Beispiel war ich 13 Stunden auf Arbeit - erst Leitungskram machen, dann Spätdienst. Und das wird die nächsten Wochen so weiter gehen - mal davon abgesehen, dass ich alle Fortbildungen, die ich meinen Dummheit-und-Ignoranz-Mädels reindrücke, selber wahrnehmen muss. Mit gehangen, mit gefangen.

Ich kann mich nicht beklagen, dass ich heute viel gearbeitet hätte - aber diese geriatrischen "Ich kann das nicht"- Omas rauben mir grade den letzten Nerv. Und sie könnten wenn sie wollten! Liegt die Oma platsch im Bett und nöllt, dass sie ihren Pullover nicht alleine ausziehen kann - "Dann setzen Sie sich doch hin, zum ausziehen!" - "Aber Pfleger, es ist doch schon so spät! Und ich bin heute schon dreimal über den Flur gelaufen!" Halb sieben war´s, nix spät ... Dann muss ich mir anhören, dass ich doch bezahlt werden, um zu helfen und sie könnten ja nicht! Ätzend ... Außerdem nervt mich heute besonders, dass niemand meinen Namen aussprechen kann/will  - dauernd bin ich "Pfleger Ralf" oder "Pfleger Rolf" - ääääätzend. Die Praktikantin nennt mich jetzt schon dauernd "Ralle" aus Scherz. 

Und ganz nebenbei hab ich noch eine Finalpflege gemacht - dafür waren meine Monitoring-Betten nicht gedacht. Aber zeitmäßig war die arme Frau besser bei mir aufgehoben als woanders. Aber erst sitze ich bei einer sterbenden Frau am Bett und mach und tue und fühle mich schon fast sinnerfüllt in meiner Arbeit, indem ich einer sterbenden Frau die Atemnot nehme und ihr Schmerzmittel gebe - und kaum stehe ich vor meinen Geri-Omas und muss mir anhören, dass seit Stuuuunden keiner mehr nach ihnen geschaut hätte ... sie hätten gaaaanz alleine aufs Klo gehen müssen. Und niiiemand hätte in den letzten zwei Stunden ihr Bett glatt gezogen ... das ist so unendlich ätzend, wenn man erst einer totkranken Frau beim Sterben zuschaut und dann von den gesunden Omas Vorwürfe bekommt, warum wir beim Abendbrot keinen Champagner ausschenken und ihnen nicht den Hintern pudern. Ich hab nur zwei männliche Patienten auf Station - der eine knalldement aber lustig dabei, hat sich am frühen Abend die künstliche Hüfte rausgeknallt "Pfleger, ich kann nicht mehr aufstehen!" - "Ja ich sehe das, ich ruf mal den Chirurgen an." Und der andere ist total cool und das Gegenteil von den "Ich brauche Hilfe"-Omas. Er ist taub-stumm und will alles alleine machen, auch wenn er nicht kann.  Da konnte ich mit meinen Gebärdensprachen-Kenntnissen glänzen - ich bin ja Gebärdensprachen-Dolmetscher. Also nicht offiziell, so dolle isses dann doch nicht. Aber eine Freundin von mir damals im Abitur war taub, konnte Lippenlesen und sprechen, hat mir aber viel beigebracht. Und sobald wir taub-stumme Patienten haben muss ich zum Beispiel bei der Visite domletschen. Wie gesagt, doll ist nicht, aber ich bekomme es hin, mich zu verständigen. Zumindest hat der taub-stumme Opa sich halb weg gefreut, dass ich Gebärdensprache kann und hat sich beschwert, dass die Kolleginnen ihn immer anschreien (sieht so doof aus, wenn du nix hörst und jemand schreit dich trotzdem als vollem Halse an).

Und dann hörste noch von allen anderen Station: "Oh wir haben soviel zu tun." bedenken aber nicht, dass ich als Leitung jetzt in deren Patientenliste gucken kann und sehe, dass ihre Station nur halb belegt ist. Pfff ... dann hab ich mich noch mit einer neuen Ärztin angelegt, die meinte, eine Patientin erst nach 12 Stunden ärztlich aufnehmen zu müssen ... ich hab dreimal nett angerufen: "Ich hab hier noch Frau xy, die ist immer noch nicht aufgenommen." Und dann kam patzig: "Ich komm ja, wir ham zu tun!" Irgendwann um acht Uhr abends ist mir der Kragen geplatzt und hab ich einen "offiziellen Anruf" gemacht: "Guten Abend, mein Name ist Herr A., ich bin die Stationsleitung, ich hab gehört die Patienten liegt seit 12 Stunden auf der Station und wurde immer noch nicht ärztlich aufgenommen!" - ja, da war die Antwort gleich ganz anders und die Ärztin ist gelaufen als sei der Teufel hinter ihr her - und hat mich im Dienstzimmer noch angenöllt: "Brauchst nicht gleich bei deinem Chef petzen!" - ich hatte gleich wieder Spaß: "Guten Abend Frau Doktor xy, ich bin Herr A. - ich bin die Stationsleitung hier." - "Oh ...." Die blöde Kuh siezt mich ab sofort, nur wegen dem Respekt und so. Manchmal macht Chef-Sein richtig Spaß. Keiner darf dir blöd kommen. Bevor ich die offizielle Show geliefert hab, war ich nur der nervige Punk mit dem dicken Tattoo, der der hoch beschäftigen Ärztin erklären wollte, was sie wann tun solle.

Ich hatte wirklich nicht viel zu tun - ich bin ja gewohnt jahrelang 45 Patienten zu versorgen, aber die wenigen, die ich heute hatte, haben sich vom Nervfaktor ähnlich angefühlt. Die finale Dame ist am Abend noch verstorben und ich konnte mich noch um 12 heulende Kinder und Enkelkinder kümmern, die sich die Klinke in die Hand gedrückt haben, um sich von der toten Oma zu verabschieden.  Irgendwie ist mir heute was ganz wichtiges durch diesen Tod bewusst geworden. Die FSJlerin und ich haben die Verstorbene nachbereitet (nochmal umziehen, Schläuche raus und Zugänge raus, frisch machen usw.), und man nimmt den Toten den Schmuck ab und schließt ihn ein, um ihn den den Angehörigen als "Wertgegenstände" zu übergeben. Und als sie mir den Ehering der Frau reichte - und die Frau selbst hat mir vor einigen Tagen noch erzählt, dass sie seit über 50 Jahren mit ihrem Mann verheiratet sei - musste ich dran denken, dass ich auch irgendwann mal sterbe und mir auch mal jemand meinen Ehering abnimmt.  Eigentlich trage ich meinen Verlobunsring kaum, vor allem zur Arbeit nehme ich ihn nicht mit. Er ist aus Weißgold und er wird zerkratzen und kaputt gehen durch das Desinfektionsmittel. Aber seit dem Zeitpunkt habe ich das tiefe Bedürfnis ihn zu tragen. Eigentlich macht´s keinen Unterschied zu einem Ehering (außer dass unsere Ringe aus Paladium sein sollen), wir haben eh beschlossen, dass wir unsere Eheringe links anstatt rechts tragen wollen. Man wird nachdenklich, wenn man Menschen beim Sterben zuschauen muss. Im Moment glaube ich wirklich, dass ich Steffi lieben kann, bis ich eines Tages sterbe.

11.04.2013 um 04:34 Uhr

Nostalgie

von: Ryan

Ich kann nicht schlafen - um ehrlich zu sein, nimmt mich das ziemlich mit. Ich lag schon im Bett, und bin wieder aufgestanden, um mich halb vorsätzlich zu betrinken. Ich gebe mir selbst einen Tag Schonfrist, um alles zu klären. Einen Tag um drüber nachzudenken und nicht wie ein hektischen Huhn alles abzustreiten. Ich möchte ruhig und gesetzt wirken. Erwachsen, als würde ich über sowas stehen. Das tue ich aber grade nicht, also gebe ich mir einen Tag Verschnaufpause.

Also habe ich die halbe Nacht bis jetzt meinen eigenen Blog gelesen - und fast schon entsetzt festgestellt, dass ich fast ein Drittel meines Lebens dokumentiert habe. Unheimlich irgendwie. Ich hab viel nachgelesen, die Trennung und die damit verbundenen Tränen meiner Exfreundin, meine ganzen Verknallheiten, meine inneren Konflikte, Momente, die ich mit Freunden hatte. Ich kann jetzt grade gar nicht wirklich fassen, dass ich das sein soll, der das alles geschaffen hat. Und seltsam zu sehen, wo ich heute stehe, wo ich doch früher so ziellos und verwirrt war. Welche Freunde ich damals hatte - welche geblieben sind und welche, die früher meine Engsten waren und die ich heute für völlig irre halte. Interessant wie wie sich alles verändert. Ich bin nostalgisch.

Ich kann selbst nachlesen, wie verliebt ich damals in Steffi war, was für Gedanken und Nöte ich hatte. Leider kann ich nichts einfügen, sonst würde ich den Eintrag vom 25. Mai 2007 einfügen "Steffi & Ryan", indem ich beschrieben habe, wie ich ihr endlich gesagt habe, dass ich mich in sie verliebt habe und sie erwidert: "Ich mich auch in dich." 

Ich weiß noch ganz genau, dass wir bei einem völlig chaotischen Umzug von einer Freundin geholfen hatten, und abends saßen wir alleine zu zweit auf einer Wiese an der Alster und haben Bier getrunken. Nur wir beide am Ufer der Alster, wir konnten die Lichter der Innenstadt sehen und das typische hamburger Panorama. Ich hab mir Mut angetrunken, ich war so verliebt und hatte solche Angst, dass mich abweisen könnte oder nicht das Gleiche empfinden könnte wie ich. Und irgendwann dachte ich, jetzt oder nie und hab ihr gesagt, dass ich mich verliebt hätte. An dem Abend und an diesem Ort habe ich sie das erste Mal geküsst.

Und ich hatte solche Ängste, was geschehen würde, wenn das mit uns als Pärchen nicht funktionieren würde. Und nun - Ewigkeiten später haben sich all diese dummen Nöte in Luft aufgelöst. Ich bin verlobt mit der Frau, die mich schlaflose Nächte gekostet hat. Sie tut immer als sei nichts gewesen bevor diesem einem bedeutungsschwangeren Abend, aber sie war schon vorher in mich verliebt. Sie gibt es nur selten zu. Vorgestern - sie hatte ein Glas Wein getrunken und war beschwippst - sagte ich zu ihr: "Wir haben uns nie Liebesbriefe geschrieben." und sie sagte: "Oh, ich habe dir Liebesbriefe geschrieben, aber ich hab sie dir nie gegeben." und ich fragte: "Wann war das?" - und sie sagte: "Früher - du hattest mich noch nicht beachtet." 

Und nun sind wir kein verliebter Junge und kein verliebtes Mädchen mehr, sondern ein Mann und eine Frau, die heiraten werden. Gefühle ändern sich mit den Jahren. Das ist wohl normal, weil die Hormonflut abschwillt. Man kann nicht zehn Jahre durchgängig verliebt sein. Das geht einfach nicht. Steffi sagte mal vor ein-zwei Jahren: "Ich war ganz erschrocken, als ich festgestellt habe, dass ich nicht mehr in dich verliebt bin. Jetzt fühle ich eine tiefe Verbundenheit zu dir."

Seltsam wie sich alles ändern. Gefühle, Freundschaften, alles. Aber wenn ich mir anschaue, wie ich früher war und wie ich heute bin, möchte ich lieber heute leben. Hört sich vielleicht doof an, aber ich denke, ich bin der Erwachsene geworden, der ich früher gerne sein wollte.

11.04.2013 um 02:15 Uhr

Und plötzlich hat man eine Affäre, von der man nichts wusste

von: Ryan

Ich weiß gar nicht so richtig wie ich anfangen soll - plötzlich habe ich ein riesiges Problem an der Backe. Ich habe grade eine Stunde gebraucht, um mich zu sammeln und hab ein Bier auf Sturz getrunken. Wie fange ich das denn jetzt am besten an? Okay, erinnert sich irgendwer an die Thematik vor ein paar Monaten, wo ich das Gefühl hatte diverse weibliche Azubis haben sich in mich verknallt? Umschwärmt wurde, 100 Kommentare auf Facebook mit "Gute Besserung!" als ich erkältet war? Irgendwie ist grad was wirklich unheimliches passiert.

Ich bekam vorhin eine SMS von einer Kollegin/Freundin, mit der ich jahrelang zusammen gearbeitet habe. Folgender Inhalt: "Du bist so ein Schwein und dümmer als ich dachte! Hör auf damit oder ich sag´s Steffi!" Ich denk: Seltsam, meint sie, dass ich mich arschig aufführe, weil ich Chef bin und vielleicht hat meine Bratzenkollegin rumgeheult, wie unfair ich neuerdings sei, weil ich alle zu Fortbildungskursen verdonnere? Nee ... natürlich erzähle ich Steffi davon wie es auf Arbeit läuft. Zumindest wüsste ich nicht, was Steffi so heiss machen würde an solchen Sachen.

Ich hab sie also angerufen und gefragt, was los sei. Beziehungsweise, ich fing sofort an mich zu rechtfertigen von wegen: "Wenn du wüsstest, wie sich die Mädels aufführen auf meiner Station, würdest du genauso reagieren." Und sie: "Ryan, ich spreche von der Auszubildenen mit der du schläfst!" Ich: "Was?!" Sie: "Du brauchst gar nicht erst anfangen irgendwas abzustreiten, sie hat mir alles erzählt!"

... und dann stand ich da und dachte, was zur Hölle ...

Folgende Situation hat sich heute Abend abgespielt ... meine Kollegin Lena (6 Jahre zusammengearbeitet hab ich mit ihr, wir sind befreundet, wir haben tausend Mal telefoniert, waren zusammen feiern und kennen uns total gut) geht nach´m Spätdienst heute zu ihrem Auto und trifft unterwegs eine in tränenaufgelöste Schülerin - nennen wir sie mal Coco. Sie hat eigentlich einen "normalen" Namen wie Melanie, Tanja, Svenja, hat aber einen völlig abweichenden Spitznamen, der sehr selbst erdacht wirkt. Naja, Lena trifft die heulende Coco und weil Lena ein gutes Herz hat und nicht im Zeitdruck ist, fragt sie was los ist. Coco erzählt ihr daraufhin, sie und ich hätten seit Monaten eine Affäre, ich würde dauernd mit ihr schlafen, ihr meine unendliche Liebe schwören, ihr erzählen ich würde mich für sie von meiner Freundin trennen, aber tue es nicht. Ich würde sie hinhalten und gestern Nachmittag - natürlich nachdem ich mit ihr geschlafen hätte - hätten wir uns gestritten. Und jetzt sei sie schwer unglücklich verliebt in einem Mann, der sie nur ausnutzt - also ich. 

Jetzt erzähle ich kurz was ich gestern wirklich getrieben hab: Ich hab gestern diesen Kammerflimmer-Typen reanimiert, musste dann zwei Stunden mich mit der ärztlichen Direktion auseinander setzen (nach Feierabend), wurde um 16.00 von meiner besten Freundin von der Arbeit abgeholt, wir sind zu mir gefahren, ich hab was gekocht und wir saßen bis 22.00 in meiner Küche und haben geredet. Steffi war auch da bis auf die eine Stunde, die sie beim Sport war. Irgendwie können diverse Leute bezeugen, dass ich gestern nicht ausversehen mit einer der Auszubildenden geschlafen hatte. Ich war von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends pausenlos von Menschen umgeben.

Ich weiß zwar wer Coco ist, hab aber nie mit der zusammen gearbeitet. Ich kann mich auch nicht daran erinnern in den letzten 4 Monaten mit ihr geredet zu haben, außer "Hallo" oder "Guten Morgen" wenn man sich auf dem Krankenhausflur über den Weg läuft. Ich glaube, sie hat gestern mittag bei mir ein Medikament abgeholt für die Station, auf der sie grade arbeitet. Aber ich habe telefoniert in dem Moment und ihr die Medi-Schachtel recht kommentarlos gegeben.  Ich weiß, in welchem Kurs sie ist und sie wirkt (aus den Erzählungen, die ich so gehört habe) überdreht und ein bisschen auffällig.

Was heisst auffällig? Psychisch. Bisschen zu laut als normal, zu offen als man auf Arbeit sein sollte. Dicke Narben auf dem Unterarm mit der lauten, selbstbewussten Ansage: "Ich verletze mich selber, weil ich eine beschissene Kindheit hatte!" Gut, ich will niemanden verurteilen. Das passiert öfter mal, dass wir Azubis haben, die aus dem dringendem Wunsch gebraucht zu werden und helfen zu wollen, die Ausbildung anfangen. Stichwort Helfersyndrom als Nebenerkrankung einer größeren psychichen Erkrankungen. Und grad ich darf niemanden vorverurteilen, wo ich doch auch haarscharf an der Diagnose Persönlichkeitsstörung Jahrzehnte lang vorbei geschrammt bin. Bulimie, Angststörung, depressive Episoden sind die drei der Diagnosen, die mein Therapeut offiziell gestellt hat. Und selbstverletzt habe ich mich auch Ewigkeiten (seltsame eigentlich, Steffi und ich hatten neulich ein total interessantes "Fachgespräch" (sie ist ja die Fachfrau für Psychiatrie), und sie sagte Männer würden zu fast 90%  zu Fremdaggression als zu Eigenaggression neigen). 

Was ich eigentlich sagen will: Ich versuche, egal wie mir Menschen begegnen, Vorurteile sein zu lassen. Mir fallen so Sachen wie Narben an den Unterarmen auf, aber ich sag nichts. Ich versuche zu schauen, wie sie arbeiten, wie sie mit den Patienten umgehen, ob sie interessiert sind wenn man erklärt, ob sie ihre Aufgaben wahrnehmen. Alles andere ist nebensächlich und gehört nicht auf Arbeit. Ich versuche selbst freundlich und höflich gegenüber Junkies zu sein - ganz viele Kollegen hassen es, wenn wir Drogensüchtige als Patienten haben. Aber auch ein Junkie ist ein Mensch und verdient normal behandelt so werden. Ich kann Menschen nicht aufgrund Diagnosen unterschiedlich entgegen treten, wo ich doch nicht weiß, wie jemand zu seiner Drogensucht oder seinem selbstverletztenden Verhalten gekommen ist. Das steht mir nicht zu. Jedes Leben ist achtenswert - deswegen bin ich ja auch Vegetarier, weil ich mein eigenes Leben nicht über das eines Schweins oder einer Huhnes stellen will. 

Also, was ich eigentlich sagen will, mir ist schon aufgefallen, dass Coco überdreht und anders ist, aber wie gesagt, ich habe nie mit ihr gearbeitet, mich nie mit ihr unterhalten, nichts. Ich kenne sie vom sehen und von Erzählungen, das war´s schon. Kranke Scheisse, dass sie sich ´ne komplette Affäre mit mir erdacht hat.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass ich morgen in aller Herrgotts-Frühe einen Termin mit der Krankenpflegeschule machen muss, um zu erklären, dass mir ein seltsames Gerücht über eine Affäre zu Ohren gekommen wäre, und ich das dementieren möchte. Ich denke, ich muss offensiv sein. Wenn ich die Klappe halte und warte, weiss am Ende jede Abteilung Bescheid (ich weiss ja nicht, wievielen Leute Coco schon was erzählt hat) und dann komme ich in große Erklärungsnot. Im übrigen steht mein Job auf dem Spiel. Ich kann gekündigt werden, wenn ich als examinierter Pfleger mit einer Schülerin schlafe (also einer Untergebenen, deren Zukunft ich beeinflusse). Und grade als Stationsleitung bin ich total am Arsch, wenn sowas die Runde macht. Und wie will ich mich rechtfertigen? Aussage gegen Aussage? Also gleich offensiv sein und das Thema ansprechen, bevor ich angesprochen werde.

Mir ist ganz schlecht, wenn ich dran denke. Selbst Lena hat mir erst geglaubt, nachdem ich ihr die Nummer der Frau gegeben habe, mit der ich gestern den ganzen Tag verbracht hab, und sie das auch bestättigt hatte. 

Mir ist echt schlecht. Bei solchen Sachen kommen Männer generell schlechter weg. Wenn irgendeine Tussi sauer ist, und behauptet, du hättest sie vergewaltigt und sie ihr sei erst eine Woche später aufgefallen, dass sie es anzeigen will, was dann? Wenn du kein Alibi hast, hast du ein riesen Problem an der Backe - und einen Monate langen Prozess. Selbst wenn Coco sagt, wir hätten 20 Mal was miteinander gehabt, wie oft hab ich ein Alibi? 18 mal? Wer weiss, was die sich noch alles ausdenkt - und erzählt!

Wenn ich fristlos gekündigt werde wegen sowas, brauche ich mich nicht mal mehr im letzten Pflegedienst bewerben. 

10.04.2013 um 17:48 Uhr

Der Chef macht sich unbeliebt

von: Ryan

Nachdem ich wieder arbeite, passieren wieder mehr Arbeitsdinge als Privatdinge. Kurz zu den Privatdingen: Die Tätowierung heilt, der Arm schwillt langsam ab und Steffi redet jetzt auch den ganzen Tag davon, dass sie auch eine Tätowierung haben möchte. Aber natürlich was kleines, nicht so wie ihr Verlobter, der sich den ganzen Arm zutacken lässt. Besonders schmerzhaft ist der ganze Kram an der Innenseite des Oberarms. Da hat sich auch ein riesiger blauer Fleck gebildet, aber so langsam ist alles wieder erträglich - wenn sich nicht grade eine demente Dame an meinem Arm festkrallt.

Jetzt kommen wir zur Arbeit. Zuerst das Positive: Arbeitsaufwand hält sich im Rahmen. Dadurch, dass wir eine kleine Station sind, kann ich meine Pause einhalten. Und nachdem jemand einen Tobsuchtsanfall hatte (nicht ich, sondern jemand, der wirklich viel zu sagen hat), haben die anderen Stationen aufgehört ihre "speziellen" Patienten bei uns zu parken. Die Argumentation war die knappe Besetzung unserer Station. Ich wurde sogar aufgefordert bei der Pflegedienstleitung zu petzen, nachdem ich mit einer Station Patienten tauschen musste, und einen voll-fixierten, aggressiven dementen Mann bekommen hab. Das war ein großes Abenteuer den mit ´ner 17 Jahre alten Praktikantin zu versorgen - und einfach nicht zumutbar. Zwei Stunden später hatte ich den dahin verlegt, wo der eigentlich hingehörte: In eine geschlossene Psychiatrie. Das gab natürlich riesen Anschiss an die Station, die den kaltschnäuzig zu mir verlegt hat (Besetzung 3 Examinierte, 5 Azubis und 3 Praktikanten) mit der Begründung, sie seien überfordert (meine Besetzung: 1 Examinierter, eine Praktikantin) - und die beiden Ärzte, die dem zugestimmt hatten, bzw. diesen Patienten versäumt hatten in eine Psychiatrie zu verlegen. 

Aufgrund solcher Ereignisse frage ich mich immer wieder: Ignoranz oder Dummheit? Könnte auch ein Mix aus beidem sein. Aber genau das bestimmt grade meinen Alltag. 

Noch ´ne Situation: Ich als Chef sollte ja neutral sein meinen Mitarbeiterinnen gegenüber, aber da ich die Hälfte nicht gut kenne, hab ich mir jetzt Dienste verschafft, dass ich mit jeder einzelnen mal zusammen gearbeitet habe. Ich hab nämlich langsam das Gefühl, dass ich zwei Mistbienen im Team hab, die zudem auch nicht die Hellsten sind. Folgende Situation: Wir sind fertig mit der Übergabe, Spätdienst und Frühdienst sind noch auf Station, die Mädels unterhalten sich über private Sachen im Dienstzimmer - ich geh nochmal rum, um bei einem Patienten ein Kontroll-EKG zu schreiben. Beim EKG-Schreiben kriegt der Patient Kammerflimmern - natürlich muss man dann sofort anfangen zu reanimieren. Ich drück auf den Herzalarmknopf - und nichts passiert. Keiner kommt. Selbst als das Reanimationsteam von der Intensivstation am Dienstzimmer mit Defibrillator am Dienstzimmer vorbeirannte, wollen meine Kolleginnen nichts bemerkt haben. "Hier hat nichts geklingelt" - "Ich dachte, es sei Fehlalarm" Danach haben meine Kolleginnen rausgefunden wie heftig ich ausrasten kann. Und ich hab mit dem Oberarzt ´ne neue Regel aufgestellt: Wer Herzalarm ignoriert, bekommt ohne wenn und aber sofort eine Abmahnung, sowohl Pflege als auch Ärzte (unser Stationsarzt stand nämlich auch seelenruhig, kaffeeschlürfend daneben und hat sich nicht bewegt). Und um den ganzen die Krone aufzusetzen, sind meine beiden Examinierten rauchen gegangen während ich auf der Intensivstation noch den Patienten reanimiert habe - und haben die Praktikantin und die Auszubildende alleine auf der Station gelassen. Noch so ein Grund für eine Abmahnung. 

So, jetzt frag ich mich als Chef, was mache ich mit zwei Mädels, die in der ersten Stunde der Schicht es bereits schaffen so zu arbeiten, dass ich sie zweimal abmahnen müsste? Das kann heiter werden. Und natürlich musste ich zwei Stunden länger bleiben, weil die ärztliche Direktion und die Pflegedienstleitung die Situation nachbesprechen musste. Und ich habe gleich meine komplette Station inklusive mir selbst zur Reanimationsfortbildung angemeldet.

Oder noch so ´ne Kiste: Unsere Auszubildenen sagt, sie möchte nicht zu einem männlichen Patienten, weil der ihr auf den Hintern gehauen hätte. Sagt meine Mentorin: "Stell dich nicht so an, du gehst da trotzdem hin." Sie selbst meidet natürlich den Patienten mit der Begründung: "Oh mein Freund ist da so eifersüchtig, wenn ich sowas zuhause erzähle, dass mich ein Patienten angrabscht, rastet er aus." Dumme Ausrede - und völlig falsch gehandelt. Erstens schicke ich keine Azubis dahin, wo ich nicht hingehen will, zum zweiten kann man sexuelle Belästigung nicht dulden, zum dritten wurde das versucht zu "vertuschen", so alla: "Sag Ryan nichts, das kommt mal vor, dass ein Patienten sowas macht. Stell dich nicht so an." Und das von der Mentorin, die sich um die Azubis kümmern soll!

Kaum hatte ich davon Wind bekommen, hab ich den Patienten vor die Tür gesetzt mit Hausverbot. Oder so ´ne Situation, dass die Auszubildende massiv von einer Angehörigen angeschrien wird - und die Schwester läuft schulterzuckend einfach weiter und tut als würde sie das nichts angehen. Kein Sicherheitsdienst angerufen, nicht eingeschritten, nichts - einfach ignoriert. 

Oder der Satz: "Das kann ich nicht, ich mach das nicht!" ist grade sehr beliebt. Die Nachtschwester musste vom Arzt aufgefordert werden einen ZVK frei zuspritzen. Sie "Kann ich nicht" und liest ihr Buch weiter. Was macht man bei wenn man was nicht kann? Man fragt jemanden, der es kann, ob der es einem zeigt. Oder wir hatten am WE eine Schwangere mit vorzeitigen Wehen, weil die Gyn voll war. Die Kollegen sollten CTG schreiben (da misst man die Wehen mit und den Herzschlag des Babys). Antwort: "Kann ich nicht, ich weiss auch nicht wo das Gerät steht" anstatt sich mal drum zu kümmern, dass ´ne Kollegin von der Gyn es einem zeigt! Ignoranz und Dummheit ... mehr sag ich dazu nicht. Oder meine neue "Lieblingskollegin" hat gestern einen Überwachungspatienten abgelehnt, weil der einen Perfusor laufen hatte ... das sei "Intensivkram" meinte sie. Und ich wundere mich, warum meine Überwachungsbetten dauernd leer sind. "Für sowas haben wir keine Zeit", aber von der Praktikantin höre ich, dass sie eine Stunde Pause gemacht haben und sie dann noch über ´ne Stunde mit ihrem Freund telefoniert hat. Für nächsten Monat hab ich allen nochmal ´ne Geräteeinweisung reingedrückt ... dieses "Ich kann das nicht" in Bezug auf Medizintechnik will ich nie wieder hören, vor allem nicht von Leuten, die schon seit 5 Jahren examiniert sind.

Jetzt könnte man meinen, der Ryan kriegt bald ein Magengeschwür und schlafen tut er auch nicht gut. Ganz im Gegenteil. Mir gehts richtig gut. Ich schlafe wie ein Baby, trinke kaum noch Alkohol, lese viele gute Bücher und rede eigentlich nicht mehr als eine halbe Stunde über die Arbeit. Ich versuche die Arbeit nicht so ernst zu nehmen, und zu lachen anstatt mich aufzuregen. Selbst als ich Steffi erzählte, wie ich alleine den Patienten anfing zu reanimieren und niemand kam, war die Geschichte lustig verpackt anstatt toternst oder gar sauer. Das muss man erstmal schaffen einer Reanimation was lustiges abzugewinnen. 

Außerdem stört mich das nicht die Bohne der "böse Chef" zu sein. Ich find mich fair aber streng. Besonders aus dem Mund meiner Lieblingsbratze hörte ich schon so Worte wie: "Unfair ... der führt uns vor ... kann ja nicht jeder so klug sein wie Ryan ..." Ich geb auf sowas gar nichts. Auf meiner alten Station wussten alle Schwester, das was ich denen grade beibringen muss - zweitens führe ich 4 Augen-Gespräche, die einzige vor der ich sie vorgeführt hab, war sie selbst - drittens: Ich hab rausgefunden, dass sie sich für meinem Chef-Posten beworben hatte. Neidisch ist die Kleine, nichts weiter. ABER die Stellvertretung der Intensivstation hat grade gekündigt und sie brauchen dringend eine Neue. Ha ha, das ist meine Chance auf die Intensiv zu kommen. Und dann kann die Bratze meinen jetztigen Job haben und alles tun oder lassen was sie will, sogar Herzalarme überhören soviele sie will.

05.04.2013 um 00:35 Uhr

Die Beinahe-Todesliste

von: Ryan

Wieder viel passiert. Herrje, im Moment ist mein Leben aber auch aufregend. Meine Überstunden-Wochen konnte ich knicken, nachdem mich meine obereste Chefin panisch anrief, dass meine Station nicht laufen würde. Also ausm Bett gesprungen und hingefahren zur Arbeit. Nichts katastrophales, nein nein ... da hatte jemand überreagiert und Angst gekriegt und im Endeffekt waren das nur Kleinigkeiten, die ich regeln muss. Einige Sachen laufen noch holprig - vor allem weil ich zwei Mädels im Team habe, die Probleme verursachen, die eigentlich nur entstehen aus Ignoranz und Dummheit. Völlig lächerlich eigentlich.

Noch ein Problem: Die Spätdienstkollegin kam schon blass und geplagt von Übelkeit zur Arbeit - die hab ich dann nach Hause geschickt und selber die Schicht gemacht. Die ist schwanger - sie hat noch nichts zugegeben, aber ich seh ihr das an der Nasenspitze an. Weiteres Problem: Ich übernehme in den nächsten 6 Wochen ihre Nachtdienste - ich hab noch nicht nachgerechnet, aber es sind sicher 15 wenn nicht sogar 20 Nachtdienste (meine eigenen muss ich ja auch machen). Dann kommuniziere ich halt in Zukunft per E-Mail mit meinen Vorgesetzen, es gibt schlimmeres.

Mit dem Buch komme ich grade nicht weiter. Zuviel zu tun, und dann auch noch einspringen, war auch nicht förderlich für meine Kreativität. Morgen Vormittag muss ich mal kurz erscheinen und auf der Leitungskonferenz das Konzept meiner neuen Station vorstellen. Ein hochoffizieller Termin mit Geschäftsführung und Vorstand. Steffi hat mir extra noch ein Hemd gebügelt. Sehr ungewohnt sich gut anziehen zu müssen für die Arbeit, wo ich ja sonst in abgelatschten Turnschuhen und löchrigen Jeans zur Arbeit schlappe. Ich ziehe mich ja eh um und lass meine Zivilsachen im Spint. Ungelogen: Nicht selten kommen einem Kollegen in Jogginghose entgegen.

Ich hab kein Problem mal ´nen Hemd zu tragen, ich befürchte nur, dass ich rascheln werde. Projekt Tattoo ist heute gestartet und ich sitz doch in just diesem Moment mit drei Lagen Frischhaltefolie um den gesamten Oberarm. Den Folienverband muss ich zwar morgen früh wechseln, aber ohne geht nicht. Das Hemd ist weiß und aus meinem Arm läuft noch permanent eine Mischung aus Blut, Wundflüssigkeit und Tattoofarbe.

Jetzt kommen wir zu dem Teil, der mich wirklich interessiert: Tataataaaa. Projekt Armtattoo ist heute gestartet. Erste Sitzung mit 5 Stunden überlebt und Ergebnis sieht soweit sehr gut aus. Zwei weitere Termine folgen. Auf dem Oberarm sind jetzt alle Linien, 3/4 ist ausgemalt, der Unterarm folgt im Juni und im August Hintergrund und Feinschlief. Ich dachte, ich würde völlig euphorisch nach Hause laufen - stattdessen bin ich im Bus eingeschlafen, weil ich so erschöpft war. Das war echt anstrengend, obwohl ich fast volle 5 Stunden nur gelegen hab.

Ich warte ja schon Wochen auf den Termin und hab mich bislang echt gefreut - nur gestern morgen lag ich im Bett und hab mir zum ersten Mal gedacht: "Das wird irre wehtun, die Tattoofrau massakriert dich 5 volle, lange Stunden. Warum bist du so doof und tust dir das an?" Nachdem ich fast ´ne Panikattacke hatte beim bloßen Gedanken daran und den Termin beinah abgesagt hätte, war heute morgen alles super. Sicher war ich nervös. Ich war mit ´ner Freundin vorher frühstücken, und obwohl ich mich ruhig fühlte, sagte sie immer wieder: "Boah, bist du hibbelig." Angekommen im Tattoostudio war ich der einzige Mann, der sich tätowieren lassen wollte. Dann kannst du nicht heulen und jammern "Aua aua, das tut so weh!" wenn im gleichen Raum zwei Mädels auch grade unter der Nadel liegen. Also Zähne zusammen beissen und durch. 

Mich haben heute schon drei Leute gefragt: "Und? Hat´s wehgetan?" Was für ´ne Frage. Natürlich tut es weh. Aber ich muss auch zugeben, es gab Stellen, die waren nur unangenehm, aber kein/kaum Schmerz. (Lieber zukünftiger Ryan, bitte lies dir das durch - du hast bei den letzten Tattoo scheinbar alles verdrängt, es ist nicht so schlimm wie du denkst!) Aber es gab auch Stellen, die waren wirklich fies - als sie die Innenseite vom Oberarm ausgemalt hat, bin ich in Schweiß ausgebrochen, weil es so wehtat (lieber zukünftiger Ryan, die Inneseite ist schon fertig, also mach dich nicht irre). Und was ich versucht habe - und spätestens jetzt halten mich alle für bekloppt - ich hab versucht die Schmerzen wehzuatmen. Ja, das kann man, siehe Atemtechnik bei Geburten. Natürlich hab ich da nicht rumgehechelt, aber es war schon echt beeindruckend zu sehen, dass ich deutlich weniger Schmerzen hatte, wenn ich langsam und konzentriert ausgeatmet hab (nachdem ich mich selbst ertappt hab, wie ich immer beim Schmerz die Luft angehalten hab).

Schlimm war der Heimweg. Ich hab erst zuhause gesehen, dass die Folie gerissen ist und die frische "Wunde" am Pullover gescheuert hat. Und dann ist mir im Bus noch ein Schulkind gegen den Arm gesprungen, ich hätte den kleinen Jungen am liebsten noch an Ort und Stelle erwürgt. Und seinen Kumpel, der ihn durch den Bus gejagt hat, gleich mit.

Ja und jetzt sitze ich hier und hab die tätowierte Fläche an meinem Körper fast verdreifacht. Irgendwie kann ich mich noch nicht freuen, vielleicht bin ich zu erschöpft und die Schmerzen sind noch zu aktuell. Außerdem sieht man durch drei Lagen Folie recht wenig. Und fertig ist es ja auch noch lange nicht. Auch sehr interessant was ich an mich selbst erlebe: Wenn man seinen Körper verändert (bei Amputationenm, schnellen Gewichtsreduktionen u. ä.), braucht das Gehirn eine gewisse Zeit um diese Veränderung abzuspeichern. Das hat mein Gehirn noch nicht gemacht. Wenn ich die Bilder von der neuen Tätowierung sehe, denke "Oh schönes Tattoo, das ist jetzt deins." aber ich fühle mich, als würde ich es morgen im Supermarkt abholen müssen. Es gehört noch nicht zu mir. 

Steffi war fast aufgeregter als ich - die kam mir schon im Hausflur entgegen, weil sie die Tätowierung sehen wollte.  Und dann äußerte Fräulein doch erstmals in zehn Jahren, dass sie jetzt auch eins will. Weil "die Farben so schön sind bei dir". Und wo? "Oberarm Innenseite wäre cool ... aber ich hab so Angst wegen den Schmerzen." Ja, da ist Innenseite Oberarm ja nicht die günstigste Stelle um damit anzufangen. Kann ich aus eigener Erfahrung jetzt sagen.

Dann hat es die Frau, die ich heiraten wollte auf meine "Beinahe-Todesliste" geschafft (also von Menschen, die ich ermordet hätte, wenn ich ein klitzekleines bisschen weniger Selbstbeherrschung hätte - die zwei Jungs im Bus sind heute in die Top 5 gerutscht). Ich hab Steffi ein bisschen geneckt - wie man das so macht - und sie war so sauer, dass sie mir mit voller Wucht auf den frisch tätowierten Oberarm gehauen hat. Und als ich Schmerzen wegatmend keuchte, ob sie bescheuert sei, das sei doch das frische Tattoo, verschränkte sie nur die Arme und sagte kaltschnäuzig: "Ich weiss!" - Mit voller Absicht, so ein fieses Stück.

So, und deswegen muss ich jetzt schlafen und morgen zur Arbeit, da sind wenigstens Menschen, die mich respektieren und achten.

 

01.04.2013 um 19:45 Uhr

Treue

von: Ryan

Eigentlich wollte ich Kris`Kommentar rekommentieren - aber das wurde grad etwas lang. Gleich vorweg: Ich hab total wenig gepennt, ich hab bis acht Uhr morgens noch geschrieben, dafür hab ich meine Schreibblockade überwunden  und bin bei Seite 150 - ich bin ein Held.

Steffi und der Kasper. Nachdem ich erst früh morgens ins Bett gegangen bin, hatte ich natürlich keinen Nerv mehr Technotyp und seiner Freundin beim Brunchen zuzuschauen. Obwohl eine deutliche Ansage bei dem Typen mal ganz dringend notwenig wäre.

Und warum glaube ich, dass Steffi mich nicht betrügt? Ja, warum glaube ich das? Das Schöne an meiner Beziehung zu ihr ist, dass wir offen miteinander reden. Wir sind beide ziemlich gut in der Lage, über uns zu reden, auch teilweise sehr offen. Gut, das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir uns zehn Jahre kennen, und fast sieben ein Paar. Steffis Meinung übers Fremdgehen: "Das machst du nur ein einziges Mal und ich schmeiss dich sofort raus. Du brauchst nie wieder anrufen, dich versuchen zu erklären, ich bin dann einfach durch mit dir." Das ist eine deutliche Ansage. Aber wenn sie sagt, es gäbe für sie nichts schlimmeres, als wenn ich Fremdgehen würde, gilt das ja wohl automatisch auch für sie? Davon gehe ich jetzt mal aus.

Auf der anderen Seite versuchen uns wir Freiräume zu lassen. Wir sind kein "Uns gibts nur im Doppelpack"-Pärchen. Finden wir beide super ätzend. Technotyp auch neulich: "Ich kann mit aufs Festival, mein Hasipupsi hat´s mir erlaubt!" Ich brauch mir keine Erlaubnis abholen, bei gar nichts. Wenn ich mit meinen Kumpels aufm Kiez bin, dann geht´s einmal mindestens über die Herbertstraße (nur durchgehen versteht sich) - aber Steffi weiß das und hat damit kein Problem.

Zum Beispiel haben wir teilweise wirklich unterschiedliche Freunde. Und grade weil mein Freundeskreis beinahe nur aus Frauen besteht, brauche ich mir gar nicht anmaßen ihr zu verbieten sich mit dem Typen zu treffen. Ich hab sogar eine beste Freundin, die kennt Steffi kaum. Die beiden haben sich einmal in ihrem Leben die Hand gegeben, aber das ist eine Frau mit der ich teilweise um 3 Uhr nachts noch telefoniere. Und mit genau dieser Frau, die Steffi kaum kennt, rede ich über Dinge, über die ich mit Steffi nicht reden würde.

Oder noch so ´ne Sache: eine andere beste Freundin (ich hab drei davon, und noch einen schwulen besten Kumpel) heiratet in ein paar Wochen und ihre "schwulen" Jungs sind eingeladen (sie hat mich kennen gelernt, als ich noch mit einem Mann leiirt war). Und natürlich gibt es einen Stripper, und natürlich werde ich sternhagel voll sein. Und bei solchen Sachen gibt es keine Diskussionen zwischen Steffi und mir. Das ist einfach so, solange ich nur halbwegs heil wieder nach Hause - ach ja, sie holt mich sogar ab. Sie hat sich freiwillig gemeldet mit dem Ehemann des anderen schwulen Typens uns nach Hause zu fahren mitten in der Nacht.

Gut, wo großes Vertrauen, da auch großes Potential für Missbrauch.

Auf der andern Seite kann ich verstehen, wieso sie sich mit dem Typen trifft. Ich weiß von mir selbst, dass ich mir viel Bestättigung von anderen Menschen abhole, die mich attraktiv finden. Reeperbahn macht keinen Spaß, wenn dein Partner dabei ist. Das sagt selbst Steffi. Und auch das ist nur möglich, weil wir uns vertrauen und ewig lange zusammen sind. Ab und zu möchte ich die Bestättigung, dass ich mit Steffi zusammen bin, weil ich das will und nicht, weil ich große Panik vorm alleine sein habe oder sonst keine mehr abkriege. Alleine dieser Gedanke: "Ich könnte, wenn ich wollte ganz viele andere Frauen haben, ABER ich will nur meine." 

Ich mein, ich lass mir in ein wenigen Tagen den kompletten Arm zutätowieren - Steffi hat nicht eine einzige Tätowierung und will auch keine - und sie findet das völlig okay (sie hat mir den Gutschein geschenkt). 

Allerdings erinnere ich mich grade an meine Freundin, die bald heiratet. Sie hatte letzte Woche bei mir in der Küche beinahe eine Panikattacke als ich sagte: "Und, wie ist der Gedanke nur noch mit einem einzigen Mann zu schlafen bis an den Rest deines Lebens?" und sie nur: "Was? Daran hab ich ja gar nicht gedacht ..."

Schwieriges Thema.

Auf jeden Fall muss ich mit Steffi über diesen Technofritzen reden.