Boys don´t cry

31.05.2013 um 02:14 Uhr

Von wegen weich ... klever!

von: Ryan

Ich sitze schon seit 20 min vorm PC und weiss nicht, wie ich es erklären soll. Wieso fühle ich mich so machtlos gegen über meiner Chefin? Ich finde "weich" ist der falsche Ausdruck. Es ist Machtlosigkeit. Das große Problem: Meine Chefin ist die Abteilungsleitung. Wer sitzt über der Abteilungsleitung? Nur noch die Geschäftsführung. Es gibt Leitungen, die trauen sich nicht die Geschäftsführung zu behelligen - ich gehöre nicht dazu, ich hatte in jüngster Zeit alleine zwei Termine bei denen, eben wegen besagter Probleme. Aber man hat es zur "Kenntnis genommen" - mehr nicht. "Danke, dass Sie ihr Anliegen vorgetragen haben, tschüss!" Mehr war da nicht! Ich hatte mir erhofft, dass Grenzen festgelegt werden, aber da war gar nichts.

Selbstverständlich lass ich mir das nicht gefallen - wenn die Alte Krieg haben will, bitte sehr.  Das Problem ist nur eben, dass sie bei allem das letzte Wort hat, wenn sie es drauf anlegt und ich sitz dann da, kann zwar meinen Unmut äußern und schimpfen (z.B. bei den Dienstplänen), aber wenn es hart auf hart kommt, hat sie Recht und ich nicht. 

Ich hab sie ja neulich schon bei der ärztlichen Direktion "angeschissen" - das gab dann nur einen kleinen Rüffel von wegen: "Das machen Sie aber bitte nicht nochmal."  Was soll ich tun, wenn abmahnungswürdiges Verhalten nur mal kurz getadelt wird?

Naja, ich hab mir jetzt andere Sachen überlegt. Zum Beispiel werde ich mich jetzt jedes Mal, wenn sie über meinen Kopf hinweg etwas entscheidet, mich schriftlich bei der Geschäftsführung beschweren. Hab ich mir heute Vormittag mit einer anderen Leitung zusammen überlegt - wir schreiben bei jedem Pups sofort eine E-Mail (meine Leitungskollegin hat haargenau die gleichen Probleme). Wir hoffen, dass dann eingesehen wird, dass Handlungsbedarf besteht, wenn eine kleine Flut von Beschwerden von mindestens zwei Personen anschwemmt. Drei oder vier wären natürlich besser. Auch daran arbeite ich.

Und selbstverständlich diskutiere ich weiter mit meiner Chefin. Das Wort "Nein" hört sie zur Zeit sehr häufig von mir. Dann sagt sie: "Doch, das wird aber so gemacht!" und ich: "Nein, das wird so nicht gemacht weil ..." - dann sie wieder: "Doch, weil ..." und ich wieder: "NEIN! Weil ..." und nachdem wir uns 20 Minuten in Rage disuktiert haben, schnapp sie nach Luft und sagt: "Naja, ich hab ja eh das letzte Wort. Da brauchen wir uns jetzt auch nicht streiten." und geht einfach weg - ich sitzt da so wütend, dass ich fast platze.

Das Problem ist, ich kann nicht einfach einen Sitzstreik machen, wenn sie was macht, was mir nicht passt. Und es kostet Zeit. Auf die Termine mit der Geschäftsführung warte ich immer mindestens eine Woche - und in der Zwischenzeit kann die Olle machen was sie will. Wie schon gesagt, da sind keine drei Instanzen mehr, bei denen ich meckern kann, sondern nur eine einzige, die scheinbar nicht interessiert, wenn meine Grenzen als Chef beschnitten werden. 

Wegen der Coco-Sache - sie durfte heute hospitieren. Allerdings hab ich Montag gleich einen Termin mit ihrer Bildungseinrichtung, die für ihre Einsätze verantwortlich sind - das liegt nämlich mal zur Abwechslung eigentlich nicht in der Verantwortung meiner Chefin. Die ist einfach nur locker flockig zur anderen Leitung gelatscht, wo Coco eigentlich zur Zeit arbeitet, fragte blauäugig ob die liebe Coco nicht mal einen Tag lang bei mir hospitieren könne, sie würde doch so gerne. Die andere Leitung zuckte mit den Schultern und sagte sowas wie: "Von mir aus." Und bei mir tut sie, als wäre das höchste Anweisung. Stimmte gar nicht - ich also, klever wie ich bin - gewartet bis meine Chefin Feierabend macht und hab genau die gleiche Scheiße abgezogen wie sie. Sie hatte mittags hochoffiziell Coco auf meine Station geschleppt: "Hier Ryan, du kennst ja die Coco, sie hospitiert ja heute, ich hab sie  persönlich vorbei gebracht, damit sie den Weg findet." Coco strahlt, ich zähneknirschend: "Super ... Coco kennt den Weg aber schon, war doch neulich als Patientin da." Meine Chefin: "Ja ... äh ... also frohes Schaffen!"

Ich bin ja nicht blöd - genauso wie sie mir Coco untergemogelt hat, bin ich Coco nach grade mal 2 Stunden wieder losgeworden. Nämlich durch dieses "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt"-Ding, was meine Chefin auch immer abzieht. Ich bin so ein kleverer Hund - ich bin richtig stolz auf mich. Um ehrlich zu sein, heute war es richtig stressig. Ich hätte gut zwei Hände mehr gebrauchen können, aber ich wollte sie nicht auf Station haben. Damit Coco "denkt", dass sie hospitiert hat, hab ich Amy mit ihr losgeschickt, Amy sollte ihr alles zeigen und erklären - weil ich wichtige Arztdinge zu besprechen hätte. Amy kam knapp eine halbe Stunde wieder an und jaulte, Coco sei so anstrengend, warum ich ihr das antue. Amy musste ich mit ´ner Schachtel Zigaretten bestechen (sie schnorrt sich schon seit Wochen bei mir durch und hat jeden Tag eine andere Ausrede, wieso sie keine Kippen holen konnte, aber jetzt wirklich dringend eine rauchen muss). Nächster Schritt: Amy und ich tun so, als sei uns tierisch langweilig - gar nicht so einfach, wenn du gar nicht weißt, wo du zuerst hin sollst vor lauter Arbeit. Amy gähnte dann provokant und sagte so Sachen wie: "Mensch, heute ist echt nix los ..." Nächste Phase: Auf der Station, auf der Coco eigentlich arbeitet ist plötzlich soviel los, dass die dringend Unterstützung brauchen - und keine Station ist so überbesetzt wie meine, so dass es leider nicht anders geht, als dass wir Coco schweren Herzens für einige Stunden ausleihen müssen. Schade um die Hospitation, aber es geht leider gar nicht anders. Sie hat kurz versucht zu diskutieren, ist dann aber abgezogen und kam erst 5 Stunden später zur Abendübergabe zurück. Ha!

Allerdings wunderte sich Coco ein bisschen - Sie kam auf ihre eigentliche, in dem Moment ja sehr überlastete Station just in dem Moment, als alle Kollegen Kaffee trinkender Weise im Dienstzimmer hocken. Als sie zurück kamen, saßen Amy und ich abgekämpft mit der Nachtdienstkollegin in der Übergabe und Coco schlackerte mit den Ohren. "Hört sich aber stressig an. Wie du ein Tracheostoma wechselst, hätte ich ja gerne gesehen." - "Ach, sowas machen wir dauernd nebenbei ..." Um ehrlich zu sein - es war sau stressig. Amy hat mir sogar irgendwann ein Brot geschmiert und ins Dienstzimmer gestellt, damit ich auch was esse, während ich Visite ausgearbeitet hab. 

Wie gesagt, ich bin klever. Wenn Coco sich beschweren sollte, gibt´s meine offizielle Version dagegen: Wir waren überbesetzt, es war nichts zu tun, die andere Station bat um Hilfe - und wer bin ich das anzuzweifeln, ob die wirklich Stress haben? Amy konnte ich nicht schicken, die ist nur FSJlerin. Tja, so ist das halt. Und einen zweiten Hospitationstag wird die Schule nicht mitmachen - und mit denen hab ich Montag eh den Termin, diesmal nicht mit der Bezugsmentorin, sondern gleich mit der Schuldirektion. Ich hasse diese Termine und Gespräche. Am liebsten würde ich nur noch Rundmails mit meinen "Ansagen" verteilen. "Coco arbeitet auf Station xy nicht! Hau! Ich habe gesprochen, mit freundlichen Grüßen, die Stationsleitung" und dann sollen alle gucken wie sie klar kommen - aber nein, erst telefonieren, Thema kurz vorbesprechen, Termin abmachen, warten bis zum Termin, hinlatschen, sabbeln und im Moment laufen alle Termine so, dass ich am Ende mit einer schwammigen Antwort weggehe. Liegt das an Frauen allgemein? Ich als Mann habe eine Problem und drei Lösungswege im Gepäck - und dann entscheidet man sich für einen, oder? Im Moment höre ich nur immer und immer wieder: "Ja ... äh ... also ... mh ..." und es ist nichts geklärt, wenn ich gehe. Das macht mich halb irre. Oder mein neuer Lieblingssatz ist: "Das kann ich so nicht alleine entscheiden, das würde ich gerne rück-besprechen, ich melde mich dann bei Ihnen." Ich glaube, das liegt an dem weiblichen Gemüt allgemein. Ich arbeite in einem Beruf, in dem selbst in allen Führungesebenen nur Frauen sitzen und sich nicht entscheiden können. 

Was mich zur Zeit etwas tröstet in meinem beruflichen Stress, ist meine Oma. Kurze  Erklärung: In dem Krankenhaus in dem ich arbeite, haben meine Mutter und meine Oma als Krankenschwestern vor mir gearbeitet. Während meine Mutter im OP arbeitete (dunkle Katakomben, kein Tageslicht, Schleusen, wo keiner reinkommt, der da nichts zu suchen hat), war Oma eine gefürchtete, omnipräsente Stationsleitung, die sich überall eingemischt hat - und wie ich mittlerweile aus Erzählungen von älteren Kollegen weiss - eine gefürchtete Frau. Ich saß vor ein paar Jahren mit einer Kollegin am Frühstückstisch und sie erzählte von den "alten Zeiten", in denen man die Stationsleitung noch siezen musste und diese alle Schwesternschülerinnen zum Bettpfannen schrubben mit Zahnbürsten verdonnert hat. 

"Und die Schlimmster war Schwester Edith, ich hatte so Angst vor ihr. Wenn eine Falte im Bett war, musste ich das komplett neu machen. Sie ist jeden Morgen durch alle Zimmer und hat kontrolliert, wie wir geputzt hatten." - Ich so: "Oh, wirklich?" - Kollegin: "Jaaaaa, und ihre Tochter, Schwester Monika, hat auch hier gearbeitet, erst auf der Station xy. Die war auch immer so überkorrekt! Irgendwann hat sie aber im OP angefangen, das war die einzige OP-Schwester, die mit dem Chef-Chirurgen klar kam! Und jeden morgen hat sie mit dem Chirurgen zusammen die frischen OPs visitiert und uns haarkleine Anweisungen wegen der Verbände gegeben! Ihr Sohn soll jetzt auch Krankenpfleger sein, Gott weiß wo!" - "Ihr Sohn arbeitet hier." - "Nein! Wer?! Weißt du wer, Ryan?!" - "Ich bin Monikas Sohn." - "Ryan, verscheisser mich nicht!" Während der Ausbildung damals wollte ich nicht, dass alle wissen dass ich die Familientradition weiter führe - kam natürlich trotzdem hin und wieder raus. Mittlerweile sind fast alle in Rente, die selbst mit meiner Mutter gearbeitet haben, also kennen mich kaum noch Leute als Sohn oder Enkel von jenen legendären Schwestern. Meine Chefin allerdings erinnert sich noch sehr gut an meine Familie. Sie hat es noch nicht angesproche, aber Oma hat natürlich sofort Geschichten rausgehauen, die anfangen mit folgenden Sätzen: "So ein dummes Mädchen damals, ich hab ihr dauernd gesagt, sie soll Sekretärin werden, aber sie wollte unbedingt Krankenschwester werden." Nach Omas Logik sind nämlich nicht alle geeignet, um Krankenschwester werden zu können. Was Oma dann noch gesagt hat, behalte ich für mich, aber Oma war nicht begeistert, dass diese Frau mittlerweile viel Einfluss hat.

Oma könnte meine persönliche Geheimwaffe werden - wer weiss, was für versteckte Traumata hochkommen in meiner Chefin, wenn ihre alte Ausbildungsschwester plötzlich schimpfend über den Flur (mit ihrem Rollator) fegt. Ich glaub, das mache ich. 

30.05.2013 um 01:51 Uhr

Straight to hell

von: Ryan

Heute mal wieder Schicht - nachdem ich gestern den ganzen Tag im Bett verbracht hab. Ich hab nicht geschlafen, ich wünschte ich hätte es können. Aber ich hab gedöst, was gelesen, Kekse im Bett gegessen (die sind jetzt auch alle), wieder gedöst, bin gegen späten Nachmittag mal aufgestanden, um für Steffi und mich zu kochen, lag dann in Jogginghose auf der Couch rum, um dann wieder früh ins Bett zu gehen. Ich bin so grotten faul, wenn ich frei hab - nach dem Turn, den ich hinter mir hab, hab ich nicht mal ein schlechtes Gewissen.

Meine Lieblingsvorgesetzte ist wieder da - und aktiver als je zuvor. Mir ist heute wieder aufgefallen, mein Job könnte mir ziemlich gut gefallen, würde diese Frau mir nicht nonstop, andauernd und immerzu an den Karren pissen. Es ist unglaublich - kaum betrete ich die Station, kommt sie mir entgegen, wedelt stolz mit neuen Dienstplänen umher und freut sich, dass sie den September-Dienstplan jetzt auch schon fertig hat. Meine Kolleginnen stehen mit Tränen in den Augen neben mir: "Aber wir konnten doch noch gar keine Wünsche abgeben! Wieso ist der Dienstplan so schnell fertig?!" Und wieso darf ich den Dienstplan nicht schreiben? Das ist meine Aufgabe.

Also hab ich mir die Alte gekrallt, um mal grundlegende Dinge zu klären. "Wieso darf ich keinen Dienstplan schreiben? Ich hatte sie fertig und sie wurden einfach ignoriert." - Antwort (und ihr müsst euch vorstellen, da steht eine fünfzig Jahre alte kleine Krankenschwester im Hosenanzug vor dir, stemmt die kleinen Fäuste in die Hüfte und sagt mit piepsiger Stimme:) "Ryan, du hast da keine Übung drin." - "Aber wie soll ich Übung bekommen, wenn du mir ALLES abnimmst?" - tolle Antwort: "Ryan, lass das mal meine Sorge sein." Tätschel, tätschel, Schwamm drüber. Thema beeendet.

Nächstes Ding: ich überfliege die Dienstpläne, sie sagt sowas wie: "Ryan, das geht nicht mehr, dass du soviele Nachtschichten machst, du musst schon mal tagsüber da sein." Ich nicke - und sehe, dass die schwangere Kollegin mit 10 Nachtdiensten eingeteilt ist: "Sie ist schwanger, wieso steht die mit Nachtdienst drin?!" - "Ja, das ist ja noch lang hin." Äh wie bitte? Die Frau ist im dritten Monat - also ich als Mann hab von sowas ja keine Ahnung, aber wenn ich mal nachrechne, ist sie im September immer noch schwanger. "Ja, das weiss man ja nicht." ... ja wie gesagt, ich als Mann hab von sowas ja keine Ahnung ... lassen wir das mal so stehen. Ich nur so: "Naja, wenn sie also im September noch schwanger ist, bekommen wir Probleme mit dem Dienstplan." Sie nur: "Ja, mmh." Thema wieder beendet. Hää?

Dann hab ich nachbesprochen, was sie da mit meinem IMC-Betten veranstaltet hat. Sie gab mir so eine schwammige Antwort wie: "Das war ja unschön." - Ich: "Ja, gab ganz schön Ärger und Chaos." - Sie: "Aber du musst mich auch verstehen." Nee! "Aber Ryan ..." - NEIN!

Irgendwann waren wir an dem Punkt, an dem ich fragte wieso sie mir keine Verantwortung überlassen kann. Ich finde (nicht nur ich), dass der Laden gut läuft. Sie seufzte, guckte mich aus großen Augen an und die Antwort, die ich mir schon gedacht hab: "Ryan, du bist doch noch so jung ..." Ich stand schon mit verschränkten Armen vor ihr: "Was denkst du, wie alt ich bin?!" - "Ryan, mit 24 kann man keine Station alleine ohne Hilfe leiten." - "24?!" - "Ryan, du bist einfach noch sehr jung, und ich will dir helfen." 24!! - Ich: "Wie alt warst du, als du deine erste Station geleitet hast?" - "Also ich war 5 Jahre examiniert, ich hab schon einiges gewusst und mitbekommen!"- Ich wieder: "Ich bin seit 7 Jahren examiniert ..." - Sie: "Oh ... ich finde trotzdem, anfang 20 zu jung für soviel Verantwortung." - "Ich bin nicht anfang 20, ich werde nächstes Jahr 30!" - "Oh ... also ... du hast dich aber gut gehalten ... wirklich schon 30?!" Ich schüttel den ganzen Tag nur mit dem Kopf. Was soll denn dieser Scheiß?

Und dann kam der Knaller: "Ryan, wir haben eine Schülerin, die UNBEDINGT auf deiner Station arbeiten will. Sie interessiert sich sehr für die IMC-Arbeit." - "Aha." - "Wahrscheinlich kennst du sie, Coco wird sie wohl genannt." - "Was?!" - "Also Coco kommt für drei Monate zu dir." - "Nee nee nee, es war besprochen, dass Coco hier nicht arbeitet!" - "Ja, aber sie interessiert sich doch so." - "NEIN! Ich will sie hier nicht haben! Ich hab das besprochen!" - "Aber sie hat bei mir einen Antrag gestellt. Sie würde auch aushelfen, wenn sie nicht hier eingesetzt ist." - "Nein, sie betritt meine Station nicht!" Sie schaut mich wieder mit großen Augen an und sagte dann beinahe mitfühlend: "Ryan, ich hab gehört, was zwischen dir und ihr war." - "Nein, da war nichts! Rein gar nichts!" - "Ryan, sie hat´s mir erzählt." ...  "Und Ryan, ich weiss dass du verlobt bist - aber wegen deiner Verfehlung(!!!), kannst du dem armen Mädchen nicht verwehren einen sehr interessanten Bereich der Medizin zu sehen." Würde ich das Gespräch in diesem Moment nochmal führen können, würde ich lauthals "Verleumdung! Lüge!" schreien. Immer und immer wieder. Stattdessen stand ich mit offenen Mund da und überlegte, ob ich noch zuhause im Bett liege und sehr schlecht träume. 

Und sie macht weiter: "Wir haben Coco jetzt kurzfristig von der xy Station abgezogen, sie wird morgen hospitieren." Okay ... Hospitationen sind immer im Frühdienst ... dann hat Nicole sie an der Backe. Ich sehe sie nur eine Stunde in der Übergabe mit den anderen Kollegen. "Sie wird im Spätdienst hospitieren." Ich hab sie an der Backe! Scheiße!! "Die FSJlerin kann dann ja frei machen, die hat eh Überstunden." - "Nein nein nein, ich brauche Amy! Amy ist die Einzige, die eingearbeitet ist, Coco weiss das nicht. Coco läuft doch nur mit! Ich brauche Amy!" - "Ja also ... ich wollte Amy grade anrufen, dass sie zuhause bleiben kann." - "Nein, ich brauche Amy!" Ich glaube, kein Mensch kann sich vorstellen, wie ich mich grad fühle - ich trinke jetzt schon panisch Rotwein. Scheiße, was mach ich denn? Mein Schlachtplan: ich ziehe mir Amy bei Seite und sag ihr gleich in der ersten Minute, dass sie mir keine Sekunde von der Seite weichen darf. Wenn es sein muss, geht sie mit mir zum Klo. Aber sie darf mich nie, nicht mal für nur eine Minute alleine lassen - mit Coco. Oh Gott, mir wird ganz schlecht, wenn ich an morgen denken. 

Ja, was soll ich dazu sagen? Das ist meine Chefin, wie sie leibt und lebt. Nach ´ner halben Stunde hatte ich mich von dem Schock halbwegs gefangen und versuchte sie nochmal anzurufen, stotterte irgendwas zusammen, ob es nicht bekannt sei weswegen ich dieses wichtige Gespräch mit Coco und der Bezugsmentorin hatte. Und sie nur ganz cool am Telefon: "Ryan, deine Verfehlung (!!! wieder dieses Wort !!!) ändert nichts daran, dass sie Auszubildende bei uns ist und ein Anrecht darauf hat ALLE Bereiche kennen zu lernen."- "...." - "Da musst du dich jetzt professionell verhalten." Ich will nicht ... ich überlege die ganze Zeit, ob ich mich krank melde ... warum hasst meine Chefin mich? Warum ist sie so blöd?! Warum ich?! Herr Gott im Himmel, steh mir bei.

27.05.2013 um 16:08 Uhr

Fan-Club

von: Ryan

Endlich wieder Montag - während die ganze Welt schimpft, bin ich froh. Meine Wochenend-Schicht ist vorbei, ich habe zwei Tage frei. Fühlt sich an wie Glückseligkeit auf Erden. Wunderbar. Nachdem ich mir Samstag ja groß vorgenommen hatte, so früh wie möglich ins Bett zu gehen, lief Steffi angestochen in der Wohnung rum, weil sie Champions League gucken wollte mit Freunden. Ich hatte gleich großkotzig erklärt, ich gehe heute nirgendwo mehr hin außer ins Bett. Während ich mit Zahnbürste im Mund und Jogginghose an den Beinen schon im Bad stand, machte sich bei Steffi Entsetzen breit: Die ganze Welt hatte nämlich auch vor Fussball zu gucken und sie bekam trotz größter Mühe keinen Tisch mehr in der Schanze oder anderen angesagten Szenevierteln in Hamburg. Selbst die kleine, düstere Eckkneipe in unserer Straße war um halb acht schon brechend voll. Also die panische Frage an den Lebensgefährten: "Können wir hier gucken?" Eine halbe Stunde später saßen 10 Leute in meinem Wohnzimmer und anstatt zu schlafend, saß ich mit alkoholfreiem Bier auf der Couch und unterhielt mich.

Ende vom Lied: Es war ein Uhr nachts bevor wir die letzten Leute aus der Wohnung gekehrt hatten - ich hätte natürlich trotzdem früher ins Bett gehen können, grade wenn ich weiß, dass mein Wecker um halb fünf klingelt, aber ich hab dann die Gesellschaft dem Schlaf vorgezogen. Und grade als mein Kopf auf dem Kissen ruhte, klingelte das Telefon: "Ryan, Notfall! Ich habe Scheiße gebaut!" Mittlerweile sind meine Freunde und ich in einem Alter, wo "Scheiße bauen" immer sexuelle Verfehlungen sind. Eine meiner engsten Freundinnen hatte mit ihrem Arbeitskollegen geschlafen, der allerdings liiert ist. Also nochmal eine halbe Stunde intervenieren, bevor ich tatsächlich schlafen konnte. Ich bring es nicht über´s Herz dann einfach zu sagen: "Heute Nacht musst du alleine klar kommen, ich sterbe nämlich grade vor Müdigkeit."

Am Sonntag Morgen (halb fünf ist eigentlich noch mitten in der Nacht, finde ich) war ich dennoch erstaunlich ausgeruht - lag daran, dass ich nichts getrunken hatte. Ich halte das Arbeitspensum nicht mehr durch, wenn ich bei solchen Gelegenheiten noch 3 Bier trinken würde. 

Und nun hab ich heute frei - ungewohnt, aber ich wusste gestern Abend schon, dass ich nicht wissen würde, was ich machen soll. Das ist immer so, wenn ich so lange gearbeitet hab - ich sitze dann an meinem ersten freien Tag zuhause und weiss rein gar nichts mit mir anzufangen. Produktiv war ich auch noch nicht - wenn Steffi nachher nach Hause kommt und fragt, was ich gemacht hab, kann ich bislang nur sagen: "Ich hab Kekse gegessen und ein Mittagsschläfchen gemacht." Ich find´s auch mal ganz schön, einfach nicht sprechen zu müssen. Ich muss auf Arbeit so viel sprechen. Erst mit den Patienten, dann mit der Auszubildenden mit der ich arbeite - man trifft Leute in der Umkleide, die man kennt, dann hat irgendwer noch ´ne Frage, Angehörige wollen mit dir reden, man muss ständig telefonieren. Es ist schön heute einfach mal nicht reden zu müssen - und dass sagt ein sehr mitteilungsbedürftiger Mensch. 

Auf den letzten Tag war mein kleiner Fan-Club auf Arbeit wieder etwas aktiver als sonst. Alle nutzen die sonntägliche Ruhe, um mal einfach so unverfänglich vorbei zu kommen und "Hallo" zu sagen. Die Schülerin (kein Mitglied), mit der ich gearbeitet hab, sagte irgendwann gegen Mittag: "Du bist aber beliebt." Ich hab´s darauf geschoben, dass ich eben so ein netter, reinlicher Typ bin und als männlicher Pfleger zu einer seltenen Art gehöre. Hätte ich als Teenager schon soviel weibliche Aufmerksamkeit bekommen, wären mir sicherlich einiges an Selbstzweifeln erspart geblieben. Vor Komplimenten konnte ich mich gestern kaum retten - kam meinem übermüdeten Selbstbild zumindest so vor. "Ryan, ich hab immer so gerne mit dir gearbeitet, hoffentlich komm ich in der Ausbildung nochmal auf deine Station." - "Ich find das so cool, dass du jetzt Leitung bist, du machst das bestimmt ganz toll." - "Ryan, deine Haare liegen toll, warst du beim Friseur?" Runter wie Öl, würde Mama sagen. Dann komm ich nach Hause, die Verlobte liegt mit Bierfahne, ungewaschen mit wilden Haaren auf dem Sofa und gibt so ´nen Satz von sich wie: "Du siehst aus, wie ich mich fühle. Boah, hast du Augenringe." - "Aber meine Haare liegen heute schön." - "Findest du?!"

Soviel Aufmerksamkeit und menschlicher Bienentanz ist natürlich schön, grade wenn es zwei dutzend Mädels um die 20 sind. Ich glaube - und ich bin mit meiner Vermutung nicht alleine - wenn ich nicht so nett, verantwortungsbewusst (und liiert mit Sofamops - natürlich der wichtigste Grund) wäre, ich könnte das aufs Schärfste ausnutzen. Ich glaub, ich könnte jeden Tag ´ne andere mit nach Hause nehmen - und müsste sie dazu nicht mal abfüllen. Seltsam solche Phasen - mir kommt´s nämlich so vor, als sei ich nur phasenweise attraktiv für Frauen. Jahre lang passiert nix, keine Frau nimmt dich als Mann mit Libido war und plötzlich, dauernd kommen nur so Sätze wie: "Du bist wie ein Bruder, den ich mir immer gewünscht habe" - "..." - von einem Tag zum nächsten - stehen sie Schlange. Ich rede jetzt nicht von so irren Weibern wie Coco, ich meine diese Phase, die ich vor sechs Jahren schon mal hatte. Da sagte eine Freundin zu mir: "Dir rennen die Ziegen hinterher, als hättest du Zucker in den Taschen." Ich hab´s damals auf meine Ausstrahlung geschoben, weil ich zu dem Zeitpunkt schon so verknallt in Steffi war, aber wir beide noch kein Paar und so unsicher waren, dass wir nur rumgeeiert haben. Zu meinem damaligen "Fan-Club" gehörten wieder nur Arbeitskolleginnen: Eine Physiotherapeutin, eine Hand voll Mit-Azubis (einige aus dem Mittel-Kurs und eine in meinem, Steffi mal nicht mitgerechnet) und sogar ein paar examinierte Schwestern. Ich weiß noch, wie ich Frühdienst mit einer Schwester auf der Stroke-Unit hatte, und es war bekannt, dass sie grade gekündigt hatte. Sie macht die Dienstzimmertür hinter uns zu, fängt an nervös zu werden und sagt sowas wie: "Das fällt mir jetzt schwer, aber ich wollte dich fragen, ob du mal mit mir ausgehen würdest." Und ich hab irgendwas gestottert von wegen schlechter Zeitpunkt in meinem Leben, sie sei ja total nett, aber ginge nicht, weil bla bla bla. Und Steffi war damals schon völlig resigniert und eingeschüttert, von der potentiellen Konkurenz.

Reizvoll ist es schon, muss ich zugeben. Aber ich denke, egal was man(n) macht, am Ende nach ein paar Jahren Beziehung landet man wieder da, wo man jetzt steht - nämlich mit einer Frau, die plötzlich gar nicht mehr so reizvoll ist, mit Jogginghose auf der Couch liegt und an dir rumnöllt. Ich bin auch so realitätnah, dass ich mir durchaus bewusst ist, was Nick Hornby sinngemäß mal geschrieben hat: Die größte Enttäuschung am Zusammenleben mit einer Frau ist die Unterwäsche. Sie heben sich die besten Stücke für Dates mit potentiellen Sex auf - wenn du mit ihr zusammen lebst, hat sie plötzlich nur noch dieses bequeme Zeug, was es im Dreier-Pack zu kaufen gibt. Und so sind alle Frauen. Anfangs himmeln sie dich an, irgendwann fällt ihnen auf, was sie alles an dir stört. Eigentlich ist die Zeit, in der sie nur deinem Fan-Club angehören und sich ausmalen, wie man wirklich sein könnte ("Er steht bestimmt genauso auf Spaziergänge wie ich") die Beste. Du kannst in der Zeit nichts falsch machen - außer du hörst plötzlich auf mit einigen zu reden oder schenkst einer mehr Aufmerksamkeit als der anderen. Aber natürlich bin ich immer zu allen freundlich.

Natürlich bin ich vorsichtig - nach der Coco-Geschichte erwische ich mich, wie ich meine Worte mit bedacht wähle, um ja nichts verfängliches zu sagen, oder irgendetwas, dass am Ende bedeutungsschwanger im Kopf einer blonden Zwanzigjährigen arbeiten könnte. Selbstverständlich habe ich dafür gesorgt, dass das gesamte Haus weiss, dass Steffi und ich verlobt sind, dass wir ein Heiratsdatum haben und dass wir unendlich glücklich sind. Steffi ist nicht nur eine Lichtgestalt, die irgendwo in meinem Leben rumgeistert, nein, Steffi ist ab und zu auch sehr präsent in meinem Betrieb - obwohl sie seit beinahe sechs Jahren nicht mehr dort arbeitet. Dass Christina, ihre beste Freundin, arbeitet, hält Steffi nämlich nicht davon ab, sie beinahe täglich zu sehen. Mich besucht sie auf Arbeit nie - "Wir sehen uns doch zuhause". Aber wenn mich beispielsweise eine Schülerin fragt, wie Steffi so ist, frage ich: "Warst du schon auf der Intensivstation?" - "Ja, wieso?" - "Dann kennst du doch Christina? Und Christina kriegt manchmal Besuch während der Schicht von ihrer Freundin Steffi - das ist MEINE Steffi." Als die Intensivstation letztes Jahr umgezogen ist, hat Steffi sogar geholfen, weil Christina sie gefragt hatte. Meine schöne Freundin ist also allgegenwärtig - das meine ich ernst: Ich finde meine Freundin, pordon Verlobte, ist wirklich eine schöne Frau. Ich finde sogar, dass sie mit den Jahren hübscher geworden ist.

Vielleicht macht das auch einen deutenden Teil meiner Attraktivität aus - dass bekannt ist, dass ich seit Jahren mit einer Frau zusammen lebe, diese also scheinbar Tag täglich glücklich mache. Wie dem auch sei, ich gehe mit meinem Fan-Club dennoch vorsichtig um. Nicht so wie ein Kumpel von mir - auch Pfleger bei uns. Der hat zwar keinen eigenen Fan-Club, möchte aber gerne von meinem profitieren. Kurze Vorstellung dieses Kumpels: Mitte 30, Figur wie ein nasser Sack, aber sehr lustiger Typ. Er redet viel, gerne auch über andere Leute. Ich zähle ihn mittlerweile zu meinen Freunden, allerdings vermeide ich mit ihm alleine im angetrunkenen Zustand zu verbleiben, weil er dann immer "Männergespräche" mit sexuellen Themen anschneidet. Er versteht auch nicht, wieso ich ihm nicht erzählen will wie Steffi im Bett ist und warum er mir seine 3D Pornos nicht zeigen darf (natürlich nur wegen der Qualität des Fernsehers). Er ist so ein Kandidat, der am laufenden Band "Knaller" raushaut. Er hatte zum Beispiel neulich ein Date mit einer Ärztin (im Internet kennen gelernt), hat sich dabei allerdings selbst aus Arzt ausgegeben. Er meinte, er erzählt ihr die Wahrheit, wenn sie sich in ihn verliebt hat, das geht dann schon. Er ist ein Typ, bei dem man immer den Kopf schüttelt und sich sagt: "Das war ja wieder typisch für ihn." Er ist immer ein bisschen zu laut, ein bisschen zu forsch, als erster betrunken und - wenn man ihn nicht kennt und weiß ihn in die Schranken zu weisen - zu direkt, beinahe etwas aufdringlich.

Und er ist Dauersingle, versteht das selber gar nicht und ist immer bemüht neue Leute, vorwiegend Frauen, kennen zu lernen. Was unternehmen mit ihm ist immer lustig, er organisiert riesengroße, tolle Partys - allerdings filtert er schlecht. So läd er immer gerne Azubis ein (wenn möglich blond und schlank) und räumt immer großzügig ein, alle die zu betrunken sind nach Hause zu fahren, dürften bei ihm schlafen - eine Portion Naivität schwingt da schon immer mit. Zu der Coco-Geschichte hatte er auch folgende Meinung: "Naja, sie ist verrückt, aber heiß. Da muss man schon vorsichtig sein, wenn man mit ihr vögelt." Das ist eine typische Antwort für ihn. Naja, er belagert mich neuerdings immer mit dem Wunsch "zusammen einen drauf zu machen". "Wir können ja noch Leute mitnehmen" - "Leute" sind in dem Zusammenhang Teile meines Fan-Clubs, weil "vielleicht fällt für mich ja auch eine ab, wir sind uns ja nicht so unähnlich." Ha! Ich wiege 50 kg weniger, bin zwei Köpfe kleiner und sozialverträglicher. Er war ziemlich beleidigt, als ich ehrlich sagte: "Das einzige was uns einander ähnelt, ist die Haarfarbe." Nein, wir wären ja fast Zwillingsbrüder, nur dass er humorvoller sei. Hauptsache er mobbt mich nicht raus, damit der zweitattraktivste Pfleger des ganzen Krankenhauses endlich freie Fahrt hat. Ein Typ ist das ... aber auch solche Freunde muss man haben. Steffi hat ihm allerdings neulich die Facebook-Freundschaft gekündigt, nachdem er ihr in seinem Notstand geschrieben hat, dass er, wenn sie eine Zwillingsschwester hätte, diese ganz schön geil finden würde. Was für ein Typ ...

Fazit: Auch davor muss ich mich hüten: Partys bei dem Typen. Nicht dass Coco eines Abends plötzlich neben mir sitzt und betrunken irgendwann versucht Steffi mit einem Küchenmesser abzustechen.

25.05.2013 um 16:47 Uhr

Bei dem Wetter kann man auch früh ins Bett gehen

von: Ryan

Das Wetter ist grotten schlecht, es regnet gefühlt ununterbrochen - heute morgen um halb sechs war es mal kurz schön. Der Tag hatte Potential, aber davon ist nichts mehr übrig. Nur graue Suppe draussen und Regen. Und natürlich ist das Wochenende arbeiten an mir hängen geblieben. Unterbewusst schone ich die schwangere Mitarbeiterin und eine andere Kollegin ist am Wochenende auf einer Hochzeit. Dann noch die beiden, die eh schon arbeiten und dann blieb es bei mir hängen. Und wenn ich noch ganz großes Glück hab, darf ich Anfang der Woche nochmal zwei Schichten einspringen und hab dann erst wieder nächstes Wochenende frei. Und wenn da mal wieder nix dazwischen kommt ... langsam wird´s echt viel. Erst die sechs Nachtdienste, ein Tag frei und dann 8 Tagdienste. Und davor hatte ich ja auch kaum mal zwei Tage am Stück frei. Kaum beschwere ich mich, kommt von Steffi: "Ich muss auch immer soviel arbeiten!" - "Nee Mäuschen, du hattest grad 4 Tage frei!" - "Aber davor hab ich viel gearbeitet!" - "Wieviele Überstunden hast du?" - "Total viele, 35 Stunden!" - "Ich hab 140." Tendenz steigend.

Ich muss aber zugeben, nachdem ich einen Tag meine Station "aufgeräumt" hab und den Stationen ihre super aufwändigen Patienten zurück gegeben hab, ist der Arbeitsaufwand wieder geringer - soll auch, wegen den IMC-Betten - die sind auch noch leer im Moment, also hab ich mit der Schülerin heute effektiv in unseren 8 Stunden vielleicht 4 gearbeitet. Den Rest der Zeit haben wir gegessen oder uns unterhalten. Und das lag nicht daran, dass wir unfleissig waren, ganz im Gegenteil. Aber dann hatten wir Vormittags so einen Leerlauf, dass ich so runterfahren bin, dass ich mittags vor Müdigkeit kaum noch die Augen offen halten konnte. Frühdienst ist eh nicht meine Welt. Um halb 5 aufstehen und dann völlig gerädert durch den Tag. Und das obwohl ich gestern um halb neun im Bett war. Man stelle sich das nur mal vor, um halb neun aufm Freitag Abend ins Bett. Bei Facebook die Partybilder der Freunde und selbst gehst du ins Bett noch bevor es dunkel wird.

Naja, ich verpasse ja auch nix. Wenn schönstes Wetter und Sonnenschein wäre und alle im Stadtpark abhängen würde, wäre ich richtig sauer. So gehe ich halt zwar resigniert zur Arbeit, aber hab die Hoffnung, dass ich bei schönen Wetter frei hab. Hoffnung haben darf man ja immer.

Gestern war unser Jahrestag - sechs volle Jahre halten wir es schon miteinander aus. Aber anstatt das groß und dick zu feiern, haben wir nur vorm Fernseher gegessen und Steffi ist aufm Sofa eingeschlafen, kurz nachdem sie ihren Teller weggestellt hatte. Das hasse ich so an meinem Job, man ist dauernd müde. Ist bestimmt auch nicht gesund dieses unregelmäßige Schlafen. 

Im Moment lese ich (ich versuche es zumindest, meistens fallen mir nach drei Seiten die Augen zu) "High Fidelity" von Nick Hornby. Ich dachte, im Moment sei leichte Kost ganz gut - und da ich den Film schon kenne, verpasse ich auch nix, wenn ich beim Lesen einschlafe. Und ich mag wie Nick Hornby schreibt. Meine eigenen Projekte krieg ich grad gar nicht auf die Kette. Alleine für diese paar Zeilen hab ich jetzt gefühlte fünf Stunden gebraucht.

 

 

23.05.2013 um 00:51 Uhr

Psych-Patientenverfügung

von: Ryan

Ich wollte mich nochmal zu einem Thema auslassen, was mich vor ´ner Woche sehr beschäftigt hat - und dann ist alles vor lauter Arbeit und Nachts arbeiten hinten über gefallen, aber jetzt erinnere mich wieder daran. Also los:

Ich bin im Internet über eine Aktion gestolpert - Patientenverfügungen für psychisch Kranke. Die Idee dahinter, ich fülle so ein Ding aus (gibt´s als PDF-Datei zum runterladen), kreuze an, dass ich psychiatrisch nicht behandelt werden möchte, bzw. dass man mir auch keine psychischen Diagnosen stellen darf. Die Idee an sich ist nett, hat auf jeden Fall eine Menge mit Selbstbestimmung und Freiheit meiner selbst zu tun. Wenn ich zum Beispiel als Patient mit beispielsweise einem Herzinfarkt eingeliefert werde, kann ich auch frei sagen: "Ich will nicht behandelt werden" oder "Ich will diese und jene Therapie nicht!" Das ist mein freier Wille. Gut, wenn ich das mit meinen 28 Jahren sage, gucken die Ärzte komisch und lassen einen Psychiater antanzen, um sich zu vergewissern, ob ich selbstmordgefährdet bin oder einfach nur zu blöde um die Tragweite meiner Entscheidung zu erfassen. Wenn ich allerdings anstatt 28 plötzlich 82 bin, sieht die Kiste ganz anders aus. Sowas machen wir andauernd. Wenn wir im Krankenhaus von einem klaren, orientierten Patienten die Ansage bekommen, er möchte nicht, dass sein Herzinfarkt behandelt wird, steht es ihm frei wieder zu gehen oder wir behandeln ihn sehr "sanft". Wir würden Medikamente geben, die seine Symptome lindern, Medikamente gegen Schmerzen, Tabletten gegen die Wassereinlagerungen, Sauerstoff gegen die Atemnot. Große aufwändige Diagnostik, wo wir ihm Schmerzen zufügen, würden wir unterlassen. Genauso würden wir nicht operieren, oder ihn künstlich beatmen. Wir unterstellen dem Patienten, dass er weiss, was er möchte und dass er auch weiss, dass er sterben wird, wenn er die Therapie ablehnt - sagen wir auch. Wir kommunizieren das nicht mit den Augen, sondern wir sagen: "Wenn wir das nicht machen, sterben Sie wahrscheinlich sehr bald." und häufig sagen die Patienten: "Okay, ich bin 92 Jahre alt, dann ist das so." Und dann ist alles wasserdicht und wir machen nur das, was der Patient möchte. Das ist im Grunde genommen das Prinzip einer Patientenverfügung, leider haben die wenigsten eine, also versuchen wir das durch mündliche Absprachen zu regeln. Wenn ich meinen Dienst beginne, weiß ich, welcher meiner Patienten auf die Intensiv möchte, welcher nicht. Wenn ein Patient sagt: "Das sind soviele Tabletten, ich nehme die nicht alle." dann schaue ich, welche die wichtigsten sind - wenn er gar keine nehmen will, dann muss er keine nehmen. Wenn sich ein Patient beschwert dauernd gepickst zu werden von unseren Nadeln, schauen wir, wie wir das minimieren oder vermeiden können. Wenn ein Patient keinen Bock hat, oder zu müde ist, für die Krankengymnastik, dann geht die KG wieder unverrichteter Dinge. Das ist das Prinzip der Selbstbestimmung. Mein Standartsatz in der Dokumentation: "Patient hat folgende Maßnahme abgelehnt ..." Und das ist okay. 

Allerdings spreche ich von meinem Arbeitsplatz - ich arbeite in der Somatik. Wir behandeln Lungenentzündungen, Herzinfarkte, Bauchschmerzen, Luftnot, Herzschwäche usw. Meine Patienten sind alle 70 plus, ganz selten was jüngeres. Psychische Krankheiten sind eher "Begleiterkrankung", denn auch Schizophrene und Depressive bekommen mal eine Lungenentzündung.

In dem Promo-Video zu der psych-Patientenverfügung tanzen zwei junge Menschen - Mann und Frau - total fröhlich, harmonisch und friedlich auf einem öffentlich Platz in Berlin. Problem: Beide sind splitterfaser nackt. Polizei kommt angefahren, nimmt die beiden fest, bringen sie in eine Psychiatrie - beide behaupten nicht krank zu sein, keiner glaubt ihnen, sie wollen keine Tabletten nehmen. Ende vom Lied: Zwangsmedikation - so nennen wir das in Fachsprache (ich sag jetzt mal immer "wir" weil ich mich zu der Krankenhaus/Psychiatrie-Seite zähle). Eine Zwangsmedikation läuft in der Regel meistens so ab, dass zehn Leute auf dem sich meist massiv wehrenden, schreienden Patienten draufhängen und ihm dann das Medikament, was er nicht nehmen wollte, gespritzt wird. Das ist unschön, das ist brutal, ich will niemals der Typ sein, der festgehalten wird, aber leider Gottes gibt es Fälle, in denen sowas nötig ist. In dem Video kommt dann ein Cut, ein bisschen Werbung für die Patientenverfügung, Erklärung, eine Prominente stellt sich als Schirmherrin vor, und dann kommt nochmal die gleiche Szene mit den tanzenden, nacktem Paar. Polizei fährt wieder vor, die beiden wedeln mit ihrer Patientenverfügung, der Polizist sagt zähneknirschend: "Das nächste Mal aber mit Schlüpper!" und die beiden dürfen weiter tanzen. 

So läuft das in der Realität nicht ab. Im normalen Leben fragen die Polizisten erstmal nach, ob alles okay ist und ob sich nicht was anziehen möchte. So schnell wie in dem Video, wird man nicht festgenommen. In die Psychiatrie wirst du gebracht, wenn du die ganze Aktion eine Stunde bei minus 20 Grad und Schneefall machst, weil du dann ja eigengefährdend bist. Nach ´ner Stunde nackt im Schnee bist du nämlich so unterkühlt, dass du Herzrhythmusstörungen bekommst. Was machen die in der Psychiatrie dann mit dir? Du kriegst was zum anziehen, eine warme Mahlzeit, ein Bett und darfst am nächsten Tag wieder gehen.

Dieses Promo-Video ist nett gemacht - wenn ich nicht soviel Hintergrundwissen hätte, würde ich auch sagen: "Hey, das ist doch meine freie Entscheidung, ob ich nackt tanzen will. Ist ja gemein, dass die gleich weggebracht worden sind und als verrückt erklärt wurden. Psychiatrien scheinen ja alles erstmal einzusperren, was von der Norm abweicht. Die Schweine! Ich muss mich schützen, ich fülle so ein Ding aus."

Die Sache ist nur, Selbstbestimmung ist gut und wichtig. Ich lass mir den ganzen Arm tätowieren, einige nennen das Selbstverstümmelung, ich nenne es Selbstverwirklichung. Aber die Freiheit eines jeden endet dort, wo die eines anderen beginnt (ich bekomme den Wortlaut grade nicht genau hin). Das bedeutet, ich kann tun und lassen, was ich will, solange ich mich und keinen anderen schädige. Zum Beispiel ist der Drogenkonsum in Deutschland nicht verboten (nur der Besitz). Ich kann mich solange betrinken und zukoksen wie ich will. Mich kann niemand zu einem Entzug zwingen. Wenn ich allerdings betrunken und bekokst dauernd Leute verprügel, bekomme ich Probleme mit dem Gesetz. Aber es ist kein psychiatrisches Problem, solange ich nicht will. Das ist die Misere von Angehörigen von Suchtkranken, weil Alkoholiker und Junkies solange ihren Süchten fröhnen dürfen, bis sie selbst zum Entzug bereit sind. 

Genauso ist es mit sämtlichen anderen psychischen Krankheiten. Ich darf depressiv sein so lange ich will, ende dann wahrscheinlich in Hartz 4 weil ich meinen Hintern vor lauter Depressionen nicht mehr hoch bekomme, aber es ist meine freie Entscheidung, ob ich mich behandeln lasse. Ich hab auch rein gar nichts gegen Flashmops mit nackten Menschen, oder zwei die nur ganz friedlich tanzen. 

Folgendes Szenario hab ich persönlich erlebt: Mein Bruder und ich sitzen auf einem Spielplatz in der Nachbarschaft, seine 5 Jahre alte Tochter buddelt mit anderen Kindern in der Sandkiste. Ein Mann betritt den Spielplatz, angespannte Körperhaltung, verwahrlostes Erscheinungsbild und hat eine Axt (!!), kein Scheiss, eine Axt in der Hand und murmelt sowas vor sich hin wie: "Ich bring sie um ... sie ist auf dem Spielplatz ... ich bring sie um ... er hat gesagt, ich muss sie umbringen ... ich mach das jetzt ..." Möchte ich, das dieser Mann frei rumläuft? Nein. Möchte ich, dass er in einer Psychiatrie behandelt wird, notfalls auch gegen seinen Willen? Ja!!

Nun versuche ich ganz kurz die Situation aus der Sicht der Gegner zu sehen. Ein Mann mit einer Axt auf einem Spielplatz ist was ungewöhnliches, sogar beängstigendes. Ein Mann mit Axt im Wald ist was völlig normales. Man könnte sagen, der Typ hat die Axt grade im Baumarkt gekauft und war unterwegs nach Hause und musste sie tragen, und hat dem Umweg über den Spielplatz als Abkürzung gewählt. Für mich hatte die Situation was extrem bedrohliches. Mein Bruder hat die Kleine geschnappt und wir sind dem Kind unverzüglich über den nächsten Zaun gesprungen, um uns zu retten. Ein Gegner würde wieder sagen: Er hat ja nichts getan, er hat niemanden umgebracht. Aber muss man erst in die Klapse (salopp gesagt), wenn man bereits ein Verbrechen begangen hat? Meiner Spekulation nach wurde der Typ wahrscheinlich von seiner Frau/Freundin verlassen, die hat das gemeinsame Kind mitgenommen und nach einer durchsoffenen Woche hat ihm eine Stimme in seinem Kopf gesagt, es sei besser, wenn sie tot wäre. Ich zweifel nicht daran, dass der Mann seelische Qualen durchlitten hat, die ihn in so eine Situation brachten - aber man steht nicht mit einer scheiß Axt auf einem Kinderspielplatz und führt sich so auf. Da kann ich ja auch mit einer geladenen Schrottflinte zur Schule gehen und sagen: "Nein, ich will nicht Amok laufen, ich will die nur in der Pause putzen. Das versteht ihr hier alle falsch!"

Wie gesagt, Freiheit wo die eines anderen beginnt. Nackte in der Öffentlichkeit sind okay, solange bis ein Pädophiler deiner Tochter seinen Penis ins Gesicht hält.  Allerspätestens dann ist Schluss mit Freiheit.

Das Problem ist häufig - sehe ich auch immer wieder in meiner Arbeit - dass viele Menschen nicht wissen, dass sie krank sind. Alle anderen sind seltsam, nur sie selbst nicht. Alle sagen komische Sachen, kein Wunder, dass man ausrastet am laufenden Band. Es gibt manisch-depressive Menschen, die in ihren Hochphasen alles Geld verschleudern, was sie haben oder auch eben nicht haben. Manische Phasen sind klasse, man ist euphorisch, gut drauf, man schafft viel, ist leistungsstark. Mein bester Freund (als ich anfang 20 war) war manisch-depressiv. Wenn er manisch war, hatte er 3 Jobs gleichzeitig, er hat ein Studium angefangen, dazu noch eine Ausbildung. Er war dauernd feiern, hat wenig geschlafen, war immer gut drauf, überdreht, immer lustig. Ein unendlich charismatischer Mensch, der Mittelpunkt jeder Party. Und verschwenderisch - er hat eingekauft, für sich, für andere. Er hat Anzahlungen gemacht für einen Laptop, für ein Golfset, sogar für ein Auto. Immer in dem Glauben: Ich hab mein Leben jetzt auf die Reihe gekriegt, ich kann alles schaffen, ich verdiene jetzt Geld mit meinem Nebenjobs, ich brauche den Laptop für´s Studium usw. Und dann kippte die Stimmung binnen Tagen, er lag totdepressiv im Bett, ging nicht mehr vor die Tür, wurde in allen Jobs gekündigt, aus der Ausbildung geschmissen und hatte nicht mal mehr die Kraft, um duschen zu gehen. Was bleibt? Schulden über Schulden. Du kannst in 3 Wochen Manie soviel Schulden machen, dass du den Rest deines Lebens abzahlen musst. Er selbst sagte mal: "Warum hat mich keiner aufgehalten? Warum habt ihr mich das alles machen lassen?" So schnell kann man sein Leben zerstören und merkt es nicht mal. Hätten wir ihn in seiner Manie in eine Psychiatrie gebracht, hätte er das eingesehen? Nein! Es ging ihm fantastisch wie nie. Warum dann in die Klappse bringen, wo er doch grade ein Studium angefangen hat? Ein Gegner würde sagen: Gut, da hat er sich verkalkuliert, aber das darf er. Leider war es keine Verkalkulation. Bis zu sieben manische Phasen hatte er im Jahr, die über 6-8 Wochen dauerten und er dachte, er müsse in dieser Zeit alles nachholen, was er in seinem depressiven Phasen verpasst und schleifen lassen hatte. Ich hab nur noch wenig Kontakt zu ihm, aber ich weiß soviel von ihm: Hartz 4 nachdem ihn niemand mehr einstellen will, weil er über 30 Ausbildungen abbrechen musste und so ´ne ausgeprägte Angststörung, die ihm die Geldprobleme gebracht haben, dass er kaum noch die Wohnung verlassen kann. Und nochmal die konkrete Frage: Sollte man solche Menschen gegen ihren Willen behandeln? Eine einzige Tablette morgens kann darüber entscheiden, ob du ausgeglichen bist oder andauernd Wochenlang himmelhochjauchzend und dann Monate lang tiefbetrübt bist. Und die Erfahrungen zeigen, die Patienten sind dankbar wenn man sie endlich dank Medikamenten in der Mitte angekommen sind. Ich möchte nicht abstreiten, dass einige unserer größten Künstler manisch-depressiv waren und in ihren manischen Phasen Kunstgeschichte geschrieben haben. Aber ich bezweifel, dass sie auf ihrem Totenbett gesagt haben: "Mein Leben war fantastisch! Alles richtig gemacht!"

Es ist nicht so, dass man wenn man dem schreienden, sich wehrenden Patienten immer und immer und immer wieder etwas gegen seinen Willen spritzen muss. Meistens reicht einmal aus. Entweder ein Beruhigungsmittel, damit die Leute erstmal runter kommt und merken, was eigentlich los ist mit ihnen. Manchmal ein Schlafmittel. Es gibt Patienten, die Tage lang nicht geschlafen haben, total wirr durch die Gegend rennen und nicht mehr wissen, was mit ihnen passiert. 12 Stunden Zwangsschlaf sind manchmal erholsamer und wirkungsvoller als jedes Medikament. Das Gehirn bekommt Zeit sich zu regenieren und neu zu ordnen. Ich hab mal gelesen: "Im Schlaf strickt unser Gehirn den aufgerissenen Pullover unserer Psyche neu zusammen." Das trifft es ziemlich gut.

Anderes Beispiel. Ich hab im Laufe meiner Berufszeit einige Magersüchtige auf Station gehabt, zum "aufpeppeln". Wenn die Patientin zu hartnäckig ist und trotz Therapie weiterhin abnimmt, werden sie bei einem lebensbedrohlichen Gewicht in ein "richtiges" Krankenhaus verlegt. Und wenn die Magersüchtige denkt, in der Psychiatrie war es schlimm, bei uns wird es definitiv schlimmer. Wie gesagt, ich arbeite internistisch, ich mache das nicht gerne - ich könnte selber im Strahl kotzen, wenn ich nur höre "Magersüchtige zum aufpeppeln". Bei uns gibt´s keine Therapie mehr, keine Gespräche, bei uns gibts nur eine Magensonde und hochkalorische "Milchshakes", die über die Sonde in den Magen gehen. Wenn die Patientin (meist Frauen/Mädchen) sich wehrt, sich den Schlauch dauernd selber zieht oder danach kotzt, geht´s in die Gurte. Dann wird sie fixiert, "festgeschnallt" ans Bett solange bis das ganze Zeug verdaut ist. Und das bis zu viermal täglich. Sie hat jeden Tag die Chance selbst zu essen und die Prozedur ohne große Gegenwehr mitzumachen, aber die Gurte sind am Bett falls es Theater gibt - Nöllen und Diskutieren tun sie immer, aber wenn sie sich massiv wehren, gehts nur mit Gewalt. Hört sich super fies an, ist es auch ... aber das waren Mädels zwischen 14 und 20 Jahren, die kaum mehr als 30 kg gewogen haben bei normaler Körpergröße, kurz vorm Multiorganversagen. Und nochmal die Frage: Möchte ich das meine 17 Jahre alt magersüchtige Tochter, die auf 1,60m nur noch 34 kg wiegt, bereits eine dicke Herzschwäche entwickelt hat aufgrund ihrer Krankheit, sich aber immer noch fett findet, zwangsernährt wird? Ich denke schon. Die Alternative wäre schon mal einen schönen Sarg auszusuchen. Ich möchte kurz dazu sagen, sobald diese Patientinen ein Gewicht erreicht haben, dass sie außer Lebensgefahr bringt, verlegen wir sie sofort zurück in die Psychiatrie, um am eigentlich Problem weiter zu arbeiten.

Bevor man generell über Psychiatrie urteilt, sollte man mal eine von innen gesehen haben. Wenn ich mir Filme mit Steffi anschaue, in denen die Geschichte in einer Psychiatrie spielt, sehe ich immer Metallbetten und Gitterstäbe vor den Fenstern. Das ist schon lange nicht mehr so, zumindest in Deutschland. In den Filmen geht´s sofort in die Zwangsjacke, wenn du nur schief guckst oder der Pfleger einfach nur einen schlechten Tag hat. Auch das gibt es nicht mehr. Ich weiß von meiner Verlobten und divseren Freunden, dass durchaus mehr passieren muss, um festgeschnallt im Bett zu landen mit Spritze im Hintern. Mittlerweile ist es auch so, dass man als Psychiatrie-Patient einfach mal sagen kann: "Nö, ich nehme die Tabletten nicht. Ihr alle denkt, es wäre besser für mich, wenn ich sie nehme, aber ich will nicht. Danke und Tschüss!" Steffi klagt immer wieder darüber, dass das ihre Arbeit sehr erschwert, weil sie viele fremdgefährdente Leute auf Station hat, die die Behandlung ablehnen, sie sie nicht zwingen können, aber leider auch nicht raus lassen dürfen, weil die weiterhin auf ihre Stimmen hören, die ihnen sagen, dass sie ihren Chef umbringen müssen. Eine Tablette später wären die Stimmen weg, der Mensch würde sich besinnen und sagen: "Scheisse, wieso hab ich auf so komische Stimmen in meinem Kopf gehört?", aber das geht nicht, wenn der Patient die Medikamente nicht nehmen möchte. 

Was auch sehr interessant ist, es gibt Leute, die zwar sehr gequält sind von ihrer psychischen Krankheit (Depressionen, Ängste, Stimmen, Zwangsverhalten usw.) aber sich keine Hilfe holen können, weil sie nicht wissen wie. Ganz häufiges Phänomen: Jemand kommt zwangsweise ins Krankenhaus, findet die ersten drei Tage alles komplett scheisse und doof - am vierten Tag lebt er sich ein und ist plötzlich sehr dankbar, dass wir ihm helfen und will am Ende gar nicht mehr gehen. 

Noch ein sehr dramatisches Beispiel. Das war vor ein paar Jahren, ich hatte Spätdienst mit einern Kollegin. Wir hatten eine junge Frau auf Station, mein Alter Mitte 20 zu dem Zeitpunkt. Bekannt war eine Schizophrenie. Sie war bei uns mit einer Thrombose - ein großes Blutgerinsel in einer großen Vene. Gut zubehandeln eigentlich, aber diese Frau hat sich in ihrer Schizophrenie eingebildet, sie sei schwanger. Scheinschwanger, wie wir rausgefunden haben. Schwangerschaftstest war mehrmals negativ, Ultraschall ergab kein Kind. Der Gynäkologe war mehrmals da und jedes Mal das gleiche: sie ist nicht schwanger. Sie denkt nur, sie sei es. Das ging soweit, dass sie alle Medikamente und Spritze abgelehnt hat - weil die ihr Kind schädigen könnten. Egal, wie häufig wieviele Menschen ihr gesagt hatten, sie sei nicht schwanger, sie war fest überzeugt. Und an diesem besagten Spätdienst war es so weit: Wehen. Sie lag im Bett und versuchte ihr imaginäres Kind herauszupressen, schrie nach einer Hebamme und Hilfe ihr Kind zu gebähre, lief panisch auf dem Flur umher, um sich dann direkt vor´s Dienstzimmer zu legen um da Presswehen zu haben - nicht schön, weder für uns noch für die Patientin. Was kann ich dazu noch sagen? Thrombose-Patienten dürfen sich ohne Medikamente so wenig bewegen wie möglich, weil sich das Blutgerinsel lösen kann und ins Herz, Lunge oder Gehirn gespült werden kann ... und genau das ist passiert. Noch bevor ich die Beruhigungsspritze aufziehen konnte, ist der Thrombus in der Lunge angekommen, sie hatte eine schwere Lungenembolie und ist uns unter den Händen weggestorben. Wäre das vermeidbar gewesen mit einer Zwangsmedikation? Ja. 

Ich bin nicht komplett gegen Selbstbestimmung des Patientens. Auch psychisch Kranke haben das Recht zu sagen, was sie wollen und was sie nicht möchten. Aber es gibt Situationen - und ich denke, ich habe genug schwerwiegende Beispiel gebracht - bei denen die Selbstbestimmung ausfällt. 

Worauf ich auch nochmal kurz eingehen möchte, besagte Homepage berichtet darüber, dass die neue Entmündigung "Betreuung" heisst und von jedem angeregt werden kann. Deinem Nachbarn, deiner Exfreundin, deinem Arzt. Allerdings berichten sie nicht, wie eine Betreuungseinleitung funktioniert. Erstmal kommt ein Richter und schaut, ob du wirklich betreut werden musst - Beispiel manisch-depressiver Kumpel wäre eine finanzielle Betreuung sinnvoll gewesen. Das bedeutet, er darf keine Kaufverträge für Autos und Laptops mehr schliessen, bzw. diese wären ungültig und er würde kein Geld mehr verlieren. Wenn der Richter glaubt, der Junge kann gut selbst entscheiden ob er sich verschulden möchte oder nicht, gibt´s keine Betreuung. Ansonsten wird eine eingerichtet, begrenzt! Denn diese Betreuung wird jedes Jahr überprüft ob sie noch aktuell ist.  Aufbesagter Homepage wird geraten sich vorzeitig damit auseinander zu setzen, eine "Vertrauensperson" zu bestellen. Betreuungen werden in der Regel im Familienkreis gesucht. Sollte ich plötzlich in die Lage komme, eine Betreuung zu brauchen, würden sich die Richter darum bemühen, dass meine Betreung meine Eltern oder meine Geschwister machen, weil diese am besten zu wissen scheinen, was mein Wunsch wäre. Wenn Familie ausfällt, weil vielleicht bekannt wäre, dass ich mich mit allen zerstritten hätte, würde man in meinem Freundes- und Bekanntenkreis suchen. Wenn dann noch keiner zu finden ist, würde ich einen gesetzlichen Betreuer bekommen - einer Berufsbetreuer. Und da muss ich zugeben, mit den Berufsbetreuern haben wir häufig schlechte Erfahrungen, einige Gute sind dazwischen, aber auch viele, die nur auf Kohle aus sind und sich nicht kümmern. 

Ich lese mir den Kram nebenbei nochmal durch. Diese Kampagne/Homepage geht davon aus, das psychisch Kranke keine Grundrechte mehr haben. Ich kann ja mal ganz offen sagen - für alle, die meinen Blog kennen - ich habe psychiatrische Diagnosen (gehabt). Wenn man seiner Grundrechte beschnitten wird, hat man vorher irgendetwas geleistet, was dazu geführt hat. Unter anderem wird beschrieben, wann man die Verfügung einsetzen soll, z.B. wenn man in einem Krankenhaus "unkooperativ" ist und einem mit der geschlossenen Abteilung gedroht wird. Wir drohen nicht - wenn der Patient was geleistet hat, was ihn als Kandiat für eine geschlossene Psychiatrie einstuft, dann geht der dahin, mit oder ohne Zettel. Den letzten an den ich mich erinnere, hat versucht seinen Bettnachbarn mit einem Handykabel zu erdrosseln, weil der geschnarcht hat - er hat es nicht angedroht, er hat es versucht! Die Alternative wäre Knast gewesen.

Jetzt bin ich in Fahrt, noch ein toller Absatz (sinngemäß wiedergegeben): "Freilassung aus der Geschlossenen: Sollten Sie gegen ihren Willen dann doch in einer geschlossenen Abteilung gelandet sein, wedeln sie bloß dauernd mit ihrem Papier in der Gegend rum und verlangen sie Freilassung" - Unterbringung dauert immer 24 Stunden, das kannste soviel wedeln wie du willst. Bringt nur Stress. "Eventuell (das Wort steht da wirklich!) muss ein Vorsorgebevollmächtiger für ihre Freilassung kämpfen" Das beinhaltet ja, dass ich vorher jemand bestimmt habe, der über mich bestimmt ... Quatsch. Mal davon abgesehen, wenn ich per PsychKG in der Psychiatrie sitze, kriegt mich auch mein Betreuer nicht vor den abgelaufenen 24 Stunden nicht raus. Ansonsten soll die Patientenverfügungen noch verwendet werden, wenn jemand vom Jobcenter vorbeikommt um zu schauen, warum du nicht in der Lage bist zu arbeiten. Mmh, wenn ich aufgrund einer psychatrischen Krankheit nicht erwerbstätig bin, bin ich doch gut beraten ehrlich zu sein oder? Und wenn ich mit denen nicht reden will, dann sag ich: "Danke für den Besuch, ich mache keinen Auskünfte, tschüss!"

Der Vollständigkeitshalber: Da steht noch "Zwangsbehandlungen und Untersuchungen sind strafbare Körperverletzungen, vor der sich alle Mitarbeiter hüten sollten". Dazu muss man sagen, in der Medizin stellen sämtliche Behandlungen Körperverletzung vor der Gesetz da. Sobald ich jemanden eine Impfung verpasse, begehe ich eine Körperverletzung. Wenn jemand dir Blut abnimmt, begeht er eine Körperverletzung an dir. Und über das Thema Zwangsbehandlungen hab ich schon genug gesprochen. 

Noch ein großartiger Satz: "Sie dürfen gefährlich gegen sich selbst und andere sein, solange Sie nicht gegen geltendes Recht verstossen." Schwammiger Satz, aber genau das predige ich hier doch die ganze Zeit. Ein toller Satz im Krankenhaus: Jeder hat das Recht auf Verwahrlosung.  In meiner Laufbahn habe ich genug Leute kennen gelernt, die es vorzogen nur an Weihnachten und Ostern zu duschen - und ansonsten gar nicht. Natürlich stinken sie bestialisch, ich kann nur durch den Mund atmen, wenn ich mal kurz zum Blutdruckmessen rein muss --- so geschehen, grade letzte Woche. Die halbe Station roch penetrant nach Ausdünstungen, die ein halbes Jahr nicht weggewaschen worden waren von einer einzigen Person. Wir konnten das Zimmer selbst nach Entlassung zwei Tage trotz Dauerlüften nicht belegen, weil es so stank. Fünf Duftsteine und zwei Flaschen Raumspray später roch es kein deut besser als zuvor, erst meine Räucherstäbchen brachten halbwegs Besserung ... und so laufen die Leute durchs Leben. Und sie dürfen es, weil sie das Recht darauf haben. Ich darf solche Menschen nicht zwangsduschen oder ähnliches. Ich darf nicht mal ihren pilzbefallenen Körper behandeln, wenn sie das nicht wollen. So ist die Gesetzeslage, wieso dazu noch ein Stück Papier?

Ein Fazit: Ich kann vieles machen ohne in die Psychiatrie gesteckt zu werden: Ich kann mich wochen-/monatelang betrinken soviel ich will. Ich brauche nicht duschen, Jahre lang. Ich kann in Müllsäcken bekleidet zum einkaufen gehen, ich kann Schulden im 6 stelligen Betrag anhäufen,  ich darf mich mein ganzes Leben lang nur von Bananen ernähren, ich darf all meiner weltlichen Besitztümer entsagen und Mönch werden. Ich darf mich ganzkörpertätowieren, ich darf meine Meinung zu allen nur denklichen Themen äußern so oft und soviel ich will. Ich muss nicht mal meinem frischen Herzinfarkt behandeln lassen ohne in eine Psychiatrie gesteckt zu werden. Was ich nicht darf: mir selbst schaden (Alkohol trinken ist auch ein gewisser Schaden), aber ich spreche von: ich versuche mir mit dem Brotmesser den Kopf abzutrennen. Das darf ich nicht (verständlich oder?)  Eine Statistik sagt, 85% der Menschen, die einen Suizid überleben, versuchen es nicht nochmal. Sollten wir solchen Menschen helfen oder sagen: "Mach was du denkst. Ist dein Leben, du bist selbstverantwortlich. Hier ist so ein cooles Papier, was dem Psychiater verbietet dir zu helfen." das nur zu "eigentgefährdend".

Fremdgefährdend finde ich viel unheimlicher. Der Typ mit der Axt ist ein krasses, extremes Beispiel, aber häufig sind fremgefährdende Menschen, einfach Leute, die gesoffen haben und eine Art "Blutrausch" durchleben. Ehemänner, die ihre Frauen im Suff prügeln, und die die Polizei rufen. Möchte ich, dass so ein Typ mit einem scheiss Blatt Papier wedelt und lallt: "Ihr nehmt mich nicht mit, ich hab scheiss Pat.Verfü!" Dann geht die Polizei wieder, der Typ ist dreimal so sauer und prügelt seine Frau halbtot, anstatt einen Tag mal in der Geschlossenen zu verbringen damit die Alte ins Frauenhaus abhauen kann.

Über einen Satz stolpere ich außerdem (sinngemäß, nicht Zitat): "Wenn Sie Hilfe annehmen wollen, muss man Ihnen das schmackhaft machen" Sehe ich generell genauso - aber wer hat denn Bock dem alkoholisierten Frauenschläger seine Therapie schmackhaft zu machen?  "Gewalt und Zwang werden ausgeschlossen" Wie schon erwähnt, die Zeiten mit Gitterstäben und Zwangsjacken sind Vergangenheit. In Deutschland strebt man eine "sanfte" Psychiatrie an. Das bedeutet eben genau das: weniger Zwang und Gewalt. Gespräche, Verständnis zeigen usw. Alle Krankenschwestern/-pfleger, Psychologen und Psychiater werden drauf gecoucht Eskalationen zu vermeiden.

Kleines Beispiel: Ich habe eine demenzerkrankte Patientin auf Station. Jeden Abend das gleiche: Die Sonne geht unter, sie weiss nicht wo sie ist, sie wird unruhig, erkundet die "neue" Station, ist völlig aufgebracht und denkt, man habe sie in ein Pflegeheim abgeschoben. So eine Frechheit! Sie war jeden Abend aufgebracht, wütend, lief umher, schimpfte, beschimpfte die anderen Patienten alle würden unter einer Decke stecken, so eine scheiss Situation aber auch! Wie reagiere ich als Pfleger: "Frau Meyer! Jetzt ist aber Schluss! Ab ins Zimmer, sofort! Was soll der Scheiss?! Sei verdammt nochmal ruhig! Sie wecken alle anderen! Sie verhalten sich wie ein Kleinkind! Hör auf zu schreien oder ich werde mal richtig laut!" DAS ist das Verhalten, das nicht geht. Wie reagiert Frau Meyer auf mein Verhalten? Sie dreht komplett frei und ich hab den restlichen Nachtdienst super Stress. 

Ich wurde gecoucht mich anders zu verhalten - gut, Einfühlungsvermögen gehört auch dazu - ein professioneller Mitarbeiter verhält sich anders. Ich bin dann zum Beispiel ruhig geblieben, bin auf Frau Meyer zu gegangen, gleich Hand geschüttelt "Hey Frau Meyer, schönen guten Abend, wie geht es Ihnen heute?" - Sie dann: "Ich bin in ein Pflegeheim abgeschoben worden! So eine Frechheit! Sie brauchen gar nicht so freundlich zu tun!" Ich dann wieder: "Mensch Frau Meyer, wir kennen uns doch. Gerda, nicht wahr?" - "Ja" - "Mensch Gerda, ich mach uns mal ´nen Tee, ja?" Frau Meyer: "Ja, ich muss Ihnen da gleich was sagen, ich wurde in ein Pflegeheim abgeschoben!" - "Nein! In ein Pflegeheim?" - "Ja, für SENILE!" - "Sie?! Frau Meyer, Sie sind doch nicht senil!" - "Ja aber meine Söhne meinen das immer!" - "Mensch, Gerda, Ihre Söhne denken auch Sie können nix mehr!" - "Mein Reden, Herr Pfleger!" - "Wie heissen denn Ihre Söhne?" - "Gerd und Harald, und sie denken ihre alte Mutter ist senil!" - "Da denken die Kinder, sie müssten sich um die Mutter kümmern, verrückt oder?" - "Jaaaaa, endlich versteht mich jemand!" Am dritten Abend hatte ich kein Problem mehr mit "Gerda", immer noch verwirrt udn wusste nicht recht, wo sie war, aber sie hat mich gesehen und merkt: den Typen kenn ich und der war nett zu mir. Sie weiss nicht, wieso, aber irgendwas war da. Das ist der Unterschied zwischen Eskalation oder Deeskalation. Wenn ich nett bin als Pfleger, sind die Patienten nett zu mir. Ganz einfach. Und ich muss sie ernst nehmen, auch wenn ich Sätze höre wie: "Da sitzt ein Elefant auf der Gardiene!" Ja, ich habe auch schon imaginäre Elefant aus Patientenzimmer getragen - und selbst die waren schwer!

Ich muss es nochmal betonen, weil ich eine Frau heiraten werde, die täglich mit diesen Vorurteilen kämpft: In der geschlossenen Psychiatrie sitzen die Leute nicht sofort in Zwangsjacken, wenn sie die Schwester falsch angeguckt haben. Steffi muss sich anspucken und beschimpfen lassen, eine Zeit lang ist sie täglich mit neuen blauen Flecken nach Hause gekommen und sagte nur schulterzuckend: "Die Patienten eben." Ein Patient hat ihr mal ein Büschel Haare ausgerissen und sie kommentierte es zuhause mit: "Der war halt krank und dachte, ich sei böse." Nicht umsonst haben Mitarbeiter in geschlossenen Einrichtungen zu ihrem eigenen Schutz Notfallpieper in der Tasche, falls sie angegriffen werden - was zeitweise täglich vorkommt. Ich hab meine Verlobte mal gefragt, ob sie Angst habe auf ihrer Station zu arbeiten. Sie sagte, sie hätte mehr Angst in der öffentlichen U-Bahn, denn da kenne sie die Diagnosen der Personen nicht und hätte keinen Notfallpieper in der Tasche. In den sechs Jahren, in denen Steffi dort arbeitet, habe ich einige schlimme Geschichten gehörte, angefangen von einem gebrochenen Handgelenkt eines Mitarbeiters bis zu versuchten Vergewaltigungen gegenüber den Krankenschwestern. Und diese Patienten würden sich in der freien Wildbahn genauso verhalten, wenn nicht sogar schlimmer - das sind keine Kriminellen, das sind sehr, sehr, sehr kranke Menschen, die ihr Leben nicht auf die Kette bekommen wie unsereins und reale Probleme habe, die in meinem schlimmsten Alpträumen nicht mal vorkommen.  Und allermeistens haben genau diese Menschen keine Ahnung davon, dass sie krank sind und sich wirklich dringend behandeln lassen müssen. Stattdessen wird im Internet mit einem tollen, neuen Papier geworben, mit dem man möglichst eine Behandlung vermeiden kann und so schnell wie möglich sein gewohnt, meinst "beschissenes" Leben weiter führen kann. Wenn man ein beschissenes Leben führen möchte, ist das jedem selbst überlassen. Aber wenn man vorher mit einer Axt über einen Kinderspielplatz gelaufen ist und laut Drohungen über die Tötung eines Mensches ausgestossen hat, gehört man in Behandlung. Mit oder gegen seinen eigenen Willen. Der Axt-Typ war im übrigen scheinbar in Behandlung, läuft alleine und ohne Begleitschutz durch die Nachbarschaft. Ich sehe ihn häufig beim Einkaufen, er wirkt jetzt wesentlich entspannter. 

Wenn jemand nachlesen möchte, worüber ich mich hier endlos aufrege, hier die Homepage: www.patverfue.de

Für Anregungen, Kritik, Diskussionen, Fragen etc. bin ich wie immer empfänglich und dankbar - und die Rechtschreibfehler und die vergessenen Worte überlest ihr alle besser, wie gesagt, ich hatte sechs Nachtschichten und bin immer noch völlig fertig.

22.05.2013 um 19:23 Uhr

übermüdetes Geschwaffel

von: Ryan

Es ist geschafft - heute Abend darf ich auf dem Sofa sitzen bleiben und muss nicht zur Arbeit. Ich fühle mich sogar verhältnismäßig fit, bis auf die üblichen "Fehlhandlungen" nach dem Nachtdienst. Ich bin immer wieder überrascht, was für Streiche einem das übermüdete Gehirn spielt, obwohl man sich selbst halbwegs wach und fit fühlt. Zum Beispiel stand ich vorhin mit einer Packung Milch in der Hand im Badezimmer und wusste nicht mehr so recht, was ich wollte, wieso ich ins Bad gegangen bin und warum ich die Milch mitgenommen hatte. Auch gern gemacht: Sachen verlieren. Ich hab das Gefühl mein Gehirn klinkt sicht zwischenzeitlich aus und ich steh dann da und denke mir: "Wo ist die Akte? Ich hab sie doch grade noch in der Hand gehabt. Was ist in den zehn Sekunden passiert?" Unsinniger Weise hatte ich sie in den Medikamentenkühlschrank gelegt - verrückt. Deswegen heisst es ja auch "Nachtwache". Früher wusste man noch, dass Nachtschicht-Kollegen unkonzentriert sind und hat sie nur wachen lassen. Also aufpassen, dass nichts passiert. Aber dank Personalmangel und Leistungsdruck, bin ich in manchen Nächten fast beschäftigter als der Tagdienst.

Gestern Abend war meine große Ansage zuhause zu Steffi: "Heute mache ich nix! Nur was ich wirklich muss. Danach gucke ich einen Film oder leg einfach die Füße hoch." Ha! Da hatte ich die Rechnung ohne die Patienten gemacht. Nachdem sie mich in den letzten 5 Nächten mit Ausscheidungen wie Stuhlgang größtenteils verschont hatten, ging es die letzte Nacht richtig rund. Zudem hat irgendwer von der Logistik scheinbar Urlaub und hat auf meine dringende Anfrage gewisse Dinge als Sonderlieferung zu bekommen - wie zum Beispiel Sondenkost, weil ich zur Zeit 5 Leute mit ´ner Sonde ernähren muss - nicht reagiert. Also war ich bestimmt eine Stunde meines Lebens damit beschäftigt, die Dinge zusammen zu schnorren, die der Tagdienst dringend braucht. Ich kann ja nicht sagen: "Sorry, es ist nichts mehr da, aber ich geh jetzt nach Hause. Seht zu, wie ihr klar kommt!" Hätte ich mal machen sollen ... mache ich auch in Zukunft, hab ich mir vorgenommen ... ach ich kenn mich doch, ich mach´s dann doch wieder. Zumindest sprach die Nachtwache, von der Station, bei der ich mir 1.000 Prozent sicher war, dass die alles haben, was ich brauche, so schlecht deutsch, dass die mich kaum verstanden hat. "Ich brauche Sondenkost." - "Sooonderkost? Was das? Was du meinen?" - "Für Ernährungssonden, PEGs, die Beutel zum dranhängen." - "Du meinst Tropf?" - "Nein, Sondenkost!" - "Ich können dir geben Ringerlösung." - "Nein, ich will Sondenkost! Fresubin!" - "Ich nicht wissen, was du meinst." - "Geh ins Lager und guck, ob du lila Beutel findest, 500 ml mit viel Schrift drauf." - "Hier nix ist lila Schrift." - "Nein, nur die Beutel sind lila, Plastikbeutel sind das!" - "Du wollen Müllbeutel?" --- Alter ... und das nachts um halb vier ... 

Eigentlich - ich betone eigentlich - hätte ich jetzt zwei Tage frei, muss Freitag morgen zu ´ner Besprechung und hätte dann ein verlängertes Wochenende. Eigentlich ... hätte hätte Fahrradkette ... jetzt haben wir eine Krankmeldung und ich drücke grade ganz fest die Daumen, dass eine Teilzeitkraft aus dem Bereitsschaftpool kann. Bislang haben sie sie noch nicht erreicht - bitte, bitte geh ans Telefon, ich brauch das Wochenende so dringend - aber, wenn ich kommen muss, bin ich diesen Monat bei 60 Überstunden.

Das Schlimme ist, man gewöhnt sich so sehr dauernd zu arbeiten, dass ich dann immer zuhause sitze und plötzlich nicht weiss was ich machen soll. Gut, heute stand putzen an - Steffi hat schon was gemacht, aber als ich dann fragte, ob sie auch Staub gewischt hätte, kam sofort: "Immer siehst du nur, was ich nicht gemacht habe!" Ich muss ihr zugute halten, sie bemüht sich. Sie macht mehr als sonst. Aber irgendwie nervt es mich. Erst putz ich mir auf Arbeit ´nen Wolf und dann gehts zuhause gleich weiter. Heute auch das erste Mal die ernste Frage: Was zieh ich an? Ich darf nach über 70 Stunden Arbeit einen Tag zuhause bleiben und meine eigene Kleidung anbehalten. Da war ich vorhin ganz überfordert. Dann fragte mich Steffi vorhin, warum ich meinen Schlüssel mit mir rumtrage - da hatte ich mir ganz instintiv und routiniert den Arbeitsschlüssel in die Hosentasche gesteckt, weil ich den die letzte Woche ja auch fast zehn Stunden immer bei mir tragen musste.  Oh Gott, ich brauche das Wochenende.

Zudem fang ich wieder an mich dauernd zu belohnen. Ich hab meine Ausgaben vom letzten Monat mal überschlagen und hab ein minus gemacht. Mmh, nicht tragisch, aber ich hab mir wohl doch ein bisschen viel gegönnt. Hier ein paar Bücher, da CDs, Klamotten für 80 € mal so nebenbei, Konzertkarten für Steffi und mich für 120 €. So wird das nix mit für die Hochzeit sparen.

Apropo Hochzeit - ich hab neulich geträumt, dass Steffi tot sei. Und ich saß in irgendeinem Haus den ganzen Tag rum, hab alle Leute weggeschickt, die mich trösten wollten und war tief traurig, unglücklich und verzweifelt. Seitdem finde ich es gar nicht mehr so schlimm, wie sie sich grade aufführt, und dass ihre Tampon-Schachtel vorhin umgekippt ist als ich den Badezimmerschrank aufgemacht hab, und mir gefühlte tausend von diesen Dinger entgegenflogen. Diese Hormone bei Frauen sind echt schrecklich. Steffi hat dann chronisch unzufrieden, mit mir, mit sich selbst, mit der Welt und sowieso allem. Dann hat sie plötzlich schrecklichen Hunger, muss sofort was essen und im nächsten Moment ist ihr schlecht. Meine Exfreundin hat dann immer halb sterbend auf dem Sofa gelegen mit Wärmflasche auf dem Bauch und hat Ibuprofen und Buscupan gefuttert wie Ticktacks. Und das wirklich Schlimme: auf Arbeit geht der ganze Mist ja weiter. Da bin ich ja auch den ganzen Tag nur von Frauen umgeben - und die mögen mich auch noch so sehr, dass ich alles mitgeteilt bekomme. "Haben wir noch Schokolade irgendwo? Ich hab meine Tage, ich muss jetzt Schokolade essen!" - "Was? Du hast deine Tage? Ich auch! Ich geh zum Kiosk, Ryan, möchtest du auch was?" - "Nee, danke ..."

Frauen sind schon komisch ... und meine Kolleginnen mit ihren Diäten. Die eine macht Weight Watchers und schreibt alles akribbisch in ihr kleines Büchlein - und kann Donnerstags keinen Spätdienst mehr machen, weil sie zu den Treffen muss. Die andere macht Low-Carb, die erzählt immer stolz, dass sie seit über 3 Monaten keine Kohlenhydrate mehr gegessen hat. Überall fliegen diese Diät-Produkte rum, Weizenkleie, Süßstoff, Diätshakes ... ich bete inständig, dass Steffi nicht auf solche Ideen kommt.  Und dann kommt damit auch das Mienenfeld - ich bin ein Mann, ich sehe nicht wieviel die abnehmen, ich bin ganz schlecht in sowas. "Ryan, 7 Kilo hab ich schon runter! Das sieht man doch!" - "Ja, doch, jetzt wo du es sagst ..." Pffff ... bei meinem Glück werden alle meine zukünftigen Kinder Töchter. Meine Brüder haben auch nur Töchter. Ich hab neulich entsetzt festgestellt, dass meine älteste Nichte schon 25 wird. Genauso lange ist mein Bruder mit seiner Frau zusammen, Respekt. Hätte ich auch mit 16 ein Kind bekommen, wäre das jetzt schon 13 und mitten in der Pupertät - ich fühl mich nicht so alt, dass ich auch nur ein theoretisch pupertierendes Kind haben könnte. 

Wenn ich mal Kinder habe, dürfen die nicht mit Leuten wie mir rumhängen. Mein Bruder hat seine Tochter immer feiern gehen lassen, wenn ich dabei war - sie 15, ich grad 18. Wir haben dann aufm Kiez immer so getan, als sei ich ihr Bruder, weil sie ja noch minderjährig war und ohne Aufsichtsperson nicht in die Clubs und an Alkohol kam. So kam sie auch mit 17 an ihr Zungenpiercing. "Ich bin ihr Bruder, unsere Eltern haben es erlaubt, deswegen bin ich mitgekommen." Ja ja ... und mein Bruder hat erst vier Tage später Wind davon bekommen. Der dachte, sie ist beleidigt wegen irgendwas und würde deswegen nicht mit ihm sprechen. Wie gesagt, wenn ich mal Kinder hab, läuft das alles ganz anders. Die dürfen gar nichts, nicht ausgehen, trinken, rauchen oder sowas bis sie nicht mindestens 20 sind. Jungs daten fällt bei meinem Töchtern sowieso aus - alle potentiellen Dates haben erstmal Vorstellungsgespräch bei Papa. Und am Ende machen sie eh alles was sie wollen - ich hab ja nie Mitspracherecht. Weder bei meiner Verlobten, noch bei meinem Untergebenen auf Arbeit. Aber ich gehe davon aus, dass ich dann reifer und generell durchsetzungsfähiger bin - die Hoffnung stirbt zuletzt.

21.05.2013 um 08:23 Uhr

Prost!

von: Ryan

Es ist nicht mal acht Uhr morgens und ich hab mir grad ein Bier aufgemacht. Ja ich trinke morgens Bier - eklig eigentlich, schmeckt auch irgendwie anders als sonst - ich glaub, ich trink es auch nicht aus. Aber ich trinke morgens Bier. Warum? Ich bin so sauer und angenervt und überarbeitet und alles zusammen.

Ich hab ja grade Nachtschicht - das rechtfertigt das Bier ein wenig, denn ich hab grad erst Feierabend gemacht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ein Bier vorm Schlafen gehen. So. Es nervt mich grad alles so an. Ich arbeite die elfte Schicht in Folge, es ist die fünfte Nacht und es läuft alles irgendwie quer. Zum einen ist immer noch nicht raus, ob ich mein Team behalten darf oder ob wir lustig durch´s ganze Haus verstreut werden. Dazu wird sich bislang nicht geäußert. Über Pfingsten haben mich die ganze anderen Stationen "verarscht", haben mir Patienten untergejubelt, die angeblich "überwachungspflichtig" wären, im Endeffekt aber nur aufwändig sind - und konnte die komischer Weise nicht zurück nehmen, weil sie angeblich alle "voll" wären. Was haben wir da so bekommen? Eine Schrei-Oma "Hiiilfee .... hiiilfee ... hiiiilfe ..." Das geht die ganze Nacht so, non-stop. Ich höre die immer noch, wenn ich nach Hause fahre, die schläft nicht eine Sekunde. Nach 10 Stunden "Hiiiilfee" bist du matschig im Kopf, und selber völlig irre. Eine andere Patientin hat so schlimme Paranoia, dass sie dauernd den heiligen Geist an der Wand sieht - ich rasiere mich wieder jeden Tag, weil sie die erste Nacht dachte, ich sei Jesus mit drei-Tage-Bart. Dann hab ich soviele Ernährungssonden, dass wir über Pfingsten über zwei Kartons Sondenkost verbraucht haben - ein Traum. Der Tagdienst war schon richtig irre, ich hab Nachts versucht einiges nach- und vorzuarbeiten, aber schön ist anders. 

Also hab ich heute Nacht hochoffizielle E-Mails geschrieben, nachdem ich gesehen hab, dass die anderen Stationen gelogen haben. Station ist halbleer, aber "wir können den nicht zurücknehmen, wir haben kein Bett frei." Am Arsch. Ich hab heute gleich nach der Dienstübergabe zwei Stationsleitungen angemault, dass die ihre Patienten zurück nehmen sollen. Ich bin doch nicht die Abschiebe-Station, für Leute die keiner haben will. Zudem heulen meine Kolleginnen mir dauernd die Ohren voll mit dies und jenem und was die Abteilungsleitung schon wieder gemacht hat. Ich könnte kotzen. Jeden Tag das Gleiche. Täglich grüßt das Murmeltier. Ich kann die Medikamentenlisten meiner Patienten bereits auswendig, so oft bin ich da.

Meine Schwangere im Team kriegt im Moment bei jedem Pups Heulkrämpfe - ja gut, das darf sie, das sind die Hormone. Aber es ist anstrengend. Und selbst der FSJler hat mir gestern Abend gesagt, dass er sich richtig betrinken will, weil er morgen mal einen Tag frei hat und so angenervt ist.

Dann die üblichen Baustellen. Ich guck das Lager durch und es ist scheisse bestellt. 6oo Windeln in S, aber keine in M, 50 Kartons Braunülen aber keine einzige Packung Braunülenpflaster. Medikamentenschränke hab ich aufgeräumt und ich bin fast hinten über gefallen. Die Mädels haben gehortet, als hätte ein Messi Medikamente gesammelt. Und von den Nachtwachen höre ich immer, wie furchtbar der Leerlauf nachts ist ... sind aber auch nicht bereit mal eine Extra-Aufgabe zu machen. Ich hingegen bin so dämlich und hab jede Nacht irgendwas Großes gerissen. Eine Nacht hab ich die Medi-Schränke sortiert und gesäubert, eine Nacht den Spülraum geputzt, heute Nacht hab ich die Aufenhalts- und Besucherräume geputzt und Gläser und Wasser aufgefüllt. Aber darauf hat ja wieder keiner Bock. Ich hab da auch keinen Bock drauf, aber es muss ja gemacht werden. Ich führe jetzt Putzpläne ein - das gibt wieder lange Gesichter, ich weiss das jetzt schon. 

Und dann komm ich nach Hause und Steffi hat schlechte Laune - hat ihre Tage - nein, ich werde noch nicht Vater, um das gleich zu beantworten. Steffi hat richtig schlechte Laune und ist zudem immer noch erkältet. Und wenn ich dann so frage: "Würdest du heute ein Brot kaufen?" dann kommt so eine Antwort wie (Achtung, stark übertrieben): "Was fällt dir ein mich das zu fragen? Warum holst du kein Brot, wenn du von der Arbeit kommst? Nie ist Brot da! Immer kümmere ich mich darum, dass wir Brot haben!" Gut, zugeben, sie hatte auch Nachtschicht - aber nur 3 und ich hab 6. Und sie hat schon seit Vorgestern frei - ich nicht. Zumindest hat sie gestern gekocht - allerdings Nudeln mit Bolognese - mit Hackfleisch. "Schatz, ist das Hackfleisch?" - "Oooh, daran hab ich nicht gedacht, ich schmeiss das weg." - "Wieso? Du kannst das doch essen, ich hol mir Ketchup." - "So eine Scheisse, ich schmeiss das weg!" - "Jetzt iss das doch!" - Da fing sie fast an zu weinen - auch die Hormone. Boah ist das anstrengend. Vorgestern hatte sie nach dem Duschen ihren Verlobungsring verlegt ... ich bin dann ja so: "Das findet sich wieder an, unsere Wohnung ist ja nicht so groß." Aber sie ist völlig durchgedreht  und wir mussten eine Stunde lang den scheiss Ring suchen. Langsam aber sicher werde ich misantrop. Ich möchte keine Menschen mehr um mich herum haben, nur Ruhe und Frieden. Ich bin so froh, wenn mich alle in Ruhe lassen.

Und zu guter Letzt, nachdem ich mich heute morgen gleich mit zwei anderen Stationsleitungen angelegt habe, in der Übergabe wieder eine heulende Schwangere neben mir sitzen hatte und sie drei mal in den Arm nehmen musste, damit sie sich halbwegs wieder einkriegt, gehe ich durch den strömenden Regen (es regnet hier ununterbrochen seit zwei Tagen!!) zu meinem Fahrrad, will nur schnell nach Hause in mein Bett ... ist doch der scheiss Fahrradreifen leer. Ich musste das scheiss Drecksfahrrad (was ich sonst liebe) die ganzen 6 Kilometer eine Stunde Fussmarsch nach Hause schieben - nach dem Nachtdienst! Und dann war Feierabend mit der guten Laune und meinem gutmütigen Wesen. Das Karma hat heute ganz eindeutig was gegen mich. Und das war der Zeitpunkt, an dem ich zu dem Entschluss kam heute vorm Schlafengehen ein Bier zu trinken. Und jetzt geh ich schlafen, denn heute Abend muss ich wieder arbeiten. 

16.05.2013 um 23:34 Uhr

Untypisch - Steffi hat Schnupfen und ich will früh ins Bett

von: Ryan

Ich versuche seit Tagen einen Blogeintrag zu schreiben, aber hab bislang alles wieder gelöscht. Ich hatte das Gefühl, ich schwaffel rum, komm nicht auf den Punkt. Also here we go again. Ich arbeite immer noch viel. Dieser Dienstplan macht mich ziemlich platt - den ich ja nicht selbst geschrieben habe, sondern meine Vorgesetzte, mit der ich mittlerweile nicht nur große, sondern fast monströse Probleme habe. Aber dazu später. Vor allem dieses Schichten-Wechseln macht mich fertig. Vier Nachtdienste, ein Ausschlaftag, sofort wieder zwei Frühdienste, ein Spätdienst, ein Tag frei, drei Spätdienste, ein Frühdienst ... da wird man irre. Das ging soweit, dass ich jetzt Tage lang richtig Probleme hatte mit dem Schlafen. Ich bin immer nach drei bis vier Stunden Schlaf aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen. Bin dann völlig übermüdet zum Dienst gelaufen und hab mich so durchgebissen, bin früh ins Bett, nur um dann wieder nach wenigen Stunden aufzuwachen und mich im Bett zu wälzen. Noch nicht mal "Probleme wälzen", sondern einfach nur völlig kaputter Tag-Nacht-Rhythmus.

Ich bin dann gestern an meinem freien Tag am Vorabend ins Bett gefallen und hab fast 18 Stunden am Stück geschlafen, bin nur kurz aufgewacht um was zu trinken und hab sofort weiter geschlafen. War auch nicht weiter schlimm, weil es eh den ganzen Tag geregnet hat. Ich arbeite immer noch viel, das liegt aber eher daran, dass ich nicht weiss wie ich den Dienstplan füllen soll. Ich hab eh schon so wenig Personal und alle machen geplante Überstunden. Ich versuche "Mehrarbeit" gerecht zu verteilen, aber ich will auch keiner Kollegin mehr aufbürden als ich bereit bin zu arbeiten. So versuche ich zum Beispiel die ausstehenden Nachtdienste zu verteilen, da eine Kollegin schwanger ist - jede Kollegin macht ein paar Nächte mehr, aber dennoch läuft es darauf hinaus, dass ich ca. 12 Nachtdienste mache diesen Monat. 

Das eigentliche Problem ist, wie gesagt, meine Chefin. Sie kann mir nicht die Verantwortung übergeben. Zum einen das Dienstplan-Problem: Ich hab den Dienstplan fertig, will ihn grade abgeben, bin völlig im Zeitrahmen - schwupp, hat sie für die nächsten drei Monate einen Dienstplan abgegeben, in dem kein Urlaub und kein Wunsch von irgendwem berücksichtigt wurde. In der Woche, wo ich mit gerissener Sehne zuhause saß, fing sie an meine Station umzustruktrieren. Zum einen darf sie das nicht, zum zweiten habe ich die Strukturen vom Vorstand vorgesetzt bekommen, umgesetzt und aufgebaut. Kaum bin ich nicht da, schmeisst sie alles wie ein Legohäuschen über den Haufen und baut mit Superkleber zwischen den Legosteinen große Türmchen. Und wer konnte die Scheisse ausbaden? Ich. Ich hab von der ärztlichen Direktion tierisch aufm Deckel bekommen, weil das alles doch gar nicht so vorgesehen war, wie es plötzlich war. Meine Kolleginnen standen köpfeschüttelnd daneben, während sie  aus dem geplanten Flughafen ein Einkaufszentrum bauen wollte. 

Als ich wieder da war, musste ich als Papa Schlumpf erstmal wieder Ordnung reinbringen. Kleines Beispiel: Sie hat meine Überwachungsbetten abgeschafft. Fand sie doof. Sie hatte auch drei fadenscheinige Begründungen, wieso das nicht machbar sei - lief aber schon zwei Monate großartig. So ein Scheiss. Seltsamer Weise war die "Abschaffung" der Betten mit niemanden besprochen. Der Oberarzt kam nur eines Tages an meiner Station vorbei und wunderte sich. Ich hab mich genauso gewundert - zwei Minuten später erzählte meine Kollegin was vorgefallen sei, ich bin mittelschwer ausgerastet, darauf rastet der Oberarzt aus, dann der Chefarzt und am Ende die halbe Direktion. Ende vom Lied: Ich hab die Überwachungsbetten wieder (2 Stunden hab ich gebraucht, sie hat 3 Tage gebraucht um die abzuschaffen).

Es ist ein riesiges Theater. Heute hatte ich nach dem Dienst nochmal ein langes Gespräch mit wichtigen Leuten, in denen ich einiges ansprechen konnte, u.a. dass in meine Arbeit reingefuscht und rummanipuliert wird, was große Unruhe und Chaos bringt. Wie gesagt, die Probleme die ich vorher hatte, wirken jetzt wie Mückenstiche. Und das Blöde ist ja, es wäre vermeidbar. Völlig unnötiger Scheiss, der nur entsteht weil jemand sich einmischen will. Es gehtja nicht darum, dass mein Laden nicht läuft - es läuft großartig ohne sie. 

Ende des Gespräches war: es wird weitere Gespräche geben - was ja soweit nicht schlecht ist, was aber wiederrum bedeutet, dass die Geschichte noch nicht geregelt ist. Das nervt mich auch so an, immer muss alles sechs Mal mit hundert verschiedenen Leuten diskutiert werden, wenn die Sache doch so eindeutig ist. Und immer sag ich meinen kleinen Standartspruch: "Es wird nicht wieder vorkommen, wir haben einen klare Ansage und danach wird gearbeitet. Ich setze mich dafür ein, dass alle Instanzen informiert werden." Jeder ist ja eigentlich informiert, nur eine schiesst quer - und macht riesen Unruhe.

Ja, das dazu. Wie gesagt, das Thema ist noch nicht vom Tisch, aber hat Aufschub, weil jetzt erstmal Pfingsten ist. Ich befürchte, das einzige Grund ist weswegen sie mich nicht ernst nimmt, ist weil sie meine Mutter kennt. Für alle die es nicht wissen, sowohl meine Oma als auch meine Mutter waren Jahrzehnte lang Krankenschwestern in meinem Krankenhaus. Ich weiss, dass Mama und sie sich nicht gut leiden konnten, zudem war ich mit ihrem Sohn zusammen im Betriebskindergarten. Und nun will das Balg von der ehemaligen, ungeliebten Kollegin eine ganze Station alleine leiten und meint wie der Hase richtig läuft. Ich weiss nicht, ob es wirklich daran liegt, aber ich hab die Vermutung.

Zu dem hab ich noch das Problem, dass die halbe Station traumatisiert ist seit Anfang der Woche. Ein Patient hat sich versucht zu suizidieren - und meine Kollegin, die grade mit einer Schülerin rauchen gehen wollte, war unfreiwillig Ersthelfer. Ich will gar nicht drauf eingehen, was genau passiert ist, aber es muss ganz schlimm für beide gewesen sein - die Schülerin wollte mir unbedingt heute morgen davon erzählen und weinte daraufhin gleich ganz furchtbar. Auf jeden Fall hab ich beide erstmal ausm Dienstplan gestrichen und die Pfingsttage freigegeben, damit sie Abstand kriegen. Da kann ich schon wieder was Positives sagen: obwohl mein Team zusammengewürfelt ist und eigentlich relativ kurz erst besteht, halten alle zusammen. So waren zwei meiner Mädels sofort bereit einzuspringen, nach dem Vorfall. Auch sonst merke ich, dass die Mädels versuchen aufeinander zu achten. Zum Beispiel habe ich häufig erlebt, dass eine schwangere Kollegin als Belastung und Mehrarbeit empfunden wird - kurz zur Erklärung: schwangere Krankenschwestern dürfen keine Nachtarbeit mehr machen, dürfen nicht mehr mit Blut und Ausscheidungen in Berührung kommen, dürfen nur noch 10 kg heben, dürfen keine Spritzen setzen und und und. Bei uns läuft das aber erstaunlich gut und harmonisch. Ich hab die Kollegin jetzt viel für Büroarbeit und Organisation eingeteilt und die Mädels meinten, sie fänden das gut, dass sie jetzt mit dem Dienstzimmer nix mehr am Hut hätten seitdem unsere Schwangere das als ihre Aufgabe wahrnimmt. 

Apropo schwanger, ich will nix beschwören, aber Steffi ist so dermaßen überfällig, dass ich langsam nervös werde.  Eigentlich könnten wir ganz entspannt sein, wir sind lang genug zusammen, wir sind einem Alter, in dem man so reif und gesetzt ist, um auch mal ein Kind zu bekommen. Wenn es so wäre, kriegen wir das gut hin - aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich noch warten. Natürlich haben wir schon häufig drüber geredet. Steffi will zum Beispiel, dass ich sofort mit dem Rauchen aufhöre, wenn sie schwanger ist - verständlich, aber ich rauche ´ne Schachtel am Tag. Das wird defintiv nicht leicht. Außerdem erwartet sie, dass ich keinen Schluck Alkohol trinke in der Zeit, wegen Solidarität und so. Ich hingegen stelle so Forderungen wie regelmäßige Beschallung von Mutter und ungeborenen Kind mit guter Musik. In der letzten Woche benimmt Steffi sich auch anders - sie benimmt sich eigentlich wie immer, aber sie ist krank geworden. Das ist extrem untypisch für sie. Natürlich war sie schon mal krank, aber dann mit so Sachen wie Steißbeinprellung, Hexenschuss, Splitter im Auge oder sowas. Ich hingegen bin ja bis zu vier Mal im Jahr krank mit Erkältung, Mandelentzündung oder gar Grippe. Mindestens 1-2 mal im Jahr kriege ich richtig dolle Fieber und bin völlig fern ab von Gut und Böse, liege nur im Bett - Steffi kennt sowas nicht. Bei ihr läuft eine Erkältung so: Sie sagt abends, sie fühle sich "krank", nimmt abends Vitamin C, legt sich mit Pullover und Schal ins Bett und ist am nächsten Morgen wieder fit und gesund. Diese Woche schleppt sie sich schon mit Schnupfen, Husten und Halsschmerzen durch die Gegend. Total untypisch für sie. Das erste Mal in neun Jahren, wo ich Steffi mit Schnupfen sehe. Meine schwangere Kollegin schnupft auch schon dauernd rum ... mmh, auf den Schreck erstmal ein Vitamalz.

Ich lese grad einige sehr gute Bücher. Ich hab Joey Goebel entdeckt - wahnsinnig guter Autor. Erst habe ich "Vincent" gelesen, jetzt bin ich bei "Heartland" - wie gesagt, großartiger Autor. Davor habe ich einiges von Nick Hornby gelesen - "Das Lied von Eis und Feuer" pausiert, nachdem ich 5 Bände durch hab (zwei weitere liegen noch in meinem Nachtschrank), irgendwann war es zuviel Drachen, Ritter und politische Mittelalter-dramen.

Mich überkommt grad maßlose Müdigkeit - auch untypisch für mich vor Mitternacht freiwillig ins Bett zu wollen

11.05.2013 um 11:52 Uhr

Flughäfen - jawohl

von: Ryan

So, es ist soweit - ich gehöre wieder zum arbeitenden Volk, und kann endlich wieder mitmischen. So geschehen diese Woche. Ich hatte zwar wieder Nachtschicht, konnte aber dank E-Mail-Verkehr und morgens ´ne Stunde länger bleiben so einiges klären. Falls jemand fragt, mein Fuß ist nicht besser. Ich kann zwar schmerzfrei laufen, aber nur mit Stützverband. Was wirklich wehtut sind Treppen. Hoch geht so grade eben, runter könnte ich schreien. Da war es doch grade gut, dass die diensthabende Ärztin sich immer mit ihren chirurgischen Kenntnissen brüstet. Der hab ich dann meinen Fuss unter die Nase gehalten - und während mein Chirurg sagt: "Sie sind in einer Woche wieder fit" - sagte sie: "Wenn das Band gerissen ist, hast du mindestens ein halbes Jahr was davon. Wenn du nicht sogar für immer bei jeder Belastung eine Schiene tragen musst." Also Plan für nächste Woche: So ´ne blöde Schiene organisieren. Aber wann?

Und da sind wir schon beim nächsten Problem: Auf Arbeit ist ja die Katastrophe ausgebrochen als ich nicht da war. Meine Chefin hat´s zu gut gemeint - ich befürchte mittlerweile, sie kann mir die Station nicht voll anvertrauen - sie mischt sich überall ein. Fummelt an meinem Dienstplänen, schreibt alle Sommermonate im vorraus noch bevor ich die Gelegenheit dazu hab. Ich hatte endlich den Juni-Dienstplan in den Händen - das Ding grenzt an Körperverletzung. Es ist nicht gelogen, wenn ich sage: Ich habe in meinem 9 Dienstjahren noch nie einen so derartig mitarbeiterunfreundlichen Dienstplan gesehen. Mit dem Ding und meinem alternativ-Dienstplan sitze ich Montag gleich bei der nächsthöheren Instanz.

Und wenn es nur der Dienstplan wäre ... ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Sagen wir so: ein Person fuscht mir in die Arbeit und plötzlich habe ich 10 große Baustellen. Das sind so Sachen wie meine Praktikantin wurde abgezogen. Einfach so, von jetzt auf gleich. Auf eine Station versetzt, angeblich habe es Beschwerden gegeben - erstunken und gelogen. Und das ist erst die Spitze des Eisberges. Es ist fast vergleichbar, als wenn man auf einer Baustelle arbeitet und der Bauleiter kurz für eine Woche wechselt und die Neue sagt: "Wir bauen einen Flughafen? Nee, wir machen da jetzt ein Einkaufszentrum draus, sieht eh viel schöner aus." ohne den Auftragsgebern bescheid zu geben. So sieht meine berufliche Situation grade aus - und dann komm ich als Bauleiter wieder und frage: "Wieso bauen wir jetzt keinen Flughafen mehr?" und meine Kolleginnen sagen sowas wie: "Weil die andere Einkaufszentren lieber mag." Aber wenn man den Auftrag für einen Flughafen hat, kann man doch nicht einfach so was anderes machen ... ach egal, ich fange an großen Müll zu schreiben mit völlig obskuren Vergleichen.

So, und jetzt hab ich ein Nachtschicht-Blackout. Es ist Zeit für ein Mittagsschläfchen. Echt beängstigend, wenn man sich im Kopf alles zurecht gelegt hatte, was man noch loswerden wollte und dann ist plötzlich alles weg.  Ich geh jetzt schlafen, ich muss heute Abend noch essen gehen und da sollte ich meinen Freunden vielleicht nicht sowas erzählen, dass ich "Flughäfen" baue wenn ich im Krankenhaus arbeite.

05.05.2013 um 02:20 Uhr

Ich schreibe eine Hochzeitsliste und kommen darf ...

von: Ryan

Input, Input, Input! Nachdem mich heute endlich Leute besucht haben, habe ich wieder Themen, über die es sich lohnt zu schreiben. Teilweise sogar hochdramatisch: Meine beste Freundin lässt ihre Hochzeit platzen. Genau 7 Tage vor ihrem Termin. "Die Braut, die sich nicht traut" sagt sie selber. Hochdramatisch mit Tränen, Rotwein und vegetarischen Burgern - wenn ich eins von Oma gelernt habe: traurige Menschen haben immer Hunger. Erstmal was zu Essen machen, das Nervenkostüm liegt blank, wenn man unterzuckert ist. Höchste Dramatik in meiner Küche.

Das war die Bombe des Tages. Sie lässt die Hochzeit platzen - ich will gar nicht auf das Warum und Wieso eingehen, das bedeutet nur für mich und mein Leben: Die erste Hochzeit, auf der ich je sein werde, wird meine eigene. Dieses Wissen wiederum versetzt mich in Panik. Ich war noch nie auf einer Hochzeit. Ist das zu fassen? Ich hatte nie die Gelegenheit dazu. Natürlich war ich schon mal bei einer Trauung oder einer Hochzeitsparty, aber entweder war ich 3 Jahre alt oder wir sind nur anstandhalber eine Stunde geblieben, weil uns sehr entfernte Verwandte eingeladen hatten. Vor 4 Jahren hatte ich die Möglichkeit - ein Mit-Auszubildende hatte Steffi und mich zu ihrer Hochzeit eingeladen, aber nach dem Durchlesen der Einladungskarte, hatten wir beide gleich gesagt, wir gehen nicht hin, weil wir die Hochzeit nicht unterstützen. Sie kannte den Kerl ja grade mal 4 Monate und ich hätte wirklich Geld drauf verwettet, dass die Ehe kein Jahr hält - leider wollte keiner dagegen wetten, weil die Sache so kristalklar war. Ansonsten kenne ich nur Leute, die ihre Gästeliste "klein" halten, weil sie eben nicht viel Geld verdienen.

Steffi und ich hatten uns überlegt, wir machen erstmal die Gästeliste fertig, bevor wir überhaupt irgendwas planen. Erstmal gucken, ob wir von 20 Leuten oder gar von 200 reden. Mittlerweile ist uns klar: Wir kennen gar keine 200 Leute. Wir sind so bei 80 Leuten, wobei unsere engere Familie schon die Hälfte ausmacht - engere Familie bedeutet Eltern, Geschwister plus Partner und Kinder und die Großeltern. Dabei haben wir ganz schockiert festgestellt wie furchtbar viele Geschwister wir haben (und meine Halbgeschwister aus den USA zählen nicht, weil die nur einen vernichten kleinen Teil meines Lebens ausmachen). 

80 Gäste finde ich durchaus angemessen für eine Hochzeit, mitgerechnet ist immer eine "Plus Eins" Person für die Singles. Wer weiss, vielleicht haben die Partner/Freundinnen nächstes Jahr. Solche Menschen darf man auch nicht vergessen. Hochzeitsdinner wird auf jeden Fall vegetarisch. Da lass ich nicht mit mir diskutieren. Für meine Hochzeit lass ich keine Kuh schlachten. "Aber stell dir mal vor, ein Spanferkel" sagt Steffi. Ich sage: "Nix Spanferkel, die Gäste essen was es eben gibt!" So und nicht anders!

Ich hab mich im Internet schon schlau gemacht, an was ich alles denken muss und in welchem Zeitraum was ungefähr anfällt. Auf einigen Homepages wird geraten jetzt schon, ein ganzes Jahr vorher die Einladungskarten zu verschicken und dann, 3 Monate vor dem Termin, offizielle "Memos" damit es niemand vergisst.

Außerdem unterhalten Steffi und ich uns grade viel darüber, was wir eigentlich wollen. Große Party oder zu zweit am Sandstrand in Thailand. Süß wie sie ist sagte sie, sie hat keine Erwartungen, die würde mich auch in Las Vegas heiraten - wäre auch günstiger, sagte sie im nächsten Satz. Ja ja, da hat sie sich geschnitten, ich will eine große Hochzeit. Ich will angeben. Ich will, dass jeder sieht was für eine schöne Frau ich eheliche. Ich will den Tag teilen und das jeder eine Menge Spaß hat. Deswegen tendiere ich auch eher dazu, zuviele Menschen einzuladen. "Alle, die ich mag" ist meine Ansage. Wie schon gesagt, "Alle, die ich mag" und Familie (die muss man nicht mögen, zumindest nicht immer) sind 80 Leute. Ich hatte mit mehr gerechnet. Vielleicht würden wir mehr zusammen bekommen, wenn Steffi und ich nicht so angriffslustig und vor-verurteilend wären. 

(Spontan schreibe ich noch einen Namen auf die Liste, gut, dass sie hier hängt und man mehrere Monate Zeit hat, um noch Leute dazu zu schreiben - wir haben bestimmt einige vergessen, das können doch nicht nur 80 Leute sein!)

Was haben wir uns sonst so vorgestellt? Kirchlich fällt aus - wollen wir nicht. Aus Prinzip schon nicht. Sieht immer toll aus, aber solche Menschen sind wir nicht. Natürlich könnten wir um des lieben Friedens Willen uns kurz in eine Kirche stelle und beide "Ja" sagen, aber das würde mich ankotzen, und Steffi genauso. Und auf unserer Hochzeit soll alles so laufen, wie wir das wollen. Ich habe neulich Hochzeitsbilder von einem Kumpel meines Bruder gesehen, der hat seine Torte mit ´ner Kettensäge angeschnitten. Kann man machen, wenn man Bock drauf hat, finde ich. Aber ich bin nicht der Kettensägen-Typ.

(Ich muss die Liste weglegen, ich schreib grade noch mehr Leute dazu - außerdem habe ich bei sämtlichen Singles nicht "Plus Eins" geschrieben - weg damit. Sind Kinder unter 5 Jahren eigentlich auch "Plus eins" oder gar keiner? Ich weiß sowas nicht. Wir dürfen keinen Kindertisch machen, ich hab das so gehasst früher.)

Ich will auf jeden Fall in Hamburg feiern. Steffis Mama hat in ihrer Fantasie ja schon alle geplant. Sie weiß schon wer in der Kleinstadt das Catering macht (weil, sie kriegt da Prozente), sie weiß schon, dass wir in der kleinen katholischen Kirche heiraten, ganz romantisch den Gang entlang schreiten, die halbe Stadt ist natürlich eingeladen Reis zu streuen. Dann fährt die ganze Hochzeitsgesellschaft in eine Art Strandhaus (es ist eine Jugendherberge - eine scheiss-Jugendherberge mit Tischtennisplatten) um da zu feiern. WEIL dann können alle Verwandten da schlafen und untergebracht werden. Hochzeitsbilder am Strand - Steffi kommt von der Ostsee und hat eine irre große Verwandtschaft. Ihre Eltern haben nämlich im Gegensatz zu meinen Eltern genauso viele Geschwister. Wenn wir es auf eien Hochzeit mit 600 Leuten anlegen, müssen wir nur Steffis Onkels und Tanten einladen, inklusive Cousins und Cousinnen plus Kinder und Partner. Man kann da auch nicht selektieren, hat Steffi mir erklärt, die Familie kriegt das nämlich raus und ist dann beleidigt. Man kann nicht sagen: "Onkel Günther darf kommen" weil, dann ist Tante Hedwig sauer. Und ich will keine Hochzeitsfeier, auf der ich von 80 % der Beteiligten den Namen nicht weiss. Auf der anderen Seite - je mehr Leute, desto mehr Geschenke - Geldgeschenke. Vielleicht sollten wir das doch nochmal überlegen. 

Also was mir vorschwebt ist als aller erstes: Steffis Familie schläft woanders. Normaler Weise quartieren die sich immer irgendwo ein, wo es nix kostet. Sprich, wenn sie in Hamburg oder Umgebung was haben, schlafen sie bei uns. das werden sie bei unserer Hochzeit nicht. Die suchen sich ein Hotel oder pennen in einer Jugendherberge, ist mir egal, aber nicht bei uns. Hier ist immer Highlife in Tüten, wenn Steffis Familie kommt. Letztes Jahr zum Beispiel waren nur ihr Bruder, seine Freundin und deren Kind da. Eigentlich ... ihr kleiner Bruder hatte sich dann auch noch überlegt mitzukommen und plötzlich war die Wohnung voll. Fünf Erwachsene und ein Kleinkind auf 2,5 Zimmer - großartig. Ihre Brüder plündern immer sofort unsere Alkoholvorräte, ihre Schwägerin schimpft über den Vater ihres Kindes, das Kind versucht dauernd die vorbei fahrende U-Bahn stehend bei offenen Fenster (zweiter Stock) zu beobachten und Steffi steht in der Mitte und zuckt mit den Schultern. Steffi ist da eiskalt - ihre Eltern haben sich neulich bei uns einquartiert, weil "Wir haben spontan seit 2 Monaten Karten für König der Löwen" (3 Tage vorher sagte sie mir bescheid) und Steffi wollte zum Nachtdienst. Hätte ich auch Nachtdienst gehabt, kein Problem, aber ich hätte alleine mit ihren Eltern das ganze Wochenende in der Bude gehockt - aber nachdem Steffis Mutter mir die Weisswein-geschwängerte Geschichte erzählt hat, wie im Krankenhaus Steffi vertauscht wurde und ihr das erst aufgefallen ist, als das Kind an ihrer Brust so schlecht trinkt und sie dann losgezogen ist im Flügelhemd durch alle Mehrbettzimmer, um drauf zu achten in welchen Intensität die Kinder Muttermilch nuckeln und sie alleine dadurch Steffi wiedergefunden hat ... ich gebe zu, ihre Wortwahl war eine andere - und seitdem verlange ich von Steffi, dass sie mich nicht länger als 10 minuten mit ihrer Mutter in einem Raum alleine lässt, und solche Geschichten sofort unterbindet. Ihr Vater ist so ein vorwurfsvoller Typ - der wird mir noch drei Minuten vor der Trauung erzählen, dass kirchlich besser sei.  Dazu noch ihre um 10 Uhr morgens betrunkenen Brüder --- nee, an meinem Hochzeitstag brauche ich Ruhe. Ich frühstücke gerne mit den Trauzeugen - aber die suchen wir ja auch aus. 

Standesamt muss ja sein, kann man sich aber aussuchen. In Hamburg gibt es einige, die in Frage kommen - müssen wir aber noch abfahren, wegen dem persönlichen Eindruck. Mal draussen stehen und gucken wie es so aussieht. Altona sieht aus wie ein Schloss. In Fuhlsbüttel kann man fussläufig an die Alster und am Wasser heiraten. Hört sich schon mal gut an. Dann Partylocation. Steffi hat da grobe Vorstellungen: ein Raum, Essen und Trinken für die Gäste. Ich denke da schon weiter. Ich hätte gerne was mit Außenbereich, grüne Wiese, vielleicht ein Teich oder ein Pool. Lichterketten, laue Sommernacht. Und nach dem Standesamt eine Art Zeremonie unter blauen Himmel mit einem Geistlichen (muss nicht mal ein Christ sein - Herr Gott, hier sind grade hamburger Kirchentage, von überall her pilgern Christen - und es gibt Fan-Pakete, wirklich! Steffi und ich saßen neulich im Bistro, haben was gegessen und andauernd liefen Christen mit ihren dunkelblauen Fähnchen an uns vorbei. Teilweise laut singend "Jesus liebt mich", einer hatte sogar Musik aus einem Lautsprecher mit Christenrock dabe: Melodie wie AC/DC, aber eine gröllte, dass Christus der einzige Mann sei, denn sie je lieben würde ... das fanden selbst Steffi und ich (beide katholisch getauft, aus erzkonservativen Familien) sehr eigenartig - dunkelblau ist scheinbare deren Farbe. Selbst wenn ich mich an mein Fenster setze, sehe ich alle halbe Minute eine Gruppe Christen durch emine Straße laufen, die alle das gleichen Jesus-Fan-Paket gekauft haben, kein Scheiss.)

Die Christen haben mich rausgebracht - achso ja: Ich wollte eine Zeremonie, wie in den amerikanischen Filmen, wo das Brautpaar durch Reihen von Klappstühlen schreitet, wo unter einen Blumenbogen ein Pastor wartet. Muss nicht mal ein Pastor sagen, nur einer, der fragte: "Willst du die hier anwesende Frau ... bla bla bla" und alle sollen klatschen und glücklich und gerührt sein. So stelle ich mir das vor.

Egal wann Steffi mich gefragt, wie ich heiraten will, habe ich ihr diese Szenario beschrieben. Heute kam sie mit einer tollen Idee nach Hause: "Hey, wir können ja so eine Zeremonie oder Treueschwur machen, in dem Außenbereich der Hochzeitslokalität, mit ´nem Geistlichen - Christina hatte die Idee!" Da merkt man wieder, wie gut Frauen ihren Männern zuhören. Ich hatte die Idee schon dreihundert Jahre vorher, aber wenn Christina was sagt, hört Steffi gut zu und ist hellauf begeistert. 

Wir machen hinter jeden auf der Gästeliste rote Punkt, wer als Trauzeuge in Frage kommt - oder eben als Brautjungfer. Auch ein Theater sonder gleichens. Die Trauzeugen richten ja auch den Junggesellenabschied aus - ich weiß noch gar nicht, wen ich da nehme. Ich mag alle meine potentiellen Trauzeugen/innen gerne, aber die eine ist unzuverlässig, die andere versteht sich mit meiner Schwester nicht gut, meine Brüder würden riesige Saufszenarien veranstalten, mit tausend super coolen Leuten, die Spaß machen aber die ich nicht kenne ... ich gebe mal die ultimative Wette ab: Steffi nimmt Christina. Todsicheres Ding. 

(Ich schreib schon wieder Leute auf die Gästeliste - ich darf nachts um 2 mit einem Wein im Kopf diese Liste nicht anfassen, grade hab ich meine Exfreundin draufgeschrieben - nicht dass ich die noch toll finde, ganz im Gegenteil, aber sie hat mich in meinem Leben Jahre lang begleitet, auch als gute Freundin - ich glaub ich streich die wieder, genauso wie meine ehemals beste Freundin, die heute 90% des Jahres als Patientin in psychiatrischen Kliniken rumhockt.)

Man muss echt viel beachten bei einer Hochzeit. Kosten, Kosten, Kosten. Brautkleid, passender Anzug (das Hemd muss farblich zum Brautkleid passen), Make-Up (jaa, auch der Bräutigam kriegt Puder wegen den Fotos), Fotograf buchen, Partylocation, Standesamt-Termin und Papiere (ich kenn mich mit Dokumenten ja null aus, ich bin froh, wenn ich mich umgemeldet oder meinen Perso verlängert hab), Catering und Getränke, Musik (ich hätte so gerne eine Live-Band, aber ich habe so hohe Ansprüche), Haare für die Braut, Braut-Make-Up (Steffi wird so fluchen), Hochzeitstorte - Einladungskarten nicht zu vergessen. Ich muss einen Prediger suchen, der unsere Hochzeitschwüre abnimmt, Blumen, Brautstrauss - mehr fällt mir grade nicht ein, aber ich bin sicher - ich hab die Hälfte vergessen.

To Do Liste für Montag: In den Schreibwaren-Laden, Papier und einen Ordner kaufen für die Hochzeitsplanung. Ich brauche eine struktierte Planung. Außerdem hat sich das ja nicht mit dem Planen, man muss zum Probe-Make-Up, Probe-Dinner und solchen Kram - ich glaube, ich buche doch lieber nur zwei Flugtickets nach Las Vegas.

Mal was ganz anders: Meinem Knöchel gehts nicht besser, aber ich habe beschlossen ab Montag gesund zu sein und mache dann ziemlich viele Nachtdienste. Heute Vormittag waren mein bester Freund und sein Mann bei mir zum brunchen (wie gesagt, ich hatte viel Besuch) und die fliegen weg nächstes Woche. Und ich wurde wieder auserwählt als Hundesitter. Die beiden haben ganz stilecht einen kleinen Chiwuwuah (schreibt man da so? bestimmt nicht). Zwei große schwule Männer mit einem winzigen kleinen Hund. Klische pur, aber ich liebe Hunde. Und dann ist volle vier Tage dieser winzig kleine Hund, mein Hund. Steffi - die mit Haustieren nicht viel anfangen kann - sagt dann immer: "Hoffentlich trete ich auf den nicht drauf." aber ich liebe Hunde, egal wie groß oder klein. Bei mir darf dieser kleine, völlig verwöhnte Hund immer auch mal Hund sein. Seine Besitzer waren völlig entsetzt als ich erzählt hab, wie ihr Hund beim Spazierengehen in den nächsten Teich gehüpft ist. "Nie im Leben, sie macht sich nicht gerne schmutzig!" Oh doch. "Sie hat Stöckchen gebracht? Das macht sie nicht, sie ist eine Lady!" Am besten fand ich noch: "Sie geht keine Treppen, sie muss stetts getragen werden." Kaum will ich mit dem Hund raus und hab die Leine in der Hand, rennt der Hund schneller das Treppenhaus runter als ich. Diese Art Hunderasse wäre nun nicht mein Idealbild von einem Hund (ich liebe Retriever), mal davon abgesehen dass Steffi mich immer neckt, wenn ich mit dem kleinen Hund spazieren wollte: "Du siehst schwul aus mit dem Meerschweinchen an der Leine", aber es ist ein Hund, scheiss drauf!

Eigentlich wollte ich gar nicht über meine Hochzeitsplanung schreiben - puh, ich wollte ein politisches Thema aufgreifen - Patientenverfügungen bei psychischen Diagnosestellungen (hab ich gestern Abend im Internet gefunden, super interessantes Thema, wenn man sich damit auskennt) - erinnert mich bitte jemand dran, dass ich das morgen, wenn struktrierter und wacher bin, schreibe?

(Ich muss diese Liste weglegen - mit dem Glas Rotwein intus schreibe ich plötzlich Leute auf die Liste, die ich nicht mag, die einfach nur sehen sollen wie schön meine Braut ist.)

 

 

04.05.2013 um 00:19 Uhr

Steffi und ihre beste Freundin

von: Ryan

Wirklich viel verändert hat sich nicht - ich bin immer noch krankgeschrieben, sitze zuhause, langweile mich und bin untätig. Und vor allem unzufrieden. Montag melde ich mich wieder gesund, egal was kommt. Und wenn ich mir Tramal reinziehen muss zum laufen - es gibt nicht schlimmeres als zuhause zu sitzen und rein gar nichts machen zu können.

Ich träume schon ganz irre Sachen. Vorgestern habe ich geträumt, dass es ein Unglück gab - keine Ahnung aus welchem Grund. Terroranschlag wahrscheinlich. Ich war auf Arbeit, es war Hochsommer, alle Fenster offen und meine Kollegin lief rum und schloss die Fenster. Ich hörte einen irre lauten Knall und wusste sofort, dass irgendwas in der Nähe zusammengefallen oder zerbombt wurde. Ich hab meine Kollegin von den Fenstern weggerissen einen winzigen Moment bevor die Fenster von der Detonationswelle zerplittert sind. Überall Rauch, Chaos, Scherben, Sirenen - dann hat Steffi mich geweckt und mir erklärt, dass es schon elf Uhr Vormittags ist.

Im Moment träume ich andauernd seltsame Sachen. Ich träume auch häufig von den selben Dingen - also nicht sich wiederholende Ereignisse sondern von den selben, imaginären Orten. Seltsam was sich das Unterbewusstsein so ausdenkt. Bei uns in der Nachbarschaft wird ein neuer Park gebaut - ich hab bestimmt schon 4 oder 5 Mal von diesem Park geträumt, aber er wurde unterirdisch angelegt. Die Grünflächen werden von einen großen, aber recht stillen Fluss geteilt. Total irre - mit wiederkehrenden Träumen sollte man mal zum Psychoanlaytiker oder?

Sonst passiert nicht viel. Steffi ist viel unterwegs, die ist aber auch nicht krankgeschrieben - man sollte kein Bier trinken gehen, wenn man eine Krankschreibung eingereicht hat. Wenn ich einen Gibs hätte, dann vielleicht ... aber so nicht. Heute ist Steffi mal wieder mit Technotyp unterwegs. Nachdem er ihr eine Weile auf den Keks ging, hat er die letzten zwei Wochen so hartnäckig angerufen, dass sie heute verabredet sind. Was Technotyp nicht weiss - er denkt, sie treffen sich zu zweit - Steffis Mädels kommen mit. Und nein, das hat sie mir nicht nur erzählt, damit ich die Füße still halte - Steffis beste Freundin Christina hat heute schon sechs Mal bei uns angerufen, weil sie mit Steffi mit den Abend besprechen musste. Steffi im Gegenzug hat Christina bestimmt auch noch mal 4 Mal angerufen - Christina arbeitet als Krankenschwester bei mir im Krankenhaus. "Schatz, sag nochmal die Nummer von Christinas Station."

Christina und Steffi - eigentlich auch eine Story für sich. Wir drei haben zusammen die Ausbildung gemacht. Erst haben Christina und Steffi sich gehasst. Die ersten Wochen keifften die beiden sich im schlimmsten berliner Dialekt jede Pause an. Ein Jahr später waren sie unzertrennlich, haben andauernd beieinander übernachtet, sind sogar zusammen gegenseitig ihre Eltern besuchen gefahren. Christina gehörte wie Steffi in meiner Ausbildungszeit zu meinem engsten Freundeskreis, wir haben sogar in der gleichen Straße gewohnt früher. Mittlerweile höre ich seit drei Jahren nur einen einzigen Satz von Christina, wenn sie bei uns anruft: "Ist Steffi da?" Ich bin eigentlich nur wichtig, wenn Christina auf Arbeit (fast jeden Tag) bemerkt, dass sie keine Zigaretten mehr oder sich entschließt ihrem Nichtraucher-Leben ein Ende zu machen (zweimal am Tag), und kommt sich Kippen schnorren. Dann bekomme ich plötzlich liebevolle Wangenküsschen und Komplimente wie: "Ryan, was siehst du heiss aus heute. Hast du die Haare anders?" - "Hast du deine Zigaretten wieder zuhause vergessen?" - "Jaaaaaa ...." Aber so ist das halt, auch solche Freundschaften muss es geben.

Um kurz ehrlich zu sein: Ich finde es toll und beneidenswert, dass Steffi eine so beste, dicke Freundin hat - aber es ist auch ein kleiner Grund, um die beiden zu belächeln. Zum Beispiel sehen die beiden sich beinahe täglich. Sie gehen dreimal die Woche zusammen zum Sport und treffen sich nebenbei noch auf Kaffee oder um sich gegenseitig irgendwelche Sachen zu leihen. "Ich bring mal eben Christina die CDs vorbei." oder "Ich hol mal eben die CDs von Christina wieder ab von letzter Woche." Ich glaube, wenn ich ins Koma falle und eines Tages erwache, und der Arzt möchte meine Verlobte kontaktieren und erreicht sie zuhause nicht, würde ich sofort sagen: "Die ist bei Christina, hungert pro!" Und nebenbei telefonieren die beiden teilweise bis zu 5 Mal an Tag: "Nee ich schaue das grade nicht im Fernsehen, warte ich schalt um ... aaaah, wie lustig. Was ich dir noch erzählen wollte ..."

Viel besorgniserregender finde ich folgende Gespräche: "Nee, hat er nicht ... nee, mach er auch nicht ... ach, du weisst doch wie es immer ist ..." - Ich dann: "Schatz, was ist los? Worüber redet ihr?" - Steffi: "Ach nix." - Zwei Minuten später höre ich sie wieder telefonieren: "Er hat´s schon wieder gemacht!!!" Und ich steh kopfschüttelnd in der Gegend und denk nur: Verrückte Weiber.

Da hab ich wieder was wahres gesagt. Dass Steffi ein bisschen irre ist, weiß ich ja jetzt aus Jahre langer Erfahrung. Aber was die beiden verbindet, ist dass Christina genauso bekloppt ist. Man muss sich Christina als kleine Frau aus Berlin vorstellen, hat so eine typische "Ossi-Frisur" - ja, was ist denn eine Ossi-Frisur? Jeder, der mal im tiefsten Mecklemburg Vorpommern war und sich dachte: "Was haben die da aufm Kopf? Finden die das schön?!" weiss was ich meine.  Ich bin so froh, dass Steffi nicht so aussieht - die färbt sich zwar auch dauernd die Haare, dann aber in Kastanie oder andere natürliche Farben - mit "straßenköter-blond" muss man das, meint sie immer. In Wirklichkeit hat Steffi schon zuviele graue Haare. Auch kein schönes Los mit beinahe 30 schon so ergraut zu sein.

Wieder weg von Steffis grauen Haaren, hinzu zu Christina. Christina ist klein aber hat das was Oma  "Gossenschnauze" nennt - ich find sowas sympathisch. Aber dann stehe ich feierlich zum Beispiel in der Chefarzt-Visite, Christina stampft dazu und gröllt über den ganzen Flur: "Was kickste so? Hat die Alte dich nich ranjelasse, wah!" - ich kontere gerne mit: "Junge Frau, die Kleidung ist nur für Mitarbeiter des Krankenhauses. Ich rufe mal auf der psychiatrischen Abteilung an, jemand bringt sie gleich zurück auf ihre Station!"

Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass Christina und Technotyp zwei total verschiedene Arten von Menschen sind. Sie ist laut und ein bisschen grob, er eher leise, besonnen und kuschelig. Sie Punk Rock, er Techno. Sollte Technotyp also heute sich irgendwas leisten, kriegt der Lack von Christina. Ich hab das Gefühl, ich könnte Christinas Stimme bis hierhin höre: "Was kieksen sie so an? Die hat´n Mann! Dat wollt ick dir jesagt ham, wah!" Und Technotyp: "Was?" Und Steffi: "Der weess doch von Ryan. Des iss nur ´n Kumpel von früher." Christina: "Wie bescheuert bissn du? Dat sieht man doch wie der kiekt! Wie heisstn du? Ah Technotyp ... alsoTyp, geh mir ma ausser Sonne, sonst geht dat hier gleisch rischtig rund, wah!" Ich kann es mir lebhaft vorstellen.

Aber zwischen Christina und Steffi läuft auch nicht alles harmonisch. Wenn die beiden streiten, dann laut und heftig. Vor ein paar Wochen bin ich mit meiner besten Freundin bei Christina lang gefahren - Steffi hatte ihren Haustürschlüssel vergessen und wir wollten aber weg. Also kurz bei Christina halt gemacht, Schlüssel vorbeibringen. Meine beste Freundin und ich latschen also das Treppenhaus hoch, da sitzt schon ganz kümmerlich Christinas Freund (35 cm größer als Christina) mit einem abgewetzen Buch auf den Stufen. "Warum sitzt du im Treppenhaus?" frag ich. Er: "Geh da nicht rein, die streiten sich grade." Ich nicke schon wissend, meine beste Freundin: "Wieso? Aber sie braucht ihren Schlüssel und wir wollen gleich wieder los!" Er hält sie am Arm fest, schüttel langsam den Kopf und sagt eindringlich: "Steffi und Christina streiten grade, ich beschwöre dich: du willst da jetzt nicht rein!" Todesmuttig nannte sie uns beide "Memme" und betrat die Wohnung, als sie zwei Minuten später wieder rauskam, war sie blass und sagte sowas wie "Oh Gott ... Ryan, lass uns schnell fahren."

01.05.2013 um 01:28 Uhr

Wütend

von: Ryan

Heute ein Blogeintrag, der aus einem einzigen Grund geschrieben wird: Weil ich vor Wut gleich platze. Wie der aufmerksame Leser vielleicht weiß, habe ich vor einigen Monaten eine komplett neue Station aufgebaut, wurde deren Leitung und kämpfe mit den stressigen Kleinigkeiten, die man in einer Leitungsposition nun mal hat. Jetzt werden die kleinen Probleme langsam zu riesen großen Problemen. Mein Disput mit Uschi beispielsweise, die neidisch darauf war nicht auch zur Leitung gemacht worden zu sein, wirkt wie ein Mückenstich im Vergleich zudem was grade los ist.

Ich muss kurz ausholen: Meine direkte Vorgesetzte ist die Abteilungsleiterin. Eine kleine gehässige Frau, die alles tut um ihren Willen durchzusetzen. Zum Beispiel hatte ich ihr brav die Dienstpläne für die kompletten Sommermonate geschickt - ihre Aufgabe ist es, die von mir geschriebenen Pläne abzusegnen. Stattdessen hat sie sie komplett neu geschrieben, keine Wünsche berücksichtigt, keinen Urlaub eingeplant, nichts. Als ich fragte, wo der Urlaub meiner Mitarbeiterinnen sei, sagte sie, davon wüsste sie nichts, Urlaub sei nicht eingereicht gewesen. Doch, von mir persönlich - wäre nicht angekommen bei ihr. Komisch ... das ist die ultimative Antwort/Begründung für alles: "Ist nicht angekommen bei mir." - "Aber ich hab Ihnen die Urlaubsplanung persönlich auf den Schreibtisch gelegt." - "Nee, daran würde ich mich erinnern." E-Mails gehen immer "verloren", Hauspost kommt nicht an. Naja, was soll man machen.

Und jetzt kommt der Knaller: Ich muss kurz ausholen. Als meine Station aufgebaut wurde, wurden im ganzen Haus Freiwillige gesucht, die bei uns arbeiten wollen. Als sich keiner gemeldet hat, wurde von jeder Station je einer bestimmt und quasi zwangsversetzt. Jetzt haben meine Mädels und ich uns allerdings ganz gut mit der Situation arrangiert, alle waren bemüht, alle (selbst die Blöden) geben ihr Bestes und sind soweit ich das beurteilen kann, mittlerweile ganz glücklich. JETZT kommen die Neider. Ich hab seit zwei Wochen Anfragen von verschiedenen Mitarbeiterinnen anderer Stationen, die auch bei uns arbeiten wollen. Ich sage das was meine Chefin auch sagt: "Sorry, mein Team ist voll." Jetzt kommt meine Chefin auf die brilliante Idee: "Hey Ryan, bei dir kann jeder mal arbeiten, wir routieren durch!"

Wenn ich das schon höre! Routieren! Meine Mädels sind grade eingearbeitet und jetzt soll ich das komplette Team durchwechseln?! "Ja, Ryan, das komplette Team, auch du!" - "Wie bitte?!" - "Die Leitung der geriatrischen Abteilung hat sich für deinen Job interessiert." WIE BITTE?! 

Jetzt kommt die Hasstirade. Was fällt denen ein?! Wie hirnverbrannt ist das? Ich reiss mir den Arsch auf aus dem Nichts eine laufende Station hinzubasteln. Jetzt sehen alle, wie nett es bei uns ist, und sagen sich: "Och, da möchte ich auch arbeiten." Erst rannten alle schreiend weg und wollten nichts damit zu tun haben, aber kaum läuft der Laden, stehen die Mädels Schlange und wollen da arbeiten. Und es sind nicht mal die guten Mädels. Es sind diese "Ich hab so Angst mich kaputt zu arbeiten"-Mädels, die jede Drecksarbeit den Schülern aufhalsen, weil sie selber zu faul sind! Und die "Leitung", die sich grade meinen Job unter die Finger reissen will, ist die Schlimmste von allen! Mit der Begründung: Sie will schwanger werden. Gott, ist die doof. Ihr hat keiner gesagt, dass die jetztige Leitung ziemlich viele Nachtdienste macht, damit die anderen Mädels nicht 15 Nächte im Monat machen müssen! Ich könnte kotzen. 

Und das Allerschlimmste (denn sonst hätte ich mich um den Kram schon lange gekümmert!! Die Erde hätte gebebt, wenn ich auf Arbeit gewesen wäre!!) ich hab es geschafft mir Sonntag ein Band im Sprunggelenk wegzusprengen. Das blöde Band ist komplett gerissen - ich wollte nur mein eigenes Treppenhaus runter, dachte, da käme noch eine Stufe und bin ins Leere getreten. Jetzt hab ich einen dicken, blauen Fuss, futter Ibuprofen wie Bonbons und bin eine komplette Woche krank geschrieben. Und jetzt werden sämtliche Entscheidungen, die meine Station und mein Team betreffen über meinen Kopf hinweg entschieden. Und mit ´ner Krankschreibung darf ich meinen Arbeitsplatz nicht betreten - nicht mal um mit meiner Vorgesetzten ein Hühnchen zu rupfen.

Also sitze ich hier völlig untätig zuhause, meine Mädels rufen mich täglich den Tränen nahe an und erzählen mir, dass sie alle versetzt werden sollen. Ist das eine scheiss Situation? Ja! Selbst Uschi hat schon angerufen und sagte sowas wie: "Es tut mir so leid, dass ich gesagt hab, dass du deinen Job nicht gut machst, aber bitte setz dich für uns ein! Ich hab das Katzenposter auch wirklich schon abgenommen, versprochen!"

Natürlich habe ich schon einen Schlachtplan - meine Chefin hat auch eine Chefin. Und dann werde ich ganz klare Bedingungen stellen, was meinen Arbeitsplatz angeht, bzw. der meiner Mitarbeiterinnen - das ist so irrsinnig, wenn man sich das mal überlegt: Sie will die Leitung versetzen, weil eine andere Leitung da gerne arbeiten möchte! Alleine diese Denkweise, dass man sowas berücksichtigt und durchsetzen will, finde ich so krank und, meinen Kolleginnen, mir und meiner Leistung gegenüber so abwertend! 

Und wie schon gesagt: Ich sitz zuhause und kann nichts machen. Und Steffi unterstützt mich auch so gar nicht. Die war den ganzen Nachmittag mit ihrer besten Freundin unterwegs, kam abends kurz rein und sagte, sie habe das "Geschirr gemacht" - also Spülmaschine angemacht ... das muss man sich mal vorstellen. Ich kann kaum laufen und die blöde Kuh kriegt es nicht mal hin, die Küche aufzuräumen. Beim Einkaufen die Hälfte vergessen, Bett nicht gemacht ...  und wagt es auch noch, mich zu fragen, ob ich morgen durchsaugen könnte, ich hätte ja soviel Zeit ...  ich bin so sauer und es wird mit jeder Minute mehr. Ich schaff´s nicht mal einen Zeitungartikel zuende zu lesen, weil ich permanent irgendetwas an die Wand schmeissen möchte.