Boys don´t cry

30.06.2013 um 00:19 Uhr

Sturmfrei

von: Ryan

Meine Frau ist weg, ich sitz alleine zuhause - und finds ganz schön. Steffi ist ja weggefahren zu ihren Eltern, ich muss arbeiten und sitze jetzt hier ganz alleine in der Wohnung. Natürlich hab ich erst ein bisschen gemeckert: "Was? So lange fährst du? Und lässt mich ganz alleine?!" - Sie: "Ja, aber ich langweile mich so. Du bist den ganzen Tag ja arbeiten." Und jetzt finde ich es super. Keine Frau, die mir die Bude vollmüllt, abends kein: "Musst du noch so lange lesen? Ich kann bei Licht nicht schlafen!" Mittlerweile schlafe ich auch schon in der Mitte von unserem Bett. Herrlich, soviel Platz für mich ganz alleine. Ihr ergonomisches Seitenschläferkissen ist gar nicht so unbequem, ich glaube nicht, dass sie das wieder haben kann.

Vorhin haben wir mal kurz telefoniert. Steffi saß im Garten ihrer Eltern und "genoß die Ruhe". Ich sitze zuhause und genieße ebenso meine Ruhe. Grade diese Woche war schlimm: Ich kam abgenervt von der Arbeit, Steffi hatte sich den ganzen Tag gelangweilt und hatte nur drauf gewartet mit mir was zu unternehmen, während ich nur meine Ruhe wollte.

Sie hat soviele Klamotten mitgenommen als würde sie mich verlassen. Ich muss auch zugeben, kaum war sie aus der Tür habe ich sie schon vermisst. Das Gefühl hielt ungefähr zwei Stunden an, danach gings mir super. Natürlich musste ich vorhin ein bisschen "Theater machen". Sie sagte, sie überlege erst Mittwoch wieder zu kommen. Ich sofort: "Aber du hast gesagt, du kommst Dienstag morgen!" - "Ja, aber Dienstag kommt mein Bruder erst und ich würde den so gerne noch sehen." - "Du hast aber Dienstag gesagt! Ich bin hier ganz ALLEINE!" - "Ach Schatz, es ist doch nur ein Tag ..." In Wirklichkeit dachte ich: Juhu, noch ein Tag sturmfrei und in der Mitte vom Bett schlafen. Aber sie wird ja misstrauisch, wenn ich ganz gelassen reagieren: "Ja ja, du kannst so lange weg bleiben, wie du willst."

Ich kann machen was ich will. Ich kann zum aufstehen Rammstein hören ("Ist es nicht ein bisschen früh für Rammstein? Mach doch bitte erstmal Radio an."), ich kann im Wohnzimmer rauchen ("Ryan, nur in der Küche! Das geht so in die Polster!"), ich brauche nur meinen eigenen Mist wegmachen ("Das war schon so, ich hab wirklich aufgeräumt, aber das siehst du ja nie!") und ich weiß genau, was noch in der Speisekammer ist, wenn ich nach Hause komme ("Aber ich hatte so Lust auf die Chips ..."). Und ich kann endlich mal Sachen in Ruhe machen, ohne dass alle 10 Minuten aus irgendeiner Ecke der Wohnung sowas kommt wie: "Schatz? Haben wir noch Weichspüler?! Ich finde den nicht!"

Niemand der ungeduldig auf mich wartet: "Wie war dein Tag?" - "Gut." - "Ja, was nur gut? Erzähl mal, war viel zu tun? Mit wem hast du gearbeitet?" Ich kann endlich mal nur an mich denken. Wenn ich einen Gin Tonic trinken will, dann muss ich nur einen machen ohne das gleich kommt: "Und ich? Hättest ja mal wenigsten fragen können ob ich auch einen möchte." Aber am schönsten finde ich, dass ich folgenden Satz nicht hören muss: "Also ich gehe jetzt ins Bett, willst du wirklich noch aufbleiben?"

Und nur mal so unter uns: Ich vermisse sie grade überhaupt nicht. 

27.06.2013 um 22:20 Uhr

Kleine und große Wehwehchens

von: Ryan

Musik: Rammstein

Man, mir gehts gar nicht so gut, ich glaub ich bekomme in just diesem Moment Schüttelfrost. Halsschmerzen, Schnupfen, Husten, es ist ätzend. Ich fühle mich total matt und erschöpft, obwohl auf Arbeit echt nix war. Eigentlich war ich nur zur Dekoration da. Ich bin so froh, dass ich morgen ´nen Tag frei hab - vielleicht kann ich morgen meinen Schnupfen auskurieren. Jochbein gebrochen - ja ist scheiße, aber krank schreiben lass ich mich damit nicht. Sieht halt nur doof aus, vor allem weil der blaue Fleck jetzt in die Wange gewandert ist. Nur Schlafen ist grad echt doof. Sobald ich mich auf die Seite drehe, wach ich auf, weil´s wehtut. Zudem sagte Steffi, ich würde die ganze Nacht husten, wach dann auf, weil meine Nase zu ist - es macht keinen Spaß, ich hab so keinen Bock mehr und bin so angenervt ... ich hab mir jetzt erstmal nen großen Gin Tonic gemacht.

Ich muss mal gucken, ob ich mich an die Stichpunkte von gestern halte - gestern Abend war ich auch so fertig nach der Arbeit, dass ich kaum klar denken konnte. Dann saß Steffi dauernd neben mir und hat mich zugesülzt - sie hat Urlaub und langweilt sich, unterhält sich den ganzen Tag mit niemanden und möchte dann, wenn ich abends nach Hause komme Konversation machen. Ich hingegen hab den ganzen Tag schon nonstop geredet und will nur meine Ruhe. Steffi ist jetzt heute mittag zu ihren Eltern gefahren - mit Technotyp. Kommen ja aus dem gleichen Dorf und wollten Sprit sparen. Ich bin begeistert (*hust*Ironie). Technotyp und Steffi zusammen und nicht mal im gleichen Bundesland wie ich. ich hab wahnsinnig gute Laune.

Wobei ich nicht so laut toddern sollte.  Zum einen ist mein Fan-Club wieder aktiv - eine Hand voll Mädels aus einem Krankenpflegekurs, die mich aus verschiedensten Gründen alle ganz toll finden. "Ryan ist so nett" - "Ryan weiss soviel" und was weiss ich. Kaum hatte eine mitbekommen, dass ich ein Veilchen hab, kam gleich die ganze Bande an: "Ryan, was hast du denn an der Wange? Oh Gott, hast du dich geprügelt? Das tut doch sicher weh! Ich hol dir Eis zum kühlen." Manchmal schon ganz schön soviel Aufmerksamkeit von jungen Frauen, wenn die eigene zuhause nur mit den Schultern zuckt, wenn man kurz mal leidlich wird. Und als dann das Gerücht aufkam, ich sei als ambulanter Patient in der Röntgen-Abteilung aufgetaucht im Computersystem bin, war die Sorge riesig. "Deine Freundin kümmert sich doch hoffentlich um dich." - "Nein, die ist weggefahren." Schnief ... ein großartiges Gefühl wenn drei Augenpaare gleichzeitig sowas sagen wie: "Was für eine kaltherzige Schlampe! Der arme Ryan!"

So ist das wohl mit den Frauen - die eigene weiss nicht zu schätzen, was sie an einem hat.  Ich muss mich wieder mehr zusammenreissen, ich ertappe mich selbst dabei, dass ich wieder anfällig für andere Frauen bin. Wie schon gesagt: Wäre Treue einfach, wären alle treu. Ich hab den Fehler gemacht auf dem Festival einer Frau - nennen wir sie Lara - meine Nummer zu geben. Und ihr zu verschweigen, dass ich leirt bin. Dazu muss ich erklären, ich hab Lara im April kennen gelernt auf einem Konzert in Hamburg und plötzlich stand sie vor mir auf dem Festival und sagte: "Ich kenn dich vom Konzert! Du heisst doch Ryan." Wir haben uns zusammen eine Band angesehen, geflirtet, Nummern ausgetauscht - ja, so fängt das ja immer an. Es gibt Zeiten, in denen fällt es mir leicht meine eigene Frau als die einzige und letzte Frau in meinem Leben zu sehen, aber im Moment überlege ich wirklich, ob ich schon so weit bin mich für immer zu binden. Es ist nicht so, dass ich befürchte, dass wir uns scheiden lassen, ganz im Gegenteil. Aber es ist ein seltsamer Gedanke nie wieder verliebt zu sein, nie wieder jemanden kennen zu lernen, Schmetterlinge im Bauch zu haben, zu flirten. Einen ersten Kuss in einer neuen Beziehung zu erleben. Ich hoffe ich kann mich verständlich ausdrücken, es geht nicht ums Fremdgehen oder dass ich unbedingt andere Leute daten will oder mich nicht ausgelebt hätte - aber es macht mich nachdenklich, jetzt wo ich in nicht mal einem Jahr heiraten soll. Was heisst SOLL - ich hab sie ja gefragt. Ich stelle mich heute auch wieder jammerig an, furchtbar.

Kommen wir zu was anderem. Sehr, sehr beeindruckend auf dem Festival fand ich die Rammstein-Show. Eigentlich fand ich deren Musik gar nicht so hörenswert, hatte aber gehört, dass die Show extrem aufwändig sein soll, viel Pyrotechnik usw. und wenn man schon mal da ist, kann man sich das ja auch ansehen. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ziemlich müde, Füße taten weh - meine Gummistiefel sind zu klein - und hab dann mit den anderen erschöpften Festivalbesuchern etwas abseits auf einer Tribüne gesessen, neben mir ein lesbisches Pärchen, auf der anderen Seite betrunkene Studenten. Unglaublich gute Show, viel Feuerwerk, wechselnde Bühnenbilder, andauernd raunte die Maße: "Aaahh!" und "Oooh!!" Und natürlich Gänsehaut, wenn Till Lindemann singt: "Könnt ihr mich hören?!" und 60.000 Leute antworten mit "Wir hören dich!!" Wirklich Wahnsinn. Ich hab mir dann zuhause ein Rammstein-Album runtergeladen, höre das auch zuhause sehr fleißig, aber als ich gestern aufm Heimweg im halbdunkeln an einem Friedhof vorbei lief, und dabei Rammstein auf den Ohren hatte, wurde mir kurz mal unheimlich ums Herz.  Um kurz die Bandbreite meines Musikgeschmacks zu demonstrieren, ich bin dann im MP3-Player von Rammstein auf Miss Lis "My Heart goes boom" gezwitscht.

Gibt es sonst noch was zu erzählen für heute? Nein, ich glaube nicht. Vielleicht, dass ich seit vorgestern wieder ICQ hab (auch wegen Lara).

27.06.2013 um 01:38 Uhr

Heute nur Stichpunkte

von: Ryan

Musik: Rammstein

Ich hatte schon was geschrieben, aber ich bin sehr ungeordnet, müde und immer noch angeballert von Erkältung und Festival-Wochenende. Heute nur Stichworte, die ich morgen vielleicht ausführe, wenn ich Zeit und Muse finde:

  • warum ich Rammstein nicht hören kann auf meinem Arbeitsweg (die sind zwei Friedhöfe auf dem Weg, man muss nicht immer ein Held sein)
  • wie ich in meinem eigenen Krankenhaus zum ambulanten Patienten wurde - ja, das Jochbein ist angebrochen
  • Re-Integration in den normalen Alltag nach einem Festival-Wochenende
  • warum ich ab morgen eine komplette Woche Strohwitwer bin und das gar nicht gut ist,
  • weil Steffi Kiten gehen will mit TECHNOTYP, und
  • weil ich heute bereits mit der Frau vom Festival telefoniert hab und ihr immer noch nicht gesagt hab, dass ich leiirt bin
  • und wir uns wahrscheinlich die Tage treffen (was hab ich mir denn weggesoffen - ich denke wirklich nur noch von jetzt auf gleich)
  • und mein Fan-Club ist wieder aktiv und zudem gewachsen "Ich verstehe jetzt, warum alle dich mögen"
  • Narben bzw. Verletzungen zieren den Mann - vor allem wenn man damit noch tollkühn arbeiten geht "Ach, ist doch nix."
  • Zudem muss ich noch ausführen warum ich mir gestern ein Rammstein-Album gekauft hab, obwohl ich die vorher gar nicht mochte

Gute Nacht und bis morgen vielleicht.

25.06.2013 um 18:13 Uhr

Nie wieder Festival

von: Ryan

Meine heutige Erkenntnis: Sobald wir Kinder haben, werde ich wahrscheinlich nicht mehr bloggen können. Meine Nichte ist seit 11 Uhr da, ich versuche seit über einer Stunde einen Blogeintrag zu verfassen und die Lütte lenkt mich die ganze Zeit ab. "Ryan, Flieger spielen!" Und nachdem ich mit ihr zehn Minuten Flieger gespielt hab, weiß ich nicht mehr was ich schreiben wollte. Aber süß ist sie. Mein Bruder, ihr Vater ist heute in Osnabrück und da wir im gleichen Stadtteil wohnen, sind Steffi und ich die ultimativen Babysitter. Die Kleine wird im Juli sechs und ich möchte mit Stolz behaupten, dass wir für meine Nichte ein kleines zweites Zuhause sind. Mittlerweile schläft sie ab und zu auch bei uns, wenn mein Bruder nachts arbeiten muss und die Mama "überfordert", aber das ist eine ganz eigene, lange Geschichte.

Kleine Anekdote von heute mittag: Steffi und ich waren kurz einkaufen, Finja meine Nichte natürlich mit und haben unsere Bierdosensammlung zurück gebracht - nicht grade wenig nach 4 Tage Festival. Ein kompletter blauer Müllsack mit leeren Bierdosen und Colaflaschen. Finja springt die ganze Zeit um uns herum und will "helfen". Also lässt Steffi sie die Bierdosen mir geben, damit ich sie in den Automaten schmeissen. Dazu muss man sagen, ich hab eine blaue Wange, weil ich in einer Schlägerei war, Steffi hat blaue Flecken an den Oberarmen, weil die betrunken immer mitten im Moshpit drin war. Steffi und ich sind beide super heiser und hören uns damit einfach super versoffen an. Und dann steht so ein Pärchen mitten im Supermarkt und entsorgt bestimmt 200 Bierdosen. Eine Frau in den mittleren Jahren kam wütend auf uns zu: "Schöne Eltern sind sie!" und zeigt auf die Bierdosen. "Das Jugendamt sollte man informieren! Heute auch schon was getrunken, was?" Finja guckt völlig irritiert zwischen Bierdosenhaufen und Frau hin und her, versteht die schlechte Stimmung nicht. Auf den Schreck sind wir erstmal Eis essen gegangen vom Pfandgeld.

Jetzt zum Festival - schön war´s. Aber anstrengend - und genau wie Kris vermutete, gestern war ich halbtot und jetzt erkältet. Halsschmerzen, heiser, ich fühle mich mindestens so ramponiert, wie ich wahrscheinlich auch aussehe. Aber es war großartig. Wo fang ich an? Am Anfang am besten. Donnerstag Anreisetag, es regnete aus Eimern, ununterbrochen Stau. Wir haben für 80 km über 10 Stunden gebraucht. Gegen Mitternacht und der dringenden Bitte aus dem Radio die Anreise aufgrund von Gewitter und aufgeweichten Ackerböden auf den nächsten Tag zu verschieben, haben wir irgendwann entschieden abzufahren und haben mit der ganzen Truppe eine Nacht in einem Wald verbracht. Unsere Truppe beinhaltet so 20 Leute, die eigentlich jedes Jahr dabei sind, die ich aber nur zum Festival sehe. Ab und zu läuft man sich aufm Kiez über den Weg oder geht zusammen zu einem Konzert, aber eigentlich verbringen wir jedes Jahr das Festival zusammen und sehen uns dann ein ganzes Jahr nicht mehr. Ich muss auch zugeben, einige kann ich mir im "realen" Leben gar nicht vorstellen und bin dann sehr überrascht, wenn so ein Satz fällt: "Eigentlich bin ich Oberarzt in einer Privatklinik - Keule! Jetzt gib mir endlich diese scheiß Wodka-Flasche!" Nach der Nacht im Wald, sind wir um 5 Uhr morgens aufgestanden, einer hat Kaffee geholt und dann gings los. 

Technotyp hat sich verhalten wie erwartet. Erstens hing er uns nur an den Hacken: "Wer geht mit mir ins Technozelt?!" Keine antwortet. Noch mal eindringlicher die Frage: "Wer geht mit mir ins Technozelt?! Keiner Lust so richtig abzuhotten?" Im normalen Leben bin ich höflich, auf dem Festival hat er nur Breitseite bekommen von mir: "KEINER! Hier sind nur Leute, die auf das Technozelt verzichtet könnten! Geh alleine oder lass es!" Und obwohl ich es mehrmals auf Konfontration angelegt hab (genervter Tonfall, Augen verrollen, hab ihn bei jeder Gelegenheit aufgezogen), hat er nur geknickt geguckt und hat gekuscht. Lag vielleicht daran, dass wir uns Freitag Abend gleich in den Haaren hatten. Er lag nämlich schon im Bus, als ich zurück kam. Ich hantiere grad angetrunken mit meinen Autoschlüsseln, da höre ich aus dem Inneren: "Steffi, Süße, schön dass du zurück bist. Komm mal her Süße!" Irgendsowas hat er gesagt. Blöder Weise stand ich dann in der Tür, hab ihn an den Füßen aus meinem Bulli rausgezogen, hab im Dunkeln die Heringe aus seinem Zelt rausgezogen und hab das ganze Ding zur anderen Seite des Platzes geschliffen. Er rannte schreiend auf Socken (durch den Schlamm) und in Boxershorts hinter mir her: "Es tut mir leid, Ryan! Lass das! Meine Sachen!" Von den anderen kam Applaus und Johlen. Danach waren die Fronten geklärt.

Sonntag hatten Technotyp und ich einen Beziehungsgrad zueinander erreicht, wo ich im großzügig eine Schachtel Zigaretten geschenkt ab und er mir ein Bier ausgeben durfte. Aber er hat deutlich gemerkt, dass er geduldet wurde, mehr aber auch nicht. Generell hatte er es aber auch nicht leicht. Er passt einfach nicht da rein. Jede Vorlage wurde genutzt ihn aufzuziehen - von allen. Technotyp ist blond und sehr hellhäutig, dementsprechend schnell verbrannt. "Vielleicht kommst du mal aus der Sonne raus, es riecht nach Würstchen und der Grill ist nicht an!" Er hat zum Beispiel für sich alleine ein riesiges Zelt mitgenommen - "der Palast", wollte aber auch niemand anderen beherbergen. Er bräuchte seinen Freiraum. Irgendwann tauchte ein Weinglas irgendwo auf. Sofort wieder so eine Bemerkung: "Das kommt doch aus Technotyps Palast oder? Was hat der noch da drin? Einen Whirlpool?"

Ums kurz zu machen: Er hatte es nicht leicht. Keiner wollte die Bands angucken, die er sehen wollte. Niemand ist mit ihm bei Kalkbrenner gewesen, und er musste sich all die schlechten Punk-Bands angucken, die wir sehen wollten. Außerdem hab ich ihn nie da abgeholt, wo unserer Treffpunkt war. Seltsamer Weise schrieb er mir gestern, er wolle nächstes Jahr unbedingt wieder mit. 

Vorhin hab ich gelesen, 400 angezeigte Straftaten dieses Jahr auf dem Festival. Etwas mehr als letztes Jahr. Generell war die Stimmung super, entspannt, aber ich hab dieses Jahr wirklich mehr Prügeleien und aggressive Leute wahrgenommen. Ich glaube, das liegt am Alter. Kandidaten für sowas waren immer so zwischen 18 und 20, rotzevoll und aggressiv. Da hab ich meine blaue Wange her. Wir saßen auf dem Zeltplatz, Stimmung gut, alle angetrunken. Ein Mädchen kommt vorbei gestapft, im Schlepptau ein Typ, total voll und aufdringlich. Ein Kumpel von mir ist rüber, fragte ob alles okay, obs ihr gut gehe. Sie: "Nein, der verfolgt mich schon seit Minuten. Ich kenn den gar nicht." Und in dem Moment, in dem sie stehen bleibt und das sagt, grabbelt er sie schon an. Sie schreit, mein Kumpel reisst ihn von ihr weg und hat sofort seine Faust im Auge. Und dann versuchte der feige Idiot auch sofort wegzulaufen. Mit zwei anderen Jungs hab ich den zum Polizei-Zelt geschleift, bzw. getragen - der wollte natürlich nicht mitkommen. Dabei hab ich mir die blaue Wange geholt, weil er sich unterwegs immer fallen ließ, so tat als sei er zu betrunken um selber zu laufen und wenn wir ihn wieder hochholen wollten, schlug und trat er um sich. Bei der Gelegenheit hat er mich ins Gesicht getreten - erst dachte ich, es sei nicht passiert, nur geprellt. Aber heute Nacht musste ich einmal aufstehen und Schmerzmittel nehmen und beim Kauen auf der Seite tuen drei Zähne weh. Ich hoffe, das gibt sich, wenn die Schwellung zurück gegangen ist. Sonst muss ich wohl noch zum Zahnarzt. 

In dieser Situation hab ich mich selbst auch von einer ganz anderen Seite kennen gelernt. Normaler Weise bin ich ja wirklich immer gegen Gewalt. Dieses barbarische, männliche Gehabe halte ich ja grundsätzlich für unnötig, aber plötzlich erwischte ich mich, wie ich den Fuss auf der Brust von dem Typen hatte und ihm sowas entgegen brüllte wie: "Mach das noch einmal und ich brech dir den Arm!" Und das war mein voller Ernst. Krass zu was man fähig ist. Auf der anderen Seite war das eine völlig angebrachte Gegenreaktion auf sein Verhalten. Wir waren uns auch alle sicher, wenn wir nicht zwischen ihn und das Mädel gegangen wäre, er hätte sie vergewaltigt. Höchstwahrscheinlich. Auf jeden Fall hat er eine Anzeige wegen sexueller Belästigung und noch zwei wegen Körperverletzung. Und das alles, weil man sich mit 19 zulaufen lässt wie ein Loch. 3,8 Promille hat er gepustet (für die Nicht-Alkoholiker: ab 4 Promille schwebt man in Lebensgefahr).

Das ist mir dieses Jahr auch aufgefallen: Die "jungen" Leute hauen sich dicht bis zum Anschlag und noch weiter. Ich hab jede Nacht auf dem Heimweg einen Abstecher ins Sani-Zelt gemacht, wo ein Kumpel ehrenamtlich arbeitet und hab mit dem noch ´nen Kaffee getrunken. Und der meinte, er wird jedes Jahr schlimmer mit dem Alkoholleichen. Der #älteste Patient mit Alkoholvergiftung sei grad mal 1993 geboren. Und wenn ich Alkoholleiche sage, rede ich nicht von den Leuten, die kotzen und denen es einfach schlecht geht, sondern das geht so weit, dass die kaum noch alleine atmen und ihren Rausch auf einer Intensivstation ausschlafen müssen. 

Da war ich ganz froh, dass in unserer Ausflugsgruppe alle so zwischen 25 und 40 waren. Meine Trinkstrategie dieses Jahr: Morgens gut frühstücken, vormittags und mittags betrinken, Nachmittags eine 3-4 stündige Trinkpause, viel Wasser und Saft trinken und pünktlich zu den Headlinern wieder einen Pegel antrinken. Aber ich musste nie spucken und ich bin morgens nie mit ´nem Kater aufgestanden. Aber ich merke, ich werde alt, genau wie der Rest der Partytruppe. Mittags wurde immer kollektiv ein-zwei Stunden geschlafen (meistens nachdem wir ein Trinkspiel gespielt hatten), zudem müssen mittlerweile alle spätestens ab dem zweiten Tag Magentabletten nehmen, weil alle Magenschmerzen und Sodbrennen von dem ganzen Bier bekommen. 

Wetter war gut - immer wieder Regen, aber ich hab eine super Regenjacke. Meine Sneakers hatte ich wirklich nur bei zwei Gelegenheiten an: bei der Anreise und der Rückreise im Auto. Sonst nur Gummistiefel. Noch so ein Punkt, worüber ich mich schelmisch gefreut habe: Technotyp hat uns nicht ernst genommen als wir sagten: "Nimm Gummistiefel mit." Statt dessen hatte er brandneue, teure Turnschuhe an den Füßen, die nach nicht mal 20 Meter laufen völlig ruiniert waren und zudem auch noch nass. So ein Pech aber auch. Er stand dann in der Mitte der Runde und rief sowas wie: "Hat jemand einen Fön dabei? Ich muss meine Schuhe trocknen!" und hat sich gewundert warum alle lachen. 

Nebenbei gab´s ja noch Musik - dafür sind wir ja hingefahren. Ich hab dieses Jahr wirklich viele Bands gesehen, nicht nur mal "reingeguckt", sondern ganze Auftritte. Danko Jones, Gogol Bordello, The Hives, Billy Talent, Frank Turner, Jimmy eat world, NOFX, The Gaslight Anthem, Queens of the Stone Age, Frittenbude (muss man nicht sehen), Of Monsters and Men, Ska P, Arctic Monkeys und Kasabian. Und natürlich Rammstein - vorher kaum Rammstein gehört, aber die Show war einzigartig super. Viel Feuerwerk, Pyrotechnik ohne Ende, besser als Kino.

Merken für nächstes Jahr: Weniger Bier, mehr Snaps. Eigentlich mag ich keinen Snaps und mir reicht Bier und Alster zum betrinken - aber bereits Samstag mittag konnte ich kein Bier mehr sehen und war unendlich dankbar für Eistee mit Korn.  Was mich auch überrascht hat: Steffi geht neuerdings moshen. Wir gucken uns in Ruhe eine Band an, Steffi drückt mir ihren Bierbecher in die Hand und verkündet: "Da ist ein Moshpit, ich geh da jetzt rein." - "Schatz, lass das mal, du tust dir weh." - "Ich hab zwei Brüder!" und weg war sie. Und das hat sie nicht nur einmal gemacht. Natürlich hat sie jetzt blaue Flecken an den Armen aber mein Mäuschen hatte Spaß.

Nachdem ich jetzt wochenlang Theater wegen Technotyp und Steffi gemacht hab, bin ich auch kein deut besser. Ich hab eine Frau getroffen, die ich Anfang des Jahres bei einem Konzert in Hamburg kennen gelernt hab. Sie stand zu nahe am Moshpit und wäre fast mitgerissen worden, ich hab sie dann noch festgehalten und sie hat sich bedankt für Leben retten und so. Wir haben uns unterhalten und sie erzählte, sie käme aus der Nähe von Scheeßel. Ich nur: "Das kenn ich, Hurricane Festival." Und mitten auf dem Festival Platz steht sie plötzlich vor mir: "Ryan ist dein Name oder?" Blöder Weise hab ich bei beiden Begegnungen "vergessen" ihr zu erzählen, dass ich verlobt bin und wenn ich die Gespräche Revue passieren lassen, hat sie mich ziemlich angegraben - und ich glaube, ich hab sie auch angegraben. Ich stempel das mal als Festival-Flirt für dieses Jahr ab. Allerdings ärgere ich mich ein wenig über mich selbst: Im Vorwege eifersüchtig sein und Steffi die Hölle heiß machen. Kaum dreht sie sich um, grabe ich an einer anderen. Aber ich versuche mich selber zu sagen: Wenn Treue was einfaches wäre, wären alle treu. Und es ist nichts passiert.

Und jetzt sind wir zurück im richtigen Leben. Mir kommt es vor, als sei ich ein halbes Jahr weggewesen, soviel ist passiert in der Zwischenzeit. Geschlossene Räume mit Fenstern und Türen sind plötzlich merkwürdig, nachdem man 4 Tage nur unter freiem Himmel war. Steffi und ich haben heute Nacht auch bei offenem Fenster geschlafen, was wir sonst eigentlich nie tun. Vorhin hab ich die erste richtig heisse Mahlzeit von einem Teller mit richtigem Besteckt gegessen (Nudeln mit Käsesauce), nachdem ich Tage lang nur von Pommes auf die Hand oder all möglichen Grillgut gelebt hab. Und - ich dachte kaum, dass ich das mal sagen kann - ich bin ganz froh, dass ich mal nicht trinken muss. Steffi hat sich gestern Abend ein Dosenbier aufgemacht, und ich fand meinen Fencheltee viel besser. Und morgen geht´s wieder zur Arbeit - ich musste vorhin wirklich mal kurz überleben, was ich nochmal beruflich mache. Und dann dämmerte mir, wir angeschlagen ich morgen mittag in der Chefarzt-Visite aussehen werde: dicke, blaue Wange, verschnupft und heiser nach vier Tage Dauersuff und sicher 2 Schachteln Zigaretten am Tag (Steffi: "Du rauchst keine zwei Schachteln, du verschenkst immer die Hälfte"). Mal gucken ob Steffi mir den blauen Fleck morgen etwas wegschminken kann, sowas geht doch mit Make-Up oder?

Finja war niedlich vorhin: "Ryan und Steffi, warum seid ihr so heiser? Seid ihr krank?" - "Nein, Ryan und ich waren doch auf dem Festival, und da haben ganz viele Musikgruppen gespielt. Und Ryan und ich hatten soviel Spaß, dass wir jedes Lied mitgesungen haben und deswegen sind wir so heiser jetzt." Recht hat sie, meine Verlobte.

20.06.2013 um 01:01 Uhr

Juhu

von: Ryan

Ein winziger Beitrag, ich bin totmüde und muss schlafen. Die letzten drei Tage waren der Hammer auf Arbeit - ich alleine mit Zeitarbeit - einer bescheuerter als der nächste ... ums kurz zu machen, ich bin erschöpft als hätte ich drei Tage lang eine riesige Station alleine geschmissen. Was ich irgendwie auch gemacht habe.

Jetzt das Gute: Festival ist morgen, juhu! Ich hab grad nachm Spätdienst noch zwei Stunden Sachen gepackt und morgen gehts los. 30 Grad im Auto, juhu, aber das wird schon. Gewitter und Regen, ha! Da lacht das Festivaler-Herz - Regenjacke und Gummistiefel sind eingepackt.

Technotyp hat sich vorgestern selbst eingeladen, während ich Spätdienst hatte - Bierverkostung mit Steffi. Sie sagt, sie hätte ein "ernstes" Gespräch mit ihm gehabt und ihm deutlich gemacht, dass sie nicht im geringsten an ihm interessiert sei. Er habe geknickt aber verständnisvoll reagiert, und sie hätten danach laut Steffi einen "netten, freundschaftlichen Abend" gehabt.

Im Moment interessiert mich die Problematik irgendwie gar nicht - ich bin grad viel zu müde und tot von der Arbeit. Zum zweiten glaube ich, ich werde zusehen Technotyp nicht zu sehen. Ich hab meine Kumpeline, mit der ich rumziehen werde. Zum zweiten hab ich die letzten Tage rausgefunden, dass eine Azubine (arbeitet grad auf der Nachbarstation) auch zum Festival fährt - natürlich sind wir verabredet zum gemeinsamen alkoholischen Getränke konsumieren. Eine andere Freundin, die ich schon seit 10 Jahren kenne, fährt dieses Jahr auch zum Festival - und damit hab ich genug Fluchtpunkte, wenn Technotyp mich nervt.

16.06.2013 um 18:38 Uhr

Technotyp - die Hunderste

von: Ryan

Im Moment bin ich so unmotiviert, ich hänge das ganze Wochenende schon in den Seilen. Ich hab permanent Kopfschmerzen, mir ist übel und ich weiß nicht so recht wohin mit mir. Ich muss mich übrwinden das wenige zu machen, was eben gemacht werden muss. Duschen und so zum Beispiel. Gestern hab ich den ganzen Tag verschlafen, um dann vom Bett auf die Couch zu gehen, fern zu sehen und dann wieder ins Bett. Ich weiß nicht was los ist. Entweder bin ich immer noch überarbeitet, oder ich somatisiere wegen diesem dämlichen Techno-Fritzen.

Selten in meinem Leben gab es einen Menschen, der mich so hart angenervt hat. Jetzt kam neulich eine SMS von ihm, ob ich ihm schon mal die Telefonnummer der Freundin geben könnte, die auch mitkommt zum Festival. Er wolle mit ihr ein Bier trinken gehen, wegen kennen lernen und so - ich hab daraufhin geantwortet, er solle das mal lassen, ihr Freund wäre sicherlich nicht begeistert.  Drei Stunden später hat Steffi eine Nachricht auf dem Handy, die vor Selbstmitleid trieft: "Ich bin so einsam, die Trennung nimmt mich so mit, ich bräuchte eine Umarmung von einer guten Freundin bla bla." Kotz - Streffi hat dann irgendwas zurück geschrieben von wegen, sie sei müde und müsste früh aufstehen. Dann kam von ihm sowas wie, sie sei so eine tolle Frau und ob Ryan wüsste was für ein "wertvolles Juwell" (O-Ton, so ein Idiot) er da habe. Der Typ gibt jetzt richtig Gas und ich wundere mich, warum ich Kopfschmerzen hab ... 

Nach dem Juwellen-SMS fingen Steffi und ich an zu streiten. Ich war sauer, weil er ihr so ´nen Kram schreibt und sie meinte, er bewundere nur unsere tiefe Beziehung. Ha ha ...  und er sei halt "weicher", sensibler und drücke sich immer so aus. Ich hab darauf irendwas gemeckert von, wenn ich rauskriege, dass auf dem Festival irgendwas passiert wäre, sie sofort zuhause ihre Sachen packen kann. "Ryan, mach dich nicht lächerlich!" Ich mach mich lächerlich? Der Typ gräbt und gräbt ohne Unterlass meine Verlobte an, und ich mache mich lächerlich, wenn ich Bedenken äußere? "Du brauchst nicht eifersüchtig sein, Technotyp und ich sind schon ewig befreundet, wir kennen uns seit der Grundschule." In der Zwischenzeit war eine neue Textnachricht gekommen von Technotyp mit der erneuten Sorge, ob Ryan denn wirklich zu schätzen wüsste, was für eine tolle Frau er habe ... Steffi schreibt schon genervt zurück: "Ja, weiss er, sonst würde er mich ja nicht heiraten wollen." Ich sitze schmollend auf der Couch und kaum kommt die nächste Nachricht: Ob Steffi sich das gut überlegt hätte, wir wären doch sehr unterschiedlich ... ich schnappe schon wieder wütend nach Luft, sie sagt sowas wie, er mache sich doch nur Sorgen um eine seiner besten Freundinnen.

Daraufin hab ich gesagt (in meiner Wut), sie braucht nicht nur für´s Festival packen, sondern können schon mal provisorisch alles zusammen packen, weil es doch eh drauf hinaus läuft, dass ich sie Sonntag Nacht rausschmeisse. Wieder: "Ryan, das ist lächerlich!" - "Er gräbt dich ja jetzt schon an!" - "Macht er nicht!" - "Doch! Gib mir dein Handy!" - Ich hab ihm dann in Steffis Namen geschrieben, ich müsse häufig an ihn denken ... halbe Sekunde später kam die Antwort: "Mir gehts auch so" mit gefühlten hundert Herzen. Und ich hab überhaupt keinen Grund eifersüchtig zu sein ... nein ... Steffi nur: "Oh ... wieso schreibt er denn sowas? Er weiß doch, dass ich mit dir zusammen bin!" Da war aber jemand plötzlich schockiert ... 

Wenigstens bin ich jetzt nicht mehr nur der eifersüchtige Spinner. Jetzt ist sie nervös: "Was mach ich denn, wenn er mich angräbt? Was ist, wenn er mir mitten aufm Acker seine Liebe gesteht?" Das wird zwangsläufig wohl geschehen ...

 

14.06.2013 um 17:22 Uhr

Wie im Porno

von: Ryan

Musik: Kasabian - West Ryder Pauper Lunatic Asyslum

Folgendes Szenario spielte sich am Vormittag in Hamburg, Barmbek ab. Eine Frau steht an einem Bulli, räumt den bedächtig aus und wieder ein. Ein Typ steht am Fenster und schreit runter auf die Straße: "Uschi! Jetzt komm hoch!" Die Frau schaut auf: "Wieso?!" - "Putzen helfen!" - "Ich bin beschäftigt!" - "Beweg deinen Hintern hoch! Mir tut der Arm weh!" - "Ich komm ja gleich!" Zehn Minuten später: "Fräulein! Jetzt komm endlich hoch!" - "Ja, bin ja gleich da!"

Soweit isses schon mit uns. Ich schreie sie vom Küchenfenster aus an, dass sie mir putzen helfen soll. Erster freier Tag, an dem ich den kompletten Tag zur freien Verfügung hab. Nachdem ich 10 Tage am Stück gearbeitet hab, sind die Wollmäuse bereits "Wollmeerschweinchen" (O-Ton Steffi). Ich war gestern erst frühstücken mit Freunden, bei meiner Tätowiererin, hab meinen Bruder kurz besucht, zuhause eine Stunde geschlafen, um abends wieder mit Freunden was trinken zu gehen. Und dann bin ich um Mitternacht tot ins Bett gefallen und hab 12 Stunden geschlafen. 

Meine Grundstimmung ist "erschöpft". Die Luft ist bei uns grad so drückend und mir stecken die letzten Schichten ordentlich in den Knochen. Am liebsten würde ich nur im Bett liegen, aber ich muss einiges machen. Ich hab mich jetzt entschlossen - nachdem mir immer bewusster wird, dass ich das was ich grad beruflich mache nicht mehr länger machen will (große, periphere Stationen) - mich für die Intensivstation zu bewerben. Die hausinterne Stellenausschreibung ist endlich rausgegeben worden, und ich nutze das WE, um Bewerbung zu schreiben. Scheiß drauf Chef zu sein - der Kram hat mich viel zu viele schlaflose Nächte und aufreibende Stunden gekostet. Telefonisch hab ich den Typen, der das Personalmanagment macht, schon erklärt, dass ich da arbeiten will - jetzt muss ich nur noch Montag die Unterlagen abgeben. Also Daumen drücken!

Lustige Geschichte nebenbei: Ich hab mit dem Mann telefoniert und er fragte als was ich arbeiten würde: "Krankenpfleger" sag ich, und er: "Examiniert?" - "Ja." - "Komisch, ich hab in ihrer Personalakte keine Examensurkunde von ihnen." Super ... ich frag mich wieviele Leute da arbeiten, die nur vorgeben examiniert oder gar Arzt zu sein. Ich arbeite da seit sieben Jahren, ohne dass jemanden aufgefallen ist, dass mein Examen nicht vorliegt. Und wieder mal mein Lieblingssatz: "Wenn ich so arbeiten würde wie manch anderer, wären ganz schön viele Leute tot."

Mein Tattoo-Termin lief gut - fast wie ein Friseurtermin. Mein Oberarm ist offiziell fertig - jetzt fehlt noch der Unterarm und danach muss ich wirklich mal ein Jahr Pause machen, damit ich nicht ruckzuck von Hacken bis Nacken zutätowiert bin. Ich bin sogar der Meinung, dass es diesmal kaum wehgetan hat, obwohl sie diesmal die komplette Rückseite vom Oberarm gemacht hat - obwohl, wenn ich ehrlich bin, in den ersten zehn Minuten dachte ich: Wenn das die ganze Zeit so wehtut, steh ich auf und geh einfach - ich hab dann aber noch 3,5 Stunden ausgehalten. Ich war gestern Abend ja was trinken mit Freunden und mein schwuler bester Kumpel sagt: "Das sieht aber schön aus, dass überall so eine rote Umrandung ist." - "Das gehört nicht zum Tattoo, die Haut ist nur irre rot." - "Oh, achso."

Diesmal hab ich alles anders gemacht - letztes Mal war ich überpenibel: 48 Stunden davor und danach kein Alkohol, kein Koffein, Plastikfolie durchgängig drei Tage tragen, beim Wechseln mit Desinfektionslösung abwischen, drei Wochen vorher Haut mit Lotion vorbereiten. Auf Plastikfolie hab ich heute keinen Bock, es reicht wenn ich es eincreme und am Abend vorher gabs ein halbes Bier, nachdem Technotyp in meiner Küche saß, als ich vom Spätdienst nach Hause kam.

Technotyp - was für ein Typ. Ich kam also nach Hause, Steffi und er trinken Bier und unterhalten sich, ich hab mich dann mit ´nem Vitamalz daneben gesetzt und Technotyp erzählte lang und breit, dass er und seine Freundin sich jetzt getrennt hätte (wie passend!! direkt vorm Festival!!), er wäre bedrückt und traurig, aber die Beziehung hätte nicht länger aufrecht erhalten werden können, weil er und sie unterschiedliche "Bedürfnisse" gehabt hätten. Er hat das dann ewig ausgeführt, nur um letztendlich zu sagen: Sie hat ihn nicht so oft rangelassen, wie er es gerne gehabt hätte. Ein sehr seltsames Gespräch, vor allem wenn man selbst mit alkoholfreien Bier knall nüchtern daneben sitzt und Technotyp versucht über sein miserables Sexualleben zu sprechen, ohne prägnante Worte in den Mund zu nehmen. Ist ja alles Schweinkram, ts ts ts ... und er hat sogar wortwörtlich gesagt, er hätte sich bereits "anderweitig" umgesehen - es sei einfach besser sich zu trennen als eine Affäre zu beginnen. Ich rolle innerlich immer noch mit den Augen. Irgendwann kamen dann wieder so "Fragen": "Also zwischen euch läuft dieses gewisse Thema aber doch ganz gut, sonst wärd ihr nicht so lange zusammen, oder?" Steffi und ich gucken uns nur an. Sie will mit ihm darüber genauso wenig über unseren Sex reden wie ich. Vor allem nicht mit so Formulierungen wie: "Dieses gewisse, heikle Thema läuft bei uns ganz gut, wir können beide sagen, dass wir recht zufrieden mit der Leistung des anderen sind." Kotz ... so ein verklemmter Typ. Steffi holte dann irgendwann noch eine Isomatte aus dem Keller und ich saß mit ihm alleine da, und sofort: "Also Steffi ... Steffi ist doch ... also sie ist doch nicht so, wie ich von meiner Exfreundin erzählt hab oder?" - "Hä?" - "Naja, ist Steffi ... also sie ist doch sicher eine Frau, die häufiger Bedürfnisse in dieser Richtung ..." Und ich saß da - stock nüchtern!! Und Technotyp fragt MICH, ob seine Vermutung dass Steffi sexuell gierig und unersättlich sei, richtig ist. Wie kann ein einzelner Mensch alleine mich so schlimm annerven? Ich hab meine Taktik daraufhin spontan geändert - wenn ich gar nicht mitihm rede, denkt er sich doch, es ist jede Nacht bei uns im Schlafzimmer wie im Porno. Also hat er noch mehr Grund Steffi zu idealisieren und ihr hinterher zu hecheln. Wie hab ich mich ausgedrückt? Steffi vertrage doch die Pille nicht, möchte aber im Moment nicht schwanger werden, das würde ich respektieren und sie ja ihretwegen lieben. Ha! In just diesem Moment konnte man sehen, wie es anfing hinter seiner Stirn zu arbeiten. Da hab ich ihm ordentlich was zum nachdenken mitgegeben. Kaum kam Steffi aus dem Keller wieder mit Iso-Matte unterm Arm, höre ich: "Steffi? Ryan hat grad erzählt, du würdest die Pille nicht so gut vertragen?" - "Nee vertrag ich überhaupt nicht!" höre ich meine liebenswerte Verlobte auf dem Flur brüllen. Ein kluger Schachzug von mir. Ich bin ein Fuchs!

Jetzt braucht Technotyp ein paar Tage bis er schnallt, dass er Kondome organisieren muss - die ich ihm klauen werde, aufpusten und als kleine Luftballoon-Kette vor seinem Zelt drapieren und dann stolz und betrunken sage: "Hab ich für dich gebastelt!" Nie in der Geschichte der Menschheit war ein Mann so klug wie ich! Plan B: Ich verprügel ihn einfach - was zwangsläufig wahrscheinlich eh passiert. Er muckt jetzt schon dauernd mit seinen Extra-Würsten: Technotyp trinkt nämlich nur eine gewisse Wassermarke, also müssen wir die noch einkaufen für ihn. Technotyp bringt sogar sein eigenes Klopapier mit - Idiot. Steffi wirkt mittlerweile ähnlich angenervt wie ich. O-Ton: "Er braucht nicht denken, dass er uns mit seinem Deluxe-Kram den Bulli vollmüllen darf, das lagert er alles in seinem Zelt!"

Mal was anderes: Steffi hat mir gestern das Leben gerettet. Kein Scheiss! Zur Zeit fällt mir immer wieder auf, dass ALLE Verkehrsteilnehmer sich unter aller Sau benehmen - "zu Land und zu Wasser!" sagt Steffi immer. Ich steh neulich mit dem Fahrrad an einer Ampel, diese wird für den Verkehr rot und es fahren noch mindestens 3-5 Autos rüber, obwohl für die Fußgänger bereits grün ist. Genau das ist gestern passiert. Steffi und ich sind im strömenden, dichten Regen nach Hause gelaufen, warten brav an einer Ampel bis sie für uns grün wird, ich guck Steffi zu meiner rechten an und sehe nicht, dass links ein Auto mit mindestens 90km/h (in der Stadt!!) mit quitschenden Reifen über die mittlerweile rote Ampel fahren will. Steffi hat mich geistesgegenwärtig zurück gerissen, sonst hätte der Idiot mich voll mitgenommen. Steffi ist vor Wut und Schreck in Tränen ausgebrochen (und meine Frau weint selten) und heulte immer nur: "Du wärst tot gewesen!" Natürlich haben wir kein Kennzeichen mitgeschnitten, man erschrickt ja immer so, dass man an alles andere denkt, als daran sich das Kennzeichen zu merken. Aber das war echt krass, Steffi hat zuhause nochmal geweint, und bis meine Frau Tränen in den Augen hat, muss richtig was los sein. Lebenslanges Fahrverbot für solche Volltrottel.

Jetzt hab ich mich schon zwei Stunden abgelenkt und immer noch kein einziges Wort meiner Bewerbung getippt.  Oder mach ich das morgen? Ich weiss es nicht.

09.06.2013 um 23:31 Uhr

Des Technotypens Festival

von: Ryan

Sonntag nicht spontan frei bekommen - Frühdienst, aber ich habe gute Laune. Das Wetter ist fantastisch, wir waren den ganzen Nachmittag und Abend im Stadtpark mit Freunden (und Technotyp) grillen. Grillen ist gar nicht so einfach, wenn man plötzlich keine Würstchen mehr isst. Also bin ich gestern übermüdet und beinah panisch im Supermarkt gewesen nach dem Frühdienst und hab mir überlegt, was ich anstelle von Würstchen essen könnte. Obwohl ich beinah ein Jahr Vegetarier bin, hab ich noch nicht ein einziges Mal gegrillt. Gott sei Dank ist Bier vegetarisch. Naja, ich saß dann gestern Abend bis beinahe zehn Uhr in der Küche, hab Kartoffeln gekocht, Ziegenkäse in Feigen geschmiert und Gemüsespieße mit Feta zusammen gesteckt. Aber es hat sich gelohnt, und jetzt am Ende des Tages hab ich einen leichten Sonnenbrand auf den Wangen, bin fettgefressen und glücklich.

Steffi hingegen macht sich im Moment alles einfach - ich sehe drüber weg, weil sie Nachtschicht hat. Ich hab einen Arbeitsturn von 9 Schichten am Stück und sie macht so rein gar nichts. Schlafen, in der Sonne liegen am Nachmittag, abends zur Schicht fahren.  Ich lass sie - aber ich bin auf nächste Woche gespannt. Sie hat Urlaub - konnten wir dieses Jahr nicht zusammen nehmen - ich muss arbeiten. Ich bin gespannt, wer einkaufen geht und sich um den Haushalt kümmert. Ich könnt ja drauf wetten, dass Steffi mit dem Bulli einfach alleine nach Italien fährt und sich vier Wochen verpisst. Seitdem wir den Bulli haben, ist Steffi ein Bulli-Fan. Freiheit, Frieden, Spontanität, Ruhe  - das alles verbindet sie mit dem Bulli. Vorher hatte sie lange einen Suberpe - zu großes, zu teures Auto. Und schnell. Steffis Eltern wohnen 400 km weit weg - 2,5 Stunden ist der Rekord für die Strecke. Mit dem Bulli musste Steffi feststellen, dass ihr Leben sich deutlich entschleunigt hat - 90 km/h mit Rückenwind und bergab, mehr schafft unser T3 nicht. Seitdem schwärmt Steffi von "Schönheit der Augenblicke", die sie verpasst hätte, wenn sie schneller gefahren wäre. Bullifahren ist einfach total chillig, wir haben bereits Bulli-CDs - Florence and the Maschine, Kasabian, Frank Turner, Miss Li. Steffi schläft sogar manchmal im Bulli nach´m Nachtdienst für ein paar Stunden, wenn sie zu müde ist um aus Schleswig-Holstein nach Hamburg zu fahren.

Allerdings ist ein 25 Jahre alter T3 kein besonders zuverlässiges Fahrzeug. Mittlerweile ist der Ford meines Bruders, der zwei Straßen weiter wohnt, so halb in unseren Besitz übergegangen. Ganz schön dekadent, wenn man bedenkt, dass wir zwei Autos nutzen, obwohl nur einer von uns einen gültigen Führerschein hat.

Technotyp war mit im Stadtpark grillen - ich merk grad, dass ich so ein fieses Ziehen in Rücken und den Beinen hab. Da ist wohl jemand zu alt, um 5 Stunden auf einer Decke auf dem Boden zu sitzen. Wir haben das Grillen genutzt, um unsere Festival-Planung mit unseren Mitreisenden zu besprechen. Und wieder diese ewige "Wer schläft wo"-Frage. Technotyp war jetzt beim Arzt, er hat offiziell "Muskelblockaden" im Rücken bescheinigt bekommen. Mal kurz für die Nicht-Mediziner: Jeder Mensch hat mal Muskelblockaden im Rücken. Das kann wehtun, muss aber nicht. Es ist völlig normal, wenn sich ein Muskel verhärtet, niemand hat völlig geschmeidige, gelockerte Muskeln permanent. Das kann saumäßig wehtun - weiß ich selbst, nachdem mein Hausarzt mir in unregelmäßigen Abständen meine Schulter "weich" spritzen musste - aber der hat doch ´n Schuss? Weichei. Wenn ich es drauf anlege, kann ich meinen Bandscheiben-Vorfall auch bescheinigen lassen. So ein Lappen. Echt jetzt. Naja, er hat auf jeden Fall heute eine meiner besten Freundinnen kennen gelernt, die auch mit fährt, für die er sich jetzt auch interessiert. Mal im ernst, es gibt Männer, die haben Dauernotstand oder? Er hat eine Freundin zuhause, gräbt ständig an meiner rum und dann irgendwann: "Wie alt ist sie? Hat sie einen Freund? Meinst du, sie will Kalkbrenner mit mir anschauen auf dem Festival?" - "NIEMAND will Kalkbrenner sehen!" Naja, ich mach mir jetzt um sie auch Sorgen. Ich glaube, der stellt sich vor, wie er nachts in MEINEM T3-Bus liegt, in jedem Arm eine Frau und ein großartiges Kalkbrenner-Konzert genossen hat. Oder er checkt schon mal ab, was als Reserve auf ihn wartet, wenn Steffi wirklich standhaft bleibt. Ich verstehe immer noch nicht, wieso er sich ein Festivalticket gekauft hat.

Steffi sagte neulich: "Wahrscheinlich siehst du ihn gar nicht. Wir beiden haben uns doch letztes Jahr auch das ganze Wochenende vielleicht 3 Stunden insgesamt gesehen." Steffi hatte eine Jana kennengelernt, mit der sie das ganze Festival rumgelaufen ist und ich hatte zwei Internisten kennen gelernt, die bei uns gezeltet haben (typisch für mich, die Ärzte anzuziehen), mit denen ich das ganze Wochenende verbracht hab. Und mit dieser Erinnerung an letztes Jahr, hatte ich plötzlich Magenschmerzen. Es ist wirklich so, dass man viel trinkt - Steffi trinkt schon mal auf einer Party, ist auch ab und an mal betrunken, aber nie so, dass sie kotzen muss. Aufm Hurricane hackt sie sich so derartig zu, dass sie mindesten einmal spuckt - sechs Jahre in Folge hat sie mindestens einmal gekotzt und ich rechne auch dieses Jahr fest damit. Folgende Sätze hab ich letztes Jahr von Steffi gehört: "Wir haben einen Eimer Sangria im Partyzelt geschenkt bekommen, ich musste ihm nur meine Brüste zeigen." oder "Ich hätte ihn k.o. geschlagen, wenn du mich nicht weggezogen hättest!" Der Typ war 3 Köpfe größer als sie und 50 kg schwerer (und sie hatte ihn beleidigt vorher) "Ich hätte den trotzdem k.o. geschlagen, ich hatte doch die zwei Probestunden beim Kickboxen vor zwei Jahren!" Aber mein persönlicher Lieblingssatz ist immer noch als sie zu einem Polizisten hinläuft und lallt: "Weißt du, was außen grün und innen hohl ist?! Schnittlauch!!!"

Und genau diese Frau arbeitet auf einer geschlossenen Station mit schwer psychisch kranken Menschen. Naja, wie dem auch sei, ich hatte noch nicht bedacht, dass Steffi sich ja jedes Mal für Tage zusäuft (wie 98% der anderen Festivalbesucher) - ich bin da ja langweilig. Ich bin Vertreter von "Ich würde mich gerne an alles erinnern"-Fraktion. Sicher bin ich auch phasenweise betrunken, aber ich finde es gibt nichts schlimmeres, als wenn du betrunken im Zelt liegst und die Headliner-Bands verpasst, weil du Kopfschmerzen hast. 

Tolle Aussichten, Technotyp hängt an der betrunkenen Steffi wie eine Klette, fast vier Tage am Stück - natürlich habe ich schon meine Bededenken geäußert, aber dann wird Steffi ernst, sagte sowas wie dass sie nur mich liebt, ihm notfalls eine klatscht und stehen lässt, sie fände er sei ein unerotischer Mann und für ihren Geschmack zu "weich" - ernsthaft, wenn er etwas von einer Frau möchte, kriegt er eine Kleinkind-Stimme: "Steffi gehst du heute mit mir was trinken? Bitte bitte bitte, ich geb dir auch ein Bier aus, aber bitte komm mit." und schiebt die Unterlippe vor. Natürlich spricht das bei Frauen das Kindchen-Schema an, mehr aber auch nicht. Ich hab schon mit 16 gecheckt, dass man sich selbst mit der Masche sämtlicher männlicher Attraktivität beraubt. Steffi sagt weiter, ich bräuchte mir keine Sorgen machen, könne ihr vollstens vertrauen und solle nur zusehen, dass ich trotzdem eine gute Zeit, auch wenn Technotyp dabei ist. Und Kalkbrenner schaue sie sich auch nicht an, nicht mal wenn Technotyp heulend auf dem Boden liegt. Kalkbrenner spielt zeitgleich mit den Queens of the Stone Age. Technotyp: "Wer bitte?" Wenn man Queens of the Stone Age nicht kennt, hat man auf so einen Festival nichts zu suchen - meine Meinung. "The lost art of keeping a secret" ist  - wieder meine Meinung - einer der besten Songs, die je geschrieben wurden. Alle wollen Rammstein sehen, meine persönlichen Highlights werden The Smashing Pumpkins und Billy Talent sein. Es kann halt nicht immer einfach sein.

Steffi hat vorgeschlagen, ob wir uns nächste Woche nochmal mit Technotyp alleine treffen und ihm ins Gewissen reden. Ihm verklickern, dass Gummistiefel wahrscheinlich das passenste Schuhwerk sein wird, dass man entweder absäuft und alles schlammig ist, oder bei guten Wetter alles so staubig ist, dass du am Ende Sandburgen bauen kannst von dem Staub, den du eingeatmet hast. Schmutzig auf jeden Fall, anstrengend - vor allem das Schlafen auf der Iso-Matte im Zelt. Und wir fahren nicht nach Hause, weil er Rückenschmerzen hat, auch wenn er die Unterlippe vorschiebt und "Bitte bitte, Steffi" sagt. Handyempfang ist da immer gleich null, vier Tage ohne Internetempfang sind auch für manche eine Herausforderung und wenn Ryan die Faxen dicke hat, könnte es auch mal auf´s Maul geben.

Und ansonsten? In der "richtigen" Welt - vor und nach jedem Festival - arbeite ich immer noch viel.  Ich hab jetzt das Gerücht gehört, dass meine Station nach den Sommerferien wieder eröffnet werden soll. Wie gesagt, ein Gerücht, wenn man auf dem Weg zum Rauchen jemanden trifft. Heute hatte ich die erste Schicht, in der ich komplett selber 20 Patienten alleine versorgen durfte/konnte. Ich bin das nicht gewöhnt, ich habe 5 Jahre auf der gleichen Station gearbeitet, war eingearbeitet, routiniert, hab meine Patienten immer bestens versorgt übergeben. Es gab nichts, was ich nicht regeln konnte. Und nun arbeite ich auf einer Station mit einem bestehenden Team, wo ich dauernd nachfragen muss. Ich hab ewig internistisch gearbeitet, jetzt soll ich chirurgisch arbeiten. Im Grunde genommen ähnelt es sich stark, aber die Feinheiten hab ich noch nicht ganz raus. Vor allem sind Chirurgen ein eigenes Volk. Freitag Nachmittag stand eine Chirurgin vor mir und fragt, wie die Wunde von einem Patienten aussieht. Und ich ganz ehrlich: "Ich hab die Wunde noch nicht gesehen." - "WIESO NICHT?!" - "Weil ich meinen dritten Tag hier hab und diese Wunde noch nicht verbunden habe, ich bin im übrigen Ryan, und wer sind Sie?" - "Frau Doktor Schießmichtot, seltsam dass Sie meinen Namen noch nie gehört haben! Ich arbeite seit zwei Jahren in diesem Haus! Das müssten Sie eigentlich wissen!" (Chirurgen sind alle Egomanen) - ich darauf: "Ich arbeite seit 9 Jahren in diesem Haus, aber Innere und Chirurgie überschneiden sich selten!" Sie guckt schief und sagt dann patzig: "Naja, kannst auch Marie zu mir sagen." Aber erstmal diese blöden Kämpfe, das nervt. Vorgestern wollte ein Chirurg, dass ich ihm Kaffee hole - er dachte, ich sei der neue Praktikant. Ich hab ihm dann höflich erklärt, dass ich die Stationsleitung der IMC sei (die Karte musste ich ausspielen), nur aushelfe und Kaffeeholen nicht zu meinem Aufgabenfeld gehört. Krass oder? Halten sich gleich für Übermenschen, nur weil sie Leute aufschneiden dürfen.

Nochmal für Kris: Ich mag Kraftklub total gerne, ich hab sogar das Album. Schade, dass es von denen noch nicht mehr gibt.

07.06.2013 um 23:04 Uhr

Dies und das

von: Ryan

Ich schreib noch einen kleinen Eintrag und geh dann schlafen, ich hab Spät-Früh-Wechsel und muss in sechs Szunden wieder aufstehen - verlang das mal in der freien Wirtschaft von einem Mitarbeiter am WE um sechs Uhr morgens auf Arbeit zu sein, die zeigen dir doch alle ´nen Vogel. Nein, der selbstaufopfernde Krankenpfleger macht das natürlich gerne. Gut, ich verpasse nix, Steffi hat eh Nachtschicht. Wenn ich nach Hause komme, steht sie erst auf.

Ich nehm den Blog-Eintrag mal als Antwort für Kris, meinen treuen Leser. Ich könnte mit dem Rauchen aufhören, klar. Ich rauche nur einfach echt gerne. Ich saß vorhin mit Christina auf der Terrasse, hab mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und mit ihr geraucht. Total schön - ich hab mich nur vorhin bei Steffi verquatscht. Die rief an, um mir kurz was zu erzählen und ich sagte in alter Gewohnheit: "Ich sitz mit Christina grad hier und rauche eine ..." - "Wie bitte?! Gib mir Christina!!!" - "Nein nein, ich rauche und sie sitzt stark daneben." Christina bekommt panische Augen: "Sag ihr nicht, dass ich rauche!" Und Steffi durchs Telefon: "Ja toll, sie hält schon 12 Tage durch und du qualmst sie voll!" Ich muss sagen, es irgendwie aufregend mit Steffis bester Freundin ein Geheimnis zu teilen. Dabei hab ich doch immer solche Probleme etwas für mich zu behalten, ich leide ja schon, wenn ich für Steffi was zum Geburtstag gekauft hab und es noch eine Woche verstecken muss. Und dieses Jahr wird sie 30 - dieses Jahr muss ich eine große Überraschung organisieren. Das Planen und Organisieren ist ja nicht das Schlimme, sondern dass ich es vorher alles für mich behalten muss. Ich breche immer schon in Schweiß aus, wenn sie in so einem Zeitraum nur fragt: "Und was hast du heute gemacht?" - "Äääh, gar nichts ..."

Natürlich ist das doof, dass meine Station erst unter Mühe und Kosten aus dem Boden gestampft wurde und jetzt von einem Tag auf den nächsten wieder geschlossen wurde. Im Grunde genommen war es eine Kostenfrage (Personalkosten). Das Haus ist nur zu 3/4 belegt, die Intensivstation ist seit Wochen nur zur Hälfte belegt - und dann eine Extra-Station aufrecht erhalten? Ich kann´s irgendwie verstehen. Auch wenn ich derjenige bin, der deswegen in der letzten Woche beinahe die ersten grauen Haare wegen genau dem Kram bekommen hätte. Zudem hatten wir in letzter Zeit eine ziemlich hohe Krankheitsquote - meine Schwangere ist seit zwei Wochen dauerkrank, eine andere Kollegin meint, sie hätte sich ein Burn-Out gefangen (faule Kuh) und von zwei anderen kamen auch schon so Ansagen wie: "Also den Dauerstress halte ich nicht aus. Da muss ich mir auch einen Tag (krank) gönnen." Meine Meinung dazu: Alles faule Socken. Ich hab sechs Jahre Innere hinter mir, selbst auf der Station auf der ich jetzt arbeite, ist mehr zu tun als auf unserer IMC. Alle gleich überfordert, wenn sie eine Extra-Aufgabe machen sollen oder der Patienten zwei Infusionen im Arm hat. Ich verstehe das nicht. Gut, ich arbeite gerne hart und ich hab lieber eine arbeitsreiche Schicht, als eine, in der ich mich langweile. Aber auf meiner Station hatten wir 12 Patienten zu versorgen (wenn wir voll waren, und das waren wir ganz selten), davon zwei IMC-Patienten (aufwändiger, aber das meistens auch nur am Anfang) - JETZT versorge ich mit einer Kollegin alleine 45 Patienten. Auf der jetztigen Station haben alle soviel um die Ohren, dass niemand auf die Idee kommt sich eine Zeitschrift mit zur Arbeit zu nehmen - auf meiner Station hab ich ja ein ganzen Zeitschriften-Arsenal meiner Kolleginnen gefunden. Ich verstehe das nicht - aber jetzt gibt´s ja auch Bored-Out, weil die Menschen sich unterbeschäftigt fühlen. Aber mal Dienstzimmer auffüllen oder über die Ablagen wischen, war dann auch schon wieder zuviel Arbeit. Naja, ich sollte mich nicht aufregen, die Mädels sind überall auf die großen Stationen verteilt, vielleicht merken sie wie gut es ihnen bei mir ging. Angeblich (ich weiß es nicht genau) hat sich der Großteil krank gemeldet ("Ich arbeite nirgendwo anders! Dann bin ich lieber krank!"), ich scheine der einzige zu sein, der noch brav jeden Tag zur Arbeit geht. Ich hab auch nicht nachgefragt, interessiert mich im Moment nicht.

Überstunden abbauen - ja wir versuchen es. Meine neue Chefin schlug die Hände über den Kopf zusammen - sie muss ja so planen, als würde ich da bleiben - so lange bis eine neue Ansage kommt. Sie nur: "Herr Gott im Himmel, wo kommen denn die Überstunden her?! Warum hast du dir so einen Dienstplan geschrieben?" - "Ich durfte meinen Dienstplan nicht schreiben, dass war Frau xy." - "Ja, hat die denn ein Rad ab?!" Um es mit den Worten meiner neuen Chefin zu sagen: "Ich müsste dich zwei Monate zuhause lassen, kann ich aber nicht, weil ich dich im Dienstplan brauche." Wir haben uns drauf geeinigt, dass ich spontan frei machen kann, wenn wenig los ist - ich spekuliere auf Sonntag, drückte die Daumen! Und ich eben mal hier und da einige Tage am Stück nicht kommen muss. Aber arbeiten muss ich. Dafür hab ich wieder einen vernünftigen Dienstplan. Meinen nächsten Tattoo-Termin nächste Woche (ja, sechs Tage noch) hatte ich bislang nicht frei, weil O-Ton alte Chefin: "Das kann man sich nicht aussuchen als Chef." Aber selber verlängertes WE auf Rügen ... so ist richtig. Naja, ums kurz zu machen, dank meiner neuen Chefin habe ich alles frei, was ich frei haben wollte, was meine alte Chefin mir nicht frei geben wollte. Ich sag nur Festivalsession - zum Hurricane-Festival habe ich sechs Tage am Stück frei, das war nämlich auch noch nicht in trockenen Tüchern ob ich dieses Jahr (obwohl ich Tickets hab seit August) fahren kann. Dafür arbeite ich diese Woche etwas mehr und alles ist überhaupt kein Problem mehr. Ich spiele mit dem Gedanken für das Deichbrand-Festival noch Karten zu kaufen - Steffi hat Urlaub, meine Chefin sicher nichts dagegen, ich glaub ich nehm alle Festivals in Norddeutschland mit dieses Jahr.

Ansonsten sehe ich meine Freunde im Moment wenig - ich schreib mit ihnen SMS, aber mir ist aufgefallen dass ich sie alle in den letzten Wochen/Monaten sehr wenig gesehen hab. Natürlich sehe ich einige auf Arbeit - ich bin mit einigen der Intensiv befreundet u.a. Christina, mit einer Logopädien und wenn ich richtig Glück hab, sehe ich einen Kumpel, der Rettungsassistent ist und Patienten abholt/mitnimmt (den hab ich heute gesehen, da hab ich mich gefreut). Aber alle anderen hab ich gefühlt ewig nicht gesehen - und die Freunde auf Arbeit sehe ich auch maximal auf eine Zigarettenlänge, weil wir ja alle zum arbeiten da sind.  Nächste Woche wird alles besser: Ich hab gemeinsames Frühstück organisiert (vor dem Tattootermin, damit ich abgelenkt bin und nicht so flatterig da ankomme) - und zum festival kommen mittlerweile 3 total gute Freundinnen von mir mit - und Technotyp ... der kommt Mittwoch Abend vorbei und will mit Steffi und mir besprechen, was er alles mitnehmen muss, er war ja noch nie auf einem Festival. Auf jeden Fall mal ein eigenes Zelt, würde ich sagen.

Ja, Tattootermin nächstes Woche, die Zeit rennt. Projekt Arm geht weiter. Also wird wieder fleissig gecremt, im Moment mit Bepanthen - auf der Innenseite vom Oberarm hab ich Narben bekommen, sieht man nicht, fühlt man nur, wenn man drüber fasst. Das ist nicht dramatisch, aber an sowas hatte ich vorher nicht gedacht. Egal, wir machen weiter. Vielleicht gehts durchs Cremen noch weg. Wieder sind vier Stunden veranschlagt, wieder hab ich ein paar Tage frei danach, weil mein Arm danach wieder so tierisch anschwellen wird. Bereuen tue ich auch noch nichts. Meine Schwägerin sagte neulich, als sie mich im T-Shirt sah: "Deine Tätowierung ist ja riesig!" und ich guck meinen Arm an und denke nur: "Nee, da ist noch super viel frei." Diesmal werde ich nicht so aufgeregt sein, ich hab das ja vor ein paar Wochen schon mal hinter mich gebracht. Zum Beispiel weiß ich jetzt: Tattoofarbe geht nicht mehr aus der Bettwäsche raus - wir haben so eine cremefarbende Bettwäsche, die hab ich komplett eingesaut.

Wieder später geworden als ich dachte - ab ins Bett.

 

07.06.2013 um 00:46 Uhr

Worst-Case

von: Ryan

Ja, was soll ich schreiben? All meine Probleme der letzten Wochen haben sich in Luft aufgelöst, ich bin wieder einfacher Krankenpfleger. Nachdem ich meine eigenen Station aufgebaut, gehegt, gepflegt und verteidigt hab, sind wir dem Sommerloch zum Opfer gefallen. Meine Station ist geschlossen. Die letzten Tage waren - wie drücke ich aus? - für mich war Weltuntergang. Ich hab nichts falsch gemacht, alles lief gut, alle waren zufrieden. Aber es lohnt sich personell einfach nicht, eine IMC aufrecht zu erhalten, wenn die Intensiv gähnend leer ist. Alles eine Fragen von Personalkosten.

Im Moment bin ich ziemlich leer, ziemlich erschöpft, aber irgendwie auch erleichtert. Der schlimmste Fall ist jetzt eingetreten, ich kann nichts mehr ändern. Ich bin versetzt worden, ich hab selber wieder eine Stationsleitung, die sich um den ganzen Chefkram kümmert, die die Kämpfe mit der Abteilungsleitung austragen muss (ihr Büro hat einen Balkon!!). Ich komm ganz normal zum Dienst, krieg meine Übergabe, versorge meine Patienten und gehe danach wieder heim. Fertig. Anstatt zur Abteilungsbesprechung zu gehen, hab ich heute lieber zwei Stunden länger geschlafen. Ich hab bestimmt nichts verpasst.

So ein Stress die letzten Tage, so eine riesige Veränderung und mir fällt rein gar nichts ein, was ich noch dazu schreiben oder erzählen könnte.

Außer vielleicht, dass ich online-Poker für mich entdeckt habe (nicht mit richtigem Geld, ich hab heute 5.000 imaginäre Dollars verzockt) und dass ich Christina heute ihre Rückfall-Zigarette gegeben hab. Christina hatte schon vor 10 Tagen aufgehört, Steffi hatte feierlich Christinas letzte Zigaretten weggeschmissen, dann wurden sich unter den besten Freundinnen Versprechen gegeben - und ich hab´s heute abend einfach vergessen. Christina stand vor mir wie immer, schnorrte sich eine Zigarette - wie immer - und erst viel später fiel mir wieder ein, dass sie aufgehört hatte. Das darf Steffi nicht wissen ... und vorhin als ich von der Arbeit kam, meine Zigaretten aus meiner Tasche holte, kam von Steffi gleich: "Willst du nicht auch langsam aufhören? Guck mal Christina raucht schon seit 10 Tagen nicht mehr! Wenn die das kann, dann kannst du das auch!" Ich hab das unkommentiert stehen lassen.

01.06.2013 um 18:16 Uhr

Warum muss man hier immer einen Titel eingeben? Das nervt mich schon lange

von: Ryan

Musik: The Offspring - Americana

Ich muss zugeben, ich bin ziemlich gestresst im Moment. Mehr als ich zugeben mag, aber nachdem ich gestern wieder auf dem Sofa saß und obskure Schmerzen in der Brust hatte und mich nicht recht entschliessen konnte, ob ich einen Herzinfarkt habe oder einfach nur somatisiere - es war natürlich zweiteres, sonst würde ich heute hier nicht so munter sitzen - überlege ich ernsthaft, ob ich mir den Kram noch länger geben muss. Gestern hatte ich einen kurzen Arbeitstag - ich musste nur vormittags zu einer Abteilungsbesprechung, war aber nach einer Stunde so hochgradig genervt, dass ich wieder in diesem "Ich lauf gleich Amok"-Modus war. Alles nur wegen einer einzigen Frau. Der Rest in vernünftig, offen, es läuft alles gut, bis die kleine Frau mit der piepsigen Stimme die Hand hebt und so Sachen sagt wie: "Ich hab mir was überlegt ..." Ich schaue in die Runde, alle am Tisch verdrehen die Augen, dieses typische: "Nicht schon wieder", geben sich aber sichtlich Mühe interessiert zu wirken. Dann wird eine ziemlich blöde Idee mit Ernsthaftigkeit und Überzeugung vorgetragen, der Chefarzt räuspert sich schon nervös, die Leitung der Neurologie schreibt ROFL auf einen Zettel und schiebt ihn mir rüber. Und dann geht die Diskussion los: "Aber Frau Soundso, Sie wissen doch dass ... und deswegen ..." Und am Ende kommt das schlagende Argument von ihr: "Aber wir sollten es AUSPROBIEREN." Einige halten sich kopfschmerzgeplagt den Kopf ... immer das gleiche Drama wegen einer einzigen Person.

Langsam werde ich misantrop. Als ich gestern mittag nach Hause kam, saß Steffi mit ihrer Lerngruppe in unserer Küche. Sie hat jetzt eine Lerngruppe wegen ihrer psych-Fortbildung. Aber was für Leute! Ein überkandidelter Schwuler, ein hardcore Metallhead mit langen schwarzen Rastas und eine dicke Mutti mit Einhörnern auf dem Unterarm tätowiert. Ich halte mich ja für einen toleranten Menschen, aber ist schwierig ernst zu bleiben, wenn so ´ne kleine Freakshow in deiner Küche sitzt. Und anstatt zu lernen unterhielt man sich über vegane Lebensführung, ob Saltan oder Tofu besser sei. Steffi stolz: "WIR sind ja auch Vegetarierer!" Warum sind WIR Vegetarierer? Weil Steffi kein Fleisch mehr zu essen bekommt, wenn ich koche und einkaufe. Als wir vier Stunden später im Restaurant saßen, hörte sich das alles wieder ganz anders an: "Ich glaub, ich nehm die Grillplatte." Als ich dann in Anwesenheit der Lerngruppe mir einen Kaffee machen wollte und die Milchtüte aus dem Kühlschrank nahm, kam nur entsetzt hinter meinen Rücken: "Ihr trinkt noch normale Milch?" Ich hab mich dann mit Buch und Kaffee ins Bett verzogen. 

Eigentlich war ich gestern so hochgradig genervt, dass ich nur noch meine Ruhe wollte. Ich bin super gereizt und angespannt. Und fies. Kurzes Beispiel: Steffi hatte ihre liebe Mühe mich abends von Sofa zu bekommen. "Lass mich in Ruhe, ich bestell mir eine Pizza, geh doch alleine essen, wenn du unbedingt musst! Aber lass mich in Ruhe." - zwei Minuten später beim Schuhe anziehen: "Na gut, ich gehe mit, aber denk bloß nicht, dass ich mich mit dir unterhalte!" O-Ton Steffi gestern: "Du bist ein toller Mann, aber manchmal bis du eine Herausforderung." Ja, das hat sie wirklich gesagt. Dabei will ich gar nicht so sein - aber schön, dass wir uns solche Sachen an den Kopf knallen können, ohne dass sofort einer beleidigt abrauscht. Reife Beziehung nennt man das wohl.

Wie gesagt, ich will nicht so sein. Aber im Moment sind so viele ungeklärte Sachen auf Arbeit, die mich irre machen. Ich muss wieder üben mich zu distanzieren und zuhause den Kopf frei zu bekommen. Aber es ist anstrengend. Ich merke selber, dass ich zuhause noch Stunden nach so ´ner Auseinandersetzung mit meiner Chefin nervös bin, wie gesagt gestern schon einen psychosomatischen Herzinfarkt hatte. Ich fühle mich grade in den letzten Tagen total ausgelaugt, als würde ich eine Grippe ausbrüten. Druck auf den Nasennebenhöhlen, ich bin heiser, krieg abends Kopfschmerzen und bin chronisch schlecht gelaunt. Ich will auch nichts mehr, nur meine Ruhe. 

Steffi dagegen ist ja von Natur aus leicht überdreht und muss ihre Tage in vollen Zügen auskosten - früher hatten wir häufig Streit, warum ich lieber bis Mittags schlafe anstatt mit Steffi in aller Herr Gotts früh aufzustehen, um mit ihr frühstücken zu gehen, danach einen langen vormittags Spaziergang machen und was weiss ich, was sie immer alles unternehmen will. Heute zum Beispiel, großartiges Beispiel: Steffi ist um 7 (!!) aufgestanden, war frühstücken bei Christina, hat sich dann mit meiner Schwägerin getroffen, um mit ihr gemeinsam einen Schulranzen für meine Nichte zu kaufen, dann haben sie gemeinsam Mittag gegessen, waren in Norderstedt auf einem gigantischen Spielplatz, jetzt ist sie grade in einen großen Schreibwarenmarkt, um Marker in zehn verschiedenen Farben zu kaufen. Nachher will sie noch runter unsere neue Nachbarin begrüßen und dann gehts ins Kino. Ryan´s Tag sah so aus: Ich hab bis elf geschlafen, hab im Bett einen Kaffee getrunken, dabei E-Mails und Facebook gecheckt, hab geduscht, Musik gehört, hab kurz Zigaretten geholt, dabei meiner neuen Nachbarin und ihren Umzugshelfern blöde Kommentare zugeworfen. Dann hab ich noch gelesen und online Roulette gespielt. Und nachher werde ich wahrscheinlich wieder lesen oder vorm Fernseher online pokern. Und ich bin völlig zufrieden damit. Ich könnte natürlich mit ins Kino, aber sie wollen "Star Trek" gucken - Star Trek!

Jetzt kommt der Teil, an dem ich mir selber eingestehe, dass ich ein ziemlicher Jammerlappen bin und versuche eine großartige Lösung für meine Probleme auszuarbeitet. Steffi hat gesagt (hat sie nämlich neu gelernt), dass Persönlichkeitsstrukturen sich bis zum 30. Lebensjahr festigen und danach selten verändert werden. Oh ha!! Das bedeudet ich hab noch knapp ein Jahr, um meine Persönlichkeit und Problemverhalten zu ändern, so dass ich den Rest meines Lebens ein ruhiger, tiefentspannter und stetts freundlicher Mensch sein kann. Was kann ich da also tun? Ganz einfach: ich sage Steffi, dass sie mir so eine psycho Scheisse nicht mehr erzählen soll!

Nein, im ernst, dass die Alte rumnervt (meine Chefin, nicht Steffi) ist die eine Sache. Die andere Sache ist aber, dass sie im Moment mietfrei in meinem Kopf wohnt und mich wahnsinnig macht. Das ist ein Problem, was ich eindeutig selbst verursache.