Boys don´t cry

26.07.2013 um 02:37 Uhr

Voll und leer zugleich

von: Ryan

Heute will mir nichts gelingen. Gut, Nachtschicht - wenig geschlafen, generell wenig gegessen, Wetter ist warm, Stress, körperliche Erschöpfung - es kann tausend Gründe haben. Mein Kopf ist leer, erschöpft - dabei hab ich allen Grund erleichtert zu haben. Die letzte Schicht vorm Urlaub ist geschafft, und ich bin zu ungeduldig und will dass mein Körper sofort in den Urlaubsmodus umsteigt.

Stattdessen hab ich heute Vormittag mit offenen Augen ewig wachgelegen, angespannt und einfach voll in jeglicher Hinsicht. Zu erschöpft um aufzustehen und den Tag zu beginnen, zu angespannt um zu schlafen. Furchtbarer Zwischenzustand. Und so zieht sich mein Tag durch - ich bin gejedlegt und kann mit mir nichts anfangen, schleppe mich von Stunde zu Stunde und hoffe, dass es besser wird. 

Mein Kopf ist noch so voll mit dem ganzen Mist, mit dem ich auf Arbeit zu tun hab. Zum einen die Frustration über MEINE Station, die wesentlich tiefer sitzt als ich zugeben mag. Zum zweiten ist nichts abzusehen. Ich hab den Status eines Aushilfspfleger - ich gebe mir Mühe, ich arbeite hart, aber es ist irgendwie ätzend. Die Station ist wahnsinnig arbeitsaufwändig - das ist aber nicht das Thema, ich mag harte Arbeit. Sie lenkt mich ab, sie macht mich zufrieden. Aber der Zustand, in dem ich mittlerweile, oder besser gesagt: die letzten Nächte nach Hause kam, war nicht mehr witzig. Ich bin jemand, der plant und Strategien hat, um doppelte Arbeit zu vermeiden, vor allem doppelte Gehstrecken - ich laufe ja eh schon meine Kilometer auf Arbeit zusammen - aber wenn selbst ich mit meinen teuren, super bequemen Schuhe kaum noch laufen kann nach der Schicht, muss echt was los sein.

Vor allem die personelle Situation ist frustrierend. Es gibt mehrere Aushilfen, zum Beispiel Zeitarbeits-Schwestern, die personelle Engpässe für eine gewisse Zeit ausgleichen sollten. Unter den Aushilfen glänze ich mit Fleiß, ich hätte eine schnelle Auffassungsgabe, mache viel mit Routine und Sicherheit weg - aber es ist schwierig dort seit mehreren Wochen zu arbeiten, aber irgendwie nicht richtig Teil eines Teams zu sein. Ich hab 5 Jahre auf einer extrem arbeitsaufwändigen Station gearbeitet, blanker Selbstmord eigentlich, wenn ich zurück denke - aber es war MEINE Station. Ich wusste genau, was ich von wem zu erwarten hab, wann meine Chefin schimpft, wer die "Team-Mutti" war, welcher Kollegin ich Kaffee kochen musste und wer lieber Tee trinkt. Und vor allem - finde ich mittlerweile - hatten wir einen wahnsinnig rücksichtsvollen Umgang miteinander.  Wenn ich meine Patienten versorgt hatte, bin ich zu meiner Kollegin und hab ihr mit ihren geholfen. Wenn ich meinen Kram in einer Schicht nicht geschafft hab, dann musste ich eben auch mal 2 Stunden länger bleiben. Das war selbstverständlich für alle von uns. Natürlich gabs auch mal Streit und Kritik, das gehört dazu, aber es war nie so, dass von irgendwem mehr verlangt wurde, als man selbst zu leisten bereit war.

Auf meiner jetztigen Station ist das irgendwie alles anders. Zum einen ist der Umgangsform wesentlich rauher. Zum Beispiel hatte ich schon die Situation, dass eine Kollegin halb hysterisch vor mir stand und mich anschrie - wegen einer Lapalie - ich hatte eine Entscheidung getroffen, die in ihren Augen nicht optimal war - dass ich die Entscheidung gut begründen konnte und mir da natürlich vorher Gedanken zu gemacht hatte, war dann in der Situation egal, erstmal laut werden und "den Neuen" falten. Ihm erstmal zeigen wie der Hase läuft. Ich lass mir natürlich nicht die Butter vom Brot nehmen, ich weiß ja was ich kann und wert bin - aber sich anschreien auf Arbeit ist doch unnötig.

Ums kurz zu machen: Es gibt eben dieses Stammpersonal - und es gibt die Anderen: Aushilfen, Azubis, Praktikannten etc. Und zwischen diesen beiden Parteien ist die Kommunikation teilweise wahnsinnig vorwürfig. Da schimpft die eine Seite über die andere, wie faul und unzureichend sie arbeitet, schert sich aber selbst kein Deut darum zu helfen. Es wird unheimlich viel Arbeit abgewälzt, ungerecht verteilt und sich dann beschwert, wenn jemand überfordert ist und eben ganz schlicht nicht klar kommt. Da wird dann die Aushilfe oder besser noch: die Azubine angenöllt, wenn sie Arbeit liegen lassen muss. Es kommen so Sätze wie: "Warum schaffst du dein Pensum nicht? Ich schaffe das doch auch!"  Dass die Arbeit aber ungerecht eingeteilt war, zum Beispiel die Auszubildende hatte 10 schwerst aufwändige Patienten zu versorgen und die Stammkollegen 5 sehr einfache Patienten, wird dann nicht erwähnt. Und da kome ich mit meinem Mundwerk ins Spiel. Ich versuche mich bislang noch anzupassen und nicht unbeliebt zu machen - vor allem, weil ich mir an drei Fingern ausrechnen kann, dass das meine neue Station wird, wenn meine dauerhaft geschlossen bleibt. Aber auf der anderen Seite liegt die Ungerechtigkeit glasklar auf dem Tisch, ich kann auch nicht nichts sagen.

Es wird eben auch ganz viel mit Bevorzugung gearbeitet - wer gemocht wird, bekommt die einfachen Zimmer, die anderen wird der Rest abgewälzt. Und das Ganze hat mittlerweile eine so feste Struktur erreicht, dass es normaler Alltag ist. Niemand hinterfragt das und hofft selbst in der "Gunst" aufzusteigen. Krank eigentlich, total irre - aber natürlich hab ich mich mittlerweile auch diese Struktur gefügt, versuche bloß nichts falsch zu machen, um ja nicht ducrhs dünne Eis der Hierarchie zu brechen. Noch genieße ich Lob, aber das kann sich innerhalb eines Wimpernschlages ändern.

Und ich glaube, genau das ist mein Problem zur Zeit. Alleine diesen fleißigen Status zu halten, lässt mich so arbeiten, dass ich halbtot nach Hause krieche. Ich könnte über mich selbst den Kopf schütteln, wenn ich die Situation mit etwas Abstand betrachte. Mein altes Problem, dass tief verankert ist: Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leiste - in den Augen anderer. Aber vielleicht ist das Wissen, dass ich so bin, auch ein Vorteil. Manchmal überlege ich wirklich, ob meine Arbeit eine neue Form der Selbstverletzung ist, die ich unbewusst in mein Leben gelassen hab. Alles ist kaum ertragbar: Arbeitszeiten, Stress und Druck, Verantwortung - wenn wenigstens das Gehalt halbwegs stimmen würde. Oder "angepasst" zur Belastung wäre. Grade an Tagen, an denen ich so dermaßen irre bin, so dermaßen erschöpft und müde, möchte ich alles hinschmeissen und Bürokauffmann oder sowas werden. Oder im Supermarkt an der Kasse sitzen, Burgerbraten, egal was - es kann nicht schlimmer sein, als dass was ich grad mache. 

Natürlich geht jeder müde von der Arbeit nach Hause, natürlich hat jeder mal nen richtig miesen Tag, aber ... ich kanns gar nicht mehr in Worte fassen. Dann auch die wahnsinnig hohe Selbstgefährdung, die mir seit dieser Woche wieder bewusst ist: In Bergedorf wurde eine Nachtdienstschwester von einem Patienten niedergestochen. Welches Motiv? Keins. Er war nur verwirrt von der Nakose und hat nen sehr schlechten Film geschoben. Wir verteilen haufenweise Medikamente, die schlechte Filme verursachen können. Die richtig schlimmen Geschichten kommen selten vor, vielleicht einmal im Jahr - wenn sie es überhaupt in die Presse schaffen - aber die kleineren Sachen (beissen, kratzen, kneifen, treten, verbale Beschimpfungen) sind täglich da. Und wieder die Frage: Wieso lasse ich das mit mir machen? Und dann das zweite große Thema, worüber ich ja schon ausführlich berichtet hab: Es gibt ja auch alles nix. Ich hab seit Jahren nicht mehr das Gefühl jemanden zu helfen und gar zu retten. 

Okay, jetzt sind wir wieder an dem Punkt, an dem ich mir Lösungsvorschläge für mein Problem überlegen muss. Ich hab ja jetzt ne Menge Zeit, ich muss mir einen neuen Job suchen. Die Deadline ist offiziell vorbei. Neuer Job oder Berufswechsel. Nahziel fürs erste: Schlafen und regelmäßig Essen. 

 

23.07.2013 um 08:45 Uhr

Kein Titel - nur Nachtschicht

von: Ryan

Nachdem ich Tage lang kein Thema gefunden hab, dass es lohnen würde darüber zu schreiben, schreib ich nochmal kurz nach meinem Feierabend. Arbeit hilft ungemein, was zu erleben. Nachtschicht - bei sommerlichen 30 Grad. Super. Steffi und ich haben uns einen großartigen Plan gemacht, um schlafen zu können: Tagsüber die gesamte Wohnung verdunkeln, leben wie im Fledermausnest und nachts, bevor wir zur Arbeit gehen, alle Fenster auf. Ich muss sagen, das funktioniert erstaunlich gut. Das Schlafzimmer hat nur 25 Grad.

Wer jetzt denkt, Nachts isses ruhiger, denkt richtig - immer nervt niemand rum. Keine Ärzte, die meisten Patienten liegen in der Poffe und schnarchen und nur man selber ist wach und passt auf. Allerdings bleibt im Moment vom Tagdienst soviel über, dass ich mit den Nacharbeiten schon bis 1.00 beschäftigt war, und dann kam ja noch meine Arbeit. Irgendwo hab ich mal gelesen, dass mir im Nachtdienst ne Stunde Pause zusteht ... pfff. Essen ist auch nur so zwischen Tür und Angel drin.

Aber das wirklich Schlimme heute Nacht war die Beruchsbelästigung - von mir selber. Obwohl ich zuhause noch geduscht hatte und ne halbe Dose Deo auf meinem Körper verteilt hab, nur in Shorts, Tshirt und FlipFlops  zur Arbeit gegangen bin, mich fauler Weise sogar die Hälfte der Strecken fahren lassen hab, war ich in der Umkleide so verschwitzt, dass ich schon wieder hätte Duschen müssen. Aber es nützt ja nix, umgezogen und auf Station - und gleich im ersten Rundgang, im ersten Patientenzimmer erzählt mir eine Patientin, der liebe Herr Doktor habe ihr erlaubt abends ein Glas Wein zu trinken, wegen der Gesundheit und so. Sofort wurde die Weinflasche gezückt und eingeschenkt, und während ich verträumt neben ihrem Bett was in die Akte schreibe, kippt das Glas um und erwischt den Pfleger. Klever wie ich bin, hab ich das versucht rauszuwaschen unterm Wasserhahn, aber Rotwein geht ja selten gut aus weißer Kleidung raus - und dann hatte ich nicht nur nen Kasak, der nach Schweiß und Alkohol roch (ich muss Vertrauenswürdigkeit ohne Ende ausgestrahl haben heute Nacht), sondern auch noch nass war. Und just in diesem Moment stand plötzlich ne Gruppe Rettungsassistenten mit Patient auf der Trage vor mir, schnüffelten kurz an mir und fragten sowas wie: "Kommst du klar?"- "Ja ja, Patient bitte in Zimmer 3, da entlang."

Dann nochn Krawall-Opa, der ab 4 Uhr nachts ums Dienstzimmer schlich und so Kommentare abließ wie: "Also ich finde ja junge Menschen mit solchen Tattoos voll scheiße!" (was für ne Ausdrucksweise für über 80!) - im Endeffekt hab ich rausgekriegt, dass er nur tierisch Schmacht nach ner Zigarette hatte, hab ihm dann großherzig wie ich bin eine geschenkt - zum Dank kam folgender Satz: "Du bist ja gar nicht so dumm wie du aussiehst!" Es gibt halt Menschen, die überschlagen sich halb vor Dankbarkeit ... ich hab dann sowas geantwortet, er soll mal zusehen, dass er auf den Raucherbalkon kommt, wenn er sich weiterhin so sehr freut, könnte es sein, dass ich morgen keine Zigaretten dabei hab. 

Ich bin wirklich ein guter Pfleger, immer freundlich, zugewandt, beruhige die ängstlichen Patienten, hole die aggressiven Patienten alle wieder runter, lass mich mit Rotwein bekleckern ohne zu schimpfen, arbeite ohne zu murren die halbe Spätschicht auf, hinterlasse meinen Arbeitsplatz sauber und ordentlich, erledige meine Arbeit gewissenhaft, räume auf - und dann höre ich doch wirklich von der blöden Frühdienstkollegin, warum ich nicht noch MEHR vorgearbeitet hab - faule Socke.  Ich bin schon immer derjenige, der seine Arbeitsleistung auf 140% hält, während die anderen gemütlich auf 80% runtergehen. Da gibts dann immer so Sätze wie: "Das kann mal ein Mann machen" schwere Kartons tragen und so - ich hab nach jeder Nachtschicht Rückenschmerzen. Oder auch sehr beliebt: "Das hab ich wirklich nicht mehr geschafft!" Hauptsache keiner stirbt vor Arbeit, hauptsache niemand muss einen Fingertip mehr machen als die anderen. Und wenns dann mal abzusehen ist, dass es wirklich viel zu tun gibt, ham sie alle gleich grottenschlechte Laune. 

ABER, zwei Nächte noch und dann interessiert mich das alles gar nicht mehr, weil ich Urlaub hab. Und das Schlimmste ist ja eh, wenn das Bier alle ist. In diesem Sinne, Gute Nacht, ich geh schlafen.

19.07.2013 um 23:33 Uhr

Zeit tot schlagen

von: Ryan

Ich erhole mich von meinem langen Arbeitsturn. Nachdem ich völlig erschöpft und entnervt meine freien Tage herbei gesehnt habe, bin ich jetzt schon wieder in der Phase, in der ich hibbelig werde und eigentlich was machen möchte, anstatt nur auf der Couch zu liegen, Fernsehen zu gucken, lange zu schlafen oder eben lese. Aber alle in meinem Umkreis müssen arbeiten oder sind anderweitig beschäftigt. So ist eine beachtliche Anzahl in meinem Bekanntenkreis zum Deichbrand-Festival gefahren - und ich sitze zuhause und mir blutet vor Neid das Herz. Also mache ich was man eben so macht, wenn man viel Zeit hat. Ich war wieder beim Zahnarzt, Wurzelbehandlung abschließen.

Wie auf Kommando ist mir genau 24 Stunden vorm nächsten Termin das Provisiorium aus dem Zahn gefallen und dazu noch ein Stückchen Zahn rausgebrochen. Ich mit meiner Zahnarztphobie bin sofort in Panik verfallen ("Den müssen sie jetzt ziehen! Der Erste von vielen! Und dann bekomme ich ne Prothese, und mit 30 hab ich gar keine eigenen Zähne mehr im Mund!") Die Ärztin konnte mich aber beruhigen, sagte das passiere häufig weil der Zahn jetzt eben hohl sei und hat einfach ein neues Provisorium reingemacht. Seitdem kaue ich nur noch ganz vorsichtig auf der anderen Seite, was meine Nahrungsaufnahme meistens um das Doppelte verlängert. Steffi lacht schon immer, wenn ich mein Brötchen in der Mitte durchschneide, damit ich es ganz vorsichtig knabbern kann. Ansonsten gibt es neuerdings sehr häufig Kartoffelbrei bei uns.

Ansonsten höre ich grad viel Musik - man hat ja die Zeit. Im Moment mein Lieblingsalbum: "Making enemies is good" von den Backyard Babies. Und ich sehr viel, zur Zeit von John Irving "Garb und wie er die Welt sah". Das Buch hab ich vor 10 Jahren schon mal gesehen und ich merke, wie meine Einstellung und Sicht auf die Welt sich verändert hat. Ich weiß noch genau, wie ich damals im Bett meiner Exfreundin saß und las, wie Garb über seine sexuellen Verfehlungen als Ehemann und Vater mit einer attraktiven Babysitterin schrieb. Ich war zu tiefst entsetzt, wie konnte er nur? Weiß er denn nicht was Liebe ist und bedeutet? Treue, man! Das Wichtigste überhaupt. Mittlerweile 10 Jahre später als erwachsener Mann, saß ich in meinem zukünftigen Ehebett (denn das ist es ja bald) und schielte schuldbewußt nach meiner schlafenden zukünftigen Ehefrau und hoffte inständig, dass sie nicht rausbekommt, dass ich mittlerweile meine idealistischen Vorstellungen von absoluter Treue über Board geworfen hab.

Was mache ich sonst so an meinen freien Tagen? Ich war beim Friseur - ich merke immer, dass es soweit ist, wenn ich schon seit über einer Woche direkt nach dem Haareföhnen ne Mütze aufm Kopf setze. Ansonsten das Übliche: Einkaufen, Kochen, Telefonieren, Online-Poker und der ganze Quatsch, mit dem man eben die Zeit totschlägt. Wie gesagt, viel passiert grad nicht.

Und die Arbeit - über die mag ich im Moment nicht nachdenken. Ich war diese Woche auf ner Abeilungsbesprechung, zu der ich nicht hingehen musste, weil ich ja grad keine Leitung mehr bin, aber meine jetztige Chefin sagte, ich soll mal mit hin um nicht den Anschluß zu verlieren. Und da fiel dann so ein Satz, dass man erstmal schauen müsse, ob sich eine IMC-Station überhaupt lohnen würde, wenn doch die Intensivstation seit Wochen nur halbvoll sei. Sollte die Intensiv überraschend vollaufen, könne man ja immer noch ganz spontan die IMC zu neuem Leben erwecken. Danach hab ich mir meine verweiste Station angeguckt und dachte: "Nee, die bleibt länger zu." Zum einen gibt es kein Personal mehr, wir haben grade eine wahnsinnige Menge an Kündigungen. Alleine zwei meiner Mädels haben gekündigt, meine Schwangere hat Berufsverbot bekommen. Mit wem soll ich denn noch arbeiten, wenn keiner da ist? Zudem ist die gesamte Station geplündert/aufgeteilt worden. Meine Monitore sind zur Unterstützung auf die Intensiv gekommen und die umliegenden Stationen haben sich nach Herzenslust in meinem Lager seit Wochen bedient. Und in meinem Büro wohnt jetzt ne Tante vom Sozialdienst, die mich ganz erschrocken anschaute, als ich reinguckte, und mir versicherte, das Büro habe sie nur übergangsweise bis eine bestimmte Leitung wiederkommen würde. Sie habe ja den Verdacht, dass der Typ Medikamentensüchtig sei und auf Entzug, man wüsste ja, dass es soviel Klinikpersonal gibt, dass sich dauernd am Medikamentenschrank bedient. Ich hab mit den Schultern gezuckt und ihr gesagt, ich würde ihr Bescheid geben, wenn ich was von dem Typen hören würde, dessen Büro sie grade besetzt.

Um ehrlich zu sein, diese Situation frustriert mich massiv. Ich versuche nicht drüber nachzudenken und hangel mich bis zu meinem Urlaub. Offiziell trage ich noch den Titel Leitung, aber was soll das? Ein König und Königreich? Das gibts auch nicht. Was mich viel mehr frustriert, ist dass man mich vor diese Mamutaufgabe gestellt hat, aus dem nichts eine Station aus dem Boden zu stampfen, man macht mich von heute auf Morgen zum Chef, lässt mich ackern bis zum Umfallen und überlegt sich genauso sprunghaft, dass das nötige Kleingeld nicht da ist. Und ich hab als einziges Resultat, dass ich die Erfahrung gemacht habe, niemals wieder Herzblut in irgendetwas reinzustecken, was mir wichtig erscheint. Zumindest nicht beruflich. 

15.07.2013 um 16:31 Uhr

übermüdet und überarbeitet

von: Ryan

Mal wieder bin ich um halb 5 aufgestanden und mal wieder hab ich mich gefragt, was das soll. Im Moment passiert nicht viel, ich bin seit letztem Montag jeden Tag auf Arbeit, also nur Arbeit, Arbeit und nochmal Arbeit. Ich merke grad, wie leer mein Kopf ist. Ich weiß gar nicht so richtig, was ich schreiben soll.

Ich arbeite immer noch als Aushilfe auf einer fremden Station, auf der ich mich ganz gut eingelebt hab, aber im Grunde genommen warte ich, dass meine Station wieder eröffnet wird. Aber das steht auch in den Sternen - sie haben zwar neue leute eingestellt, denen wurde aber gesagt, sie sollen sich einstellen in den nächsten Monaten (merke: plural) den Personalpool zu unterstützen. Das heißt nix gutes. Ich war letzte Woche und heute bei den Abteilungsbesprechungen - hätte ich nicht hin gemusst, aber meine Leitung sagte, ich solle mitgehen um auf dem Laufenden zu bleiben. Aber dort hieß es auch nur, eine IMC würde sich nicht lohnen, wenn die Intensiv leer ist. Kann ich ja auch nachvollziehen, aber es nervt mich. Die Schließung sollte eine befristete Aktion sein und im Moment sieht es eher so aus, als würde ich bis Anfang Winter auf dieser Aushilfsstation feststecken.

Und sonst so? Die Zeit rennt, ich hab in zwei Wochen Geburtstag und werde 29. Und nächstes Jahr schon 30. Puh. In drei Wochen hab ich den nächsten Tattoo-Termin und dann wird der Unterarm fertig gemacht. Ich muss sagen, die Menschen in meiner Umgebung reagieren erstaunlich positiv auf so große, sichtbare Tätowierungen. Klar, war mir vorher schon bewusst, dass  ich jetzt nicht mehr als braver Schwiegersohn-Typ durchgehe. Eine ältere Patientin sagt neulich: "Also ich sie zum ersten Mal gesehen hab, mit den Tattoos, dachte ich erst, na was ist das denn für einer. Aber sie sind immer so nett und freundlich, dass ich mich immer freue wenn sie Schicht haben."

Was gab´s noch in letzter Zeit? Ach ja, ich war trotz panischer Angst beim Zahnarzt. Steffi war ganz stolz, wie ein Kleinkind hat sie mich gelobt. Der Grund meiner Zahnschmerzen, die ja nicht zu knapp waren, war eine entzündete Zahnwurzel. 

so, mehr bekommt mein überarbeitetes Gehirn heute nicht zusammen. 

09.07.2013 um 18:18 Uhr

Frühdienst

von: Ryan

Eine Frühdienst-Woche - ich könnte sterben. Viele meiner Kolleginnen lieben Frühdienst - man kommt nach Hause und hat noch was vom Tag. Ich hingegen hasse Frühdienst. Jeden Morgen klingelt um halb 5 der Wecker und jeden Morgen denke ich mir: "Halb 5? Das darf doch wohl nicht wahr sein!" Gestern Morgen hab ich kaum die Augen aufbekommen und hab im Halbschlaf noch 20 Minuten lang den Wecker immer weggedrückt, bis mir klar wurde, dass ich super zu spät komme. Und jeden Morgen sitze ich völlig verpennt auf Station in der Übergabe (wohlgemerkt um 6 Uhr morgens) und finde mich selber so bescheuert, dass ich mir einen Beruf mit Schichtdienst ausgesucht habe. Und dann gehts ja erst richtig los mit dem Tag: Blutdreckmessen, waschen, Betten beziehen, Verbände machen, Spritzen geben, Infusionen anhängen bis du irgendwann um halb elf spätestens alle deine Kollegen und Azubis zusammen sammelst, damit alle mal was essen - wir haben grade soviele junge Mädels als Azubis, die immer nix essen wollen in der Pause. Ich weiß nicht, ob die abnehmen wollen, aber ich bin ja schon um halb 9 halb verhungert und wenn ich zu schnell aus der Hocke in den Stand komme (weil ich ner Oma die Strümpfe angezogen hab), wird mir immer ganz schwindelig.

Und das Schlimme auf Arbeit: Das Sommerloch scheint vorbei zu sein. Station rappel voll, die Hälfte der Kollegen im urlaub - und die andere Hälfte hat Sommergrippe. Kommen dann braun gebrannt aus dem "krank" und erzählen groß, wie viele Antibiotika sie nehmen müssen ... verstehste? Also mache ich die ganze Woche "alleine" Dienst. Was heißt alleine? Halt so als einziger examinierter Pfleger. Ich hab zwar maßenhaft Azubis um mich rum schwirren, die auch alle brav Patienten versorgen, ABER es sind eben nur die Azubis. Alles fleißig, ohne Ausnahme, manche ein weniger langsamer, aber sie geben sich Mühe. ABER natürlich muss ich alle Probleme managen, also steht ununterbrochen einer auf der Matte: "Ryan, die Patienten hat dicke Füße." - "Ryan, dem Patienten ist schlecht." - "Ryan, die Patientin hat eine Stelle. Was mache ich da jetzt drauf?" - "Ryan, dem Patienten, dem vorhin schlecht war, der hat jetzt Bauchschmerzen." Aber am Besten finde ich: "Ryan, der Arzt hat gesagt dieser eine Patient, ich weiß nicht mehr wer, soll verlegt werden." Du drehst irgendwann komplett am Rad - dann bin ich nebenbei die Stationssekretärin, die ist nämlich auch krank (oder auf Mallorca, wer weiß). Das Telefon klingelt alle 3 Minuten und jeder Anrufer hat eine neue Aufgabe für dich. Und dann bist du auch noch die Ansprechperson Nummer eins, sobald du im Dienstzimmer sitzt: Angehörige wollen was zum Gesundheitszustand ihres Opas wissen, stationsfremde Kollegen wollen irgendwas ausleihen, Patienten finden ihre eigene Station nicht, und zu guter letzte die Omas, die nach jeder Mahlzeit mit ihren Tablettenpöttchen vor dir stehen und wissen wollen, was da drin ist. Und alle viertel Stunde kommt ein dementer, Alkoholiker-Opa vorbei gelatscht und fragt ob ich Snaps dabei hätte ... dann schick ich ihn weg, er vergisst das unterwegs und dann steht er wieder vor mir: "Hassu ma nen Kurzen?" Du wirst wahnsinnig ... 

Und dann komme ich um 15 Uhr nach Hause und bin so erschlagen, dass ich erstmal 4 Stunden schlafen könnte - was ich aber nicht machen darf, weil ich sonst abends nicht einschlafen kann, bis Mitternacht wach bin und um halb 5 ja wieder der scheußliche Wecker klingelt. Und reizüberflutet fühle ich mich - so unendlich viele Menschen wollen so unendlich viele Dinge von mir auf Arbeit. Ich hab 5 Azubis, 3 Stationsärzte, 3 Oberärzte, 1 Chefarzt, in der nächsten Schicht sind noch mal 5 Leute, die Putzfrau, die Essenausteile-Frau, um die 40 Patienten, nochmal die gleiche Menge Angehörige, mit 3 Leuten aus der Röntgenabteilung hab ich heute geredet, mit 2 aus dem OP, mit 2 Schwestern der Intensivstation, eine aus der Tagesklinik, einen Psychologen, dann war eine Friseurin noch da - und dann klingelt das telefon noch 600 Mal. Und Steffi wundert sich, warum ich zuhause maulfaul bin. 

Und jeden Abend, wenn ich Frühdienst hab, sage ich: "Ich bin so müde, ich gehe heute um sechs ins Bett!" Aber um sechs gehe ich nie ins Bett, weil dann die Simpsons laufen. Dann ist es sieben und ich hab entweder irgendwas angefangen (Telefonieren, Rumdaddeln, lesen) und denke mir: "Nein, um acht auch noch früh." Um viertel nach acht kommt ein Spielspiel: "Nur mal reingucken." und natürlich gucke ich den zuende. Wenns gut läuft, liege ich um zehn im Bett, fühle mich dann aber nie müde (über den müden Punkt bin ich dann schon hinaus) und will nur ein einziges Kapitel in meinem Buch lesen ... und zack ist es halb zwölf und ich denke: "Scheiße! Nur noch 5 Stunden Schlaf! Jetzt aber schnell!" 

Eine Freundin von mir, erzählt mir immer, was sie alles nach dem Frühdienst noch alles macht: geht zum Sport, zur Zahnreinigung, trifft sich mit Freunden, kauft Geburtstagsgeschenke für die Schwiegermutter - und ich hänge den ganzen Tag in den Seilen.  Vor ein paar Monaten hat mich Steffi dazu überreden abends mit ins Kino zu gehen. Kaum ging das Licht aus im Kinosaal, merkte ich schon wie die Augen schwer wurden. Und dann ging das Kämpfen los: Nicht einschlafen, nicht einschlafen, konzentriere dich auf den Film. Nur mal ganz kurz die Augen zu machen .... nur ganz kurz, ein paar Sekunden ... "Ryan, schläfst du etwa?!!!"

 

07.07.2013 um 03:48 Uhr

Mein Goldstück von Frau

von: Ryan

Ein beinahe dramatischer Abend in meiner Küche. Dazu muss ich vorher sagen, im Moment sehe ich meine Freunde wieder regelmäßiger. Wir haben uns alle aus diversen Gründen in den letzten Wochen und Monaten wenig gesehen, dann bekommen alle wieder einen Rappel und plötzlich sieht man sich beinahe täglich. Wie es immer so ist, man hat viele Bekannte, "beinahe-Freunde", aber die richtig guten Freunde beschränken sich meistens dann doch nur auf eine Hand voll Menschen. Bei mir ist es mittlerweile so, ich habe drei sehr enge Freundinnen und zwei Kumpels, also fünf Menschen denen ich immer alles erzählen würde, bzw. die ich immer mag und gerne habe, egal was sie grade gemacht haben.

Eine Freundin zum Beispiel hat vor zwei Monaten ihre Hochzeit abgesagt. Sechs Tage vorher bekam sie plötzlich eiskalte Füße, fing an zu weinen bei dem Gedanken zu Heiraten und hat sich dann ein Herz gefasst und - ich muss sagen, mutige Entscheidung - hat die Hochzeit abgesagt. Ich als ihr Mann (im Sinne Lebenspartner) hätte sie wahrscheinlich sofort rausgeschmissen - als bester Freund hab ich natürlich die glückliche Lage einfach sagen zu können: "Egal was ist, ich steh hinter dir. Egal was für nen Mist du machst, ich bin und bleib dein Kumpel."

So, mit dem Hintergrund wollte ich mich eigentlich nur mit meiner anderen Freundin (die vom Festival) treffen, bisschen Wein trinken, Fotos vom Festival angucken und einfach nur reden. So war der Samstag Abend geplant - am Nachmittag bekam ich noch eine SMS von meinem Kumpel: "Ich hab gehört, dass sie heute Abend bei dir ist - darf ich nachm Spätdienst auch kurz vorbei kommen?" - "Klar sicher." Keine halbe Stunde später eine SMS von der Braut, die sich nicht traut: "Ich hab gehört Matthias und Claudia sind heute bei dir, darf ich auch kurz auf ein Glas Wein kommen?" Bei mir sind ja immer alle willkommen. 

Steffi hat sich abends verzogen (freiwillig), weil "das sind ja deine Freunde". Es geht nicht darum, dass Steffi sich unwohl fühlt, sondern dass wir gegenseitig respektieren einen eigenen Freundeskreis zu haben und mit diesem auch mal Zeit alleine zu verbringen. Steffi hat dann Christina vom Spätdienst abgeholt und hat mit der am Elbstrand ein Bier getrunken.

Worauf will ich hinaus? Ach ja, schwierige Themen. Wir sind mittlerweile alle so Ende 20, Anfang 30. Alle sind in längeren Beziehungen (zwischen 3 und 10 Jahren). Wir kennen unsere Partner auch alle sehr gut untereinander - mit Matthias Partner hab ich zum Beispiel zusammen in ner WG gewohnt. Nun krieselt die Beziehung der Braut und das ist natürlich im Moment immer ein großes und einnehmendes Thema. Ich kannte die Problematik zwischen den beiden jetzt schon, weil die Braut und ich gestern schon Wein trinken waren. Aber je länger man redete, desto mehr unangehmene Gemeinsamkeiten in den Beziehungen, bzw. der Männer wurde sichtbar: Er kommt nicht mehr von der Couch hoch, früher ist er noch mit mir ins Kino gegangen, jetzt hat er zu gar nichts mehr Lust. Sexualleben eingeschlafen, will nur seine Ruhe wenn er von der Arbeit kommt. Macht keine Komplimente mehr, bringt nie Blumen mit und so weiter und so fort. Selbst Matthias als schwuler Mann beklagte haargenau die gleichen Probleme wie die Mädels mit ihren Männern.

Natürlich kam immer und immer wieder Frage: "Ryan, du als Mann ... wie siehst du das?" Natürlich hab ich meine Meinung dazu gesagt, aber ich muss zugeben: ich fühlte mich deplaziert. Natürlich haben Steffi und ich auch unsere Probleme, aber nicht in dem Ausmaß. So Kleinigkeiten, dass der eine mehr putzt als der andere, sind normal. Und das technotyp mich unendlich angenervt hat, war nicht Steffis Verschulden. Unsere bisherigen Beziehungskrisen (ich erinnere mich an zwei wirklich Große, wo es wirklich nicht ganz klar war, ob wir zusammen bleiben) haben wir gut überstanden und sind dran gewachsen, wie man so schön sagt.

Mit dem Abend im Hintergrund muss ich sagen, ich hab mit meiner Frau den Jackpot gezogen, also beziehungsmäßig. So große, aufgestauhte Probleme haben wir praktisch gar nicht (bis auf Technotyp, aber da spielte sich auch viel in meinem Kopf ab), weil wir relativ schnell miteinander reden. Meine Frau ist für eine Frau relativ umgänglich, muss ich wirklich zugeben. Natürlich hat sie auch ihre zickigen Phasen, aber selbst von meinen besten Kumpelinnen möchte ich behaupten, dass die bei ihren Männern zuhausen nen Zacken schärfer zickig sind als meine bei mir. Bei uns ist es auch nicht so, dass immer nur ein Partner Treffen mit Freunden organisiert, wir gehen relativ getrennt voneinander los. Ich hab mich ja gestern zum Beispiel mit der Braut ein ein Glas Wein in einer Kneipe getroffen, Steffi ist mit ner Freundin und nem Kumpel zur "Barmbeker Kneipen-Tour" losgezogen (das bedeutet jede Kneipe ein Bier und ein Kurzer bei uns im Stadtteil). Um drei Uhr nachts haben wir uns zuhause getroffen und uns erzählt, wie unser Abend so war.

Mittlerweile akzeptieren wir uns auch so wie wir sind. Ich weiß, dass Steffi es mit dem Putzen nicht so hat (aber sie gibt sich Mühe, sie hat vorgestern unser Wohnzimmerregal entstaubt OHNE dass ich was gesagt hab), von mir wiederrum weiß sie ganz genau, dass sie vor zehn Uhr morgens mich nicht ansprechen darf, bzw. zu gemeinsamen Frühstückssessions hab ich mich auch nur im ersten Beziehungsjahr durchgerungen. Steffi liebt es Brunchen zu gehen, ich schlafe lieber mit Mittags.

Steffi und ich saßen vorhin noch in der Küche alleine, haben beide noch was getrunken und die Chips-Reste gefuttert, und ich habe sie gefragt, ob sie das genauso sieht wie ich, dass wir glücklich miteinander wären, und doch ja, sie kann sich vorstellen die nächsten 50 Lebensjahre mit mir als Mann zu verbringen. Ich glaube sogar, dass man sich als Mann sehr geehrt fühlen darf, wenn eine Frau bereit wäre mit dir Kinder zu bekommen UND auch groß zu ziehen. Ich muss auch ganz ehrlich zugeben, hätte ich Steffi nicht ausgebremst vor zwei Jahren, hätten wir bereits mindestens ein Kind. Steffi meinte im gleichem Atemzug heute Abend, als wir so drüber sprachen, dass man aber trotz all des Glücks usw. dennoch achtsam bleiben müsste.

Ich muss auch zugeben (angeben), dass wir uns sehr bemüht um den anderen zeigen. Kaffee ans Bett bringen kommt regelmäßig vor; wenn wir entgegen gesetzt arbeiten und uns wenig sehen, schreiben wir uns kleine Zettel mit "Ich denke an dich"; wenn ich einkaufen gehe, bringe ich ihr ihre Lieblingsschokolade mit, auch wenn diese nicht auf dem Einkaufszettel stand; wir laden uns gegenseitig zum Essen ein - auch ein Phänomen was anscheinend irgendwann abnimmt. Alle meine Freunde berichten, dass dieses "gemeinsam mal als Paar was trinken/essen gehen" beinahe gar nicht mehr vorkommt. Natürlich machen wir das auch nicht jede Woche, im Kino waren wir auch ewig nicht, aber jetzt grade heute sind wir spontan Essen gegangen, einfach nur weil man in dem Restaurant in der Sonne sitzen konnte.

Und ich muss ganz ehrlich und offen sagen, Steffi ist mit Abstand der psychisch gesundes Mensch, den ich wahrscheinlich jemals kennen lernen werde. Natürlich hat ihre Familie auch ihre Problematiken, aber es hilft schon sehr, dass Steffi zum einen eine wahnsinnig positive Grundeinstellung zu jeglichen Dingen in ihrem Leben hat, und zum zweiten natürlich soviel psychiatrisches Fachwissen besitzt, dass sie weiß, was sie für ihr eigenes Leben besser macht als die ganzen "Kloppis". Eine Weile, grade als Steffi anfing in der Psychiatrie zu arbeiten, war das ein großes Problem, auch zwischen uns. Steffi fühlte sich immer verantwortlich "psychiatrisch" korrekt sich zuverhalten und konnte das zuhause ganz schlecht abstellen. Am schlimmste war es, wenn ich mich versucht hab mit ihr zu streiten. Ich stand dann völlig aufgebracht und wütend vor ihr, hab ihr Vorwürfe gemacht bis unter die Decke, und sie saß seelenruhig vor mir, beobachtender Weise und sagte dann irgendwann ganz ruhig: "Ryan, ich sehe, du bist wütend." und ich bin richtig ausgeflippt, weil "Gefühle spiegeln" der älteste Psychotrick überhaupt ist, und ich das natürlich mitbekommen hab, wenn sie sowas zuhause abgezogen hat. Vor allem ist es das Schlimmste überhaupt, wenn du selbst stink sauer bist, manchmal muss man sich ja einfach anschreien und Reibungsfläche finden. Aber wenn dann einer völlig emotionslos vor dir steht und dich "analysiert" , drehste ja erst richtig frei. Das lag aber zum Beispiel daran, dass Steffi sich in ihren vorherigen Beziehung nie streiten musste, und irgendwann ein Streit zur Trennung führte. Das Streiten aber zu einer intakten Beziehung gehört, und man sich bei jedem Streit nicht gleich trennt, musste sie auch erst lernen. Mittlerweile kann Steffi Arbeit und Zuhause super trennen. Wenn sie in unserer Straße angepöbelt wird, schreit sie zurück, wo sie auf Arbeit professionell ruhig bleiben muss. Auch heute Abend fragte eine der Mädels: "Steffi (Steffi kam später dazu), du als Fachfrau, ist das noch normal oder ist das Verhalten von meinem Freund schon sowas wie eine Depression?" Und Steffi ganz cool: "Keine Ahnung, ich bin im Urlaub." Steffi sagt auch mittlerweile nicht mehr gerne, was sie beruflich macht, wenn wir neue Leute kennen lernen, weil sie einfach keine Lust hast, dass die Leute sich von ihr psychiatrisch bewerten lassen wollen. Meistens kommt dann gleich eine Lebensgeschichte mit schlechter Kindheit usw. 

Generell habe ich großen Respekt vor dem Beruf meiner Frau. Mittlerweile ist sie "dienstälteste Frau" auf ihrer Station (geschlossene Psychiatrie), weil die anderen diesen Job einfach nicht so lange durchhalten. Steffi hat viele Akutsituationen auf Arbeit, das bedeutet viele Übergriffe, Gewalt, Aggressionen - körperlich gegen Personal, Steffi hat da noch nicht viel abbekommen, ab und an ein blauer Fleck, aber sie sagt selbst, sie passt immer gut auf. Aber auch sexuelle Übergriffe und Drohungen, weswegen viele Frauen irgendwann nach ein paar Jahren aus diesem Bereich sich freiwillig versetzen lassen. Ich hab Steffi mal gefragt, wie es ihr damit geht, und sie zuckt wirklich nur mit den Schultern und sagt sowas wie: "Wenn mir ein verwirrter Typ mit Vergewaltigung droht, hör ich das schon gar nicht mehr. Ich hab doch einen Notfallpiper - der kann gar nicht so schnell die Hose aufmachen, wie er bei uns in den Gurten liegt." Ich bin ja der Meinung, wenn meine Frau nicht so ein grundauf positiver Mensch wäre, könnte sie so eine Arbeit nicht machen. 

Auch verrückt: Ich als Mann arbeite nur mit alten Omas, und sie als Frau schwerstkranken Psychopathen. Auf der anderen Seite wollen wir beide den Job des anderen nicht geschenkt haben. Wir waren auch noch nie auf der Station des anderen. Steffi kommt bei dem Geruch von "richtigen" Krankenhäusern die kalte Galle hoch, ich hingegen würde mich immer nur panisch umschauen, ob mir einer ihrer Patienten gleich den Schädel einschlagen will. 

Jetzt bin ich wieder beim Arbeitsthema gelandet - aber das nur kurz um auszudrücken, dass wir uns beide beruflich respektieren, obwohl wir die gleiche Ausbildung haben. 

Was natürlich auch ein großer Anteil unserer gut laufenden Beziehung ausmacht, ist nicht das miteinander reden können, sondern dass wir uns beide auch attraktiv finden. Ich kann mit nicht wenig Stolz behaupten, ich werde eine sehr schöne Frau heiraten. Aber natürlich hat sie die typischen Frauenprobleme: wird unruhig wenn sie einen Monat nicht beim Friseur war (ein Drama, sie lässt sich grade die Stufen rauswachsen, weil zur Hochzeit will sie ja lange Haare und eine Hochsteckfrisur) und natürlich der Klassiker: ein ganzer Kleiderschrank voll mit "nix anzuziehen". Nur so nebenbei: Ich hab mir vor zwei Monaten neue Converse Schuhe gekauft und die geschont und nie angezogen, weil ich meine alten, abgelatschten Schuhe aufm Festival tragen wollte, um die neuen nicht einzumatschen. Beim Festival hab ich ja nur Gummistiefel angehabt, also sind die alten Schuhe nicht eingematscht. Nun hat Steffi bei Bekannten auf den Hochzeitsfotos gesehen, dass der Bräutigam eiskalt Converse Chucks zum Anzug trug. Ich aus Spaß: "Hey, das sieht ja gar nicht schlecht aus, das mach ich auch." und hab mich innerlich schon auf die empörte Ohrfeige eingestellt. Steffi allerdings: "Das sieht echt nicht schlecht aus. Das kann ich mir bei dir auch gut vorstellen." Ende vom Lied: Steffi hat meine neuen Schuhe weggestellt, damit die vor der Hochzeit nicht schmutzig werden, dann brauchen wir keine neuen kaufen, kost ja alles Geld - und ich darf meine neuen Schuhe nicht anziehen. "Ach, ein Jahr kommste doch mit den Alten noch klar. Guck mal, da ist nur ein winziges Loch drin. Wasch die mal, dann sehen die wieder besser aus."

Ja, mein Goldstück von Frau ... also in einem dreiviertel Jahr ist Hochzeit, wir haben noch nix organisiert (Matthias vorhin: "Also ich hab Bekannte, die haben zwei Jahre lang pausenlos ihre Hochzeit organisiert!") aber wenigstens hat Steffi die Bräutigams-Schuhe schon mal zur Seite gepackt.

04.07.2013 um 17:20 Uhr

Der Zahnarzt-Phobiker hat Zahnschmerzen

von: Ryan

Ich werde heute irgendwie nicht richtig wach - dieses "neben sich stehen". Ich sehe verschwommen, hab schon den dritten Kaffee getrunken und es wird irgendwie nicht besser. Man wird halt alt.

Steffi ist wieder zurück, ich muss mich nach einer Woche alleine wieder dran gewöhnen, dass jemand direkt nach dem Aufwachen mit mir reden möchte. Dieses "Umeinander-Kümmern" ist mir grad noch fremd und wenn ich ehrlich bin, auch lästig. Dafür schlafen wir nachts wieder engumschlungen und verhalten uns sehr verknallt.

In meinem Freundeskreis stehen grad zwei große Trennungen an. Beide hochdramatisch. Die eine Freundin war mit ihrem Freund (jetzt Ex) zwar nur knapp ein halbes Jahr zusammen, dafür konnte der die Trennung nicht akzeptieren und die Folge seiner Demonstration war, dass sie die Polizei rufen musste und diese ihn der Wohnung verweisen musste. Das andere Pärchen durchlebt eine fast noch dramatischere Trennung, zwar ohne Gewalt oder eskalierendem Verhalten, sondern eher schleichende, wortlose Verletzungen seit Wochen. Sie bemühen sich beide umeinander, sind aber nur noch unglücklich, wollen ihre langjährige Beziehung nicht so einfach wegwerfen, aber der Drops ist gelutscht.  Beide sind völlig am Ende, seit Wochen, gereizt und einfach nur tief unglücklich mit der Situation. Grade mit dem Hintergrund bin ich sehr dankbar, dass meine Beziehung mit Steffi so stabil ist - auch wenn ich rausgefunden hab, dass mein Leben sehr viel ruhiger und einfacher wäre, ohne Frau. Aber so sind die Frauen - nicht einfach.

ich kann heute nicht richtig denken, ich hab Zahnschmerzen. Hab ich eigentlich schon länger (Steffi: "Wie bitte? Was heißt LÄNGER?") - ich hab immer mal wieder ein bisschen Zahnschmerzen seit ziemlich genau zwei Wochen, aber es ging wieder weg. Ich dachte erst, dass sei der blaue Fleck wegen dem Jochbeinbruch, der einfach jetzt auf die Zähne drückt. Dazu muss ich erklären, dass mir echt die Muffe geht, sobald ich auch nur an den Zahnarzt denke. Steffi macht mittlerweile meine Zahnarzt-Termine, und selbst davon sage ich immer die Hälfte ab, weil ich Panik hab hinzugehen. Naja, jetzt steht´s an, nachdem ich heute Nacht alle 4 Stunden vor Schmerzen aufgewacht bin und mittlerweile mehrere Gramm Schmerzmittel intus hab, um halbwegs klar zu kommen. Also hab ich heute todesmutig Zahnärzte in meiner Umgebung gegoogelt und mich natürlich für die freundlich-dreinblickende, ältere Dame entschieden, die auch auf Angstpatienten spezialisiert ist - hab all meinen Mut zusammen genommen und angerufen ... und die Praxis ist im Urlaub. Steffi hat schon geschimpft: "Das ist ein Notfall, geh zu wem anderes! Wir haben 7 Zahnarztpraxen im Umkreis von 1 km!" und sie hat ja recht, aber ich bin ein Lappen.