Boys don´t cry

17.10.2013 um 16:56 Uhr

Luxusproblem

von: Ryan

Musik: Eddie Vedder - No Ceiling

Nass-graues Wetter draussen, richtig hell wird´s wohl heute nicht mehr, kein Grund heute vor die Tür zu gehen. Bett-Wetter. Irgendwie kann ich mich zu nix aufraffen, ich könnte mein Buch weiter lesen oder Breaking Bad weiter schauen, aber irgendwie fehlt mir die Motivation irgendetwas zu tun. Ich bin schon stolz darauf, dass ich das tägliche Duschen hinter mich gebracht habe. Wahrscheinlich bin ich einfach nur erschöpft vom arbeiten - nach nen ziemlich harten Arbeitsturn hab ich wieder ein paar Tage frei - daher ist es nicht so schlimm, dass ich so lust- und motivationslos in der Wohnung rumhänge. Gleichzeitig bin ich aber immer noch so unzufrieden mit meiner jetztigen Arbeitssituation, dass ich trotz Freizeit nur schwer abschalten kann.

Es ist noch nicht mal die Tatsache, dass die Station selber sehr arbeitsaufwändig ist - eher diese Stimmung zwischen den Mädels. Wie beschreibe ich es am besten? Steffi drückte es so aus: "Da gibts aber echt viel Mobbingpotential." Ich will nicht sagen, dass ich gemobbt werde, ich komme ganz gut klar (im Gegensatz zu anderen Kolleginnen), tue aber auch mein Bestes um nicht unangenehm aufzufallen, sprich ich arbeite viel weg, versuche vorrausschauend und kollegial zu sein, auch wenn ich genau weiss, dass jenes Verhalten nicht erwiedert wird. Ich halte mich aus den täglichen Lästereien rauszuhalten, keine Partei zu ergreifen und einfach unter dem Radar zu schwimmen solange bis die Schicht vorbei ist. Wie gesagt, ich komme gut klar, aber wer weiss wie schnell sich das ändern kann. Gleichzeitig wurde ich diese Woche schon zweimal relativ unbegründet angemacht, weil ich einfach nur im Blickfeld einer Kollegin war, die grade schlechte Laune hatte.

Heute morgen bin ich mit Rückenschmerzen aufgewacht, und bin dementsprechend ungnädig. Noch nicht so schlimm, dass ich ne Tablette nehmen müsste, aber schon so, dass ich ordentlich bewegungseingeschränkt bin - und nach beinahe zehn Jahren in meinem Beruf liegt der Verdacht nahe, dass es nicht nur einfach Muskelverspannungen sind, sondern wahrscheinlich die ersten Abnutzungserscheinungen meiner Wirbelsäule - vor allem, weil immer die gleichen drei Stellen wehtun, wenn ich mal wieder Rückenschmerzen hab. Steffi und ich unterhalten uns zur Zeit viel darüber, was ich alternativ machen könnte. "Ich kann meinen Job machen bis zur Rente, du deinen nicht!" sagt sie. Und sie hat recht. Gerade heute brachte sie nen Flyer von ner psychiatrisch-betreuten Wohngruppe für drogenabhängige Jugendliche mit nach Hause: "Wäre das nix für dich? Du kannst doch so gut mit Suchtis."

Letzte Woche waren wir abends unterwegs, kurz vor acht Uhr - eine Uhrzeit zu der die Bürgersteige in manchen Stadtteilen hochgeklappt werden und die Geschäftsbesitzer ihre Läden zuschließen. In genau dem Moment stolpert eine ehemalige Kollegin von mir aus einem kleinen, familiär wirkenden Bekleidungsgeschäft und hantiert mit nem Schlüssel an der Tür. Bei nem Kaffee erzählte sie uns dann, dass sie sich vor ein paar Jahren selbständig gemacht hat, anstatt sich mit kranken Menschen rumzuschlagen lieber teuere Designer-Kleider verkauft - und damit hundert Mal glücklicher ist. Angeblich gäbe es keinen Tag, an dem sie nicht gerne zur Arbeit gehen würde. Hobby zum Beruf machen oder so ähnlich. In meiner jetztigen Gefühlslage schwer vorzustellen, dass es wirklich Menschen gibt, die gerne zur Arbeit gehen - da könnte auch jemand komme, und mir erzählen, dass es neuerdings Einhörner und Trolle gibt. 

Wenn ich aus dem Fenster sehe, trägt der Anblick aber auch nicht zur guten Laune und motivationsschwangeren Gedankengut bei. Zu nichts bekomme ich mich selbst motiviert im Moment. Wenn ich mein Buch in die Hand nehme, möchte ich sofort einschlafen - wenn ich fernsehe, bekomme ich nach ner halben Stunde ein schlechtes Gewissen weil ich wieder nur rumsitze - zumindest tagsüber. Dabei hab ich eigentlich einiges auf meiner To-Do-Liste: Steffi wird nächste Woche 30 und dieses Jahr wird sie mit Geschenken überhäuft, die ich alle mal einpacken sollte. Gleichzeitig müsste ich eigentlich mit diversen Freunden in Kontakt treten, die Geld sammeln wollten für ein großes Geschenk. Und ihre Party organisiert sich auch nicht von alleine ... aber ich hab keine Lust, gar nicht ... auf rein gar nichts.  Decke übern Kopf ziehen und warten bis es besser wird von alleine. Ein Luxusproblem, wenn man zuviel Zeit und zuwenig Antrieb hat.

01.10.2013 um 19:06 Uhr

Warum Frauen nie still sein können

von: Ryan

Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit meinen Blog vernachlässigt hab, muss ich wohl doch nochmal was schreiben. Was schreib ich denn? Ich bin just in diesem Moment so kopfleer. Das kommt vom Frühdienst - 6 Frühdienste hat meine derzeitige Chefin mir aufgedrückt - heute Gott sei Dank der Letzte - aber 6 mal klingelte der Wecker um 4.30 und jedes Mal dachte ich: "4.30? Das kann doch jetzt nicht wahr sein ..." Um diese Uhrzeit isses ja noch mitten in der Nacht ... aber wenn man duschen will, vielleicht noch kurz was frühstücken und dann noch nen Arbeitsweg absolvieren muss, gehts nicht anders. Allerdings neige ich dazu, meinen Wecker jeden Tag etwas später zu terminieren - nur um wenige Minuten, aber wenn man das jeden Tag macht, kommt man irgendwann zwangsläufig nicht mehr pünktlich zur Arbeit.

Dann sitze ich um 6.00 (heute um 6.07 ... das Weckerproblem nach 6 Frühdiensten) mit schlecht gelaunten Kollegen am Tisch und schlurfe apathisch Kaffee. Und dann gehts los: Blutdrücke messen, Azubis und Praktikanten koordinieren. Wer wäscht wen, wer hat welche Aufgabe zu erledigen? Blöder Weise führe ich seit 6 Frühdiensten mit den gleichen beiden Praktikantinen die gleiche Diskussion: Warum dürfen Sina und Julia nicht zusammen arbeiten, sondern sollen jeder eigene Aufgaben übernehmen? Ihr Argument: "Wir arbeiten schneller zusammen." Mein Gegenargument: "Nein, tut ihr nicht, ihr quatscht euch fest!" - "Tun wir gar nicht!" - "Doch!" Mal davon abgesehen, wenn ich weiss, dass ich an Sina eine Aufgabe deligiert habe, weiss ich auch, dass Sina sie gemacht hab. Ansonsten höre ich: "Ich dachte, Julia macht das." - "Aber ICH dachte, Sina macht das." und letzten Endes bleibts wieder an mir alleine hängen. Mittlerweile kann ich auch nicht mehr nachvollziehen, warum die Mädels dauernd zusammen glucken wollen. ICH bin mittlerweile richtig dankbar, wenn ich ne Aufgabe hab, bei der ich nicht ständig vollgesabbelt werde. Mittlerweile übernehme ich beinahe dankbar die Versorgung unseres hochaufwändigen Wachkoma-Patientens, weil dass der einzige Mensch weit und breit ist, der mich nicht ständig vollquatscht.

Das ist wahrscheinlich so ein Frauending - immer was reden müssen. Erst reden die Patienten nonstop mit dir, dann kommt um 8.00 die Ärztin, die ausführlich ne Übergabe haben möchte, zwischendurch klingelt gefühlte 500 Mal das Telefon, dann will meine Chefin was von mir, dann wollen die Praktikanten wieder was sagen. Selbst beim Frühstück wird pausenlos geschnattert - entweder wird sich über irgendwas mehr oder weniger Belangloses aufgeregt oder alle wollen von ihrem Privatleben erzählen. So bin ich zum Beispiel bestens informiert über den Zustand des Gartens meiner Chefin und warum der neue Freund der Azubine der geilste Typ auf Gottes schöner Erde zu sein scheint. Außerdem hatte der Ehemann unserer Stationssekretärin wieder einen Hexenschuß und nun von den Tabletten noch ein Magengeschwür obendrauf. Will ich sowas wissen? Nein ... als misantrop will man aber auch nicht gelten, also isst man in der Gesellschaft seiner geschätzen Kolleginnen.

Manchmal hab ich Glück und bin wenigstens in meinen zwei kurzen Zigarettenpausen ganz alleine ... aber meistens trifft man selbst dann irgendwen. Entweder ne Schwester von ner anderen Station, eine Krankengymnastin oder vielleicht noch ne redseelige Reinigungskraft. Und wenn du dann auch nur versuchst einem Gespräch auszuweichen, in dem man(n) nur noch knapp antworten, wie zum Beispiel: "Wie gehts deiner Freundin?" - "Gut." - "Und dir?" - "Auch gut." - "Was machstn du heute noch?" - "Mal gucken." kommt sofort: "Sag mal, hast du was? Gehts dir nicht gut?" und du musst dich 10 Minuten rechtfertigen, dass WIRKLICH alles okay ist. Und als ich neulich sagte, ich hätte einfach nur Kopfschmerzen und wolle mal kurz meine Ruhe, kam auch sofort: "Du arbeitest zuviel, kein Wunder bei dem Stress ... bla bla bla ... sabbel sabbel sabbel ..." Nix mit Ruhe, die Mädels verstehen das einfach nicht. 

Und dann komme ich nach Hause, freue mich schon auf einen ruhigen Nachmittag - da steht natürlich meine Lebensgefährtin in den Startlöchern und möchte sich auch mitteilen, wie ihr Tag war, wie mein Tag war ... und wieder bla bla bla ...  mittlerweile sind wir ja lang genug zusammen, dass sie mir nicht mehr böse ist, wenn ich dann sowas sage wie: "Kann ich ne halbe Stunde für mich alleine haben? Ich brauche Ruhe." - "Ja klar, erhol dich mal." Gestern hat sie dann ne halbe Minute später angefangen zu telefonieren - lautstark ... durch zwei Räume hindurch konnte ich jedes Wort mithören. 

Gut, zur Verteidigung meiner Umwelt: ich bin seit drei Tagen super erkältet. Halsschmerzen, Gliederschmerzen, bin heiser und verschnupft - allerdings nicht so dramatisch schlimm, dass ich mich krank schreiben lassen muss und ins Bett gehöre. Aber schon so, dass ich leidlich, ungnädig und wirklich schnell angenervt bin. Und dann um 4.30 aufstehen, stressige Dienste, weil die eine Hälfte der Kolleginnen krank zuhause liegt und die andere krank zur Arbeit kommt. Und grade dieses frühe Aufstehen und frühe Arbeiten erschöpft total - ich gehe mittlerweile freiwillig um 20.00 ins Bett - wenn ich noch lesen will im Bett sogar noch früher - wobei man das nicht "lesen" nennen kann, wenn einem nach 3 Wörtern die Augen zufallen. Ich lese seit 4 Tagen an einer einzigen Seite und weiss immer noch nicht, was im ersten Absatz passiert.

Das Problem ist, Schatzi schreibt grad an einer Hausarbeit, ist folglich den ganzen Tag zuhause und mitteilungsbedürftig, wenn ich nach Hause komme. Und freut sich immer schon, dass wir Nachmittags "Zeit miteinander verbringen können". Einen Tag hab ich mich wirklich aufgerappelt und bin bis zum späten Abend mit ihr shoppen und essen gewesen. Aber nach ner Woche Frühdienst fühle ich mich kaum noch in der Lage auch nur 10 min auf dem Sofa zu kuscheln, ohne dabei einzuschlafen. Sie hat dafür kein Verständnis, weil ihre Arbeit so komplett anders ist als meine. Schönes Beispiel von neulich: Ich sage: "Ich bin so erschöpft von der Arbeit, alles tut weh und ich könnte sofort schlafen gehen." dann sagt sie: "Ich bin auch so müde. Ich saß heute mittag auf ner Parkbank als ich mit zwei Patienten spazieren war und dachte, ich schlafe gleich ein."  Ich mache irgendwas falsch, meine Freundin verdient ihr Geld indem sie auf ner Parkbank sitzt und ich mache mir täglich den Rücken kaputt.

Nicht das gleich wieder kommt: Du wolltest doch kündigen. Jaaa, hatte ich vor, allerdings haben sich mittlerweile einige Möglichkeiten ergeben, zum Beispiel auf eine weniger arbeitsaufwändige Station zu wechseln. Vor nen paar Wochen hab ich mich freiwillig gemeldet auf einer psychiatrischen Station Nachtdienst-Vertretung zu machen - und die Stationsleitung war ganz zufrieden mit mir und fragte, ob ich mir vorstellen könnte dort zu arbeiten. Natürlich, locker Leben. Abends hab ich den Patienten hallo gesagt, ein paar Medis verteilt, bißchen aufgeräumt, Dienstzimmer vorbereitet und ab spätestens Mitternacht waren alle Patienten im Bett und ich hab die Nase in ein Buch gesteckt. Ab und zu schlich mal nen Patient vorbei, der nicht schlafen konnte, kurz mal reden und dann hatte ich wieder Ruhe zum lesen. Und das für das gleiche Geld! Und grade heute mittag kam diese Stationsleitung vorbeigewackelt, um zu fragen ob ich mir vorstellen könnte nächste Woche wieder Nächte zu machen, weil dort auch soviele Krankheitsfälle wären ... dankbar nehme ich die Nächte! Lieber 10 Nächte in der Psychiatrie als einen einzigen Tagdienst in der Somatik. Mittlerweile wäre es auch einfach vernünftig in eine rückenschonende Abteilung zu wechseln, nachdem ich schon Unmengen Geld in ABC-Wärmepflaster investiert hab - und ich bin noch nicht mal 30.

Morgen endlich mal ausschlafen - aber nach 6 mal früh aufstehen, werde ich am 7. Tag pünktlich um 4.30 wach werden, völlig weggetreten und automatisiert ins Badezimmer schlurfen, beim Zähneputzen das seltsame Gefühl haben, dass heute was anders ist als sonst ... und hoffentlich noch zu merken, dass ich mich wieder hinlegen kann, bevor ich angezogen im Treppenhaus stehe. Vor nen paar Jahren musste ich mal 10 (!) Frühdienste machen. Da denkt man nicht mehr drüber nach, was für ein Tag ist und ist zu erschöpft um irgendwas zu hinterfragen oder gar selbstständig zu denken ... zumindest bin ich dann pflichtbewusst am 11. Tag wieder zum Frühdienst auf Arbeit aufgetaucht. Die Kolleginnen waren so fair mich drauf hinzuweisen, dass ich ja eigentlich frei hab. Und ich nur: "Wirklich? Cool ... ja also, dann ... fahr ich mal wieder nach Hause."