Boys don´t cry

12.09.2012 um 23:36 Uhr

ALLES nervt

von: Ryan

Musik: Billy Talent - Dead Silence

Da bin ich wieder - lange nichts geschrieben, aber viel gewesen. Wo fang ich an?

Die letzten Tage waren eine einzige Katastrophe, überarbeitet, erschöpft, depressiv. Arbeiten macht echt keinen Spaß mehr. Ich mag meine Station total gerne, ich mag die Leute, ich mag die Atmosophäre. Aber alles andere hasse ich. Es ist nichts da, wegen jede, Absaugkatheter latsche mir die Haken ab. Erst Station A - hat ihn nicht - Station B klugscheisst rum: "Warum bist du nicht auf Station A gegangen." - "Da komm ich her, du Pappnase!!" - zuletzt die Psychiatrien: "Absaug-waaaahaaas?" Es nervt, jeden Tag das Gleiche. Und alles nur für´s Geld. Schnell, schnell mit immer weniger Geld. Und in jede Ecke wird noch ein Bett gebaut, denn jeder Patient bringt Geld. Sitzecke weggebaut, eine tragbare Wand davor gestellt und man nannte es neues Patientenzimmer. Ätzend. Und die Patienten merken das auch: "Äh, Pfleger, das ist ´ne Ecke, kein Zimmer." - "Ich weiss." - "Da soll ich nicht schlafen oder?" - "Es tut mir leid ..." Immerzu entschuldige ich mich für meine Geschäftsführung. Für Dinge, für die ich nichts kann. 

Dann eine neue Kollegin nervt mich unendlich. Sie ist sehr jung, Anfang 20, vor nicht mal 6 Monaten Examen gemacht und lehnt sich gegen alle auf: "Aber ich hab mich dagegen entschieden das so zu machen, wie wir es immer machen." Und ich stehe mit weitaufgerissenen Augen daneben und denk mir: "Warum macht die so ´ne Scheisse?!" Es geht nicht um unnütze, einfahrene Strukturen, sondern um solche die Wichtig sind, wie zum Beispiel um 5.30 einen Parkinson-Patienten zu wecken, damit der seine Medis nimmt. Wenn der die später nimmt, ist der den ganzen Vormittag und Mittag zu nix zu gebrauchen. Nein, Fräulein guckt lieber ihren Film im Nachtdienst zuende als zu arbeiten. Oder so Sachen wie Akten verlängern: "Ich hab mich dagegen entschieden, es gibt ja auch noch einen weiteren Dienst, der das machen kann!" Zwischendurch bin ich richtig ausgerastet und hab der so wütende Ansagen gemacht wie: "Noch so ein Ding und ich reiss dir den Kopf persönlich ab!" Komischer Weise mag sie mich trotzdem - oberätzend.

Bewerbungen laufen schleppend. Ich hab einige geschrieben, aber niemand meldet sich. Ich sehe mich schon sterben in dem Drecksladen. Ich dachte wirklich, alle würden sich um mich reissen. Ich bin jung, männlich (ich kann nicht schwanger werden), ich habe lange stationäre Erfahrung, ich bin fit und lernwillig. Immerhin bin ich ein Mensch, der nur sieht, welche Diagnose der Patient hat und fange sofort mit den Massnahmen an, ohne das eine Arzt nur eine Piep gesagt hat. Eine unserer Oberärztinnen liebt mich dafür abgöttisch. Ich geniess wirklich einen sehr hohen Status da, wo ich jetzt bin. Zum Beispiel hatte ich mit der Oberärztin zusammen Reanimationstraining und ich habe verbissen der Rea-Puppe versucht einen Tubus zu schieben. Das ist eigentlich Arzt-Aufgabe. Mittlerweile hab ich schon drei erfolgreich bei Menschen gelegt, dank der Oberärztin, die mich dazu bestellt hat und augenzwinkernd sagte: "Zeig mal was du kannst."

Ja, ich langweilige mich auf Arbeit. Es ist unbefriedigender Stress. Blutdruckmessen, waschen, Patienten wiegen, Frühstück verteilen, bei der Visite dabei laufen, dies und jenes erledigen zwischen durch, also Patientenwünsche "Ich möchte ´ne Zeitung", dann Aufnahmen, Aufnahmen, Aufnahmen, Medis verteilen, Windeln wechseln ... ich gehe soweit zu sagen, dass ich Herzstillstände herbei sehne, weil dann mal was anderes passiert. Ich werde endlich gefordert. Alles andere hab ich schon 500mal gemacht, wenn nicht sogar öfter. Es gibt nichts, worauf ich nicht reagieren kann oder alleine fertig werde. Letzte Woche kam eine übergwichtige Frau keuchelnd im Nachtdienst aus ihrem Zimmer und brüllte: "Ich kriege keine Luft!" Ich hab sie auf ´nen Stuhl gesetzt, mich selbst gegenüber, "Luftmesser" angeschlossen und je länger sie da saß und mit mir redet, verschwand die blaue Hautfarbe, wurde wieder rosig und die "Luft" im Gerät stieg auf ein Normallevel an. Ich ruf bei so ´nem Kram nicht mal mehr ´nen Arzt an. Die Ärzte wissen auch mittlerweile, wenn ich Dienst hab, fang besser an zu rennen, wenn ICH anrufe. Das ist es nämlich ernst. Alles andere krieg ich alleine geregelt.

Ja, das ist mein guter Ruf. Irgendwie auch Narrenfreiheit. Vielleicht bin ich deswegen so zögerlich mit Bewerbungen. Die anderen Krankenhäuser wissen ja nicht wie gut ich bin - ist bestimmt nicht gut, wenn ich gleich so über die Strenge schlage. Meine Verlobte sagte, das ist ein Vorwand, weil ich Angst vor Veränderung habe. Stimmt.

Im Moment ist so´ne Phase, in der ich eh so eingefahren und unglücklich bin. Ich nehme mir vor etwas zu verändern, ein Buch zu lesen zum Beispiel, nur mal so - und schaff´s nicht. Ich komm von der Arbeit, dann mach ich unseren Tieren was zu essen, putze etwas, gehe einkaufen, mache uns was zu essen. Wäsche zwischendurch und schwuppdiwupp sitze ich abends auf der Couch und hab kein Buch gelesen.

Steffi nervt mich im Moment auch irre an. Im Moment haben wir den Plan, wir wollen grün. Wir möchten eine Erdgeschoss-Wohnung mit Garten, Terrasse oder sowas. Und ich will einen Hund. Nachdem ich den Hund meines Bruders eine Woche hüten durfte, als der mit seiner Familie in Urlaub geflogen ist, möchte ich einen Hund. Spazieren gehen, einen Kumpel haben, der sich freut wenn ich nach Hause komme. Ich liebe Hunde, absoluter Hundemensch. Kein Welpe ist vor mich sicher. Und jetzt, wo wir uns nach einer neuen Wohnung umsehen, fängt Steffi immer an von Haus kaufen. Steffi will ein Haus kaufen, weil - und jetzt kommt´s - wir die Miete, die wir zahlen ja auch besser in eine eigenes Haus investieren können. Da hat sie irgendwie recht. Aber ich will mich noch nicht soweit binden. Ein Haus bedeutet Verantwortung, jahrzehnte lange Verschuldung mit ´nem Kredit, Bindung an einen Platz - und das Schönste: Wer macht die Anzahlung? Steffi nicht. Die hat kein Geld. Steffi kann einfach nicht mit Geld umgehen. Sie sieht 200 € Überschuss auf ihrem Konto und denkt sich sofort: "Oh, was kann ich mir davon bloss kaufen?!" und Ryan, der Depp, hortet sein Geld brav zusammen. Oberste Bedingung bei einer Heirat: getrennte Konten.

Das heisst nicht, dass ich ein Geizhals bin. Ich möchte gerne in unsere Zukunft finanzieren. Aber wenn ich mich in unserer Wohnung umsehe, sehe ich einen Tisch und ein Besteckset von ihr. Den Rest inklusive Kaution kam von meinen Konto. Ich bin da nicht böse drum, ich hab das gerne für unsere gemeinsame Wohnung gezahlt. Ich wollte eine Bett für uns, ich wollte einen großen Fernseher für uns, ich wollte ein großes Bücherregal, ich wollte das wir eine schöne Couch haben.

Mein Problem ist eher, das Steffi Pläne macht, die ich nicht will. Vor ein paar Tage erzählte sie was von großem Grundstück mit Hühnern. Und da ist das Problem: Steffi will ländlich wohnen, Rand von Hamburg. Ich will unbedingt zentral bleiben. Ich könnte auch glücklich werden, wenn ich mein ganzes Leben lang in einer Mietswohnung bleibe. Ich denke auch grade gar nicht so weit. Mein nächster Lebensschritt ist eine Wohnung mit Garten und mein Hund. Die Heirat noch. Sonst nichts. Alles kann, nichts muss. Nein, Steffi ist da anders: "Aber ich will mal so gerne meine eigenen Bio-Eier essen." - "Schatz, aber weiss du denn, was Hühner im Unterhalt kosten?" - "Ja nix, meine Oma hatte Hühner und die haben das Gras von der Wiese gefressen!" - "Schatz, meine Oma hatte auch Hühner, und innerhalb von 2 Wochen war da kein Gras mehr, was die fressen könnten!" - "Ja, dann kriegen die, was wir vom Abendessen übrig lassen!" - "Die brauchen Hühnerfutter, und wöchentlich frisches Stroh und im Winter muss man die mit Hafer füttern." - "Nein, Ryan, meine Oma hatte Hühner und ich weiss wie das läuft! Die sind günstig!" - "Meine Oma hatte auch Hühner, und es ist günstiger Bio-Eier zu kaufen!" und so geht die Diskussion bis open-end weiter. Gestern Abend saßen wir beim Italiener und Steffi fing von ihrer eigenen Bio-Kuh names Berta an. "Und stell dir doch mal vor, du wäscht grade das Geschirr ab und Berta stubbst mit der Nase ans Küchenfenster, weil sie weiss dass ich zu streng bin, um ihr ein Leckerlie zu geben, aber du mein Schatz, du bist derjenige, den die Tiere alle viel lieber mögen. Und Berta krieg bei dir immer aus dem Küchenfenster ein Leckerchen rausgereicht. Stell dir das mal vor Ryan, wie schön wäre das?!" Ich will das nicht, das ist nicht meine Zukunft. Ich bin ein Grosstadtmensch. Ich will keine Kuh, ich will keine Hühner, ich will nicht am Arsch der Heide wohnen. Ich will nicht jeden morgen um 6.00 aufstehen, um alle Tiere zu füttern. Nein, das bin nicht ich. Ich will keinen Bauerhof, da ist es immer schmutzig. Bauernhof für ne Woche Urlaub ist okay, aber nicht für immer. No Way!

Und ich muss dazu sagen, ich bin - nein, besser gesagt, ich will ein entspannter Mensch sind. Ich hasse aggressive, aufbrausende Menschen. Das ist auch eins meiner großen Probleme, dass ich meine Wut unterdrückte. Sie macht mich wütend, ich schluck es runter und sammel es, solange bis ich unzufrieden und tottraurig bin. Gestern nicht. Ich bin fast geplatzt. Steffi wieder weiter mit ihrem Bauerhof: "Aber ich habe eine Arbeitskollegin, die hat mit ihrem Mann jetzt einen Bauernhof, einen ganz kleinen, aber die fahren wir morgen besuchen. Zum Frühstück!" - "Steffi, ich will das nicht." - "Doch, doch. Oder lieber abends? Dann kannst du mit ihrem Mann ein Bier trinken? da kannst du auf den Gemüsegarten schauen!" - "Steffi, nein, ich will das nicht." - "Doch, das machen wir, warte ich ruf mal an." Und in dem Moment, wo Mäuschen schon das Telefon am Ohr hatte, hab ich echt auf´n Tisch gehauen und ihr angedroht gleich so heftig auszurasten, wie sie mich noch nie ausrasten sehen hat. Mitten im Restaurant vor allen Leuten. Und dann kam nur ein "Ich wusste nicht, dass du wütend bist." - "Doch ich bin irre wütend." - "Ich dachte, ich ärger dich nur ein bisschen."

Und genau das isses. Sie weiss nicht, wann Schluss ist. Steffi kriegt keinen Kompromis auf die Reihe. Vielleicht würde ich mich breit schlagen lassen, aus dem Zentrum raus an den Rand nach Hamburg, aber noch dort, wo die U-Bahn fährt. Ein mittelgroßes Grundstück, wo man 3 Hühner halten kann - aber sie kommt dann gleich mit Schafen, Kuh Berta und Pferden zum reiten. Sie ist da auch nicht realistisch, wir können froh sein, wenn wir den Kredit abbezahlen können. Wir verdienen nicht viel in unserem Job. Sie ist ja jetzt schon jeden Monat blank mit ihren derzeitigen Ausgaben. Vielleicht bin ich auch einfach zu hart und realistisch, und im Moment zu negativ eingestellt, aber wie will sie denn eine Kuh finanzieren? "Wir können die Milch doch verkaufen." - "Stellst du dich dann 12 Stunden an den Straßenrand?!" - "Nee, die Leute finden unsere Milch so lecker, dass sie viel bezahlen werden." - "Klaust du neuerdings Medikamente auf Arbeit?!!"

Sie macht mich irre, wir führen nur solche dumme Diskussion, die zu nix führen. Und ich glaube, sie meint das noch nicht mal alles komplett ernst. Ich glaube, sie würde schon gerne, aber sie möchte wissen, wie weit ich mit ziehen würde. Ich glaube, ich mache morgen mal eine Ansage, sowas wie: "Wenn du in deinem Leben wirklich solche Ziele verfolgst, bin ich der Falsche. Dann verlass mich und melde dich bei Bauer sucht Frau an."

Ich merke jetzt erst beim schreiben, wie wütend ich bin. Ich hab mich Tage lang mit Symptomen wie Schwindel, Herzklopfen, Halsschmerzen, Unruhezuständen usw. durch die Gegend geschleppt. Ich dachte, ich kriege eine Angina, nein ich bin nur wütend. Ich bin immer wieder fasziniert, was die Psyche mit einem macht. Ich will nicht wütend sein, bin es aber, unterdrücke es und mein Körper rächt sich an mir.

Neuigkeiten gibt´s im übrigen auch in meinem Leben. Nachdem ich gemerkt habe, dass es mir wieder schlecht geht, muss ich mehr auf mich achten. Also wirklich ein Buch lesen, wenn ich es will. Einfach nur mal Musik hören. Ewig nicht gemacht. Ich schreib jetzt ab sofort, was ich beim Blog-schreiben gehört hab - das soll keine Wertung über die Musik sein, nur eben was ich gehört hab. Heute hab ich zum Beispiel in Billy Talent´s Dead Silence reingehört - hab ich mir heute gekauft, keine Ahnung, was ich davon halten soll, ich brauch immer ein bisschen bis ich mich "reingehört" hab.

Und ach ja, ich bin Vegetarier, auch neu. Ein blogfüllendes Thema, also mehr im nächsten Eintrag.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenmarie schreibt am 16.09.2012 um 10:54 Uhr:Hallo Ryan! Ich lese schon sehr lange Deine Einträge, weiß im Grunde gar nicht mehr, wie ich überhaupt auf Deinen Blog gestossen bin. Naja, es ist so, dass ich auch Krankenschwester bin, hab über zehn Jahre auf einer Internen Station gearbeitet. Die Zustände im Krankenhaus waren auch bei mir ganz genau so wie Du sie immer beschreibst. Ich sag Dir, ich kann das alles so was von nachvollziehen... Mich hat das immer echt angekotzt, ich war zwar am Schluß in einer leitenden Position - aber ich sag Dir, meine Mitarbeiter haben mir jeden Tag mehr leid getan, im grunde wollte ich von denen gar nicht das verlangen, was ich verlangen musste. Ich hab so lange überlegt dort weg zu gehen, mich haben die gleichen Gründe daran gehindert wie dich. Aber letztendlich hab ichs getan, war ein sehr schwerer schritt. Jetzt bin ich in einem ganz anderen Bereich, kurze Rede langer Sinn, ich bereue es, den Schritt nicht schon früher getan zu haben. Ich frage mich jetzt, wie ich das überhaupt so lange ausgehalten hab. Ich hab eine komplett neue Lebensqualität. Was ich Dir sagen will: TU ES EINFACH! Mit Deiner Einstellung zur Arbeit wirst Du es überall schaffen und überall wieder so beliebt sein. Aber es wird um ein vielfaches Besser werden.
    Das wollt ich Dir nur sagen, ganz liebe Grüßen und halt uns weiter auf dem Laufenden!
    Marie

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