Boys don´t cry

06.05.2007 um 03:59 Uhr

Alles ganz fantastisch Scheisse

von: Ryan

Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll. Ich mag mein Leben eigentlich total gerne, und ich weiss auch ganz genau, dass ich keine Depression habe oder ähnliches - ich weiss ja immerhin wie sich sowas anfühlt - es ist nur alles grade so unendlich frustrierend und einfach fantastisch Scheisse. Und wenn ich meine Freunde nicht hätte - so wie Tanja und etc. - dann wüsste ich auch nicht weiter.

Ich hab auch den Verdacht, das ich grade etwas weniger belastbar bin als sonst, weil ich eben die ganze Woche Nachtdienst habe, keinen effektiven Schlaf bekommen habe und unter Schlafmangel bin ich definitiv ungeniessbar, heulig, unzufrieden und einfach motzig. Und vor allem heulig. Ich könnt heulen wegen allem.

1. Der Stress - wenn ich durch´s Examen fallen ist meine Leben zuende. Ich liebe meine Arbeit - nein ich fall ich nicht durch. Wenn ich lerne, krieg ich ne 1, wenn ich nicht lerne ne 3. So muss ich das sehen, sonst fall ich in ein tiefes Loch.

2. Intensivstation - man kann es mir nie einfach machen. Ryan hat was drauf, den fordern wir mal - und sie haben Spaß dran mich zu fordern. Und alle in meiner Umgebung sind davon überzeugt, dass ich das schaffe, dass es ein Privileg ist auf einer Intensivstation sein Examen abzulegen - und ich hab ANGST, ich habe unendlich große Angst. Ich weiss, dass ich gut bin, aber nicht so gut. Sie überschätzen mich. Ich hab das Gefühl als sei ich ein Blender - ich überzeuge alle von mir, alle sind begeister von meinen Leistungen und ich verdecke damit, was ich NICHT kann. Ich erwarte viel von mir und ich kann schon meinem eigenen Standart nicht gerecht werden - ich schaff es durch die Prüfungen, klar ... aber auf jeder anderen Station hätte ich locker ne 2 gemacht - auf der Intensiv werde ich nicht so locker durchkommen. Dadurch sind meine eigenen Erwartungen wieder ne Ecke hochgeschraubter und ... ich halt alleine den Druck, den ich mir selbst mache kaum aus und alle erwarten, dass ich da nen großartiges Examen hinlege. Aber ich weiss nicht mal annäherend soviel wie ich wissen sollte - ich fühl mich wirklich wie ein Blender. Wie kommen sie alle auf die Idee, dass ich SO gut bin? Ich versteh es nicht.

3. Die Mühe und die Kraft - ich hab soviel in die Ausbildung reingesteckt und es ist so frustrierend, dass andere Menschen belohnt werden. Gut, ich krieg vielleicht auch einen Vertrag, aber ... ich gönn es nen duzent Menschen mehr als der dummen Kuhl. Ich sollte ihr den Vertrag nicht missgönnen aber ... ich weiss, dass sich definitiv mehr Menschen Mühe gegeben haben als sie und es ist so unfair. Und ich versteh diese Welt nicht - es ist unfair, und es geht in meinem Kopf nicht rein. Unfair und falsch, nichts anderes. An was kann man noch glauben, als an die Fairness und das Gute im Menschen? Ich bin so enttäuscht und so frustriert. Ich geb mir Mühe, ich kenne nen Duzent Menschen die sich ebenso große Mühe geben und die blöde Hohlbratze darf sich sogar aussuchen auf welche Station sie gehen möchte ... dummdreist durch´s Leben kommen ... es ist so unfair.

Ich muss auch ganz ehrlich sagen: Diese Tatsache, dass sowas möglich ist, hat men Weltbild erschüttert. Ich glaub ja an Ideale, so etwas wie: Wer hart arbeitet, wird auch belohnt - oder: Wer sich genug Mühe gibt, schafft alles ... und diese Ideale sind so über den Haufen gekehrt worden. Vielleicht muss ich sowas auch lernen in meinem jungen Leben ... aber es ist unfair. Es ist zum schreien unfair. Ich könnte echt in Tränen ausbrechen, dass es so ne Leute gibt, die alles zugeworfen kriegn und andere Menschen, die so hart arbeiten fallen auf die Nase. Ich könnte echt heulen über diese Ungerechtigkeit, wir lernen seit Januar wie die Bekloppten für das Examen, wir verbringen unsere Nachmittage über den Büchern, fragen uns ab ... und so ne Leute die dummdreist so ne Sprüche von sich geben wie: "Wieso lernt ihr denn JETZT schon?! Wir haben doch noch sooo viel Zeit." dürfen sich aussuchen wo sie arbeiten wollen ... und es ist einfac so ungerecht, soviel Arbeit (nicht nur von mir, sondern auch den anderen) und es zahlt sich nicht aus. Ich hab immer an eine Grundgerechtigkeit in dieser Welt geglaubt und ich muss das erste Mal mit meinen 22 Jahren feststellen, dass die Gerechtigkeit schläft ... und das erschüttert mich.

4. Ergeiz - egal wie ungerecht diese Welt ist, ich muss echt mehr wissen - ich hab mir vorgenommen der bestmöglichste Krankenpfleger zu sein, der ich sein kann und ich hab im Moment das Gefühl, dass ich nicht das schaffe, was ich leisten kann. Ich muss definitiv mehr leisten, aber ich erwarte von mir auch unglaublich viel und scheitere an meinen eigenen, viel zu hochgesetzten Erwartungen an mich selbst.

5. Die Liebe - Steffi ... sie sagte neulich zu mir: "Ich könnt mich dran gewöhnen neben jemanden morgens aufzuwachen." - ich mich auch ... ich war ja heute abend bei Tanja und hab ihr mal wieder mein Leid geklagt und sie sagte: "Ich kann mir euch beide gut als Paar vorstellen, ihr würdet gut zueinander passen." und wir haben ganz unverbindlich geträumt wie wir in einigen Jahren Pärchen-Urlaub in Dänemark machen und so nen Kram ... und als Tanjas Freund (den ich im übrigen sehr mag) sagte: "Ich glaub, Steffi verdient so jemanden wie dich." sagte ich: "Aber ob ich Steffi verdiene..." kam sofort: "Mach dich doch nicht immer so schlecht, du bist nen toller Mensch. ICH glaube, dass Steffi in dich verliebt ist - ich weiss es nicht sicher, aber ich glaube es."

Mir war es immer wichtig, dass der nächste Mensch mit dem ich eine Beziehung habe, eine große Bereicherung in meinem Leben darstellt - Maike (meine Ex) war ne sehr große Bereicherung, ich hab über sie soviele großartige Menschen kennen gelernt, wir haben soviel erlebt ... und die nächste Beziehung muss mindestens noch besser sein - ich glaube, Steffi kriegt das hin. Sie ist so großartig - so aufgeschlossen - sie strahlt soviel Positives aus. Sie man alles mit ihr machen, soviel erleben.  Ich hab ihr gestern geschrieben, nur kurz über ICQ: "Ich möchte nach Berlin im Urlaub, kommst du mit?!" - Ihre Antwort: "Klar, sag Bescheid wann." - mit ihr kann man soviel erleben - sie bringt mich zum nachdenken, zum lachen und einfach zum glücklich sein. Sie ist sehr toll.

Aber was soll ich mache: "Hey du, ich liebe dich. Sorry, aber ich musste das loswerden. Sei mir nicht böse." Neeee ... ich halte mich ja für einen furchtbaren Menschen, ich schwanke zwischen den Frauen/Männern  - ich hab neulich nen tollen Artikel gelesen zum Thema Bisexualität und wie Menschen drunter leiden können ... ja, ist nicht so einfach "100%" Auswahl zu haben. Bisexualität ist auch weniger akzeptiert als Homosexualität - finde ich. Wenn ich so ne Sätze wie: "Ein bisschen BI schadet nie." höre, krieg ich schon die Krise. Ich finde das schwer. Ich bin so wählerisch ... ich kann mich ja auch mit kaum jemanden indendifizieren. Ich bin nicht schwul und nicht hetero. Und anderen Leuten sowas zu erklären ... das spar ich mir, das geht auch irgendwie niemanden was an, der mich nicht näher kennt.

Aber kann man Steffi sowas zumuten? Meine größte Angst ist echt, dass irgendwer später zu recht sagen kann: "Tja, hätt sie mal die Finger von Ryan gelassen. Der ist eh so sprunghaft." - und dass ich sie quasi unglücklich mache. Ich hab mehr Angst davor sie unglücklich zu machen als mich. Und dann das Getratsche im Krankenhaus ... "Der Ryan ist mit der Steffi zusammen, wusstest du das schon?!" ....

Es ist so "besonders" zwischen uns - zumindest empfinde ich das im Moment so - vielleicht weil ich so verliebt bin. Ich hab das Gefühl als würde ich bei ihr finden, was ich immer gesucht habe. Was Bodenständiges, jemand der positiv denkt, wenn ich negativ bin, jemand der mich auf andere Gedanken bringt, wenn meine Gedanken in die falsche destruktive Richtung gehen. Ich kenne sie so lange schon, seit über 2,5 Jahren. Wir haben soviel schönes durchlebt, wir können über fast alles reden - nur eben nicht über unsere Gefühle für einander. Sie war der erste Mensch, den ich in der Ausbildungsklasse gesehen habe.

Ich weiss noch, wie ich zum ersten Tag kam und sie vor der Tür getroffen hab: "Machst du auch die Ausbildung hier?" - "Ja, erster Tag. Ich bin etwas aufgeregt." - "Ich auch." - "Ich bin Ryan." - "Ich bin Steffi." - "Dann kenn ich ja wenigsten jemanden so halbwegs bevor ich da rein gehe." - Und dieser Augenblick ist schon so lange her und ich weiss trotzdem noch wie das damals war. Und ich kann mir alles vorstellen mit ihr - vielleicht grade weil ich sie so gut kenne. Ich will sie so sehr, dass ich schon wieder Angst habe, dass ich nicht gut genug für sie bin. Dass sie einfach der bessere Mensch von uns beiden ist. Rational betrachtet dumme Gedanken, emotional: Es ist so. Sie hat alle meine Eskapaden mitbekommen. Meine Affären, meine Unentschlossenheit - sie war der Mensch, der mir Klopapier bei McDonalds geklaut hat, als der Mann mit dem komischen Namen mir sagte, dass er mich nicht liebt und ich am Boden zerstört war. Ich hab Rotz und Wasser an ihrer Schulter geheult wegen diesem Mann. Und sie war da für mich - sie war eigentlich immer für mich da.

Ich brauche dringend Urlaub - ich merke wie neurotisch ich werde und wie immer mehr Bereiche in meinem Leben aus dem Ungleichgewicht geraten. Und wie völlig panisch ich reagieren - nach außen wie immer soverän, aber sonst ... meine engeren Freunde haben mich alle schon drauf angesprochen wie angespannt ich sei. Klar, Examenszeit halt ... das kommt überall durch. Ich arbeite auch mal wieder mehr als ich sollte, immerhin fast kein Schüler mehr - wenn ich Zimmer alleine versorge im Krankenhaus, mache ich das sehr gut. Die Patienten sind zufrieden mit meiner Arbeit, meine Kollegen und meine Vorgesetzen auch ... und dann ist man mal 3 Nächte Springer ... mein Rücken hat da mal wieder sehr gelitten, ich hab Rückenschmerzen zu allem überfluss. Rückenschmerzen machen mir immer bewusst, dass ich meinen Beruf nicht länger als 10 Jahre ausüben können werde - obwohl ich ihn liebe. Aber erstmal ist das nächste halbe Jahr wichtig und wo ich danach lande.

Und gleichzeitig hab ich Schmerzen im Rücken - egal, ich muss fleissig sein. Natürlich nutzen sich die Wirbelkörper meiner Wirbelsäule ab, wenn ich permanent als Mann schwere Patienten drehe - aber ich will diesen Job da. Ich will nicht aus meinem geliebten kleinen Krankenhaus rausgerissen werden, ich mag die Leute, ich mag das Patientenkliente, ich mag da alles. Meine Arbeit und der Ort, wo ich gelernt habe, ist so ne Art Heimat geworden in den letzten 2,5 Jahren. Ich kenn da alles, die Leuten mögen mich, wie mich noch nie andere Leute gemocht haben. Ich hab da irgendwie nen völlig neues Leben angefangen und ich mag dieses Leben unglaublich gerne.

Und ich hab so Zukunftsängste, wenn das alles was ich kenne nicht mehr ist. Ich bin so ein Gewohnheitstier und ich fühl mich da wohl, wo ich jetzt bin. Ich will da nicht rausgerissen werden, aber ist in naher Zukunft absehbar. Ich bewerb mich auch nirgendwo anders ... was dumm ist. Ich brauche Arbeit um zu leben. Ich sollte alles nehmen, was ich kriegen kann auf dem heutigen Arbeitsmarkt. Aber ich will nichts anderes, zumindest kann ich mir nichts anderes vorstellen.


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