Boys don´t cry

21.01.2007 um 07:18 Uhr

Betrunkene Gedanken

von: Ryan

Mein Leben könnte auch großartig als Soap verarbeitet werden.

Zum einen Emergency Room ... oh ja, ich rette leben, renne unermütlich 8 Stunden auf einer Station umher, werde mit Blut bespritzt, reanimiere sterbende Patienten, sitze dann irgendwann 20 Minuten neben einem sterbenden Patienten, schnapp mir ne Kollegin und sage: "Komm lass uns Eine rauchen, Herr so und so ist grade gestorben." Und bei der Zigarette fragt ide Kollegin dann: "Und wie war´s für dich, magst du drüber reden?" Und ich mag drüber reden und sage dann so intiuitive Sachen wie: "Ja war okay, er ist friedlich gestorben." Und wir bringen die Leiche runter in die Kühlbox und alles ist okay und aus meinen Gedanken, weil ich weiss, dass der Patient ruhig und friedlich gestorben ist und mehr kann man sich und ihm ja nicht wünschen - und zuhause sitze ich dann und denke: "Boah, du hast jemandem beim sterben zu gesehen." Und alleine die Tatsache beunruhigt dich extrem - obwohl du weisst, dass es nicht schlimm war und eigentlich mehr als okay und du auch gemerkt hast, dass der Sterbende das wollte und du es ihm auch gewünscht hast - aber alleine die Tatsache, dass ich sterbende Menschen sehe, mach mich panisch.

Auf der Arbeit ist das mein Job. Ganz einfach. Patient hat plötzlich kein Hezschlag mehr - das erste was ich denke auf Station ist: "Arzt ran holen, Notfallkoffer, Reaniminationsmaßnahmen einleiten." In meinem Kopf spielt dann immer der gleiche Film ab - der Arzt kommt, reanimiert, gibt Anweisung: "Zieh mal Supra auf!" Natürlich ziehe ich völlig ruhig Supra auf - weil es mein Job ist und ich zwar realisiere dass da neben mir grade ein Mensch seit 10 Minuten keinen Herzschlag mehr hat, aber man denkt anders. Man führt ne Herzdruckmassage durch und schaut nicht auf den Patienten sondern auf den Monitor ob da endlich ne eigene Herzaktivität zu sehen ist. Und man bzw. ich fluche dann immer "Komm schon, na komm schon, hau mir jetzt hier nicht ab." und ich bin sauer, weil ich mich bemühe und auf dem Brustkorb mit vollster Kraft rumdrücke und es keinen Erfolg zeigt - und ich geb mein Bestes - wir geben unser Bestes und es es ist einfach die Ernüchterung, dass wir wirklich gegen Leben oder Tod kämpfen - aber man weiss nicht wirklich wie gewichtig das ist - man denkt nur: "Ich will das jetzt schaffen" - und wenn dann ne halbwegs stabile EKG Kurve gezeigt wird, dass das Herz selbstständig schägt ist man plötzlich sehr erleichtert und neben der Erschöpfung fühlt man eine leichtes Glücksgefühl und ein starkes Gefühl der Erleichterung.

Aber egal ob man so jemanden durchkriegt oder nicht , und dann neben der Leiche sitzt und der Arzt sagt: "Ich erkläre den Patienten für tot, Zeitpunkt des Todes 16.12" und man dann nur noch aufräumen muss ... es wäe so schön, wenn da wer zuhause auf mich warten würde. Solche Szenen sind im realen Leben nicht dramatisch. Es ist dein Job, man reagiert völlig automatisch, weil man es gelernt hat. WAS man da gemacht hat mit einem STERBENDEN Menschen realisiert man später, meist zuhause in ner ruhigen Minuten ... und dann wird einem klar: da ist mir grade eine junger Mann unter den Händen weggestorben. Auf Station sagt man sich: "Okay, Pech, schlimme Verletzung, hat´s nicht geschafft, der Lauf der Dinge." sonst würde man es auch nicht aushalten.

Aber Zuhause beginnt man weiter zu spinnen - so über das berufliche hinaus - was könnte das für ein Mensch bewesen sein, was hatte er vor sich, wen lässt er zurück, wie gehen seine Angehörigen damit um? Man denkt nicht sooo tiefgründigt drüber nach, aber es zieht einen runter - zumindest für einen Moment. Aber auch nicht länger.

Das einzige Erlebnis an das ich mich sehr erinnern kann, war als ich ner krebskranken Patientin helfen sollte bei der Körperpflege - sie war kaum wesentlich älter als ich - hatte Brustkenkrebs im Endstadium wo der Krebs sämtliche Metastasen geschlagen hatte - und die Metastasen gehen in Lunge, Knochen, Gehirn und Leber - und sie hatte furchtbare Schmerzen, hat gehustet wegen dem Schmerzen in der Lunge, konnte kaum aufrecht im Bett sitzen, weil der Krebs bis in die Wirbelsäule gestreut hatte ... und sie fing furchtbar an zu weinen und wimmern und sagte immer nur: "Gott, warum hast du mir das angetan?" Und ich hab auch neben dem Bett gestanden, in Tränen aufgelöst, mir sind wirklich die Tränen geflossen ... und sie hat mich angeschaut und sagte: "Erzähl niemanden dass ich so leide. Das soll keiner wissen." Und ich hab gesagt: "Erzähl du dafür nicht, dass ich hier geweint hab." Und wir haben uns echt 10 Minuten heulend in den Armen gelegen und sie sagte zwischendurch einmal schluchzend: "Das ist so schön, dass jemand mit mir weint" - nachdem ich aus dem Zimmer raus war, hab ich mich 10 Minuten im Schmutzraum verkrochen und Bettpfannen abgespült, weil ich irgendwie alleine sein musste und mich wieder einkriegen musste - und danach war alles wie immer - als wäre das nie geschehen, weiterarbeiten, nicht drüber nachdenken. Sterben gehört zum leben.

Aber wenn man so im nachhinein drüber nachdenkt, denkt mans ich so Sachen wie "Wer weiss überhaupt was für nen Job ich da mache?" Das ist nen Job, der dich total kicken kann, wenn man es nicht gewohnt ist sich abzugrenzen, was ich nun sehr gut kann.

Es wäre schon schön, wenn ich jemanden in meinen Privatleben hätte, der völlig stabil ist und mich dann auch mal hält und dem ich vertrauen kann. Das fehlt ich schon sehr. Irgendwas vertrautes an meiner Seite.

Meine Exfreundin wohnt im übrigen mittlerweile nur noch 3 Straßen von mir enfernt, so nahe haben wir in 3 Jahren Beziehung nicht zusammen gewohnt. Allerdings vermisse ich sie nicht, weil ich ganz genau weiss, dass der Mensch der sie mittlerweile ist, lange nicht der Mensch ist in den ich mich verliebt habe und den ich kannte, ich vermisse mehr diese Vertrautheit zwischen uns.

Was würde ich für so eine Vertrautheit für einen Tag geben? Aber ich sag mir: das kommt irgendwann wieder ... nur wann? Ich bin so ungeduldig.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPavelina schreibt am 21.01.2007 um 13:15 Uhr:Ich verstehe dich. Nach so einem Tag möchte man jemanden haben, mit dem man über diese Sachen reden kann. Es ist schließlich nicht einfach, den Tod eines Menschen zu verarbeiten. Und wenn man dann nach Hause kommt und niemand ist da, wo man seine Gefühle dabei loswerden kann. Echt nicht einfach...
    LG Pavelina
  2. zitierenRiccarda schreibt am 23.01.2007 um 17:32 Uhr:Oh.. da war aber jemand fleißig am WE mit Schreiben.... Hast deinen Gedanken ja echt freien Lauf gelassen...

    Würde deinen Job nicht haben wollen... echt! Als ich das gelesen hab, hätt ich dich nur zu gern in den Arm genommen!

    Ganz Liebe Grüße
    Riccarda

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