Boys don´t cry

16.10.2005 um 01:29 Uhr

Das Fazit aus einem Jahr Weblog schreiben

von: Ryan

Musik: Kettcar - Deiche

Ich schreib hier seit mehr als einem Jahr. Was soll uns das sagen? Ich denke, es ist Zeit für ein Fazit. Was habe ich erreicht? Was hat sich geändert? Positiv und negativ.

Ich hab die Ausbildung im Oktober 2004 angefangen. Mittlerweile ist Oktober 2005, der neue Kurs ist da um ebenfalls neu zu beginnen und ich steh daneben und kann sagen: "Ich bin schon ein Jahr dabei; wenn ihr fragen habt, dann fragt mich."

Ich mag meinen Job - die meiste Zeit zumindest. Ich bin stolz drauf Dinge zu können, die andere nicht können, einen Job zu machen, den nicht alle Menschen ausüben können, aus welchen Gründen nun immer. Ob sie nun keine Nachtschichten machen können oder kein Blut sehen mögen.

Und dieser Job festigt mich irgendwie. Ich hab einen Grund aufzustehen morgens, ich gehe zur Arbeit, komme nach Hause und weiss, ich hab was gutes getan. Ich mag es Menschen zu helfen. Warum auch immer, aber irgendwie gibt es meinem Leben einen gewissen Sinn, den ich sonst nicht hätte. Vielleicht ist das nicht gesund sich nützlich fühlen zu müssen, aber es hilft mir irgendwie. Meine Kollegen sind nett, ich war heute mit ner Kollegin feiern.

Die Liebe - letztes Jahr um diese Zeit war ich noch mit meiner Exfreundin zusammen. Wir waren ca. 2,5 Jahre zusammen, am 1. September 2005 hat sie sich von mir getrennt. Ich hab gelitten, ich hab mir super viele Gedanke gemacht und noch mehr geweint - und letztendlich bin ich froh, dass die Beziehung vorbei ist. Mir konnte nichts besseres als die Trennung passieren, auch wenn ich heute einige Rückschläge habe.

Ich denke immer, dass ich die Trennung wahnsinnig gut verkraftet hab. Im Grunde genommen ist das auch so, ich muss mich aber noch dran gewöhnen alleine zu sein. Aber ich denke das wird irgendwie werden.

Viel zu schnell hab ich wen neues kennen gelernt, mal schauen was daraus wird. Ich bin froh mich neu verlieben zu können. Das ist super. Ich hing viel zu lange an dieser Frau fest, aus Angst nicht alleine sein zu können. Und letztendlich hab ich uns beide unglücklich gemacht, bis sie die Notbremse gezogen hat.

In der Trennungszeit hab ich oft "Wake me up when September ends" gehört, weil ich dachte, wenn der September vorbei ist, hab ich die Trennung emotional überstanden. Kann mich dann nicht erst jemand wecken, damit ich das nicht so mitbekomme?

Eigenständigkeit - ich träume seit meinem 15. Lebensjahr davon auszuziehen. Mit 20 erfüllte sich dieser Wunsch endlich. Ich bin im März 2005 ausgezogen zu einem sehr guten, schwulen Freund in eine Wohngemeinschaft. Wir verstehen uns gut. Ich als Krankenpfleger, er als Altenpfleger. Ich bin der Aufgedrehtere von uns beiden, der ihn zum feiern überredet, er ist der Ruhigere, der mich auch mal runter bringt wenn ich zu aufgedreht bin.

Wir verstehen uns bestens, wir frühstücken zusammen, rauchen zusammen, erzählen uns wie unser Tag war. Wir kochen zusammen und machen die Tür zu wenn wir genervt sind voneinander. Mit seinem Freund versteh ich mich auch super, der zieht im übrigen in 2 Wochen ins Nachbarhaus gegenüber. Er hat angekündigt, dass er dann immer mit mir einkaufen will ... das wird heiter *g*

Ich hab gelernt:

  • Mich selbst zu mögen - ich schau in den Spiegel und denk nicht nur: "Boah ... nee!!" - sondern manchmal sogar: "Ey, du siehst gut aus."
  • So zu sein wie ich sein möchte, und die Leute reagieren vorwiegend positiv drauf
  • Meine Meinung zu sagen - und wenn ich anecke ... scheiss drauf, meine Meinung ist auch wichtig, und wenn sie wem nicht passt ist das nicht mein Problem. Damit hatte ich lange, lange Zeit große Probleme, hab zu vielen Dingen JA und AMEN gesagt weil ich Angst vor Kontra hatte
  • Mich selbst zu beruhigen wenn ich aggressiv bin und mich selbst abzulenken, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt. In solchen Momenten hätte ich mich sonst immer selbst verletzt. Mittlerweile tue ich das nur noch in Extremsituationen, zum Beispiel bei der Trennung. Jetzt gehe ich in diesen bescheuerten "ich weiss nicht wohin mit mir selbst" Situationen nach drausse, spazieren oder setzt mich an den Hafen, schreib Tagebuch oder male. Das hilft mir sehr.
  • Selbstbewusster aufzutreten - mir sagen oft Menschen, dass ich sehr herzlich auf Menschen zugehen würde. Seltsamer Weise konnte ich das sehr lange nicht. Da war ich verschlossen, introvertiert, hatte eher Angst vor neuen Menschen, mittlerweile gehe ich auf diese zu, lerne auch viele schnell kennen - ich weiss nicht wie ich das mache. Vielleicht weil ich mich selbst mag? Und dadurch anders mit anderen umgehe? Kann sein, hört sich zumindest logisch an.
  • zu sagen was ich will - und was ich grade nicht will. Grade aus, was ich fühle. Knapp formuliert "Du, nichts gegen dich, aber ich fahr nach Hause, ich mag nimmer." Kommt gut an, ist direkt, sagt den Leuten gleich woran sie sind. Genauso:
  • mich zu öffnen. Ich kann mittlerweile ganz anders über meine innersten Gefühle sprechen. Ich hab da irgendwie einen Weg für mich gefunden mich Menschen zu öffnen. Dieses Öffnen ist mir auch sehr schwer gefallen. Ich kann in Worte fassen, was in meiner Seele los ist - ob es nun in mir tobt oder ob dort der Friedhof ausgebrochen ist, ich kann anderen Menschen das sagen. Zumindest weiss ich welchen Menschen ich das sagen kann, und diesen Menschen kann ich mich öffnen und mich verbal so verständlich machen, dass die auch wissen was ich meine. Das ist auch super.

Im allgemeinen läuft meine Selbsttherapie gut. Man sollte keine Therapie durch ein Weblog ersetzen, aber ich schaffe es mittlerweile meine depressiven Tiefs produktiv zu umgehen. Das konnte ich Jahre lang nicht, ich konnte sehr viel Jahre lang nicht und jetzt kann ich sie. Vielleicht weil mein Leben sich mit dem Auszug bei meinen Eltern geändert hat? Ich brauch keine Angst mehr haben, ich brauch meinen Eltern nicht mehr täglich beim saufen zuschauen - ich kann mich auf mein Leben konzentrieren, meine Arbeit, mein Liebesleben, und wenn ich mit 10 Kerlen gleichzeitig ins Bett steigen würde - hätte es wen zu interessieren? Nein - nur mich.

Ich bin eigenverantwortlich für mich. Und sehr stolz drauf. Auch wenn das viel Verantwortung bedeutet, und ich mich manchmal damit überfordert fühle - aber auch das immer seltener.

Ich mag mein Leben - die meiste Zeit zumindest.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenWolfram schreibt am 16.10.2005 um 07:40 Uhr:Glückwunsch zum ersten ;-)



    Ich klau mir mal aus Deiner Selbsttherapie ein, zwei Pünktchen.



    Liebe Grüße aus Köln!



    Wolfram
  2. zitierenGalahad schreibt am 16.10.2005 um 09:05 Uhr:Du hörst dich heute richtig gut an. Wie hast du das gemacht?



    Ich freu mich für dich!



    Daniel
  3. zitierenfremde schreibt am 16.10.2005 um 19:19 Uhr:genau! so musst du denken!Tiefs kommen und gehen und sind genauso wichtig fürs leben wie die guten zeiten.man muss die nacht erleben um zu wissen dass es wieder tag wird !psycho-knäckse haben wir doch alle... ob es um ess-störungen,selbstverletzung oder sonstwas geht.man spricht nur i.d.R.nicht drüber, weil es verletzlich macht und es peinlich ist.akzeptiere auch deine schlechten phasen und versuch nur einfach dir in diesen momenten zu sagen, dass es auch wieder besser werden wird. alles liebe....
  4. zitierendasganzeeinmalanders schreibt am 17.10.2005 um 11:15 Uhr:kann dem schon geschriebenen einfach nur zustimmen! Und es ist schon schön, wenn man weiss, dass man für irgendjemanden nützlich ist. Da ist nix Falsches dran das zu denken! Hoffe du hast in Zukunft überwiegend solch positive Gedanken!!! Gruß, Amie
  5. zitierenSchnubbyline schreibt am 19.10.2005 um 16:00 Uhr:hey du!

    hab gerade einfach so mal in deinen Blog reingeschaut... da komm ich ja anscheinend gerade richtig!^^ Zu mindest hab ich schon mal nen kleinen Überblick durch deine Zusammenfassung!

    Ich kann dir nur gratulieren... scheinst das ja alles gut hingekriegt zu haben! Ich freu mich für dich... dass du jetzt lust auf dein Leben hast und so!

    Ich werd deine blog auf jeden fall weiter verfolgen und fleißig kommentieren!^^

    also bis dann, lg,

    schnubbyline

Diesen Eintrag kommentieren