Boys don´t cry

23.10.2011 um 02:33 Uhr

Das Leben ist holprig

von: Ryan

Es ist mal wieder soweit: ich komme angetrunken von einem Treffen und hab zuviele Gedanken im Kopf. Das Leben ist holprig, im Moment. Eigentlich gehts mir ganz gut. Psychisch ist alles ganz gut. In den letzten Tagen hatte ich wieder so leichte Anflüge von Panik - wahrscheinlich weil ich grade Überstunden abbaue und einfach unbeschäftigt bin. Aber dann hab ich mich wirklich mal für ´ne halbe Stunde hingelegt und mir überlegt, warum ich eigentlich Panik haben sollte. Und egal wie rum ich es im Kopf gedreht habe: da gibt´s nix, weswegen ich in Panik geraten sollte. Sicher sind da einige Themen in meinem Leben, die mich beunruhigen - aber auch selbst die konnte ich gut filtern in Themen, die mich beunruhigen und es nicht wert sind, und in Themen, die wirklich stressig sind.

Eigentlich hab ich nur zwei Themen grade. Das eine: meine Tiere. ich bin seid zwei Jahren stolzer Besitzer von zwei Ratten. Ich liebe Ratten, die coolsten Tiere auf der Welt. Sie haben zwar echt ´nen schlechten Ruf, aber im Grunde sind Ratten intelligente große Mäuse. Und für alle, die gleich denken: "Oh Gott, aber der Schwanz!" Auch nicht schlimm. Ratten sind total coole Tiere. Meine erste Ratte hatte ich mit 16, mega kuscheliges und handzahmes Tier. Eigentlich hat sie nur die Nächte im Käfig verbracht, sobald ich zuhause war: Käfigtür auf und Ratte hatte Freilauf. Ich kann mich echt gut dran erinnern, dass ich immer auf meinem Bett saß zum lernen für die Schule - die Ratte hat sich zum kuscheln auf mein Bein gelegt, ein Buch zum lernen in der Hand und mit der anderen meine Ratte gestreichelt. So ´ne richtige ratte zum auf der Schulter rumtragen - ach, Bauchtasche von Pullover war viel beliebter zum drinsitzen. Oh, ich hab dieses Tier so geliebt.

In der Zwischenzeit hatte ich einige Ratten, mal mehr mal weniger zutraulich. Nachdem ich 2 Jahre ohne Tiere war, hab ich mir vor 2 Jahren zwei Rattenweibchen aus´m Tierheim geholt, die jetzt bei uns wohnen. Sie sind zutraulich, aber sie mögen nicht angefasst werden. Sobald ich sie in die Hand nehme, fiebsen sie und versuchen wegzukommen. Das ist okay. Füttern kann ich sie mit der Hand, sie schlecken auch meine Finger ab, aber sie wollen einfach nicht hochgenommen werden. Sie kenne das anscheinen nicht und mögen das nicht. Okay. Sie sind jetzt beide ungefähr 2 Jahre alt schätze ich, im Tierheim konnte sie mir das Alter nicht genau sagen. Das ist das Alter, indem Ratten alt werden. Und das werden die beiden grade. Mir ist schon vorher aufgefallen, dass sie beide träger werden, nicht mehr ganz so irre rumtobben und einfach typische Altersmerkmale kriegen.

Okay, ich merke, ich muss die beiden vorher erklären. Meine eine Ratte ist eine dicke, sehr gemütliche Ratte. Sie frisst gerne, sie bemüht sich aber nicht um Futter. Sie wartet bis es zu ihr kommt. Sie spielt auch nicht so wild und ist einfach sehr gemütlich, groß und dick. Und die andere ist klein und agil. Ich mache die Käfigtür auf und sie sitzt schon davor und kann kaum erwarten, dass was zu fressen raus kommt. Oder dass sie raus darf. Freilauf findet sie super und flitzt durch die ganze Wohnung. Vor zwei Monaten saß sie plötzlich in die Küche vor mir - eigentlich darf sie nur auf dem Flur laufen, aber Steffi hatte eine Tür aufgemacht und nicht gemerkt, dass die Ratte dabei entwischt ist. Die Kleine arbeitet auch richtig für Futter. Sie flitzt durch den ganzen Flur, schnappt sich was Leckeres, trägt es in den Käfig und rennt gleich wieder los, um was Neues zu organisieren. Die dicke Ratte stattdessen findet irgendwann den Stapel mit mühsamerbeuteten Futter und frisst.

Das war so die Rollenverteilung - mir ist vor 2 Wochen eine dicke Geschwulst bei meiner Dicken aufgefallen. Aber sie ist munter und frisst und scheint keine Schmerzen zu haben. Also Nächte lang hin und her überlegt, operieren oder nicht? Ich bin zu dem Entschluss gekommen nix zu machen solange es ihr gut zu gehen scheint. Die Ratte ist alt, Geschwülste wachsen bei Ratten immer schnell nach, sie wirkt in keinster Weise beeinträchtigt. Ich setzte ihr jetzt nicht den Stress von Tierarzt, OP und Schmerzen aus, nur damit ich sie 4 Monate länger hab. Aber richtig Sorgen macht mir mittlerweile die Kleine. Seit einer Woche frisst sie so gut wie gar nicht, sie total schwach, schläft fast nur noch. Klettern geht auch kaum noch - ich hab im Käfig schon "Fallnetze" mit Handtüchern gebaut, falls sie sich nicht mehr halten kann und irgendwo tief runterfällt. Fressen ganz schlecht - ich glaub, sie kann nicht mehr richtig fressen, warum auch immer. Total abgemagert, mein armes Tier. Ich bin echt schlecht drauf wegen meiner Kleinen. Irgendwie ist mir klar, dass es das dann auch bald war. Also dass sie bald sterben werden. Ich bemühe mich echt, die Kleine wird zum Beispiel grade alle paar Stunden von mir mit Babynahrung gefüttern (ist pürriert, kann sie gut essen) - Steffi hält mich für irre, dass ich ein Glas Babynahrung für die Ratte gekauft hab. Von ihr kommen so Sätze wie: "Dir war doch klar, dass die Ratten nicht so alt werden." - Ja, aber ich darf doch trotzdem ein wenig mitgenommen sein? Naja, ich füttere also grade alle paar Stunden meine kleine, alte Rattenlady mit Babybrei. Am meisten hoffe ich, dass ich den richtigen Zeitpunkt mitkriege, wann es eben nicht mehr geht - also wann ich sie einschläfern lassen sollte. Das ist meine größte Angst im Moment. Und Steffi und ich wollen Übermorgen nach Dänemark fahren - zwar nur für 2 Tage, und 2 Tage kommen Nagetiere immer gut alleine klar mit einer dementsprechenden Menge Futter. Aber ich hab echt Bammel, dass genau dann was Blödes passiert. Ich überlege, ob ich meinen Bruder frage, einmal kurz nach den Tieren zu sehen - Steffi hält das für übertrieben. "Was soll den schon sein?" Aber es sind halt meine Tiere und ich mache mir Sorgen, wenn sie alt und krank sind. 

Zweites Thema: Ich bin ein Maulwurf. Ich war vor einer Woche beim Optiker, um meine Kontaktlinsen neu vermessen zu lassen. Ich bin sehr kurzsichtig, schon seit meinem 16. Lebensjahr. Aber ich hatte immer genug Sitznachbarinnen, bei denen ich abschreiben konnte, weil ich die Tafel nicht mehr lesen konnte. Und dann gab´s irgendwann eine Brille, über die ich immer sehr unglücklich war. Irgendwann gab´s Kontaktlinsen - und dann war wieder alles okay. Ich trage seit über 10 Jahren Kontaktlinsen. Ab und zu muss ich sie neu auslesen lassen, weil meine Dioptrin sich verändern und meine Augen immer schlechter werden. Und mittlerweile bin ich echt schlecht mit den Augen. Meine Freundin ist auch kurzsichtig, mit Brille und Kontaktlinsen. Aber ich lache immer nur trocken, wenn sie erzählt wie schlecht sie gucken kann. Steffi und diverse brillentragenden Freunde sind dann so bei - 1,25 Doptrin, vielleicht auch mal bei -2, wenn´s ganz hart kommt. Ich hab mittlerweile -6,25 und -7,75.  Ja ... für alle, die sich nicht auskennen: Der Optiker hat mich direkt bei diesen Werten zum Augenarzt geschickt, in dieser fragte mich allen ernstes, ob ich mal einen Unfall hatte bei dem meine Augen verletzt worden seien, was meine schlechte Sehfähigkeit erklären würde. Diese Augentest, wo man Reihen mit Buchstaben vorlesen muss, sind immer der Zeitpunkt, an dem ich merke: Ich bin ein Maulwurf. Früher hab ich mich immer geschähmt und geraten - mittlerweile kann ich ganz selbstbewusst sagen: "Tut mir leid, aber ich kann´s nicht lesen." Und mittlerweile ist mein Augenarzt auch auf dem Level, wo der sagt: "Tut mir leid, Herr Anderson, eigentlich sollte diese Reihe kein Problem sein - aber Sie werden diese Reihe niemals selbst mit Brille/Kontaktlinsen lesen können."

Ja herrlich ... ich bin ein wenig geknickt. Vor allem weil ich heute meine Brille abgeholt hab. Die Brille ist wirklich cool und sie ist stylisch und sie steht mir (auch wenn sie soviel wie ein iPhone gekostet hat - ja, das wusste ich auch noch nicht: je stärker die Brillengläser, desto teurer die Brille) - aber egal was ich mich: meine Sehkraft bleibt schlecht. Das ist wohl wie in allen Bereichen der Medizin: Zu einem gewissen Grad kann man noch gut was machen - aber dann irgendwann auch nicht mehr. Und ich hab diesen Grad erreicht, an dem man eben nur noch Schadenbegrenzung betreiben kann. Mich stört gar nicht mal, dass ich dann eben auf Schildern kleine Bildschriften nicht lesen kann - das war immer schon so und wieder immer so sein. Ich bin mir auch sicher, dass ich viel weniger oder viel verschwommener sehe als normale Menschen, aber ich kenn´s ja nicht anders. Ganz kurz zur Erklärung: Kontaktlinsen gleichen weniger aus als eine Brille, also mit Kontaktlinsen hab ich immer noch bestenfalls (!) ein Defizit von -0,5 Dioptrin (vielleicht auch mehr, ich will´s gar nicht so genau wissen - ich darf auf jeden Fall mit Kontaktlinsen nicht Autofahren - Adé Führerschein) - die Brille ist da schon besser, aber sie gleicht mein Sehdefizit nicht aus. 

Der Augenarzt sagte sowas wie: "Wir kriegen mit der Brille ca. 90% Sehkraft bei Ihnen, Herr Anderson, mehr dürfen Sie nicht erwarten." - Nein, tue ich nicht, 90% sind okay, ich bin weniger gewohnt. Ich stelle mir das ein bisschen vor wie HD-Fernsehen. Wenn man es nicht kennt, vermisst man es nicht. Man ist dann überwältigt und beeindruckt wie scharf und toll ein Bild sein kann - aber ganz ehrlich: Früher hat man doch nicht jede Minute beim fernsehen gesagt: Oh, was würde ich dafür tun, dass das Bild jetzt gestochen scharf und in 3D ist!? Nein, man ist jetzt verwöhnt von HD, weil man weiss, dass es möglich ist. Mein Leben wird nie HD sein - gut, ich weiss aber auch nicht, wie HD aussieht, also vermisse ich es nicht. Das ist okay für mich.

Abe wirklich schlimm war als der Augenarzt sagte: "Herr Anderson, sie haben auf einem Augen etwas weniger als 70 % Sehkraft (okay) - aber das andere hat nur noch 30%" Yeah, denke ich, also zusammen 100%, haha ... nein .... nein nein nein, so einfach ist das nicht. "Herr Anderson, da ihre Sekhraft in den letzten 5 Jahren so rapide gesunken ist, müssen wir davon ausgehen, dass sie weiter sinkt." Und das bedeutet? "Dass Sie auf einem Auge erblinden können."... ja geil ... da gehe ich einmal im Urlaub, weil ich Zeit hab zum Optiker, um `ne neue Brille zu holen und dann sowas. Der Augenarzt sagte was von "Können, wenn die Sehkraft sinkt". Wenn ich weiter so kurzsichtig bleibe wie vorher, ist alles okay. Und ganz blind werde ich auch nicht, weil ich höchstwahrscheinlich weiter Farben sehen kann, aber sonst halt nix. Mehr sehe ich eigentlich jeden Abend nicht, wenn ich die Kontaktlinsen rausnehmen. In meiner Wohnung kenne ich mich blind aus - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiss sogar betrunken wieviele Schritte es vom Badezimmer bis zu meinem Bett machen muss. Vielleicht habe ich mir so ´ne Fähigkeit unterbewusst angeeignet, eben weil ich schon blind bin. Ich schaff´s sogar mir nachts in der Küche ´ne heisse Milch zu machen ohne was zu verschütten oder mir blaue Flecken zu holen, obwohl ich eigentlich kaum was sehe. Darauf bin ich ein wenig stolz merke ich grade ... aber auf der anderen Seite bin ich geknickt. 

Vor allem weil ich heute meine Brille abgeholt hab ... ich hab mich gefreut auf die Brille. Sie ist wirklich cool, und sie steht mir. Für mich ist sie ein bisschen wie eine neue Jacke. Ich kann sie tragen, wenn ich denke, dass sie zu meinem Style passt. Ich bin ja eitel und diese Retro-Brillen mit dicken schwarzen Rand sind so In grade. Also ich setz die Brille auf zuhause ... und sehe nix. Ich hab seit 10 Jahren keine Brille mehr getragen ... und ich sehe überhaupt nix. Ich hab sie 1 Stunde getragen bis ich Kopfschmerzen hatte und die Kontaktlinsen wieder eingesetzt hab. Steffi sagte, es sei mit ihrer Brille genauso gewesen. Sie war drei mal beim Optiker und hat sich beschwert, dass sie nix sieht und es hiess immer: "Sie müssen sich erst an die Brille gewöhnen." und das hat Steffi auch getan. 

Ich fühle mich mit der Brille noch blinder als vorher. Natürlich werde ich weiterhin Kontaktlinsen bevorzugen, aber die Brille muss eingetragen werden. Aber es ist furchtbar. Alle Türrahmen haben einen Bogen, ich kann Entfernungen nicht abschätzen (Treppenhaus ist grade No-Go), mein Sichtfeld bewegt sich mit mir mit und Lichter sind bunt. Ganz schrecklich. Naja, ich werde mich dran gewöhnen - hoffe ich.

Aber wie gesagt, ich bin blind und es kann sein, dass ich noch blinder werde. Und meine Brillen sind teuer. Ich war vorhin mit ´ner Freundin was trinken, die auch eine Brille trägt. Sie hat irgendwie Angst vor Kontaktlinsen und ihr stehen Brillen. Und sie erzählte, sie hätte 5 verschiedene Brillen, unter anderen eine Sportbrille, eine Sonnenbrille, eine für die Arbeit, eine zum Ausgehen und für alle möglichen Gelegenheiten halt ...  ich hab auch 6 Brillen, aber davon sind 5 Sonnenbrillen ohne Dioptrin für je 5 Euro ... die eine richtige Brille war teuer genug. 

Ich bin mir sicher, dass ich mich an meine neue Brille gewöhne und sie häufiger tragen werde - sie steht mir einfach. Ich hab (ohne Witz) überlegt mir eine Fensterglas-Brille in dem Style zuzulegen einfach weil´s mordern ist. Diese Brillen sehen einfach gut aus, finde ich. Also schone ich den Kontaktlinsen-Geldbeutel und trage mal wirklich eine richtige Brille. Und eigentlich war es total fahrlässig von mir keine Brille zu haben, wenn man so blind ist wie ich, und sich jeden Tag drauf zu verlassen, dass man niemals eine Kontaktlinse verliert und dass die Augen das jeden Tag mitmachen. Okay, die Zeiten sind vorbei. Ich bin mir auch sicher, dass sich nicht viel ändern wird, auch wenn ich WEISS, dass ich erblinden kann. Ich glaube auch nicht, dass es wirklich was ändert, wenn ich dann wirklich "erblinde" - ich sehe dann ja nicht schwarz auf´m einen Auge. Es ist dann halt nur sehr schlecht, also noch schlechter als sonst. Aber der Sprung von schlecht auf sehr schlecht ist nicht weit. Also was soll´s. Solange ich nicht schiele oder sonst komisch aussehe, isses egal. Naja wohl nicht ganz, sonst würde ich mir nicht solche Gedanken machen, oder?

Okay, und nun das Positive: Wie schon erwähnt, wir fahren zwei Tage nach Dänemark. Einer der wenigen mit-Freunde-Urlaub. Wir fahren zusammen mit meinem ehemaligen Mitbewohner und seinem Lebensgefährten nach Dänemark. Zwar nur für 2,5 Tage und auch nur ganz ruhig. Steffi mag die beiden Jungs total gerne (Okay, meine Theorie ist ja immer: Wie können Frauen schwule Männer NICHT mögen?), aber die beiden sind echt super. Zwei meiner besten Freunde - Zusammenleben sehe ich gar nicht problematisch, ich hab ja mit den beiden 2 jahre lang auf 50 Quadratmeter gelebt. Ich freue mich auch irgendwie sehr drauf, die beiden mal wieder Tag und Nacht um mich zu haben. Ich hab echt gerne in der WG gelebt. Revival of the good old Times. 

Was mir viel mehr Sorgen macht: Wie wird´s meinen Ratten gehen? Und der Augenarzt hat sowas gesagt wie: "Was steht in Ihrem Führerschein bezüglich Ihrer Sehkraft?!" - "Ich hab keinen Führerschein." - "Okay, wenn Sie ihn machen wollen, dann kommen Sie erst zur Augenprüfung und wir überlegen, was für Möglichkeiten wir haben." hört sich nicht gut an, oder? "Ähm, ich krieg denn mit meiner Sehstärke überhaupt einen Führerschein?" - "Wir schauen erstmal wie Sie sich an die Brille gewöhnt haben, und vielleicht bräuchten Sie zu den Kontaktlinsen noch eine Ausgleichbrille, wenn Sie Autofahren wollen." Aaaaah ... ich bin also mit Kontaktlinsen so blind, dass ich zum Autofahren eine Brille zusätzlich den Kontaktlinsen bräuchte ... ich flippe aus ... 

Ich muss ja zugeben, ich fahre nicht gerne selbst. Vor allem deutsche Autobahn finde ich gruselig. Ich hab in den USA meine Driver License gemacht - und das ist ja nix im Vergleich zu Deutschland. Du fährst mit dem Fahrlehrer einmal um den Block, und wenn du nicht wirklich große Scheisse baust wie total zu schnell fahren oder einen Fahrradfahrer anfahren, haste den Lappen. Aber in Amerika ist eben anderes Fahren als in Deutschland. Ich hab gelernt sehr langsam und vorsichtig zu fahren. Ja sicher hab ich auch mal einen Wagen auf über 200 km/h beschleunigt, aber mittlerweile fahre ich eigentlich nie schneller als 100km/h - Steffi sagt immer, ich fahre wie eine Oma. Aber ich sage, ich fahre gemütlich und sicher. Deswegen passt mein Bus auch so gut zu mir - wir waren gestern auf der Autobahn mit ih, nur um zu gucken wie schnell er kann. 95 km/h Spitze mit Rückenwind, eigentlich eher 80 km/h. Ich liebe den VW-Bus, er passt ideal zu mir.

Jetzt muss ich auch noch ehrlich zugeben, ich darf ja ga

r nicht fahren - ich hab keinen deutschen Führerschein, und meinen amerikanischen hab ich zwar ein paar Mal verlängern lassen, aber das ist auch nur begrenzt möglich. Auf der anderen Seite will ich Steffi auf langen Autofahrten auch nicht alleine lassen. Ich kann nicht verlangen (finde ich), dass sie 4 Stunden alleine durchfährt, wenn wir zum Beispiel zu ihren Eltern nach Usedom fahren.  Bislang wurde ich auch nur einmal rausgewunken (Steffi war einfach zu sehr angetrunken um zu fahren und wir kamen von einer Party ausm Vorort von Hamburg, also hab ich gesagt, dass ich fahre). Polizist winkt uns also raus, Steffi gleich "Oh Gott, wie sollen wir nach Hause kommen, wenn keiner von uns weiter fahre darf?! Du hast doch keinen Führerschein!" - "Schatz, ganz wichtig jetzt: Ich spreche kein DEUTSCH! Egal, was passiert, ich spreche und verstehe kein Deutsch!" Steffi betrunken wie siewar: "WIESO?" - aber da stand der Polizist schon neben uns - ich saß brav wie in Amiland so üblich im Auto, Hände auf dem Lenkgrad, Scheibe runtergekurbelt und begrüße ihn auf englisch. Und deutsche Polizisten sind geil - egal in welcher Sprache du sie ansprichst, sie antworten auf deutsch: "Bitte aussteigen, Fahrzeugpapiere, steigen Sie aus, Alkoholkontrolle." und ich ganz brav wie in Amerika sitzengeblieben: "Sorry, i dont understand, i´m from St. Barbara, USA." Polizist irritiert. "Ja, ähm ... " er guckt Steffi an. "Amerika?" - Sie nickt. "Aber Sie sprechen deutsch?" Steffi total verunsicher: "Ja ... er ist mein Freund ..." Der Polizist verunsicher. "Sagen Sie ihrem Freund bitte, ich bräuchte mal seinen Führerschein." Und dann Steffi so geil betrunken und verunsicher: "Ryan, er braucht deinen FÜHRERSCHEIN!" auf deutsch ... ich musste mich echt zusammenreissen um nicht zu lachen. "Honey, what?!" - "Füüüührerscheeeein!" und sie sprach dann auch lauter, als ob das irgendwas ändern würde an der imaginieren Sprachbarriere. "Deinen FÜÜÜHRERSCHEIN!!" ich guck sie böse an und versuche Gedanke an ihr betrunkenes Gehirn zu schicken wie: "Versuch englisch zu reden, versuch in der Rolle zu bleiben, versuch es!!" und sie: "Give him this thing ... you need to ... this thing ... for the car!" - "My driver license?" - "Ähhh ..." - ich streck dem Typen meinen seit Ewigkeiten abgelaufenen amerikanischen Führerschein hin ... er schaut sich den an und sagt: "Der ist abgelaufen." ich guck als ob ich von nix ne Ahnung hätte. Steffi zu mir: "Ryan, your license ... ist abgelaufen. ABGELAUFEN!! Not more gültig!" Ich schüttel den Kopf, ich verstehe ja nix. (aber musste mich so zusammenreissen, je weniger Steffi sich verstanden fühlt, desto mehr schreit sie). Und die Polizei ist dann auch immer sichtlich überfordert und fragt mich noch mal ob ich "Coud you pusten in this thing?" halten mir ein Alkohol-Pustegerät unter die Nase, ich puste brav, o,oo Promille und dann war´s das auch. 

Cool war als der Polizist noch unsere Persos gecheckt hat und ganz verwirrt guckte: "Sie beide haben die gleiche Meldeadrresse." Steffi: "Ja, er ist mein Freund." - "Ihr Freund ist seid 1,5 Jahren in Deutschland gemeldet und spricht überhaupt kein deutsch?!" Steffi schüttelt den Kopf. Jetzt kommt´s dem Polizisten komisch vor, weil Steffi spricht ja scheinbar auch kein Englisch. "Einbissschhen däutsch" falle ich ein. "Isch lärne!!" Der Polizist will sich dann auch nicht weiter auf englisch einen abbrechen: "Okay, Sie können weiter fahren, sagen Sie ihrem Freund, er soll dafür sorgen eine gültigen Führerschein zu haben." Steffi nickt und sagt: "Yes" zum Polizisten. Kaum sind wir weiter gefahren, Steffi noch total in der Rolle: "Der Polizist says, du musst to have a gültigen Führerschein! Hast du verstanden? You musst to have a gültigen FÜHRERSCHEIN!"- "SCHATZ!!! Jetzt ist aber mal gut!" Ja, das war schon irgendwie witzig. Steffi erinnert sich kaum dran, in ihrer Version wenn sie´s erzählt, spricht sie perfekt Englisch und übersetzt zwischen dem Polizisten und mir ... ja, ich lass sie mal in dem Glauben ... zufällig torkelt Fräulein grade in diesem Moment, in dem ich das schreibe zur Tür hinein. Sie war mit ´ner Freundin auf der Reeperbahn und wird wie immer die Geschichte des abends anhand ihres Alkholkonsum berichten, so in etwa wie: "Ich hab 10 Bier getrunken, 2 im Head Crash, da war ein total tolles Lied, wozu wir getanzt haben ... und 2 Bier hab im Lucky Stars getrunken, da haben wir den Barkeeper angeflirtet und das Zweite umsonst bekommen - und eine Zigarette ... und 1 Bier hab ich da und dort getrunken, weil, da wollte ich gar nicht rein, aber sie wollte unbedingt rein, weil sie sagte ..."

Ich lausche mal was meine Freundin mir auf Deutsch zu erzählen hat.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKREATIV schreibt am 23.10.2011 um 11:38 Uhr:Immer wieder interessant deine Texte zu lesen. Einer der wenigen Männer die so ausführlich schreiben und ihren Gedanken freien Lauf lassen.

    Freu' mich schon auf deinen nächsten Post.

    LG
  2. zitierenangelmagia schreibt am 23.10.2011 um 23:37 Uhr:*lach* Danke für die Erheiterung mit der Führerscheingeschichte. Zu herrlich. Ich kann mir das bildlich vorstellen. Einfach genial.

    Und ich schließe mich KREATIV an, ich lese auch immer sehr gern bei dir.

    Ganz liebe Grüße an dich.
  3. zitierenHedera schreibt am 24.10.2011 um 10:25 Uhr:dito lieber Ryan und ich drück mal die Daumen, dass dein Bruder nach eurem Trip nicht der Überbringer schlechter Nachrichten sein muß. Egal ob Ratte oder Hamster oder Katze - Haustier ist Haustier und natürlich macht man sich einen Kopf, wenn es dem Tier nicht gutgeht. Ich hätte nur überlegt, ob man das Tier dann nicht lieber einmal zum Tierarzt gibt und evtl. erlösen läßt.....
  4. zitierenS_Hase schreibt am 28.10.2011 um 15:14 Uhr:Schließe mich KREATIV an, dein Blog ist sehr interessant.

  5. zitierenkhiira schreibt am 30.10.2011 um 10:55 Uhr:schöne geschichte von der polizeikontrolle *giggel* und auch schön geschrieben!

    wir kennen uns bisher nicht und es ist ein vielleicht unüblicher start, aber mir liegt was auf dem herzen, was ich dir unbedingt mitteilen möchte. es betrifft deine augen + autofahren:
    so wie du beschreibst, was dein sehen betrifft, finde ich es gar nicht gut, dass du auto fährst! es wäre deutlich verantwortungsvoller, du würdest nicht fahren, auch wenn dann deine freundin z.B. länger fahren müsste, wenn ihr unterwegs seid (das lässt sich auch anders organisieren. oder ihr seid mit anderen verkehrsmitteln unterwegs). könntest du es dir verzeihen, wenn du einen unfall bauen würdest aufgrund deines sehens und es betrifft deine freundin? es ist nicht schlimm, nicht gut sehen zu können!; damit mit gut zu leben ist eine aufgabe. du schreibst selbst, dass du erwartest vielleicht später mal blind zu werden. kläre es definitiv ab, ob und wie du nach deutschen recht autofahren darfst oder mit welchen einschränkungen.
    mein bruder hat ein tempolimit in seinem führerschein stehen und kann gut damit leben. ich selbst bin nachtblind und muss beim autofahren ausserhalb der stadt gewisse einschränkungen hinnehmen: wenn ich autobahn fahre, dann nur rechts zwischen den brummis, denn ich kann die lichter im rückspiegel nicht immer genau einordnen, auf welchen spur sie sind (das betrifft drei- oder mehrspurige autobahnen) und kann bei regen die entfernungen nicht immer richtig einschätzen. also wird nach hause gebummelt zwischen den lkw oder landstrasse. meine mitfahrenden sind hierüber informiert und haben die option, selbst zu fahren oder eben halt meine fahrweise zu aktzeptieren. davon sind nicht alle immer begeistert, weil ich tagsüber keine einschränkung habe (die sie als solche sehen), aber ich bin ja patent und geduldig :-) eigentlich müsste ich für nachts eine geschwindigkeitsbeschränkung im führerschein stehen haben, aber es tut es nicht, da das gutachten vom augenarzt damals günstig für mich ausgestellt wurde. ich habe mir aber ein limit gesetzt, das variirt, je nach wetter. und ein fahrbahnspuren-limit auf mehrspurigen fahrbahnen bei nacht.

    noch was: du schreibst davon, dass mit der brille entfernungen nicht richtig einzuschätzen sind und dass dir geraten wurde, dich an die brille zu gewöhnen. mir ging und geht das genauso, denn das sehvermögen mit brille und kontaktlinsen ist bei mir erheblich unterschiedlich. mit kontaktlisen sehe ich deutlich besser, komme da auf 120 % der sehfähigkeit (laut arzt), bei der brille auf 90-95 % (laut Arzt. und 90 % reichen für den führerschein aus, sagt er...). da mich das recht nervte mit der umstellung von kontaktlinse auf brille (hatte das nach ner genrellen eingewöhnungzeit immer wieder, aber nicht so krass) habe ich ein verfahren gefunden, was mir hilft: morgens gleich die brille an und erst später die kontaktlinsen, das geht super. umgekehrt nicht so gut. also wenn ich zum sport gehe, ziehe ich meine tageslinsen gleich morgens an und nicht erst zum sport, dann klappt es gut. generelle linsen habe ich nicht mehr, da meine augen zu trocken geworden sind...

    bitte überlege dir das mit dem autofahren. es geht hierbei auch um andere menschen. kläre das ab bei deinem arzt und ziehe daraus konsequenzen. sollte dabei herauskommen, dass es besser wäre nicht autozufahren (oder mit diversen auflagen) wird dies deine freundin verstehen.


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