Boys don´t cry

04.03.2010 um 21:54 Uhr

Depression Deluxe

von: Ryan

Musik: Fernsehen "Herr der Ringe"

Es ist soweit. Ich wusste oder besser: ahnte dass es eines Tages mal so kommen könnte, aber ich dachte nicht, dass es mich mit solch harter Breitseite treffen würde. Meine Psyche ist gekippt. Jeden Morgen wenn ich aufwache, denke ich mir: Willkommen in deiner persönlichen Depression.

Es wurde irgendwann schlimm, vor allem wenn ich wie immer viel und hart gearbeitet hab. Mittlerweile kann ich nicht mehr arbeiten. Meine Chefin und ich dachten 2 Wochen frei würden schon alles irgendwie richten. Kaum 5 Schichten später ging es mir schlimmer als vor meinem Zwangsurlaub. 10.000 Symptome aber noch keine Diagnose. Meine Überweisung zum Psychiater hab ich schon. Ich hab gehofft, dass ich sie nie brauchen werde.

Arbeiten kann ich nicht. Es geht überhaupt nicht. Ich kann nichts mehr. Am Anfang war mir nur elend und ich war müde als habe ich tagelang nicht geschlafen. Ich bin kaum noch belastbar, ich ertrage nur noch wenig, drehe sofort am Rad wenn ich etwas Belastung erfahre. Ich bin wahnsinnig dünnhäutig und gereizt, permanent. Vor einigen Tagen war es heftig mit Heulen und Traurigkeit. Ich bin morgens beim Zähneputzen in Tränen ausgebrochen und hab erst abends beim einschlafen wieder aufgehört. Ich kann mich über gar nichts freuen. Alles was mir Spaß macht, kostet mich nur noch Mühe und Kraft. Ich weiss die meiste Zeit des Tages nicht wohin mit mir, stehe mir aber gleichzeitig  nur im Weg, kann aber auch nichts anfangen ohne gleich total erschöpft zu sein.

Ich dachte, das wäre kaum noch aushaltbar, aber in den letzten Tagen hab ich neue Gefühlszustände kennengelernt, die weitschlimmer für mich sind: Ich bin unruhig, also innerlich. Unwahrscheinlich unruhig. Ich laufe rum, weiss aber nicht wohin, ich versuche lange Spaziergänge zu machen - meistens um den Häuserblock, damit ich notfalls schnell nach Hause kann, wenn meine Stimmung kippt. Und ANGST. Ich kannte das nicht, aber mittlerweile bin ich mir sicher: Ich hab Angstattacken. Ich bin eigentlich kein Mensch für ne Angststörung (naja laut Google schon), aber ich hatte sowas noch nie. Gut, meine kleine Höheangst und als Kind hatte ich Angst vor Hunden. Aber im Moment liege ich aufm Sofa und habe Angst - im Bauch und unbegründet von irgendwoher. Ich weiss genau, es ist nichts da wovor ich Angst haben bräuchte, übberhaupt kein Grund weit und breit aber dennoch flammt sie plötzlich hoch und ich möchte dann nur raus aus meinem eigenen Körper.

Wie sagte Sarah Kuttner? Eine Depression ist ein "Fucking Event", nur leider kann man die Karten nicht so einfach bei eBay verkaufen. Ich könnte gut auf diese Erfahrung verzichten. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Ich fühle Dinge, die ich noch nie gefühlt hab. Und das Schlimmste: ich bin nicht ich. Ich bin nicht so wie ich jetzt bin. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Die dunkle Version von mir. Die 5% Melancholie, die mich ausgemacht haben, rebellieren grade und haben die Herrschaft über den Rest meines Körpers übernommen.

Natürlich hab ich mich schon schlau gemacht im Internet was da biochemisch bei mir abgeht: Durch den langen Stress hat sich Cortisol an meinem Gehirnsynapsen angelagert, wo sonst Serotonin liegen soll. Zur Erklärung: Adrenalin ist ein kurzzeitiges Stresshormon, bei langanhaltenden Stress wird Cortisol ausgeschüttet. Serotonin ist das Glückshormon, das für Freude sorgt - wird unter anderen beim Lachen freigesetzt. Aber meine Serotonin-Vorräte sind komplett leer, so fühlt es sich zumindest an. Bewegung soll das Cortisol abbauen, dementsprechend mache ich lange Spaziergänge - ich gebe mir wirklich viel Mühe um meinen Seelenzustand zu verändern, aber sobald ein Symptom sich bessert, kommt eine anderes hinzu.

Mittlerweile dauert mein Zustand schon so lange an, dass ich weiss, dass ich es nicht alleine schaffe. Dementsprechend jetzt auch meine Überweisung zum Psychiater. Der soll mich wieder heile machen. Meine Freundin hat ihr Vermutung schon laut ausgesprochen (sie arbeitet ja auf ner Akutpsychiatrie): Burn-out-Syndrom. Meine Symptome geben mir zwangsläufig die Auszeit, die ich brauche und mir sonst nicht geben würde. Die Symptome sind "Freunde" - hab ich neulich gelesen - die mich dran erinnern sollen, dass ich überlastet bin. Es fällt mir nur leider schwer, sie als "Freunde" zu betrachten, wo sie mir doch grade die Hölle auf Erden bereiten.

Welcome to the Dark Side of the Moon. Jetzt hab ich auch offiziell ne Macke ...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierengrenzgaenger schreibt am 05.03.2010 um 09:19 Uhr:hör auf zu googeln, hör auf zu sagen, alles ist ja doch irgendwie nicht so, wie es gerade ist, ich hatte so was noch nie, etc. akzeptier deinen zustand und lass dir helfen, nur dann kann es besser werden.
  2. zitierenClarice schreibt am 05.03.2010 um 11:45 Uhr:oh mann... ich kann mich grenzgänger nur anschließen. lass dir helfen, dann kann es besser werden. ich drück dir die daumen und wünsche dir, dass es bald aufwärts geht
  3. zitierenVomFeuerkind schreibt am 10.03.2010 um 13:49 Uhr:Therapien sind super. Wenn man erstmal einen Therapeuten gefunden hat. Ne... im Ernst. Das Finden des richtigen Therapeuten ist vergleichbar mit dem Finden des richtigen Partners. Aber dann hilft er einem Probleme zu lösen. Naja... eigentlich gibt er einem viele Tips, wie es gehen könnte. Wie man seine Probleme lösen könnte - machen muss man immer noch selbst. Manchmal helfen auch kleine sonnengelbe Pillen (auf die hab ich immer verzichtet).

    Eine Therapie ist nicht leicht. Man muss sich mit vielen Dingen aus seiner Kindheit und Persönlichkeit auseinander setzten und man fühlt sich eigentlich oft mieser als je zuvor, bevor es wieder bergauf geht.

    Moment... eigentlich sollte das ein Pep-Talk werden. Also neuer Versuch: Mit Depressionen ist nicht zu spaßen und ich finde es gut, dass du dich entschieden hast, die Hilfe anzunehmen. Halt durch, auch wenn es zwischendurch schwer wird. Am Ende geht es Dir sicher wieder besser. *daumen drück*
  4. zitierensilverfern schreibt am 11.03.2010 um 11:22 Uhr:Hi du,

    also ich lasse mir helfen seit einem dreiviertel Jahr und mein Leben hat sich sowas von gebessert! Klar, am Anfang isses schon komisch zum Psycho-Doc zu gehen...man hat ja schließlich (vermeintlich) keine Macke! Aber es hilft! Es ist nicht einfach, aber es lohnt sich.

    Ich finde es toll, dass du dir helfen lassen willst, viele drücken sich vor dem Eingeständnis, ein Problem zu haben. Allerdings hört sich das bei dir schon so an, als wüsstest du es bereits. Gut finde ich auch, dass dein Chef dich da unterstützt. Ich hoffe, deine Familie sieht das genauso?

    LG und viel Kraft!

    Silver

    PS: eine Buchempfehlung hätte ich noch. Mein Freund hat mir das zu Weihnachten geschenkt und es hat mir sehr geholfen! "Glück kommt selten allein" von Eckart von Hirschhausen

Diesen Eintrag kommentieren