Boys don´t cry

12.09.2008 um 00:47 Uhr

Der schlimmste Dienst meines Lebens

von: Ryan

Mein Top 1 der schlimmsten Dienste ... es hat ein neues Höchstmaß erreicht ... ich habe heute sicherlich DEN absolut schlimmsten Dienst aller Zeiten erlebt - ach, eigentlich den schlimmsten Dienst, den ich in 4 Jahren je erlebt hab. Ein Spätdienst ... die Tafel mit den Patientennamen ist voll ... brechend voll und alle sind sie furchtbar krank und furchtbar pflegebedürftig ... und aufwändig.

Mein Beruf ist mittlerweile blanker Selbstmord. Wir hatten 5 Aufnahmen, alle samt aus Heimen, grotten dement, alle mit Dünnpfiff, alle machen sie nur Blödsinn. Sie liegen aufm Boden, in ihrer eigenen Scheisse und du stehst daneben und fragst: "Frau xy, warum sind Sie denn aufgestanden?" und sie gucken dich nur mit großen Augen an. Eine hab ich ausm Treppenhaus rausgefischt, ne andere hatte ins Bett gemacht, wieder ne andere hatte sich ne Patientenakte geschnappt und verstreute die Zettel über den ganzen Flur. Und die, die nicht aufstehen können, wiegen über 100 kg und man bricht sich jedes Mal den Rücken, wenn man sie hochzieht im Bett, weil sie wieder bis ans Fussende gerutscht sind.

Und nebenbei der Papierkrieg, gegen den wir mittlerweile auch ankämpfen. Es ist unglaublich wieviele Zettel ausgefüllt werden wollen, wenn man als Aufnahme im Krankenhaus landet. Wieviel Papier man benötigt nur damit man nen Ultraschall kriegt ... Meine Kollegin sah ich zwischen 14 und 17 Uhr gar nicht ... die war irgendwie in den Patientenzimmern verschwunden und kam irgendwann total verschwitzt ins Dienstzimmer, Blut am Kittel und hatte nur noch nen müdes Lächeln übrig als ich sagte: "Ich hab zwei deiner Aufnahmen ausgearbeitet und deine Visiten gemacht."

Ich bin wirklich abartig gut im schnell arbeiten und Gas geben ... ich geb eigentlich immer am Beginn eines Dienstes Gas und Volldampf, damit ich vielleicht um 17.00Uhr 20 Minuten Pause rausschlagen kann ... heute - No Chance. Es war nicht machbar. Unsere Schülerin haben wir 20 Minuten eher nach Hause geschickt, weil die sich auch halbtot gemacht hat und extrem müde aussah. Um 18.00 - nachdem ich schon 4 Stunden wirklich VOLLGAS gegeben hab in allem was ich getan hab, hab ich echt meinen Körper gemerkt. Zitternde Hände, Übelkeit, noch keinen Schluck getrunken, noch nix gegessen, keine Minute Pause. Ich dachte echt, ich seh gleich Sternchen und alle Patienten stehen in der Tür und fragen nach dem Abendbrot. "Wir haben Hunger!" - Ich auch ... aber erst bekommen die Patienten, dann ich ... also hab ich mir kurz nen Apfelsaft runtergehauen und dann ging es los mit Abendbrot verteilen und füttern bei den Patienten, die nicht alleine essen können ... ich bin wirklich mit 3 Löffeln gleichzeitig aufm Flur rumgerannt ... in Zimmer 1 ein Hapser, in Zimmer 2 wieder ein Hapser, in Zimmer 3 ein Hapser und zurück ins Zimmer 1 und das ganze von vorne.

Zwischendurch das Telefon: "Hallo, hier ist Frau Meier, können Sie bitte Frau xy ganz lieb Grüßen?!" Ich hab heute alle Grüße vergessen ... oder: "Hier ist Doktor blabla, wie ist der Kaliumwert von Frau xy?!" Die Ärzte haben uns wenigstens heute echt mit Samthandschuhen angefasst und waren echt lieb, weil wir beiden Schwester, bzw. ich als Pfleger total durch waren und die echt gemerkt haben, wie sehr uns der Schweiss von der Stirn tropfte. So alla: "Sei mir nicht böse, ich weiss dass du ganz viel Stress hast, aber ..."

Normaler Weise bin ich nach so einem Dienst stinksauer und rege mich auf. Ich motze, ich brülle ... heute nicht ... ich hab keine Kraft mehr. Ich bin fix und fertig, ich hab weder geschrien noch gemotzt. Ich war einfach nur still ... so still, dass die Nachtdienstschwester schon sagte: "Oh Ryan, dir gehts echt nicht gut." Und mein Rücken bringt mich um - soviele Patienten gedreht im Bett, soviele vom Boden hochgehoben und soviel hochgezogen im Bett ... und die Station sah aus wie ein Schlachtfeld ... alles irgendwo hingeschmissen, wo man grade stand, in der Küche, die wir mitversorgen müssen, stapelten sich 3 Stunden lang die 30 Teller und Tassen vom Abendbrot, teilweise sogar aufm Boden, weil auf den Arbeitsflächen schon zuviel schmutziges Geschirr rumstand ... die Wäschewagen leer, die Wäsche- und Müllbeute dafür umso voller. 3 große blaue Müllbeutel mit Schutzhosen haben wir geschafft in diesem Dienst und 2 Wäschesäcke mit vollgekoteter oder urinierter Wäsche. Um 17.00 war ich NOCH am fluchen und hab geschrien: "Ich flippe aus!" aber ab 20.00 hab ich nur noch gearbeiten, mit Augenringen und erschöpft und viel zu kaputt um mich aufzuregen.

Und zu allem Überfluss hatten wir ne super irre Patientin dazwischen, jung, dick, Thrombose im Unterschenkel und schizophren, nicht zu begrenzen, überschreitet jegliche Grenzen und ist voll abgeknallt, sobald sie mich gesehen hat. Ich war bei ihr, und musste ihr nen Mittel spritzen damit das Blut nicht so schnell geringt und sich die Thrombose auflösen kann ... und sie fing an mit: "Finden Sie mich attraktiv?" und ich: "Sorry, aber auf sowas kann ich nicht antworten." - und sie: "Ich bin Ihnen zu dick oder?!" und meine Kollegin: "Ey, hören Sie mal auf damit den Pfleger anzugraben, das ist hier keine Partnerbörse." und die Patientin: "Ich bin schwanger - von Ihnen!" und ich: "Wie geht das denn?" und die Patientin: "Ich habs mir grade gewünscht." und ich: "Aha." Meine Kollegin guckt nur komisch. Und die Patientin wieder total psycho: "Freuen Sie sich nicht Vater zu werden?" - und ich: "Meine Freundin wird das nicht so geil finden" - und die Patientin: "Aber wir sind doch jetzt ein Paar!" und meine Kollegin: "Woah! Jetzt reichts aber! Reissen Sie sich zusammen!" Und das Problem: Die Patientin glaubte das im ERNST! Die hat mich psychotisch verarbeiten und im ganzen Stress hatte ich immer diese durchgeflippte Braut hinter mir her rennen, die eigentlich Bettruhe hat und gar nicht inner Gegend rumlaufen darf: "Ryan! Ryan! Wir müssen reden!" - "ICH KANN JETZT NICHT!" und meine Kollegin hat sich echt Mühe gegeben, die von mir fern zu halten. Die kam mir echt bis in die Patientenzimmer hinterher gerannt, weil sie besprechen wollte wie das Kind heissen soll und ob die Thrombose schlecht für das Kind ist und und und ... wir haben im gesamten Dienst 4 Mal die Ärztin reingesteckt ins Zimmer, damit die ihr sagt, dass sie damit aufhören soll ... dann gings immer 10 Minuten und dann flippte die wieder durch.

Und inner Übergabe - die sich eh schon um 30 Minuten verspätete, weil wir noch am aufräumen unserer Misthaufens waren - ging dann zwischendurch gar nichts mehr. Ich konnte nicht mehr denken, ich konnte nicht mal mehr von A nach B denken. Es ging nix. Ich hab so erzählt was ich wusste, hab mich entschuldigt für alles was ich nicht mehr wusste oder vergessen oder versäumt hatte ... und dann gings los - Kloss im Hals und Tränen in den Augen - und als ich dann anfing zu heulen, gings bei meiner Spätdienstkollegin auch los. Sie schluchzte dann auch immer: "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr ..." Wenn ich meine Kolleginnen nicht so mögen würde, würd ich mich morgen krank melden - und dann kann irgendeiner ne Doppelschicht schieben und das ist ja auch ... ach scheiss Job!

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitiereninge schreibt am 12.09.2008 um 23:59 Uhr:ufff. wahnsinn, wie viel du schaffst.
    *daumendrück* dass es besser wird.
  2. zitierenJen schreibt am 15.09.2008 um 22:55 Uhr:Ryan, ich lese deinen blog schon lange, und habe ganz sicher das Gefühl, dass es IMMER ziemlich schlimm ist mit den diensten...
    was ist denn aus dem vorhaben geworden evtl. die stelle zu wechseln...?

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