Boys don´t cry

09.06.2013 um 23:31 Uhr

Des Technotypens Festival

von: Ryan

Sonntag nicht spontan frei bekommen - Frühdienst, aber ich habe gute Laune. Das Wetter ist fantastisch, wir waren den ganzen Nachmittag und Abend im Stadtpark mit Freunden (und Technotyp) grillen. Grillen ist gar nicht so einfach, wenn man plötzlich keine Würstchen mehr isst. Also bin ich gestern übermüdet und beinah panisch im Supermarkt gewesen nach dem Frühdienst und hab mir überlegt, was ich anstelle von Würstchen essen könnte. Obwohl ich beinah ein Jahr Vegetarier bin, hab ich noch nicht ein einziges Mal gegrillt. Gott sei Dank ist Bier vegetarisch. Naja, ich saß dann gestern Abend bis beinahe zehn Uhr in der Küche, hab Kartoffeln gekocht, Ziegenkäse in Feigen geschmiert und Gemüsespieße mit Feta zusammen gesteckt. Aber es hat sich gelohnt, und jetzt am Ende des Tages hab ich einen leichten Sonnenbrand auf den Wangen, bin fettgefressen und glücklich.

Steffi hingegen macht sich im Moment alles einfach - ich sehe drüber weg, weil sie Nachtschicht hat. Ich hab einen Arbeitsturn von 9 Schichten am Stück und sie macht so rein gar nichts. Schlafen, in der Sonne liegen am Nachmittag, abends zur Schicht fahren.  Ich lass sie - aber ich bin auf nächste Woche gespannt. Sie hat Urlaub - konnten wir dieses Jahr nicht zusammen nehmen - ich muss arbeiten. Ich bin gespannt, wer einkaufen geht und sich um den Haushalt kümmert. Ich könnt ja drauf wetten, dass Steffi mit dem Bulli einfach alleine nach Italien fährt und sich vier Wochen verpisst. Seitdem wir den Bulli haben, ist Steffi ein Bulli-Fan. Freiheit, Frieden, Spontanität, Ruhe  - das alles verbindet sie mit dem Bulli. Vorher hatte sie lange einen Suberpe - zu großes, zu teures Auto. Und schnell. Steffis Eltern wohnen 400 km weit weg - 2,5 Stunden ist der Rekord für die Strecke. Mit dem Bulli musste Steffi feststellen, dass ihr Leben sich deutlich entschleunigt hat - 90 km/h mit Rückenwind und bergab, mehr schafft unser T3 nicht. Seitdem schwärmt Steffi von "Schönheit der Augenblicke", die sie verpasst hätte, wenn sie schneller gefahren wäre. Bullifahren ist einfach total chillig, wir haben bereits Bulli-CDs - Florence and the Maschine, Kasabian, Frank Turner, Miss Li. Steffi schläft sogar manchmal im Bulli nach´m Nachtdienst für ein paar Stunden, wenn sie zu müde ist um aus Schleswig-Holstein nach Hamburg zu fahren.

Allerdings ist ein 25 Jahre alter T3 kein besonders zuverlässiges Fahrzeug. Mittlerweile ist der Ford meines Bruders, der zwei Straßen weiter wohnt, so halb in unseren Besitz übergegangen. Ganz schön dekadent, wenn man bedenkt, dass wir zwei Autos nutzen, obwohl nur einer von uns einen gültigen Führerschein hat.

Technotyp war mit im Stadtpark grillen - ich merk grad, dass ich so ein fieses Ziehen in Rücken und den Beinen hab. Da ist wohl jemand zu alt, um 5 Stunden auf einer Decke auf dem Boden zu sitzen. Wir haben das Grillen genutzt, um unsere Festival-Planung mit unseren Mitreisenden zu besprechen. Und wieder diese ewige "Wer schläft wo"-Frage. Technotyp war jetzt beim Arzt, er hat offiziell "Muskelblockaden" im Rücken bescheinigt bekommen. Mal kurz für die Nicht-Mediziner: Jeder Mensch hat mal Muskelblockaden im Rücken. Das kann wehtun, muss aber nicht. Es ist völlig normal, wenn sich ein Muskel verhärtet, niemand hat völlig geschmeidige, gelockerte Muskeln permanent. Das kann saumäßig wehtun - weiß ich selbst, nachdem mein Hausarzt mir in unregelmäßigen Abständen meine Schulter "weich" spritzen musste - aber der hat doch ´n Schuss? Weichei. Wenn ich es drauf anlege, kann ich meinen Bandscheiben-Vorfall auch bescheinigen lassen. So ein Lappen. Echt jetzt. Naja, er hat auf jeden Fall heute eine meiner besten Freundinnen kennen gelernt, die auch mit fährt, für die er sich jetzt auch interessiert. Mal im ernst, es gibt Männer, die haben Dauernotstand oder? Er hat eine Freundin zuhause, gräbt ständig an meiner rum und dann irgendwann: "Wie alt ist sie? Hat sie einen Freund? Meinst du, sie will Kalkbrenner mit mir anschauen auf dem Festival?" - "NIEMAND will Kalkbrenner sehen!" Naja, ich mach mir jetzt um sie auch Sorgen. Ich glaube, der stellt sich vor, wie er nachts in MEINEM T3-Bus liegt, in jedem Arm eine Frau und ein großartiges Kalkbrenner-Konzert genossen hat. Oder er checkt schon mal ab, was als Reserve auf ihn wartet, wenn Steffi wirklich standhaft bleibt. Ich verstehe immer noch nicht, wieso er sich ein Festivalticket gekauft hat.

Steffi sagte neulich: "Wahrscheinlich siehst du ihn gar nicht. Wir beiden haben uns doch letztes Jahr auch das ganze Wochenende vielleicht 3 Stunden insgesamt gesehen." Steffi hatte eine Jana kennengelernt, mit der sie das ganze Festival rumgelaufen ist und ich hatte zwei Internisten kennen gelernt, die bei uns gezeltet haben (typisch für mich, die Ärzte anzuziehen), mit denen ich das ganze Wochenende verbracht hab. Und mit dieser Erinnerung an letztes Jahr, hatte ich plötzlich Magenschmerzen. Es ist wirklich so, dass man viel trinkt - Steffi trinkt schon mal auf einer Party, ist auch ab und an mal betrunken, aber nie so, dass sie kotzen muss. Aufm Hurricane hackt sie sich so derartig zu, dass sie mindesten einmal spuckt - sechs Jahre in Folge hat sie mindestens einmal gekotzt und ich rechne auch dieses Jahr fest damit. Folgende Sätze hab ich letztes Jahr von Steffi gehört: "Wir haben einen Eimer Sangria im Partyzelt geschenkt bekommen, ich musste ihm nur meine Brüste zeigen." oder "Ich hätte ihn k.o. geschlagen, wenn du mich nicht weggezogen hättest!" Der Typ war 3 Köpfe größer als sie und 50 kg schwerer (und sie hatte ihn beleidigt vorher) "Ich hätte den trotzdem k.o. geschlagen, ich hatte doch die zwei Probestunden beim Kickboxen vor zwei Jahren!" Aber mein persönlicher Lieblingssatz ist immer noch als sie zu einem Polizisten hinläuft und lallt: "Weißt du, was außen grün und innen hohl ist?! Schnittlauch!!!"

Und genau diese Frau arbeitet auf einer geschlossenen Station mit schwer psychisch kranken Menschen. Naja, wie dem auch sei, ich hatte noch nicht bedacht, dass Steffi sich ja jedes Mal für Tage zusäuft (wie 98% der anderen Festivalbesucher) - ich bin da ja langweilig. Ich bin Vertreter von "Ich würde mich gerne an alles erinnern"-Fraktion. Sicher bin ich auch phasenweise betrunken, aber ich finde es gibt nichts schlimmeres, als wenn du betrunken im Zelt liegst und die Headliner-Bands verpasst, weil du Kopfschmerzen hast. 

Tolle Aussichten, Technotyp hängt an der betrunkenen Steffi wie eine Klette, fast vier Tage am Stück - natürlich habe ich schon meine Bededenken geäußert, aber dann wird Steffi ernst, sagte sowas wie dass sie nur mich liebt, ihm notfalls eine klatscht und stehen lässt, sie fände er sei ein unerotischer Mann und für ihren Geschmack zu "weich" - ernsthaft, wenn er etwas von einer Frau möchte, kriegt er eine Kleinkind-Stimme: "Steffi gehst du heute mit mir was trinken? Bitte bitte bitte, ich geb dir auch ein Bier aus, aber bitte komm mit." und schiebt die Unterlippe vor. Natürlich spricht das bei Frauen das Kindchen-Schema an, mehr aber auch nicht. Ich hab schon mit 16 gecheckt, dass man sich selbst mit der Masche sämtlicher männlicher Attraktivität beraubt. Steffi sagt weiter, ich bräuchte mir keine Sorgen machen, könne ihr vollstens vertrauen und solle nur zusehen, dass ich trotzdem eine gute Zeit, auch wenn Technotyp dabei ist. Und Kalkbrenner schaue sie sich auch nicht an, nicht mal wenn Technotyp heulend auf dem Boden liegt. Kalkbrenner spielt zeitgleich mit den Queens of the Stone Age. Technotyp: "Wer bitte?" Wenn man Queens of the Stone Age nicht kennt, hat man auf so einen Festival nichts zu suchen - meine Meinung. "The lost art of keeping a secret" ist  - wieder meine Meinung - einer der besten Songs, die je geschrieben wurden. Alle wollen Rammstein sehen, meine persönlichen Highlights werden The Smashing Pumpkins und Billy Talent sein. Es kann halt nicht immer einfach sein.

Steffi hat vorgeschlagen, ob wir uns nächste Woche nochmal mit Technotyp alleine treffen und ihm ins Gewissen reden. Ihm verklickern, dass Gummistiefel wahrscheinlich das passenste Schuhwerk sein wird, dass man entweder absäuft und alles schlammig ist, oder bei guten Wetter alles so staubig ist, dass du am Ende Sandburgen bauen kannst von dem Staub, den du eingeatmet hast. Schmutzig auf jeden Fall, anstrengend - vor allem das Schlafen auf der Iso-Matte im Zelt. Und wir fahren nicht nach Hause, weil er Rückenschmerzen hat, auch wenn er die Unterlippe vorschiebt und "Bitte bitte, Steffi" sagt. Handyempfang ist da immer gleich null, vier Tage ohne Internetempfang sind auch für manche eine Herausforderung und wenn Ryan die Faxen dicke hat, könnte es auch mal auf´s Maul geben.

Und ansonsten? In der "richtigen" Welt - vor und nach jedem Festival - arbeite ich immer noch viel.  Ich hab jetzt das Gerücht gehört, dass meine Station nach den Sommerferien wieder eröffnet werden soll. Wie gesagt, ein Gerücht, wenn man auf dem Weg zum Rauchen jemanden trifft. Heute hatte ich die erste Schicht, in der ich komplett selber 20 Patienten alleine versorgen durfte/konnte. Ich bin das nicht gewöhnt, ich habe 5 Jahre auf der gleichen Station gearbeitet, war eingearbeitet, routiniert, hab meine Patienten immer bestens versorgt übergeben. Es gab nichts, was ich nicht regeln konnte. Und nun arbeite ich auf einer Station mit einem bestehenden Team, wo ich dauernd nachfragen muss. Ich hab ewig internistisch gearbeitet, jetzt soll ich chirurgisch arbeiten. Im Grunde genommen ähnelt es sich stark, aber die Feinheiten hab ich noch nicht ganz raus. Vor allem sind Chirurgen ein eigenes Volk. Freitag Nachmittag stand eine Chirurgin vor mir und fragt, wie die Wunde von einem Patienten aussieht. Und ich ganz ehrlich: "Ich hab die Wunde noch nicht gesehen." - "WIESO NICHT?!" - "Weil ich meinen dritten Tag hier hab und diese Wunde noch nicht verbunden habe, ich bin im übrigen Ryan, und wer sind Sie?" - "Frau Doktor Schießmichtot, seltsam dass Sie meinen Namen noch nie gehört haben! Ich arbeite seit zwei Jahren in diesem Haus! Das müssten Sie eigentlich wissen!" (Chirurgen sind alle Egomanen) - ich darauf: "Ich arbeite seit 9 Jahren in diesem Haus, aber Innere und Chirurgie überschneiden sich selten!" Sie guckt schief und sagt dann patzig: "Naja, kannst auch Marie zu mir sagen." Aber erstmal diese blöden Kämpfe, das nervt. Vorgestern wollte ein Chirurg, dass ich ihm Kaffee hole - er dachte, ich sei der neue Praktikant. Ich hab ihm dann höflich erklärt, dass ich die Stationsleitung der IMC sei (die Karte musste ich ausspielen), nur aushelfe und Kaffeeholen nicht zu meinem Aufgabenfeld gehört. Krass oder? Halten sich gleich für Übermenschen, nur weil sie Leute aufschneiden dürfen.

Nochmal für Kris: Ich mag Kraftklub total gerne, ich hab sogar das Album. Schade, dass es von denen noch nicht mehr gibt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 11.06.2013 um 00:34 Uhr:Ja, viele gute Lieder aufm Album, aber "ich hau rein", "Juppe" und "Randale" sind da nicht drauf leider ("Schlagerstars" und "Fotos von mir" und bestimmt noch n paar andere, die mir grade nicht einfallen, auch nicht.)

    Hmm, auch wenn Steffi ernst alles mögliche beteuert, Sorgen machen würd ich mir trotzdem, GRADE WEIL ihr euch vielleicht nur 3 Stunden seht wie letztes Jahr. Auch wenn du IHR trauen kannst, IHM nicht. Denn Technolappen wird das schon einzurichten wissen, dass er sie mehr als nur 3 Stunden sieht, und wird sie sicher auch nicht bremsen, wenn sie sich zuschüttet... der wird ihr schön hinterher dackeln, er hat ja eh nix besseres zu tun, von Kalkbrenner abgesehen, aber spielt ja nicht 4 Tage am Stück... Der wird massiv graben, wieso sonst sollte der sich Festivalkarten besorgen, wenn er nur einen Act sehen will...
    Das mit dem Bulli klingt echt chillig, wenn ich am Strand an der Nordsee bin, und da dann die ganzen Surfer, Alternativen und andere mit ihren Bullis seh, die dann vielleicht auch noch abends den Grill rausholen, denk ich auch immer- das muss Freiheit pur sein...
    Lass dir von so doofen Chirurgen nicht den Tag versauen, auch wenn sie nerven... freu dich lieber auf deinen Tattoo-Termin! :-)


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