Boys don´t cry

05.04.2013 um 00:35 Uhr

Die Beinahe-Todesliste

von: Ryan

Wieder viel passiert. Herrje, im Moment ist mein Leben aber auch aufregend. Meine Überstunden-Wochen konnte ich knicken, nachdem mich meine obereste Chefin panisch anrief, dass meine Station nicht laufen würde. Also ausm Bett gesprungen und hingefahren zur Arbeit. Nichts katastrophales, nein nein ... da hatte jemand überreagiert und Angst gekriegt und im Endeffekt waren das nur Kleinigkeiten, die ich regeln muss. Einige Sachen laufen noch holprig - vor allem weil ich zwei Mädels im Team habe, die Probleme verursachen, die eigentlich nur entstehen aus Ignoranz und Dummheit. Völlig lächerlich eigentlich.

Noch ein Problem: Die Spätdienstkollegin kam schon blass und geplagt von Übelkeit zur Arbeit - die hab ich dann nach Hause geschickt und selber die Schicht gemacht. Die ist schwanger - sie hat noch nichts zugegeben, aber ich seh ihr das an der Nasenspitze an. Weiteres Problem: Ich übernehme in den nächsten 6 Wochen ihre Nachtdienste - ich hab noch nicht nachgerechnet, aber es sind sicher 15 wenn nicht sogar 20 Nachtdienste (meine eigenen muss ich ja auch machen). Dann kommuniziere ich halt in Zukunft per E-Mail mit meinen Vorgesetzen, es gibt schlimmeres.

Mit dem Buch komme ich grade nicht weiter. Zuviel zu tun, und dann auch noch einspringen, war auch nicht förderlich für meine Kreativität. Morgen Vormittag muss ich mal kurz erscheinen und auf der Leitungskonferenz das Konzept meiner neuen Station vorstellen. Ein hochoffizieller Termin mit Geschäftsführung und Vorstand. Steffi hat mir extra noch ein Hemd gebügelt. Sehr ungewohnt sich gut anziehen zu müssen für die Arbeit, wo ich ja sonst in abgelatschten Turnschuhen und löchrigen Jeans zur Arbeit schlappe. Ich ziehe mich ja eh um und lass meine Zivilsachen im Spint. Ungelogen: Nicht selten kommen einem Kollegen in Jogginghose entgegen.

Ich hab kein Problem mal ´nen Hemd zu tragen, ich befürchte nur, dass ich rascheln werde. Projekt Tattoo ist heute gestartet und ich sitz doch in just diesem Moment mit drei Lagen Frischhaltefolie um den gesamten Oberarm. Den Folienverband muss ich zwar morgen früh wechseln, aber ohne geht nicht. Das Hemd ist weiß und aus meinem Arm läuft noch permanent eine Mischung aus Blut, Wundflüssigkeit und Tattoofarbe.

Jetzt kommen wir zu dem Teil, der mich wirklich interessiert: Tataataaaa. Projekt Armtattoo ist heute gestartet. Erste Sitzung mit 5 Stunden überlebt und Ergebnis sieht soweit sehr gut aus. Zwei weitere Termine folgen. Auf dem Oberarm sind jetzt alle Linien, 3/4 ist ausgemalt, der Unterarm folgt im Juni und im August Hintergrund und Feinschlief. Ich dachte, ich würde völlig euphorisch nach Hause laufen - stattdessen bin ich im Bus eingeschlafen, weil ich so erschöpft war. Das war echt anstrengend, obwohl ich fast volle 5 Stunden nur gelegen hab.

Ich warte ja schon Wochen auf den Termin und hab mich bislang echt gefreut - nur gestern morgen lag ich im Bett und hab mir zum ersten Mal gedacht: "Das wird irre wehtun, die Tattoofrau massakriert dich 5 volle, lange Stunden. Warum bist du so doof und tust dir das an?" Nachdem ich fast ´ne Panikattacke hatte beim bloßen Gedanken daran und den Termin beinah abgesagt hätte, war heute morgen alles super. Sicher war ich nervös. Ich war mit ´ner Freundin vorher frühstücken, und obwohl ich mich ruhig fühlte, sagte sie immer wieder: "Boah, bist du hibbelig." Angekommen im Tattoostudio war ich der einzige Mann, der sich tätowieren lassen wollte. Dann kannst du nicht heulen und jammern "Aua aua, das tut so weh!" wenn im gleichen Raum zwei Mädels auch grade unter der Nadel liegen. Also Zähne zusammen beissen und durch. 

Mich haben heute schon drei Leute gefragt: "Und? Hat´s wehgetan?" Was für ´ne Frage. Natürlich tut es weh. Aber ich muss auch zugeben, es gab Stellen, die waren nur unangenehm, aber kein/kaum Schmerz. (Lieber zukünftiger Ryan, bitte lies dir das durch - du hast bei den letzten Tattoo scheinbar alles verdrängt, es ist nicht so schlimm wie du denkst!) Aber es gab auch Stellen, die waren wirklich fies - als sie die Innenseite vom Oberarm ausgemalt hat, bin ich in Schweiß ausgebrochen, weil es so wehtat (lieber zukünftiger Ryan, die Inneseite ist schon fertig, also mach dich nicht irre). Und was ich versucht habe - und spätestens jetzt halten mich alle für bekloppt - ich hab versucht die Schmerzen wehzuatmen. Ja, das kann man, siehe Atemtechnik bei Geburten. Natürlich hab ich da nicht rumgehechelt, aber es war schon echt beeindruckend zu sehen, dass ich deutlich weniger Schmerzen hatte, wenn ich langsam und konzentriert ausgeatmet hab (nachdem ich mich selbst ertappt hab, wie ich immer beim Schmerz die Luft angehalten hab).

Schlimm war der Heimweg. Ich hab erst zuhause gesehen, dass die Folie gerissen ist und die frische "Wunde" am Pullover gescheuert hat. Und dann ist mir im Bus noch ein Schulkind gegen den Arm gesprungen, ich hätte den kleinen Jungen am liebsten noch an Ort und Stelle erwürgt. Und seinen Kumpel, der ihn durch den Bus gejagt hat, gleich mit.

Ja und jetzt sitze ich hier und hab die tätowierte Fläche an meinem Körper fast verdreifacht. Irgendwie kann ich mich noch nicht freuen, vielleicht bin ich zu erschöpft und die Schmerzen sind noch zu aktuell. Außerdem sieht man durch drei Lagen Folie recht wenig. Und fertig ist es ja auch noch lange nicht. Auch sehr interessant was ich an mich selbst erlebe: Wenn man seinen Körper verändert (bei Amputationenm, schnellen Gewichtsreduktionen u. ä.), braucht das Gehirn eine gewisse Zeit um diese Veränderung abzuspeichern. Das hat mein Gehirn noch nicht gemacht. Wenn ich die Bilder von der neuen Tätowierung sehe, denke "Oh schönes Tattoo, das ist jetzt deins." aber ich fühle mich, als würde ich es morgen im Supermarkt abholen müssen. Es gehört noch nicht zu mir. 

Steffi war fast aufgeregter als ich - die kam mir schon im Hausflur entgegen, weil sie die Tätowierung sehen wollte.  Und dann äußerte Fräulein doch erstmals in zehn Jahren, dass sie jetzt auch eins will. Weil "die Farben so schön sind bei dir". Und wo? "Oberarm Innenseite wäre cool ... aber ich hab so Angst wegen den Schmerzen." Ja, da ist Innenseite Oberarm ja nicht die günstigste Stelle um damit anzufangen. Kann ich aus eigener Erfahrung jetzt sagen.

Dann hat es die Frau, die ich heiraten wollte auf meine "Beinahe-Todesliste" geschafft (also von Menschen, die ich ermordet hätte, wenn ich ein klitzekleines bisschen weniger Selbstbeherrschung hätte - die zwei Jungs im Bus sind heute in die Top 5 gerutscht). Ich hab Steffi ein bisschen geneckt - wie man das so macht - und sie war so sauer, dass sie mir mit voller Wucht auf den frisch tätowierten Oberarm gehauen hat. Und als ich Schmerzen wegatmend keuchte, ob sie bescheuert sei, das sei doch das frische Tattoo, verschränkte sie nur die Arme und sagte kaltschnäuzig: "Ich weiss!" - Mit voller Absicht, so ein fieses Stück.

So, und deswegen muss ich jetzt schlafen und morgen zur Arbeit, da sind wenigstens Menschen, die mich respektieren und achten.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 06.04.2013 um 14:23 Uhr:Argh, das ist ja nicht grade nett von Steffi... in der Tat ein Biest :-D
    Ist so ne Aktion irgendwie "schädlich", also kann das Tattoo Schaden nehmen, weil das eben noch nicht "verheilt" ist oder so, oder tuts halt einfach nur weh? Kenn mich null mit Tattoos aus, obwohl ich seit ca 20 Jahren welche will *lol*
    In ein, zwei Jahren, wenn ich das Geld dafür endlich über habe, musst du mir das beste Studio in HH verraten ;-)

    Dass das Gehirn manchmal etwas "braucht" um sowas mitzubekommen kenn ich, hat man ja manchmal schon bei kleinen Sachen, wie plötzlich ne Brille, oder Haare total kurz, wo vorher superlange Haare waren.

    Wolltest du eigentlich nicht verraten, was für ne Station das ist, oder hattest meine Frage neulich nur überlesen?
  2. zitierenRyan schreibt am 06.04.2013 um 19:52 Uhr:Bin ich nicht auf deine Frage eingegangen? Mmh, ich dachte, ich hätte mich dazu geäußert. Im Grunde genommen - obwohl ich ein Konzept vorgetragen habe gestern - bin ich mir nicht ganz sicher. Ich hab eine interdisziplinäre Station, bzw. eine IMC. Wir versorgen geriatrische, internistische und chirurgische Patienten (vom ersten an meisten, aber das vermischt sich ja eh teilweise bei der Kundschaft). Außerdem habe ich zwei Monitoring-Plätze neben meinem Dienstzimmer (meine eine Kollegin ist neulich fast in Tränen ausgebrochen, als sie hörte, dass der eine Patient einen ZVK hat, und dass Vitalparameter im Monitor gespeichert sind, weiß auch niemand außer mir ... ich könnte den ganzen Tag nur den Kopf schütteln). Naja, man wurschelt sich so zurecht.

    Nee, besonders schädlich ist das nicht gewesen, nur irre schmerzhaft. Das Wichtigste bei Wundversorgung von Tattoos ist eigentlich, dass man die Haut feucht hält (Vaseline, Wundsalbe etc.), aber das macht man eh automatisch, weil es so spannt (heute ist der erste Tag, an dem ich den Arm wieder hochkriege) - damit die Farbe drin bleibt. Wenn sich Kruste bildet und man dran rum knibbelt, oder es direkt zu sehr blutet, dann wird das Ergebnis nicht so schön. Sonst sieht es ganz schnell so aus, als habe meine 5 Jahre alte Nichte den Arm mit Filzstift ausgemalt ;) Aber wenn man sich tätowieren lässt, gibt dir ein guter Tätowierer noch eine Pflegeanleitung mit, was man unbedingt beachten muss. Und eine Vorbereitungsanleitung beim Vorgespräch.

    Ich schick dir gerne mal ein paar Namen von guten Tattoo-Studios, ich kenne da einige (aber auch welche von denen ich dir abraten kann, meine Bruder ist ja in der Branche). Du musst schon wissen, was du willst - die Tätowierer sind spezialsiert. Einige machen z.B. nur keltische Muster, andere machen Portraits, andere nur einfache Sachen wie Schriftzüge. Und es gibt sehr wenige, die wirklich gut mit Farben arbeiten (schwarz können alle).
  3. zitierenKris schreibt am 11.04.2013 um 01:49 Uhr:Ich frag dich dann mal, wenns soweit ist mit dem Tattoo, nächstes Jahr irgendwann. Klar, in welche Richtung das Tattoo gehen soll, sollte man schon wissen...
    Wie nimmt denn dein Bruder das auf, dass du das Tattoo woanders hast machen lassen, oder weiß er es noch gar nicht?

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