Boys don´t cry

29.04.2010 um 03:56 Uhr

Die Sache mit den Erwartungen

von: Ryan

Erwartungen - mein Therapeut sagte, ich sei voll von Erwartungen. Von anderen. Meine Mutter erwarte etwas von mir, mein Vater erwarte etwas von mir, mein Arbeitgeber hätte Erwartungen. Alle erwarten was von mir. Und das krankhafte daran sei, ich würde alles versuchen zu erfüllen. Würde mich schuldig fühlen, wenn ich es nicht könnte. Und das sei eines der großen Dinge, die mich krank machen würde.

Darüber habe ich heute etwas mehr nachgedacht. Eigentlich wurde es mir heute klar. Ein kleiner Gedankenanstoss und plötzlich sah ich es. Und wenn man solche Gedanken zueende denkt, wird man sehr traurig. Nein, ich wurde traurig. Und ich musste weiter denken - und schon war wieder alles da: Die Unsicherheit, Angst und dieses Unwohlsein in der Brust, das mich so quält.

Meine Mutter - ja, sie ist eine starke Frau. Ich glaube, sie möchte eigentlich nur, dass ihre Kinder glücklich sind. Aber ich glaube sie selbst ist nie wirklich glücklich. Es nervt sie, dass sie ihr Studium abgebrochen hat um Kinder zu kriegen. Ich glaube, sie hätte sich für ihr eigenes Leben was Größeres erwartet. Sie hat gleich nach´m Abitur die Krankenschwesternlehre angefangen und zuende gebracht und neben dem Studium im Krankenhaus was nebenbei verdient. Bis sie ihren Mann kennenlernte und schwanger wurde. Und mit ihren Kindern hatte sie es auch nicht sehr leicht. Immerhin ist sie Mutter von 6 Kindern - ich bezweifle nicht, dass sie uns alle liebt und sich keinen von uns wegwünscht, aber sie hätte es leichter haben können - ich glaube, das weiss sie auch. Und sie wünscht sich sicherlich für uns was anderes, als das was sie selbst lebt. Und wir sind irgendwie alle Problemkinder. Mein einer Bruder hat mit 16 seine Freundin geschwängert. Mama ist damals total ausgerastet, hat sich aber den Arsch abgearbeitet um ihm zu helfen. Mein anderer Bruder ist drogensüchtig gewesen, hat aber den Absprung geschafft - auch mit viel Hilfe der Mama. Sie ist streng und schimpft viel, aber sie ist immer da, wenn man sie braucht. Dann die vielen Männer in ihrem Leben - ihre große Liebe ist gestorben, die anderen meinten es nicht ernst mit ihr oder waren fies. Und vor lauter Angst alleine zu bleiben, bindet sie sich lieber an den Mann, den sie mal geheiratet hat aber nicht liebt. 

Und nur einer ihrer Söhne hat studiert - der Rest schlägt sich so durch und macht auf "Lebenskünstler". Und ich? Ich trete als Nesthäkchen irgendwie in ihre Fusstapfen und bin jetzt auch Krankenschwester. Aber wenn ich mich recht erinnere versuchte sie mich eigentlich immer irgendwie in die Richtung Medizinstudium/Arzt zu schuppsen. Sie hat erst vor einem Jahr irgendwann aufgehört immer zu sagen: "Naja, du kannst ja immer noch Medizin studieren. Deine Krankenpflegeausbildung wird nen großer Vorteil sein." Und ich hab immer gesagt: "Ich will aber kein Arzt sein! Ich will das sein was ich will!" Und sie sagte sowas wie: "Du wirst schon wissen, was gut für dich ist" aber mit nem verbitterten Unterton, so alla: Ach das arme Kind ist noch verwirrt, der wird schon es schon noch rauskriegen. Erwartung: Arzt werden. Wenn möglich berühmt.

Da fällt mir meine Schwiegermutter spontan ein. Also Steffis Mutter. Sie ist furchtbar lieb. Eine nette, mütterliche Frau ende 50 mit einer richtigen Mama-Figur. Sie kann einen drücken wie eine Mama es kann. Dazu muss ich sagen, meine Mama ist sehr schlank, fast knochig und groß, Steffi´s Mama ist einen halebn Kopf kleiner als ich und hat ein wenig Speck. Halt so "Ich habe 4 Kinder auf die Welt gebracht"-Speck, Nicht schlimm, nicht fett, nein, sie ist halt so ne richtige Mama, wie ich sie mir vorstelle. Und sie mag mich gerne. Das ist toll. Aber jedes Mal wenn wir ihre Eltern sehen, stichelt ihre Mama: "Na? Wann ist denn der TERMIN" Oder sie sagte zu Steffi´s Bruder beim Mittagessen: "Reich doch bitte deinem Schwager die Nudeln" Steffi´s Bruder darauf: "Ryan ist noch nicht mein Schwager." und ihre Mutter: "Aber das ist nur eine Frage der Zeit!" Sie hält mich für nen guten Fang für ihre Tochter - das ist mir eigentlich egal, aber beim letzten Besuch fing sie immer an zu erzählen WIE wir heiraten würden. Sie hat schon alles gedanklich geplant. Meine Schwiegereltern leben ja auf Usedom. Da gibt es einen Ort - Zinowitz heisst der glaub ich - da kann man idyllisch am Meer heiraten. Erst kirchlich im Dorf und dann feiern am Meer, direkt am Wasser. Sie weiss genau in welchem Festsaal, wo die 150 Verwandten unterkommen werden für die Nacht. Und sie hat schon mal die Catering-Gesellschaften in der Ortschaft gecheckt. Und Getränke werden nur auf Kommission bestellt. Erwartung: Heiraten wie Steffi´s Mama es will. Das wurde mir klar, nachdem ich vor ner Woche schweissgebadet aufgewacht bin und Steffi geweckt hab, nur um ihr zu sagen: "Wir heiraten nicht auf Usedom! Ich will ne kleine Hochzeit, mit unseren Freunden - in Hamburg. Von mir aus im Stadtpark auf ner Picknick-Decke, aber nicht auf Usedom mit deiner gesamten Verwandtschaft!" Und sie sagte nur schlaftrunkend: "Ja, ist mir doch egal wo wir heiraten." 

Ich weiss nicht ob Steffi das kapiert hat, aber sowas setzt mich wahnsinnig unter Druck. Scheinbar kriege ich unterbewusst alles mit was Menschen von mir erwarten und versuche es ihnen allen Recht zu machen. das geht aber nicht so weiter, weil ich dabei auf der Strecke bleibe. Mir ist schon klar, dass mein Arbeitgeber blöde Dinge erwartet, zum Beispiel dass wir in ner massiven Unterbesetzung jeden Tag die scheiss Station mit fast 40 Patienten schmeissen. Aber ich glaube diese privaten Erwartungen machen mich viel mehr, und zwar richtig fertig.

Mein Vater hat mich erst richtig dazu angeregt, darüber nachzudenken. Ich hab zwar Kontakt zu ihm, aber mehr über E-Mail, manchmal Telefon. Er meldet sich zeitweise Monatelang gar nicht - gut, kenn ich, ich bin nicht enttäuscht. Von ihm erwarte ich gar nichts. Er hat sich nicht mal als mein Vater eintragen lassen. In meiner Geburtsurkunde steht wirklich Vater unbekannt. Nicht weil er unbekannt ist, sondern weil er sich so affig anstellt. Aber natürlich tut ihm alles so leid, und er liebt mich, und natürlich sei er immer für mich da ... haha ... gut, kann ich mittlerweile mit umgehen. Ich hab das alles meinem Psychiater erzählt (hört sich immer noch doof an: "Mein Psychiater" - als hätte ich ne Macke - gut ich brauchte ihn und hab ihm dann auf Nachfrage auch erzählt wie ich zu all meinen leiblichen Familienmitglieder stehe, man muss ja ehrlich sein beim Psycho-Doktor) - zumindest mein Psychiater sagte: Bei der schwierigen Familienkonstellation wäre es toll, dass ich ohne Persönlichkeitsstörung groß geworden bin. Ja, finde ich auch, um mal ehrlich zu sein. 

Aber mal zurück zu meinem Vater. Ich nenn ihn ihm übrigen nicht Daddy oder Papa, ich nenn ihn beim Vornamen. Er war ja die meiste Zeit in meinem Leben abwesend. Richtig Zugang zu ihm kriegte ich eigentlich erst, nachdem ich das Austauschjahr in Amerika gemacht hab und sich mein Patenonkel (und sehr guter Kumpel meines Vaters) als Gastvater angeboten hatte und ich dementsprechend ein Jahr bei ihm verbracht hab. Und meinen Vater dann auch mal regelmäßig gesehen hab. Ich krieg aber irgendwie keinen Zugang zu ihm. Ich dachte ganz häufig - oder denke es immer noch - ich müsste ja irgendwie mich sehr mit ihm verbunden fühlen. Er ist mein Vater. Ich hab total viel von seinen Genen abgekriegt. Ich seh total aus wie er als junger Mann in meinem Alter. Aber er ist irgendwie total anders als ich. Zu seinen Töchtern, also meinen Stiefschwestern hab ich auch kaum Kontakt. Mit einer hab ich mich in Amerika damals angefreundet und hab heute noch E-Mail Kontakt zur ihr. Und sie sagt - nein, sie schwärmt immer, er sei ein toller Vater gewesen für sie und ihre Schwestern. Immer da, bei jeder Schulaufführung war er dabei, Zehntausend Fotoalben von seinen Töchtern hat er. Er passt dauernd auf seine Enkelkinder auf, er sei super. 

Ja komisch, ich hab nen total anderes Bild von ihm. Für mich war er nie da - gut, ich lebe auf nem anderen Kontinent als er. Das mag sicher der Grund sein, ich kann´s auch ein bisschen verstehen von seiner Seite her. Immerhin war er mit der Frau nicht mal lange zusammen, die da schwanger wurde von ihm. Aber er war nicht da, als ich die "kleine Raube Nimmersatt" in der Grundschule gespielt hab - ey Hauptrolle, was war ich stolz - er war nicht da, er war nicht auf meinem Abiball und er wird auch nicht da sein wenn ich heirate. Er schreibt mir ne E-mail oder ruft und fragt wie es mir geht. Und ich sage: "Alles ist fein." und er: "Das freut mich." Also handle ich wie er es erwartet. Alles irgendwie unkompliziert zu halten und trotzdem ein "guter" Vater zu sein. 

Und irgendwie erwartet er dann doch mehr. Er ist Musiker - er verdient damit seinen Lebensunterhalt - nicht mal schlecht, wenn ich das behaupten darf. Und er weiss, dass ich musisch veranlagt bin, dass ich Schlagzeug spielen kann - wenn auch nicht mehr so aktiv wie früher. Und dann kamen häufig so Diskussionen warum ich mein Talent nicht so nutze wie er. Ich könnte es doch. Ich könnte doch auch Musiker sein. Ich bräuchte ja nur in die Staaten kommen, er müsste ein-zwei Kontakte spielen lassen und PENG ich wäre Musiker. Ja klar, ich bin Gott sei dank so abgeklärt und kann sagen: Träum weiter, alter Mann. Also: Erwartungen von Dad: Musiker werden. Wenn möglich erfolgreich und berühmt. Ach ja: Und noch ne super geile Vater-Sohn-Beziehung aus dem Nichts herbeizaubern.

Das sind schon mal ne Menge Erwartungen, die nur alleine meine Eltern an mich haben. Und irgendwie versuche ich es auch allen recht zu machen. Irgendwie fällt mir auch auf, ich steh echt im Schatten meiner Eltern.  So unterschiedlich sie auch sein mögen. Ich sag mal nur als Beispiel: Meine Mama. Es ist schon echt schwer ihr Sohn in meinem Krankenhaus zu sein - nein, in UNSEREM Krankenhaus. Sie hat so lange in meinem Krankenhaus gearbeitet. Alle, die länger als 10 Jahre dabei sind, kennen sie. Ich hab auch noch Kolleginnen, grade 30 Jahre alt, die meine Mama noch als Stationsleitung oder OP-Schwester kennen. Letzte Woche hab ich erst die Geschichte gehört, wie meine Mama schon hochschwanger mit mir war, es ging ihr nicht gut (ich hab ihr ne Schwangerschaftvergiftung verpasst ) und sie dennoch zum Frühdienst erschienen und fast aus den Latschen gekippt, weil es ihr so schlecht ging - aber sie ist ja zäh, sie wollte arbeiten. Nen Arzt konnte sie überreden ne Blutuntersuchung machen zu lassen, wo dann nen paar Stunden später rauskam, wie schlimm es eigentlich auch um ihr eigenes Leben stand. Und Mama wollte trotzdem den Frühdienst noch zuende bringen. Und 20 Stunden später wurde ich per Kaiserschnitt geholt. Fast 26 Jahre ist das schon her und trotzdem wissen das noch einige (mittlerweile) meiner Kollegen.

Und wenn dann auch noch der Sohn DER Krankenschwester ein Bunout hat - und ich bin mir sicher, es wissen mehr Leute bescheid, als ich wissen will - ist das echt bitter und ich fühl mich mies. Okay, es ist spät - ich sollte schlafen gehen. Ich krieg ja morgen wieder meine Spritzen in den Rücken ... ich fühl mich schon wieder wie ein Wrack, alleine durch diese Rückengeschichte. Noch ne Erwartung, die ich dringend erfüllen will: Gesund werden - in jeglicher Hinsicht.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenVomFeuerkind schreibt am 29.04.2010 um 13:05 Uhr:Au man.. zwischendurch hab ich gedacht du schreibst von mir. Natürlich ist meine Familie ganz anders, vor allem weil ich keine Geschwister habe und Mein Vater lebt auch auf diesem Kontinent. Obwohl ich in der gleichen Stadt groß geworden bin, in der auch mein Vater lebte, hab ich dennoch keine Beziehung zu ihm. Manchmal fühlt es sich mit ihm so an, als wäre es so was wie der Atlantik, der zwischen uns steht.

    Ich glaube gewisse Erwartungen von den Eltern gehören zum Leben dazu. Wenn meine gar keine Erwartungen hätten hätte ich vielleicht auch gar nicht meine Ausbildung fertig bekommen. Sie machen sich Sorgen und wollen nur das beste. In einem gewissen Maß ist das bestimmt auch nicht schlecht. Aber es stimmt, es ist nicht leicht sich davon loszusagen - geht mir zumindest so. Besonders nicht, weil ich nicht mehr weiß ob es nur ne Erwartung meiner Eltern ist, oder mein eigener Wunsch, dies oder jenes zu tun.

    Im Grunde erwarten meine Eltern, dass ich mit meinem Studium einen gut bezahlten Job in einer Großen Firma annehme und Karriere mache. Diesen Zahn hab ich ihnen schon gezogen, weil ich einfach das mache was mir Spaß macht. Auch wenn sie es nie aussprechen erwarten sie eigentlich, dass ich einen tollen Mann heirate und Kinder in die Welt setze. Ich habe lange überlegt, ob ich wirklich Kinder will, weil ich das will oder weil sie das wollen. Das ist gar nicht so leicht herauszufinden. Ich weiß es im Grunde bis heute nicht.

    Das Problem, dass sich auftut, wenn man anfängt diese Erwartungen zu registrieren ist, dass man daran zweifelt, dass man sich jemals für irgendwas selbst entschieden hat. Man stellt plötzlich alle Entscheidungen in Frage. Alle Wünsche. Will ich wirklich eine/n Freund/in, oder will ich nur weil die Gesellschaft/Eltern das erwarten? Will ich wirlich XY heiraten oder will ich es nur weil mein/e Freund/in es erwartet? Wollte ich wirklich diesen Beruf ergreifen oder tat ich es nur weil meine Mutter das wollte? usw.

    Ich glaube nicht, dass man das immer so leicht und komplett trennen kann. Aber eine gute erster Schritt ist sicherlich in sich hineinzuhorchen und herauszufinden, was man selbst wirklich will - und versucht die Welt da draußen sein zu lassen, wie sie ist und sich nicht beeinflussen zu lassen. Wenn es dir so geht, wie mir, ist diese Stimmt ziemlich leise und dünn. Aber man kann lernen, darauf zu hören.
  2. zitierenausderFerne schreibt am 30.04.2010 um 02:41 Uhr:Ich wollte noch etwas zur Vater-Sohn bzw. Eltern-Kind-Beziehung sagen. Bei meinem Mann ist es aehnlich wie bei Dir. Sein Vater hat eine andere Frau geheiratet - fuer seine Stiefkinder und Enkel tut er alles - sein Sohn bekommt einmal pro Jahr eine Geburtstagsemail. Bei mir hat sich meine Mutter vor 15 Jahren aus den Staub gemacht und sich seit dem auch nicht mehr blicken lassen, obwohl sie nur 5km weiter in einem anderen Dorf wohnt. Ich verstehe nicht, wieso diese Menschen sich so verhalten. Aber erstaunlicherweise gibt es mehr wie man denkt. Wir erwarten von Ihnen mittlerweile auch nichts mehr. Ich wollte das nur schreiben, vielleicht hilft es zu wissen, dass man nicht alleine ist.

    Und den Zwiespalt es allen Recht machen zu wollen kenne ich auch nur zu gut.

    Mach es gut und Gute Besserung!

Diesen Eintrag kommentieren