Boys don´t cry

11.03.2010 um 22:38 Uhr

Die Welt dreht sich immer noch

von: Ryan

Und nun die Katastrophe. Es ist unglaubllich wie doof eine Situation laufen kann. Wenn man denkt, es geht kaum schlimmer, dann wird man vom Gegenteil überzeugt.

Nachdem ich heute vormittag bei ca. 40 Psychiatern angerufen habe, nur um zu erfahren, dass der erste freie Termin erst im Sommer ist, hatte ich schon wieder die Schnauze voll. Unzufriedenheit. Wie soll ich klar kommen in der Zwischenzeit? Meine Erkrankung ist im Frühstadium gut behandelbar - aber bis irgendwer mal Zeit für mich hat, bin ich nicht mehr im Frühstadium. Mal davon abgesehen, was in der Zwischenzeit sein soll. Ich werde versuchen zu arbeiten und wahrscheinlich dabei ein paar Mal scheitern und wieder ewig krank sein. Ich weiss grade nicht was ich machen soll.

Und dann nachmittags der Schlag. Ein sehr guter Freund von mir ist tot. Umgefallen, Reanimation erfolglos, gestorben. Tot. Weg. Kommt nie wieder. Ich bin tarurig, ich hab auch schon viel geweint, aber im Moment bin ich nur taub. Ganz taub und leer. Ich muss viel an ihn denken. Mir fällt auf, wie er auf meinem Sofa saß, wie wir in der Küche kurz nach dem Einzug in der Küche auf Umzugskisten gesessen haben und Bier getrunken haben. 

Meiner Freundin gehts fast noch schlechter, glaube ich. Sie schläft jetzt endlich, ich glaube ihr ist heute ihre Sterblichkeit oder besser: unser aller Sterblichkeit bewusst geworden. Jeder kann sterben zur jeder Zeit. Egal wie jung, egal wie beliebt, egal wie gesund, egal wie sehr man einen Menschen mag. Und die Welt dreht sich einfach weiter. Ich glaub durch meine Arbeit empfinde ich Sterblichkeit als präsenter als sie. Sie sagt, es sei vorher noch nie jemand gestorben, den sie kannte.

Ich bin sehr traurig. Ein Albtraum.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKat schreibt am 12.03.2010 um 00:36 Uhr:Ohnein. Ich denke an euch beide.
  2. zitierengrenzgaenger schreibt am 12.03.2010 um 05:25 Uhr:das ist ein absoluter supergau.

    ich famuliere ja derzeit auf einer anästhesiologischen intensivstation, und bekomme es täglich mit, wie verdammt sterblich wir sind; das ist bisweilen schon extrem hart. aber niemals zu vergleichen mit dem tod eines freundes. fühl dich an dieser stelle mal in den arm genommen.

    mit den psychiatern: druck machen, ganz wichtig. du bist eigentlich ein notfall. hast du direkt mit den docs oder nur mit den sprechstundenhilfen gesprochen? oder versuch es über deinen hausarzt. der soll bei einigen wenigen, von dir ausgewählten anrufen. das klappt in aller regel. war bei mir auch so, bzgl. der überweisung in die psychosomatik.

    ich hoffe, das klappt bald. und ich wünsche dir, dass du einen findest, der zu dir passt und dem du vertrauen kannst. und es stimmt: es ist schwer, sich einen zu suchen, oder einen therapeuten, aber es tut so gut. mein akutphase hab ich ja mittlerweile hinter mir, und wenn ich heute zurückschauen und sehe, wie gut es mir geht, dann kann ich das oftmals immer noch nicht glauben. also: ich wünsch dir die kraft, die du dazu brauchst, diesen schritt zu gehen. und wenn du einen "arschtritt" brauchts, kannst du dich jederzeit (per pn) melden.

    liebe grüße.
    grenzi
  3. zitierenVomFeuerkind schreibt am 12.03.2010 um 11:32 Uhr:Da unterscheiden sich schon gleich die, die nur mal eben so glauben sie wollen mal Therapie machen, weil es schick ist von denen, denen es wirklich ernst ist. Die einen hören gleich auf, während die anderen eben über alternative Wege Druck aufzubauen. Durchhalten.

    Mit deinem Freund tut mir wirklich leid. Würde ne virtuelle Umarmung helfen? Sterben ist scheiße. Jemanden zu verlieren, den man mag, auch. Da hilft es auch nichts, sich einzureden, dass die Zeit die Wunden heilt und es in der Zukunft einfacher zu ertragen ist. (Obwohl es wahr ist)
  4. zitierenengelsche schreibt am 12.03.2010 um 14:28 Uhr:Tut mir so leid für dich und Steffi, Ryan...
  5. zitierenRyan schreibt am 12.03.2010 um 22:54 Uhr:Vielen lieben Dank euch allen!

    @Feuerkind
    Ich glaube nicht mal, dass die Leute die Plätze besetzen, die nur mal so ne Therapie anfangen wollen ohne dass sie eigentlich akut sind. Es sind viel mehr die vielen, vielen chronifizierten psychiatrisch-erkrankten Patienten. Steffi arbeitet ja auf einer Akutpsychiatrie-Station und die sagte auch neulich zu dem Thema, dass die chronischen Leute die Plätze für akute Patienten wie mich besetzen. Also jetzt nix gegen chronisch Kranke, die können ja auch nichts dafür. Da ist einfach die Psychiatrie in ihrem heutigen System total doof organisiert.
    Da ist halt einfach derjenige, der am meisten aus der Reihe schlägt automatisch der, dem es am schlechtesten geht, weil man dieses Verhalten unterbinden will. Und dann gehen Leute wie ich, die eine Phase haben und eigentlich bald wieder ein Mitglied der Gesellschaft mit Arbeit und nem geregelten Leben, total untergehen.
    Mal davon abgesehen, dass wir viel zu wenig psychiatrische Betten und psychiatrische Berufsgruppen haben in Deutschland. Der Bedarf ist ziemlich groß, grade in so einem dunklen und grauen Winter.
  6. zitierenVomFeuerkind schreibt am 13.03.2010 um 03:23 Uhr:ja...da hast du wohl recht. Ich hab nur auch schon Leut erlebt, die an der Hürde Therapeut-finden schon gescheitert sind und sich dann überlegt haben, dass es nun doch nicht so wichtig ist. Ich finde ja ohnehin, dass die Hemmschwelle eine Therapie anzugehen in Deutschland recht hoch ist. Man kann nicht einfach irgendwo hingehen, wie zu ner Massage und dann macht man mal eben 2 Wochen Therapie. Erst braucht man ne Überweisung. Das heißt man muss schon mal den ersten Menschen, der einem nicht hilft überzeugen, dass es einem wirklich schleht geht. Dann ging es mir damals ähnlich, bis ich den passenden Therapeuten gefunden hatte... und der auch ncoh Zeit hatte... Manchmal gab es eien Schnuppertermin und dann noch einen bei einem anderen Arzt. Jedesmal muss man immer wieder das ganz große Leid klagen, weil einem sonst keiner glaubt, das man Hilfe braucht und dass man sein Leben nicht im Griff hat. Jedenfalls dachte ich das. Mich hat dieses ständige Schwarz-malen schon fast daran zweifeln lassen, ob ich es wirklich nötig hätte.

    Pillen wollte ich nie nehmen. So schlimm war es meiner Meinung nach nicht. Ich fand ja damals, dass es clever wäre, möglichst früh anzufangen, um dann noch a) möglichst schnell Erfolg zu haben weil sich nur 25 Jahre Verhaltensweisen einstudiert haben und nicht 50, weil ich b) gerade studierte und "Zeit" hatte auch mal einen Tag heulend im Bett zu verbringen c) fertig sein wollte, bevor ich Kinder bekomme und d) möglichst viel Zeit meines Lebens psychisch gesund verbringen wollte. Ich fand das clever. Tja... jetzt ist es noch nicht lange genug her und ich kriege keine Berunfsunfähigkeitsversicherung, weil ich ja Therapie gemacht habe. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich die vorher abgeschlossen. Aber 5 Jahre warten ist dann ok? Als ob Probleme nich eher wieder auftauchen, wenn man alles von der Therapie wieder vergessen hat... Außerdem ist die Chance mit Therapie höher eben keinen Burn out zu erleiden.

    Ich glaube auch, dass es deswegen immer schwieriger wird, weil sich angeblich Depressionen auch mit den Generationen multiplizieren. Das heißt ein Schaden den die Mutter hat, hat die Tochter auch und dann kommen noch gesellschaftliche und andere Faktoren hinzu und schon ist der Schaden den die Tochter hat größer als der der Mutter. Vielleicht auch ein Grund warum es einfach zu wenig Plätze gibt.

    Und die Chroniker kommen auch daher, dass man zu lange wartet (entweder, wegen der Hemmschwelle oder weil man sich selbst erfolgreich einredet, dass man das doch NIE brauchen würde oder womöglich wegen dem Stigmata "bekloppt" was man dann plötzlich auf der Stirn stehen hat..!). So wie in deinem Fall. Wenn du es noch 5-10 Jahre aufschiebst, bist du auch irgendwann nicht mehr gescheit therapierbar (<-auch so ein Unwort) und gehörst auch zu den Chronisch Kranken. Selbstverständlich sind dann deine Symptome auch entsprechend schlimm. Dummerweise sind Depressionen kein Schnupfen, der von allein weggeht.

    Egal wie man es dreht und wendet. (Ich kann mich auf dem Thema echt in Rage reden! Schluss jetzt.) Ich finde es gut, dass du JETZT etwas tun willst. Also gib nicht auf und ich drück Dir die Daumen, dass die Bemühungen bald Früchte tragen.

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