Boys don´t cry

04.05.2006 um 00:05 Uhr

Ein detailierter Tag im Leben des Ryan

von: Ryan

Mein Tag war großartig ... wie so oft. Erfüllend, arbeitsreich, mal schauen ob ich ihn relativ detailiert rekonstruieren kann.

4.30 – Der Wecker klingelt, ich muss aufstehen. Ich fühle mich erholt und ausgeschlafen aber es ist eine unmenschliche Zeit. Ich dusche, esse ne Reiswaffel mit Nutella, trinke eine Tasse Kaffee und verlasse um 5.12 das Haus. Kurze Zeit später ist mir echt schlecht von dieser scheiss Reiswaffel. Mein Magen ist sicherlich nicht für Frühstück geschaffen, aber wer weiss wann ich das nächste mal was zu essen bekomme.

5.50 – Meine Bahn hat Verspätung, in Turbotempo geh ich zum Krankenhaus, hol Klamotten und treffe prompt eine Schwester unsere Station in der Umkleide. Ich werde begrüßt mit "Guten morgen und bis gleich." Und weg ist sie.

6.00 – Pünktlich auf Station und wir beginnen mit der Übergabe. Dort wird quasi die Station von der letzten Schicht übergeben, Besonderheiten, Auffälligkeiten usw. Patient für Patient. Der OP Plan zeigt 14 Operationen – das ist ne Menge. Während der Übergabe wird sich noch ausgelassen über eine Schwester, die gestern im Spätdienst war und was diese wieder alles verbockt hat.

6.30 – Wir beginnen mit unserer Arbeit. Die ersten Patienten sind nüchtern gekommen und werden zur OP vorbereitet. Das heisst rasieren, Dinge erklären, zum Beispiel dass sie so ein Plastikarmband mit ihrem Namen tragen müssen, keine Prothesen, Brillen, Kontaktlinsen o. ä. mit in den OP nehmen dürfen. Die Patienten müssen ein Nachthemd anziehen, die Prä-Medikamention einnehmen, Wertgegenstände einschliessen, Urinprobe abgeben usw.

Bis 7.00 hab ich ungefähr 3 Patienten eingewiesen und OP-fertig gemacht, um 7.00 ist auch das OP Team da und der erste Patient kann runtergebracht werden. In der Zwischenzeit deckt eine Schwester, die Zeit hat den Frühstückstisch.

7.10. – OP ruft an: "Nächster Patient bitte, wir operieren heute an zwei Tischen." Okay, Patient Nummer 2 runter. Mittlerweile rennen wir mit 3 Schwestern inklusive mich auf Station rum. Nebenbei sind noch Klingeln, Leute mit Blasentraining, Antibiotika-Infusionen zu überwachen, Akten auszuarbeiten, die ersten Urinprobe auszuwerten, Schwangerschaftstests zu machen (ist Standart vor OP bei Frauen unter 50) und es trudeln immer mehr Patienten ein, die heute OP haben und nüchtern kommen.

8.20 - Die Ärzte bequemen sich Visite zu machen. Irgendwie hat keiner Zeit und ich werde vorgeschubbst. Mit einem Mal ist es auch schlagartig RICHTIG unruhig. Da rennen 5 Ärzte durch die Gegend, fragen dich: "Ist Frau Müller schon unten im OP?" – "Äh ..." guck auf den Plan. "Nee, die ist um 11 dran." – "Können wir die vorverlegen?" – "Da isse ... aber wieso sprichst du das nicht mit dem OP ab?!" – "Gute Idee." Verlernt man eigenständiges Denken, wenn man studiert hat?

Ich werde also in die Visite geschubbst. Das heisst, du rennt als Schwester mit ca. 1-5 Ärzten (heute nur 3) durch jedes Zimmer. Du hast die Akten in der Hand, sagst dem Arzt kurz was Sache ist: "Frau Schmidt, 2. Post-OP Tag, hat noch 2 Drainagen, ein Drain fördert 30 ml Wundflüssigkeit, der andere 10 ml, hat gestern noch Temperaturen geboten, heute sind die Vitalwerte im Normalbereich."

Der Arzt fragt noch nach, was er speziell wissen möchte und man rennt ins Zimmer. Der Arzt stellt sich vors Bett: "Guten morgen, Frau Schmidt wie geht es ihnen denn ... bla bla." Zwischendurch bekommt man so Anweisungen zugeschmissen wie: "Drain Nummer 2 kann heute gezogen werden, ebenso wie die Braunüle, wir setzen Tramal 30 Tropfen bis zu 4 mal täglich an. Entlassung Übermorgen."

Und man schreibt hektisch in die Akte: Drain 2 ex, Brau ex, Tramal bei Bedarf bis 4 x tägl., E. Fr." Das ganze Theater bei ca. 30 Patienten. Und dann haben sich die Ärzte heute was ganz lustiges überlegt: Wir gehen heute mal nicht von Zimmer 1 zu Zimmer 2 und dann Zimmer 3 ... sondern wir fangen irgendwo in der Mitte an und gucken wo wir zuerst am lieben hin wollen. Ich hab fast ne Krise gekriegt als wir da dauernd übern Flur Zimmer-Jumping fabriziert haben.

Und plötzlich als noch 3 Zimmer ausstehen zur Visite und man gar keinen Bock mehr hat, ist der Oberarzt weg. Warum auch immer ... und man steht da aufm Flur und wartet ... und wartet ... bis er dann wieder auftaucht und man weiter machen kann.

Zwischendurch sind meine Kollegen beschäftigt OP Patienten in den OP zu bringen, andere ausm Op abzuholen, in den Aufwachraum zu bringen oder wieder andere ausm Aufwachraum hochzuholen, Akten auszuarbeiten, andere Patienten einzuweisen, schon mal Vitalwerte zu messen, Station aufzuräumen, Klingeln abzulaufen und und und.

Das letzte Zimmer der Visite ist natürlich das schlimmste. Junge Patientin, der vor 2 Tagen ein bösartiger Tumor aus der Brust genommen wurde. Alle Ärzte bis auf eine junge Ärztin sind plötzlich weg, wir gehen zu zweit rein, die Ärztin bringt ihr ruhig und sachlich bei, dass sie Krebs hat, dass sie jetzt Chemotherapie machen muss und sowas halt. Patientin sitzt da und ist wie versteinert. Ärztin rennt so schnell es geht raus. Patientin bricht in Tränen aus, ich renn hinter der Ärztin her und krieg fast nen Wutanfall, ich vergess auch völlig Frau Doktor zu siezen: "Was war das denn? Gehst du da bitte sofort wieder rein und klärst die Patientin RICHTIG auf? Die sitzt da jetzt und hat Worte wie bösartiger Tumor und Chemo im Kopf und jetzt erklärst du ihr das bitte vernünftig!" – "Kannst du das nicht machen?" – "Nee, DU bist die Ärztin, das ist nicht mein Aufgabenbereich. Geh da rein und mach deinen Job vernünftig!"

Eine Schwester kommt ne Minute später auf mich zu: "Wieso hast du dich mit Frau Doktor M. aufm Flur so gestritten?"- "Ach, das war ne Meinungsverschiedenheit, nicht so wichtig."

Insgeheim befürchte ich, dass die Ärztin sich über mich beschwert.

9.50 – Visite ist vorbei, ich hatte immer noch kein Frühstück aber nach der Visite ist erstmal ein Rundgang fällig, indem wir alle Anweisungen ausführen, die von den Ärzten gemacht wurden. Zum Beispiel Drains ziehen, Blut abnehmen, Zugänge ziehen usw.

Ich darf den Rundgang mit ner jungen Schwester machen, die ich sehr mag. Sie ist wahnsinnig freundlich zu den Patienten, immer ruhig, immer freundlich und ihr Lächeln ist begeisternd.

Im ersten Zimmer fange ich an ihr zu sagen, was Anordnung von der Visite war, natürlich nen Drain ziehen und sie sofort: "Hast du das schon mal gemacht?" – "Jepp." – "Zeig mir das einmal, und danach darfst du das alleine." (Ist normal dass jede Schwester, mit der man Dienst hat sich davon überzeugen muss, dass man das kann). Ich ziehe vorbildlichst die Drainage, die Schwester reicht mir an, draussen sagt sie mir: "Ich bin ganz begeistert, dass du so weit bist, dafür dass du erst 2. Ausbildungsjahr bist."

Ich glänze vor Stolz und wir gehen weiter durch die Zimmer. Wundnähte desinfizieren, Verbände machen, Zugänge ziehen, Medikamente und Arztbriefe verteilen, Betten machen – durch 18 Zimmer. Und ich habe immer noch nicht gefrühstückt.

Die scheiss Reiswaffel ist auch schon lange verdaut und ich hab so Schmacht nach ner Zigarette. Aber jede freie Sekunde versuche ich wenigstens zu trinken um nicht umzufallen.

11.40 – Rundgang ist fertig, die letzten Patienten werden in den OP geschoben, die meisten kommen grade wieder hoch. Ich bin nur am hoch- und runterschieben von Betten. Nebenbei mach ich noch Zimmer frei, schieb Betten um, weil die nächsten Patienten für morgen schon warten. Vor allem Privatpatienten. Irgendwie schaffe ich es jedes mal wen ich an der Küche vorbei laufe, von meinem Müsli zu essen. 2-3 Löffel, dann geht’s weiter. Man läuft noch kauend aufm Flur, schluckt hektisch runter bevor man ein Zimmer betritt aber irgendwie klappt das schon.

Nebenbei schaffe ich es 5 Patienten Blut abzunehmen und 3 Schwestern, weil da mal wieder die alljährliche Betriebsuntersuchung ansteht.

Was fürs Selbstbewusstsein: Ich bin total gut im Blut abnehmen.

12.00 – Während meine Leitschwester Berichte schreibt, renne ich rum und mach den Rundgang für die Patienten, die grade operiert wurden. Bei solchen Patienten wird im 30 Minuten Takt alle Vitalwerte kontrolliert. Man geht ins Zimmer, schaut wie weit die Infusion ist, ob noch eine angehängt werden muss, man kontrolliert Puls, Temperatur, Blutdruck, fragt nach Schmerzen, Übelkeit, kontrolliert das Wundgebiet, kontrolliert den Verband, wechselt diesen eventuell, kontrolliert die Drains, erledigt Kleinigkeiten, die die nakotisierten Patienten noch nicht können, zum Beispiel Fenster auf, Fenster zu, Schluck Wasser geben, Socken anziehen usw.

12.30 – Rundgang ist fertig, ich will dringends eine rauchen – seit 6 Stunden – ich desinfizier trotzdem noch nen paar Nierenschalen, weil ich anfang zu gähnen wenn ich aufhöre zu arbeiten. Ich unterhalte mich mit dem jungen Assistensarzt, mit dem ich mich ziemlich gut verstehe. Ich laufe Klingeln ab, hole 2 Patienten ausm Aufwachraum.

13.00 – Der Spätdienst ist da. Der Feierabend ist in sichtbarer Ferne. Wir fangen an mit Übergabe, meine Leitschwester (ich bin verliebt) lässt mich die gesamte Übergabe machen, sie ergänzt mich lediglich.

Als ich den Spätdienst im 4 Bett- Zimmer vorstelle, fragt eine Patientin: "Sagen Sie, Sie sind der einzige pflegende Mann auf Station, kann das sein?"

Und mir fällt auf, sie hat recht. Ich bin der einzige Pfleger. Ich krieg noch Komplimente, dass ich so vorsichtig sei, so auf Intimsphäre achten würde – Gott sei dank hat meine Mentorin mit mir Dienst und kriegt die ganzen Komplimente mit – mein Zeugnis ist gerettet.

13.40 – Übergabe ist fertig, wir albern rum, regen uns über Ärzte und Kollegen auf. Ich bin froh, dass es ein frauendominierter Job ist.

14.10 – Feierabend – ich zieh mich um, geh zur Bahn, rauche hektisch meine erste Zigarette seit 8 Stunden. In der Bahn ist mein erster und wichtigster Gedanke einen Sitzplatz zu ergattern, weil mir die Waden vom Laufen wehtun. Ich hab seit der Übergabe morgens nicht mehr gesessen. Mir tun die Waden weh und meine Bein sind unglaublich schwer.

Ich komme nach Hause, mach mein Zimmer sauber mit staubsaugen und so, räum die Küche auf und geh um 15 Uhr einkaufen.

Um 16 Uhr bin ich wieder zu hause, ich bin ne großen Schleife mit dem Fahrrad gefahren, weil das Wetter so gut ist. Ich koche mir Nudeln mit Tomatensauce, bin am Laptop, gucke nebenbei Fernsehen und bin immer noch auf den Beinen.

Um 17.00 esse ich endlich und schlafe ein sobald ich den Teller weggelegt hab. Gott sei dank hab ich mir den Wecker für 18.00 gestellt und kann Lotta in Love gucken (warum gucke ich das überhaupt?). Ich esse nebenbei ne Hand voll Chips, die ich mir beim einkaufen gegönnt hab.

Um 20.00 bin ich bei Steffi, die sich wundert wieso ich müde und ausgelaugt bin. Ich merke immer mehr meinen Rücken von Betten schieben. Um 22 Uhr verabschiede ich mich, ich möchte eigentlich dass sie bei mir schläft, aber ich hab Angst, dass ich mit noch größeren Rückenschmerzen aufwache, weil sie in meinen Armen geschlafen hat. Das ist ein doofer Konflikt, aber auf der anderen Seite hab ich echt Schmerzen. Ich schaff in der Zeit nicht mal ein Bier auszutrinken.

Zuhause mach ich mir ne Wärmflasche fertig, schmeiss sie unter meinen Rücken, leg die Beine hoch. Mein Mitbewohner plus Freund kommen nach Hause, wir rauchen ne Zigarette und ich verabrede mich mit dem Freund meines Mitbewohners, dass wir morgen früh shoppen gehen.

Und jetzt sitze ich hier, merke, dass mein Rücken immer noch wehtut, meine Beine immer noch schwer sind, ich bin müde, viel zu lange wach - und das schlimmsten: ich bin emotional völlig leer. Man gibt sich solche Mühe freundlich und nett auf Station zu sein, und mitfühlend und irgendwie mütterlich, dass für zuhause nichts mehr übrig bleibt.


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