Boys don´t cry

20.05.2012 um 16:50 Uhr

Endlich Sommer

von: Ryan

Es ist toll, endlich Sommer. 25 Grad, ich hab ´ne kurze Hose an, friere nicht mehr, wenn ich barfuss in der Wohnung rumlaufe, super. Nachher Biergarten mit meinem Bruder. Endlich wieder Sonnenbrille tragen, ich bin begeistert. Mir gehts im übrigen besser. Ich hatte zwar noch 3 Tage Kopfschmerzen, aber soweit alles wieder okay. Die Fäden darf morgen unsere Auszubildende ziehen.

Über mein heimliches Dilemma hab ich weiter nachgedacht und mit Abstand betrachtet, wird mir klar, dass das typisch ist. Gleich vorweg: Das ist meine persönliche Erklärung für mich, keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung, komplett wertfrei. Eher ein psychiatrisches Gutachten für das Warum. Es gibt eine Zeile in einem Song, die das Ganze super erklärt: "And if you want me, i want you too" Mein ewiges Problem in diesem Leben ist mein angeknackstes Selbstbewusstsein. Ich überspiele sehr viel, ich bin häufig laut, extroviertiert, ich gehe auf Menschen zu, ich bestehe auf mein Recht wenn mir Unrecht getan wird, ich kann sehr charmant sein, ich bin ein ansehbarer Mann, in der Regel mögen mich die Menschen, die mich kennen oder frisch kennen lernen. Aber tief in meinem Inneren, in meinem Unterbewusstsein, glaub ich das nicht. Wenn Menschen so selbstreflektiert sprechen wie ich, merkt man imer gleich, wer schon mal eine Psychotherapie/-analyse hatte.

Gut, also ich hab das ständige Problem, dass ich mich selbst nicht wertschätzen kann. Ich denke, jeder sieht von außen gleich wie furchtbar ich bin. Grade in meiner Teenager-Zeit war das übermässig schlimm. Selbsthass, Selbstverletzung, Bulimie. All diese Gedanken wie "Keiner wird mich je lieben" - "Keiner kann mich mögen, wenn ich fett bin" - "Wenn Menschen merken wie ich wirklich bin, werden sich alle von mir abwende, ich bin nichts wert" etc pp. Und das wirklich Schlimme ist, dass sich das ganz tief in meinem Unterbewusstsein verankert hat. Das liegt an meiner Geschichte, meiner Kindheit. Ein Vater, der leugnet mein Vater zu sein, eine Mutter, die kaum da ist und mit ihrem eigenen Leben unendlich überfordert ist, später mein Stiefvater - wobei ich immer noch der Meinung bin, dass der (wennn man von überhaupt von "Schuld" reden kann) den Grossteil meines Selbstbewusstseins geschrottet hat. Meine Mutter hat ihn geheiratet als ich 7 war und von dem Zeitpunkt an, hat er mir jeden Tag meinems Lebens signalisiert, dass ich ein Störfaktor in seinem Leben bin, dass meine Existenz ein schlimmer Unfall war, den meine Mutter nicht hätte begehen dürfen. Wenn ich über das alles genauer nachdenke, bin ich sehr stolz darauf, dass ich trotzdem ein vernünftiger, stabiler Mensch geworden bin. Menschen stecken solche Dinge nicht einfach so weg, ohne dass es irgendwann wieder hochkommt (was ja passiert ist bei mir), oder sie zerbrechen komplett daran. Ich bin unendlich dankbar, dass mein Leben dennoch sehr gut läuft und ich weder ein Frauenmörder, noch eine komplett zerrüttete Persönlichkeit bin, die nur von einer psychiatrischen Therapie in die nächste tingelt.

Okay, so ausschweifend wollte ich gar nicht werden. Ich will nur drauf hinaus, dass mein Unterbewusstsein immer noch überrascht ist, wenn mir jemand Komplimente macht und sich an mich "ranmacht". If you want me, I want you too. Natürlich kann ich auch "Nein" sagen und hab bewusste Kontrolle über mein Verhalten. Aber wenn ich jemanden sehr mag und den als "höherwertig" empfinde als mich selbst, und der mir bildlich gesprochen Zuckerwürfel hinwirft,  dann bin ich hin und weg. Auf die Weise bin ich früher häufig in so "Kurz"-Beziehungen gerutscht. Ich dachte nur: "Was will diese tolle Frau von mir, warum verbring sie Zeit mit MIR?" Und dann lief plötzlich schon ganz viel, bevor mir überhaupt meine eigenen Gefühle klar waren.

Ich denke, so ähnlich war´s jetzt auch mal wieder mit Katja. Wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke, war da auch gar keine große sexuelle Spannung - also auf meiner Seite - oder irgendwelche tiefergehenden Emotionen. Mir war völlig klar, dass ich am Ende des Abends zu meiner Steffi  zurückgehe und ihr mein Herz gehört. Irgendwie gibt mir diese Gewissheit, dass das nix war. Gut, NIX ist untertrieben, aber es ist nicht ernstes und bedrohliches für mich, meine Beziehung oder meinen Gefühlen zu Steffi, also in meinen Augen und meiner Wahrnehmung.

Was lerne ich daraus: Ich darf nicht mehr so viel trinken, wenn Katja dabei ist. Enthemmung ist nicht was ich in solche Situation brauche. Gefahr erkannt ...

Morgen ist Montag, Wochenende hatte ich mal frei. Ich bin unendlich genervt von der Arbeit im Moment. Letzte Woche hab ich nicht einmal Pause gemacht, alle Kollegen (inklusive der Ärzte) sind schlecht gelaunt, alles macht Überstunden bis Open-End. Das Chaos regiert die Station. Gestern hab ich mir mal (AUSNAHMSWEISE) die Bild-Zeitung gekauft (ich les sonst die Welt oder das Hamburger Abendblatt, auf jeden Fall was halbwegs seriöses), denn da gab´s ´nen Artikel über Notstand in Krankenhäusern und wie die kaputt gespart werden. Dass Ärzte 48 Stunden Dienste machen, Patienten vertauschen usw. Gut, darf man nicht glauben, den letzten Arzt, der einen 24h Dienst gemacht hat, hab ich vor 3 Jahren gesehen. Aber 10h schlauchen ja auch schon zur genüge.

Und 70 Stunden pro Woche krieg ich auch ganz locker voll. Aber ich arbeite auch einfach auf einer arbeitsaufwändigen Station. Man muss bei Krankenhäusern immer in somatisch (also körperlich kranke) und psychiatrisch unterscheiden. Das sind ja zwei komplett unterschiedliche Bereiche, werden auch komplett anders abgerechnet von der Krankenkasse. Steffi als psychiatrische Krankenschwester nöllt über 40 Überstunden am Ende des Jahres, bei mir sind´s dann meistens um die 200. Wenn bei Steffi auf Station die Kollegen meckern über 3 Patienten, die gewaschen werden müssen, lacht sie nur trocken und sagt sowas wie: "Mein Freund arbeitet auf ´ner Inneren, der wäscht das Doppelte an RUHIGEN Tagen."

Meine Versetzung ist schon lange abgeschickt und letzte Woche kam die Antwort: Die Geschäftsführung hätte zur Zeit leider wichtigeres zu tun, ich müsse mich bis Herbst gedulden. Gut, Herbst ... wenn die dann nicht in die Pötte kommen, gibt´s nur noch ´ne Kündigung. Am liebsten würde ich nur noch bürokratisch arbeiten, ich hab im Moment die Schnauze so voll von meinem Job. Wie eine Kollegin neulich sagte: "Man stumpft so ab, bei dem ganzen Leid." Ich ertrage diese ganzen Schicksale langsam nicht mehr. Und ich gehe jeden Tag mit ´nem schlechten Gewissen nach Hause, weil ich kaum Zeit hab, ich schaff´s nicht mal mehr abends Zähne zu putzen bei den Leuten. Außer sie bitten mich drum. Letzte Woche hatten wir (Supergau) zwei Autisten auf Station, beide super schwer zu behandeln. Blutabnehmen funktioniert nur unter Zwang, also 5 Leute drauf und festhalten ... und als dann noch ein dementer Mann mitten auf´m Flur sein Geschäft verichtet hat, guckte meine Kollegin mich an und sagte: "Sag mal Ryan, warum betrinken wir uns nicht vor der Arbeit? Ich ertrag das langsam nicht mehr."

So und jetzt kommen die guten NEWS: Wir kriegen einen zweiten Pfleger, endlich nicht mehr alleine unter den Mädels. Ich darf ihn morgen einarbeiten, und das Coolste: Es ist ein Kumpel von mir.


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