Boys don´t cry

21.04.2010 um 22:59 Uhr

Es läuft gut

von: Ryan

Heute war nen schöner Tag. Ich hab ausgeschlafen, die Wohnung geputzt, Wäsche gewaschen - mich geärgert, dass Steffi und Chris kaum einen Finger rühren um mir mal zu helfen. Mittlerweile schmeisst Chris auch schon sehr selbstverständlich seine Klamotten in unseren Wäscheabwurf und wartet bis die Wäsche gewaschen wird. Wenn´s hoch kommt nehmen Steffi und Chris mal den Staubsauger in die Hand und erwarten beim kleinsten Staubwischen sofort ein dickes Lob - aber den Rest mache ich. Also ärgerte ich mich beim Wäsche aufhängen als mir auffiel, dass ich derjenige bin, der dauernd Wäsche macht und sie aufhängt. Stattdessen waren Steffi und Chris unterwegs mit meiner Nichte aufm Spielplatz. Und dann war ich auch noch Einkaufen, hab mir für den Wocheneinkauf total einen abgeschleppt - mal davon abgesehen, dass ich eh schon derjenige bin mit den fiesen Rückenschmerzen - ja meine Laune war nicht so gut ...

Aber es geht mir eigentlich gut. Ich habe keine Angstattacken, ich freue mich dass es mir so geht wie es mir geht, ich bin aktiv, ich kann vieles erledigen. Ich ärgere mich nur, ich liege nicht im Bett und kann nix. Ich gehe arbeiten. Ich hab gestern vormittag vorm Spätdienst noch mit dem Gedanken gespielt mich sehr bald wieder krank zu melden, aber es geht mir gut. Ich bin nicht gesund, ich darf nicht zuviel erwarten, aber ich denke Nicht-Arbeiten macht mich kranker als zu arbeiten. Ich glaube zumindesten dran.

Ich spiele ja grade mit dem Gedanken zu kündigen und mich als Arzthelfer in einer Privatpraxis zu bewerben. Und heute schaue ich natürlich wie jeden Mittwoch erst Grey´s Aanatomy und dann Privat Practis. Ja ... wo will ich hin? Grey`s Anatomy ist das Krankenhaus, Privat Practis die Praxis. Doofer Vergleich aber irgendwie muss ich mir klar werden wo ich hin will. Ich hab´s gestern einer Kollegin erzählt. Und sie sagte: "Wenn dein Bauchgefühl dir sagt, du sollst dich bewerben, dann musst du das tun! Dieses Krankenhaus bringt dir nix - und ehrlich: Ich hatte hier auch schon nen Burnout, deswegen musste ich 1 Jahr lang weg." Das macht mich nachdenklich.

Die nächsten zwei Tage sind gut gefüllt mit Freunden. Endlich fülle ich mein Leben wieder mit Dingen, die nicht mit der Arbeit zu tun haben. Vor allem nicht mit Gedanken an die Arbeit. Ich glaube, das dauernde Denken an die Arbeit hat mich so krank gemacht. Meine Nichte ist bis zum Wochenende bei uns, ich hab heute schon 2 Stunden mit ihr Verstecken gespielt und sie ist wieder super zutraulich. Ne Weile war sie etwas distanziert zu mir - lag vielleicht daran, weil ich stock-depressiv war. Aber heute war echt toll. Jedes Mal wenn sie mich "gefunden" hatte, fiel sie mir lachend in die Arme. Und abends Zähneputzen und Waschen und Umziehen durfte nur Onkel Ryan, niemand anderes. Eine Weile hatte ich sehr das Gefühl Kindbetreuung kostet mich sehr fiel Kraft, aber heute hatte ich wahnsinnig Spaß. Ich glaube, das liegt an meinem guten Seelenzustand.

Ja und morgen treff ich mich mit meiner besten Freundin, um feiern zu gehen. Ich werd sie mal fragen, ob sie noch befreundet mit mir sein möchte, wenn ich nicht mehr auf der Nachbarstation arbeite. Und Übermorgen feiert meine Exfreundin und meine andere beste Freundin Einweihung, die beiden sind als WG zusammengezogen. Mit meinen beiden besten Kumpels fahre ich zusammen hin und werde ne Menge netter Bekannte sehen. Ich freu mich sehr auf die nächsten Tage. Es ist schön, sich freuen zu können. Vielleicht empfinde ich das Gefühl so intensiv und wertvoll, weil ich mich lange über nichts freuen konnte. Es geht mir gut und ich finde das toll.

Mir ist aufgefallen - oder es fällt mich jedes Mal auf, wenn ich in den Spiegel seh, dass ich irgendwie älter geworden bin. Ich sehe Falten in meinem Gesicht, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Vor allem um die Aufen. Gut, ich hab  einige Kilos abgenommen und ich hatte vor meiner depressiven Phase eh schon kaum Reserven. Eine Kollegin sagte neulich: "Du siehst so dünn und eingefallen aus." (Sie denkt immer nicht nach, was sie mit solchen Worten alles auslösen kann, obwohl sie weiss, dass ich in solchen Sachen ein "Mädchen" bin).  Ich werd morgen mal in ne Drogerie und mich beraten lassen bezüglich Cremes.

Meine Tiere fühlen sich im übrigen sehr wohl bei uns. 10 Tage wohnen sie jetzt schon bei uns und sie nehmen mittlerweile Futter aus meiner Hand. Chris konnte eine der Ratten schon auf die Hand nehmen, aber er ist schreckbefreiter als ich. Ich ziehe oft die Hand zurück sobald mich eine beisst, bzw. fester knabbert. Auch so ne Sache: Steffi und Chris füttern dauernd Leckerlies und wollen sie dauernd auf die Hand nehmen und zahm machen, aber wer hat den ganzen Spaß bezahlt? ICH. Und wer ist da, wenn der Käfig gereinigt werden muss? Steffi und Chris bestimmt nicht. Aber von "unseren" Ratten dauernd reden. Ich hab heute mal dran erinnert wie der genaue Wortlaut der beiden war, als ich mit der Idee ankam: "Aber Ryan, du kümmerst dich alleine um die Viecher! Das sind deine Tiere!" So sind meine menschlichen Mitbewohner halt. Irgendwie undankbar.

Alpträume - in den letzten Nächten habe ich dauernd welche. Ich träume manchmal von der Arbeit, vor allem, dass ich Nachtschicht alleine mache und alles in einer Katastrophe endet, dass ich die Patienten alle nicht kenne, und dass die Nachtrunden totaler Horror werden. Zum Beispiel gehe ich in Zimmer rein und die Patienten sind vollgekotet, haben sich vollgekotzt oder sonst was schreckliches und wehren sich dagegen, dass ich sie säubere. Und im nächsten Zimmer genau das gleiche. Und im dritten Zimmer auch. Und wenn ich im vierten Zimmer bin, geht die Sonne auf und ich nichts von meiner restlichen Arbeit geschafft. Und zweiter immer wiederkehrender Alptraum ist von meinem Stiefvater. Er ist betrunken aggressiv, ich bin wieder 14 Jahre alt und gefangen in seinem Haus und gefangen in seiner Brutalität. So einen Alptraum hatte ich letzte Nacht. Und die Nächte, in denen ich schlafen und mich erholen sollte, sind dann leider gar nicht erholsam, wenn ich die ganze Nacht im Schlaf Horror-Nachtdienste erlebe oder gegen meinen Stiefvater kämpfe. Es ist schon irre, was das Gehirn im Schlaf hochholt.

Vielleicht gehe ich deswegen so ungern schlafen. Aber die Tage sind dafür im Moment sehr gut. Dafür bin ich dankbar. Und ich bin dankbar, dass ich nicht so neurotisch bin wie sonst. Ne Weile hatte ich wirklich große Probleme mit meiner eigenen Sterblichkeit. Nachdem ein guter Kumpel von mir vor einigen Wochen gestorben war (jung, vital, keine Anzeichen einer chronischen Erkrankung) lag ich regelmäßig wach und hatte regelrecht Panik, dass ich auch bald sterben müsse. Ich rechnete auch nicht damit, dass ich morgens wieder aufwachen würde. Ich hatte Todesangst. Ich wusste ganz genau: Ich hab ein Stechen im rechten Thoraxbereich, ich habe jetzt einen Herzinfarkt, ich hab nur nichts gesagt, weil ich befürchtete es mir einzubilden und dass mir keiner glauben würde. Ich hab 20 mal am Tag meinen Blutdruck gemessen und war mit keinem Ergebnis zufrieden. Bei meinen Patienten ist das ja anders. Wenn die mal nen Ausreisser haben nach oben, sage ich: "Das kann mal sein." Bei mir dachte ich: "Oh Gott, das ist nicht mein Druck, wenn er noch mehr steigt, krieg ich gleich nen Schlaganfall." Im Moment bin ich gar nicht panisch, es ist alles ganz gut und in Ordnung. Ich freue mich auf den nächsten Tag. Ich freue mich auf das, was ich mir vornehme und gerate nicht in Panik, wie ich nen Termin wieder los werde. Ich glaube, es läuft ganz gut.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenIzzie schreibt am 21.04.2010 um 23:19 Uhr:Freut mich zu lesen, dass es dir besser geht. Hast du schon mal überlegt die Station bzw. die Abteilung zu wechseln? Ich denke Praxis ist einfach auf Dauer zu wenig abwechslungsreich. Vielleicht gibt es ja in deinem Haus die Möglichkeit in den OP, Anästhesie oder eine Ambulanz zu wechseln. Dort sind ja meist die Arbeitszeiten etwas angenehmer. Bei uns im OP haben die Pflegekräfte Dienst von Mo bis Fr. 7:30 Uhr bis 16:00 Uhr, ab 16 Uhr ist Bereitschaftsdienst bis früh um halb 8. Dafür ist der Tag frei. Wochenende ist nur Bereitschaftsdienst da. Vielleicht ist es bei euch ähnlich. Das soziale Leben profitiert davon auf alle Fälle.

    Lg Izzie
  2. zitierenRyan schreibt am 26.04.2010 um 01:09 Uhr:Hi Izzie, danke für deinen Kommentar.
    Über´s Wechseln hab ich mir auch schon reichlich Gedanken gemacht, aber leider arbeite ich in nem sehr kleinen Krankenhaus und weiss, dass alle Jobs von 8.00-16.00 vergriffen oder heiss begehrt sind. Auf OP und Aufwachraum hab ich auch keine Lust - ich bin nicht so der chirurgische Mensch. Ich mag meine Station und meine Kolleginnen alle unheimlich gerne - wenn da nicht jeden Tag 3 duzend Patienten zu waschen und zu pampern wären ... naja so ist das halt auf ner Inneren. Ich hab jetzt erstmal meine Stelle auf 30 Stunden die Woche reduziert, ich hoffe dass das meinem Privatleben gut tun wird.

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