Boys don´t cry

27.05.2013 um 16:08 Uhr

Fan-Club

von: Ryan

Endlich wieder Montag - während die ganze Welt schimpft, bin ich froh. Meine Wochenend-Schicht ist vorbei, ich habe zwei Tage frei. Fühlt sich an wie Glückseligkeit auf Erden. Wunderbar. Nachdem ich mir Samstag ja groß vorgenommen hatte, so früh wie möglich ins Bett zu gehen, lief Steffi angestochen in der Wohnung rum, weil sie Champions League gucken wollte mit Freunden. Ich hatte gleich großkotzig erklärt, ich gehe heute nirgendwo mehr hin außer ins Bett. Während ich mit Zahnbürste im Mund und Jogginghose an den Beinen schon im Bad stand, machte sich bei Steffi Entsetzen breit: Die ganze Welt hatte nämlich auch vor Fussball zu gucken und sie bekam trotz größter Mühe keinen Tisch mehr in der Schanze oder anderen angesagten Szenevierteln in Hamburg. Selbst die kleine, düstere Eckkneipe in unserer Straße war um halb acht schon brechend voll. Also die panische Frage an den Lebensgefährten: "Können wir hier gucken?" Eine halbe Stunde später saßen 10 Leute in meinem Wohnzimmer und anstatt zu schlafend, saß ich mit alkoholfreiem Bier auf der Couch und unterhielt mich.

Ende vom Lied: Es war ein Uhr nachts bevor wir die letzten Leute aus der Wohnung gekehrt hatten - ich hätte natürlich trotzdem früher ins Bett gehen können, grade wenn ich weiß, dass mein Wecker um halb fünf klingelt, aber ich hab dann die Gesellschaft dem Schlaf vorgezogen. Und grade als mein Kopf auf dem Kissen ruhte, klingelte das Telefon: "Ryan, Notfall! Ich habe Scheiße gebaut!" Mittlerweile sind meine Freunde und ich in einem Alter, wo "Scheiße bauen" immer sexuelle Verfehlungen sind. Eine meiner engsten Freundinnen hatte mit ihrem Arbeitskollegen geschlafen, der allerdings liiert ist. Also nochmal eine halbe Stunde intervenieren, bevor ich tatsächlich schlafen konnte. Ich bring es nicht über´s Herz dann einfach zu sagen: "Heute Nacht musst du alleine klar kommen, ich sterbe nämlich grade vor Müdigkeit."

Am Sonntag Morgen (halb fünf ist eigentlich noch mitten in der Nacht, finde ich) war ich dennoch erstaunlich ausgeruht - lag daran, dass ich nichts getrunken hatte. Ich halte das Arbeitspensum nicht mehr durch, wenn ich bei solchen Gelegenheiten noch 3 Bier trinken würde. 

Und nun hab ich heute frei - ungewohnt, aber ich wusste gestern Abend schon, dass ich nicht wissen würde, was ich machen soll. Das ist immer so, wenn ich so lange gearbeitet hab - ich sitze dann an meinem ersten freien Tag zuhause und weiss rein gar nichts mit mir anzufangen. Produktiv war ich auch noch nicht - wenn Steffi nachher nach Hause kommt und fragt, was ich gemacht hab, kann ich bislang nur sagen: "Ich hab Kekse gegessen und ein Mittagsschläfchen gemacht." Ich find´s auch mal ganz schön, einfach nicht sprechen zu müssen. Ich muss auf Arbeit so viel sprechen. Erst mit den Patienten, dann mit der Auszubildenden mit der ich arbeite - man trifft Leute in der Umkleide, die man kennt, dann hat irgendwer noch ´ne Frage, Angehörige wollen mit dir reden, man muss ständig telefonieren. Es ist schön heute einfach mal nicht reden zu müssen - und dass sagt ein sehr mitteilungsbedürftiger Mensch. 

Auf den letzten Tag war mein kleiner Fan-Club auf Arbeit wieder etwas aktiver als sonst. Alle nutzen die sonntägliche Ruhe, um mal einfach so unverfänglich vorbei zu kommen und "Hallo" zu sagen. Die Schülerin (kein Mitglied), mit der ich gearbeitet hab, sagte irgendwann gegen Mittag: "Du bist aber beliebt." Ich hab´s darauf geschoben, dass ich eben so ein netter, reinlicher Typ bin und als männlicher Pfleger zu einer seltenen Art gehöre. Hätte ich als Teenager schon soviel weibliche Aufmerksamkeit bekommen, wären mir sicherlich einiges an Selbstzweifeln erspart geblieben. Vor Komplimenten konnte ich mich gestern kaum retten - kam meinem übermüdeten Selbstbild zumindest so vor. "Ryan, ich hab immer so gerne mit dir gearbeitet, hoffentlich komm ich in der Ausbildung nochmal auf deine Station." - "Ich find das so cool, dass du jetzt Leitung bist, du machst das bestimmt ganz toll." - "Ryan, deine Haare liegen toll, warst du beim Friseur?" Runter wie Öl, würde Mama sagen. Dann komm ich nach Hause, die Verlobte liegt mit Bierfahne, ungewaschen mit wilden Haaren auf dem Sofa und gibt so ´nen Satz von sich wie: "Du siehst aus, wie ich mich fühle. Boah, hast du Augenringe." - "Aber meine Haare liegen heute schön." - "Findest du?!"

Soviel Aufmerksamkeit und menschlicher Bienentanz ist natürlich schön, grade wenn es zwei dutzend Mädels um die 20 sind. Ich glaube - und ich bin mit meiner Vermutung nicht alleine - wenn ich nicht so nett, verantwortungsbewusst (und liiert mit Sofamops - natürlich der wichtigste Grund) wäre, ich könnte das aufs Schärfste ausnutzen. Ich glaub, ich könnte jeden Tag ´ne andere mit nach Hause nehmen - und müsste sie dazu nicht mal abfüllen. Seltsam solche Phasen - mir kommt´s nämlich so vor, als sei ich nur phasenweise attraktiv für Frauen. Jahre lang passiert nix, keine Frau nimmt dich als Mann mit Libido war und plötzlich, dauernd kommen nur so Sätze wie: "Du bist wie ein Bruder, den ich mir immer gewünscht habe" - "..." - von einem Tag zum nächsten - stehen sie Schlange. Ich rede jetzt nicht von so irren Weibern wie Coco, ich meine diese Phase, die ich vor sechs Jahren schon mal hatte. Da sagte eine Freundin zu mir: "Dir rennen die Ziegen hinterher, als hättest du Zucker in den Taschen." Ich hab´s damals auf meine Ausstrahlung geschoben, weil ich zu dem Zeitpunkt schon so verknallt in Steffi war, aber wir beide noch kein Paar und so unsicher waren, dass wir nur rumgeeiert haben. Zu meinem damaligen "Fan-Club" gehörten wieder nur Arbeitskolleginnen: Eine Physiotherapeutin, eine Hand voll Mit-Azubis (einige aus dem Mittel-Kurs und eine in meinem, Steffi mal nicht mitgerechnet) und sogar ein paar examinierte Schwestern. Ich weiß noch, wie ich Frühdienst mit einer Schwester auf der Stroke-Unit hatte, und es war bekannt, dass sie grade gekündigt hatte. Sie macht die Dienstzimmertür hinter uns zu, fängt an nervös zu werden und sagt sowas wie: "Das fällt mir jetzt schwer, aber ich wollte dich fragen, ob du mal mit mir ausgehen würdest." Und ich hab irgendwas gestottert von wegen schlechter Zeitpunkt in meinem Leben, sie sei ja total nett, aber ginge nicht, weil bla bla bla. Und Steffi war damals schon völlig resigniert und eingeschüttert, von der potentiellen Konkurenz.

Reizvoll ist es schon, muss ich zugeben. Aber ich denke, egal was man(n) macht, am Ende nach ein paar Jahren Beziehung landet man wieder da, wo man jetzt steht - nämlich mit einer Frau, die plötzlich gar nicht mehr so reizvoll ist, mit Jogginghose auf der Couch liegt und an dir rumnöllt. Ich bin auch so realitätnah, dass ich mir durchaus bewusst ist, was Nick Hornby sinngemäß mal geschrieben hat: Die größte Enttäuschung am Zusammenleben mit einer Frau ist die Unterwäsche. Sie heben sich die besten Stücke für Dates mit potentiellen Sex auf - wenn du mit ihr zusammen lebst, hat sie plötzlich nur noch dieses bequeme Zeug, was es im Dreier-Pack zu kaufen gibt. Und so sind alle Frauen. Anfangs himmeln sie dich an, irgendwann fällt ihnen auf, was sie alles an dir stört. Eigentlich ist die Zeit, in der sie nur deinem Fan-Club angehören und sich ausmalen, wie man wirklich sein könnte ("Er steht bestimmt genauso auf Spaziergänge wie ich") die Beste. Du kannst in der Zeit nichts falsch machen - außer du hörst plötzlich auf mit einigen zu reden oder schenkst einer mehr Aufmerksamkeit als der anderen. Aber natürlich bin ich immer zu allen freundlich.

Natürlich bin ich vorsichtig - nach der Coco-Geschichte erwische ich mich, wie ich meine Worte mit bedacht wähle, um ja nichts verfängliches zu sagen, oder irgendetwas, dass am Ende bedeutungsschwanger im Kopf einer blonden Zwanzigjährigen arbeiten könnte. Selbstverständlich habe ich dafür gesorgt, dass das gesamte Haus weiss, dass Steffi und ich verlobt sind, dass wir ein Heiratsdatum haben und dass wir unendlich glücklich sind. Steffi ist nicht nur eine Lichtgestalt, die irgendwo in meinem Leben rumgeistert, nein, Steffi ist ab und zu auch sehr präsent in meinem Betrieb - obwohl sie seit beinahe sechs Jahren nicht mehr dort arbeitet. Dass Christina, ihre beste Freundin, arbeitet, hält Steffi nämlich nicht davon ab, sie beinahe täglich zu sehen. Mich besucht sie auf Arbeit nie - "Wir sehen uns doch zuhause". Aber wenn mich beispielsweise eine Schülerin fragt, wie Steffi so ist, frage ich: "Warst du schon auf der Intensivstation?" - "Ja, wieso?" - "Dann kennst du doch Christina? Und Christina kriegt manchmal Besuch während der Schicht von ihrer Freundin Steffi - das ist MEINE Steffi." Als die Intensivstation letztes Jahr umgezogen ist, hat Steffi sogar geholfen, weil Christina sie gefragt hatte. Meine schöne Freundin ist also allgegenwärtig - das meine ich ernst: Ich finde meine Freundin, pordon Verlobte, ist wirklich eine schöne Frau. Ich finde sogar, dass sie mit den Jahren hübscher geworden ist.

Vielleicht macht das auch einen deutenden Teil meiner Attraktivität aus - dass bekannt ist, dass ich seit Jahren mit einer Frau zusammen lebe, diese also scheinbar Tag täglich glücklich mache. Wie dem auch sei, ich gehe mit meinem Fan-Club dennoch vorsichtig um. Nicht so wie ein Kumpel von mir - auch Pfleger bei uns. Der hat zwar keinen eigenen Fan-Club, möchte aber gerne von meinem profitieren. Kurze Vorstellung dieses Kumpels: Mitte 30, Figur wie ein nasser Sack, aber sehr lustiger Typ. Er redet viel, gerne auch über andere Leute. Ich zähle ihn mittlerweile zu meinen Freunden, allerdings vermeide ich mit ihm alleine im angetrunkenen Zustand zu verbleiben, weil er dann immer "Männergespräche" mit sexuellen Themen anschneidet. Er versteht auch nicht, wieso ich ihm nicht erzählen will wie Steffi im Bett ist und warum er mir seine 3D Pornos nicht zeigen darf (natürlich nur wegen der Qualität des Fernsehers). Er ist so ein Kandidat, der am laufenden Band "Knaller" raushaut. Er hatte zum Beispiel neulich ein Date mit einer Ärztin (im Internet kennen gelernt), hat sich dabei allerdings selbst aus Arzt ausgegeben. Er meinte, er erzählt ihr die Wahrheit, wenn sie sich in ihn verliebt hat, das geht dann schon. Er ist ein Typ, bei dem man immer den Kopf schüttelt und sich sagt: "Das war ja wieder typisch für ihn." Er ist immer ein bisschen zu laut, ein bisschen zu forsch, als erster betrunken und - wenn man ihn nicht kennt und weiß ihn in die Schranken zu weisen - zu direkt, beinahe etwas aufdringlich.

Und er ist Dauersingle, versteht das selber gar nicht und ist immer bemüht neue Leute, vorwiegend Frauen, kennen zu lernen. Was unternehmen mit ihm ist immer lustig, er organisiert riesengroße, tolle Partys - allerdings filtert er schlecht. So läd er immer gerne Azubis ein (wenn möglich blond und schlank) und räumt immer großzügig ein, alle die zu betrunken sind nach Hause zu fahren, dürften bei ihm schlafen - eine Portion Naivität schwingt da schon immer mit. Zu der Coco-Geschichte hatte er auch folgende Meinung: "Naja, sie ist verrückt, aber heiß. Da muss man schon vorsichtig sein, wenn man mit ihr vögelt." Das ist eine typische Antwort für ihn. Naja, er belagert mich neuerdings immer mit dem Wunsch "zusammen einen drauf zu machen". "Wir können ja noch Leute mitnehmen" - "Leute" sind in dem Zusammenhang Teile meines Fan-Clubs, weil "vielleicht fällt für mich ja auch eine ab, wir sind uns ja nicht so unähnlich." Ha! Ich wiege 50 kg weniger, bin zwei Köpfe kleiner und sozialverträglicher. Er war ziemlich beleidigt, als ich ehrlich sagte: "Das einzige was uns einander ähnelt, ist die Haarfarbe." Nein, wir wären ja fast Zwillingsbrüder, nur dass er humorvoller sei. Hauptsache er mobbt mich nicht raus, damit der zweitattraktivste Pfleger des ganzen Krankenhauses endlich freie Fahrt hat. Ein Typ ist das ... aber auch solche Freunde muss man haben. Steffi hat ihm allerdings neulich die Facebook-Freundschaft gekündigt, nachdem er ihr in seinem Notstand geschrieben hat, dass er, wenn sie eine Zwillingsschwester hätte, diese ganz schön geil finden würde. Was für ein Typ ...

Fazit: Auch davor muss ich mich hüten: Partys bei dem Typen. Nicht dass Coco eines Abends plötzlich neben mir sitzt und betrunken irgendwann versucht Steffi mit einem Küchenmesser abzustechen.


Diesen Eintrag kommentieren