Boys don´t cry

23.03.2007 um 21:05 Uhr

Freitag

von: Ryan

Ja es ist schon wieder Freitag und anstatt mich schick zu machen für eine großartige Party, habe ich meine Gammelklamotten an und werde früh ins Bett gehen WEIL ich Frühschicht morgen hab. Die Woche hat mich irgendwie ziemlich gekickt. Ich war alleine mit einer examinierten Krankenschwester, eine Aushilfe, die ihr Examen irgendwo gewonnen hat und ner Praktikantin. Patient kollabiert, Aushilfe ist völlig überfordert - was macht man da am besten? Erstmal in Panik ausbrechen, ist immer gut ... *kopfschüttel* Oder beim Waschen: "Der Patient hat da was." - "Ja, das nennt sich Dekubitus." - "Warum machst du den Verband? Das sollte ein Arzt machen!" - "Das chirurgische Konsil ist bereits durch und ich verbinde nach Arztanordnung unseres Chefchirurgen." - "Also ICH könnte das ja nicht so wie du das machst ..." - DAS IST MIR KLAR, deswegen mache ICH den Verband ... woah ... und die Praktikantin ist 18 und benimmt sich noch schlimmer als meine kleine Schwester. Die kann reden ... unglaublich ohne Punkt und Komma ... innerhalb der letzten 4 Schichten hat sie mir ihre gesamte Lebensgeschichte, die ihrer Eltern und Geschwistern und Freunden erzählt. Und sie merkt auch nicht, wann mal Feierabend ist. Ich sitz da hochkonzentriert und versuche die Visite auszuarbeiten und werde von der Seite zugeschwallt. Irgendwann kam Gott sei dank eine gutgelaunte Ärztin vorbei: "Ich geh mal rüber ins Labor." und ich sofort: "Oh, magst du unsere Praktikantin mitnehmen? Die würde das Labor soooo gerne mal sehen und wir kommen nicht weg." - "Klar." - kaum war die Tür zu, hab ich erstmal nen Schmatz von meiner Kollegin bekommen, weil ich die Praktikantin an die Ärztin verkauft hab.

Nebenbei 5 Neuaufnahmen, meine Kollegin hat 4 Akten ausgearbeitet und sich um die Aufnahmen gekümmert, ich hab nebenbei die Station am laufen gehalten, Blutzucker gemessen, Infusionen angehängt, Verbände, Visite ausgearbeitet und was so anfällt - wir waren im Grunde genommen zu zweit ... da sagt diese komische Aushilfe echt: "Ob ich Blutzucker messen kann? ... natürlich." und läuft mit dem Tablett los ... kommt wieder: "Also der Patient hat einen Blutzucker von 11." Ich guck ... "Aber der Patient lebt noch?" - "Ja wieso?" - ich hin und gucken was da los war. Patient guckt mich nur aus großen Augen an: "Hier war niemand drin, wieso fragen Sie?" - "Och nix." Meine Kollegin nur. "Kneif mich mal, ich bin im falschen Film."

Naja, wir und unsere Patienten haben die Schicht überlebt und wir haben unsere Arbeit trotzdem zufriedenstellend geschafft. Aber die Patienten sind auch irgendwie ganz anders. Wir haben total wenig Pflegefälle auf dieser Neurologie, und vor allem sehr viele junge Leute - auch so in meinem Alter. Da hört man morgens schon von den Patienten: "Du schon wieder im Dienst, der Tag fängt ja gut an." - "Jepp, hör auf zu meckern und nimm deine Tabletten."

Wie ist mein Leben außerhalb des Krankenhaus? Tja ... zuhause höre ich die meiste Zeit Musik und träume vor mich hin ... oder telefoniere und klare Menschen, die mich mögen mein Leid. Und essen tue ich im Moment total viel - vorwiegend Schokolade. Und dann will man sich mal was gönnen und sich mit neuen Klamotten eindecken - und nirgendwo gibt´s was lohnenswertes zu kaufen - bis auf eine Jacke bei H&M (Frauenabteilung ... ich weiss ...) Ich war begeistert von deieser Jacke, nun passte die aber nicht ... 40 war zu groß, 36 zu klein (wir sprechen immer noch über Frauengrößen) und selbstverständlich war 38 in schwarz nicht mehr da ... gut, also in die Mönckebergstraße zum H&M ... keine 38er in schwarz ... H&M in Wandsbek ... keine 38er in schwarz ... hä?? Gut, dann bin ich heute mal bis nach Farmsen gegondelt und - tschakka - die letzte 38er in schwarz ist jetzt meine. Jetzt muss es nur noch wärmer werden, ich will diese Jacke tragen - oder ich quäl mich einfach mit ner viel zu dünnen Jacke morgen früh zur Arbeit, wer schön sein will ... ja ja ...

Und dann gibt´s ja noch die junge Dame, die bewirkt, dass ich für solche Beiträge fast 4 Stunden brauche, weil ich dauernd gedanklich abschweife - wir hören irgendwie jeden Tag voneinander was. Aber ich bin irgendwie immer noch unglücklich mit der Situation - ich weiss auch nicht. Zeit lassen, gaaanz viel Zeit. Ich hab gestern Abend mit ner Freundin telefoniert, die sich jetzt auch unglücklich in einen sehr guten Freund verliebt hat - und heute morgen hab ich nen Pfleger getroffen, der mir erstmal sein Herz ausschütten musste über eine unerwiederte Liebe - ich bin umgeben mit totunglücklich-verliebten Menschen. Woran liegt das? Hamburg, die Stadt der Millionen Singles? Das Wetter oder die globale Klimaerwärmung?


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