Boys don´t cry

29.08.2009 um 02:11 Uhr

Good to be me

von: Ryan

Ich mach mir immer wieder meine Gedanken zu meinem Leben. Es ist manchmal nicht leicht, manchmal aber auch nicht besonders schwer. Ich hab einiges an Leid erfahren, viel gesehen, aber in letzter Zeit mehr Glück gehabt als ich vielleicht verdient hätte. Manchmal laufe ich immer noch sehr kaltschäuzig, naiv und großkotzig durch die Welt und fühle mich ungerecht behandelt. Ich sage vieles viel zu unüberlegt, hinterfrage erst viel zu spät mein eigenes Handeln, verhalte mich faul und spiele resigniert so oft ich kann. Ich rechtfertige mich bei jeder Gelegenheit vor meiner Umwelt und vor allem vor mir. Schönes Beispiel: Aufstehen. Klappt selten gut. Wenn ich frei hab, schaffe ich es auch mal locker bis in die späten Mittagsstunden im Bett zu verbringen. Meiner Freundin dagegen ist der Tag zu schade um nur zu schlafen - ich wiederrum finde schlafen großartig, am besten viel und lang und häufig. Natürlich verpasse ich dadurch viel Zeit, und meine großartige Ausrede: Ich hab halt keinen richtigen Tag-Nacht-Rhythmus durch den Schichtdienst. Mag anteilig bestimmt richtig sein, aber meistens hab ich halt keine Lust aufzustehen.

Aber eigentlich kann ich mich nicht beklagen, ich mag mein Leben. Selbst mit meinem "Perfektionismus" hab ich mich gut arrangiert - finde ich. Ich hab neulich mit einer Kollegin einer anderen Station geredet und hab mich beschwert, dass keiner so arbeitet wie ich - scheinbar. Dass es mich nervt, dass mir Fehler der anderen hervorstechen - es müssen nicht zwingend Fehler sein, mehr Dinge "anders" machen, vielleicht uneffektiver in meinen Augen, manchmal auch einfach Dinge zwar richtig aber schlampiger gemacht. Und ich ärgere mich, dass ich halb tot nach Hause gehe nur weil ich alles versuche so richtig wie möglich zu machen. Vielleicht sollte ich damit aufhören. Und die Kollegin sagte: "Ryan, ich finde es toll dass du das so machst. Mach es für dich weiter. Mach es so weiter, wie du es für richtig hälst, mach Dinge gut für Menschen, die du liebst, mach es um deinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein; was alle anderen machen sollte dir egal sein." Diese Antwort fand ich klasse.

Noch ein schöner Satz heute von einer älteren Damen (auch getroffen auf der Arbeit): "Eine gute (Liebes-)Beziehung ist mit unter das schönste, was man im Leben erfahren kann" und ich lächelte einen Moment in mich rein und dachte: Stimmt. Vor einigen Wochen hatte ich ne kleine "Zweifel"-Phase, ich denke ausgelöst durch McDreamy - und meine Freundin und ich hatte in genau der Woche gleich 2 große Streitpunkte laufen. Aber mittlerweile ist wieder alles super. Streiten ist mittlerweile auch in Ordnung - ich glaube ich musste erst langsam lernen, dass Streiten normal ist und zum Leben dazu gehört. Ich kenn normales Streiten nicht aus meiner Kinderstube. Meine Mutter und mein Stiefvater (ich war 5 als er meine Mutter kennenlernte und bin dementsprechend mit diesem Mann aufgewachsen) können nicht vernünftigt streiten. Sie schreien sind laut, handgreiflich, betrunken, widerlich. In anderen Beziehungen hab ich dementsprechend immer versucht Streit aus dem Weg zu gehen, lieber nachzugeben anstatt irgendwas unkontrolliertes oder bedrohliches zu provozieren. Mittlerweile "lerne" ich streiten, produktiv streiten. Und ich lerne, dass streiten nichts schlimmes ist. Dass es vorbei geht, dass man sich versöhnen kann, dass es zu zwischenmenschlichen Beziehung dazu gehört - das ist großartig, finde ich. Mittlerweile kann ich das richtig gut. Ich kann mit meiner Freundin streiten und mich nachher mit ihr versöhnen. Ist doch super sowas zu erfahren, oder?

Und selbst wenn es nur darum geht, dass meine "Ach so Nicht-Raucher"-Freundin meine letzte heilige Reserve-Schachtel Zigaretten mit nur Arbeit genommen hat, weil da ja ihr schwuler Lieblingskollege mit ihr Schicht hat und sie mit dem 1-3 Zigaretten ausnahmsweise raucht. Wenn ich dann nachts um 1 Uhr nochmal zur Tanke muss, weil ich keine Kippen mehr hab und sie kommt unschuldig nach Hause - hat die angebrochene Schachtel auch noch auf der Arbeit vergessen, bin ich natürlich sauer. Ein anderes Mal hab ich ne halbe Stunde zu lange Ossi-Witze gerissen im angetrunkenen Zustand, bis meine ostdeutsche Freundin mir dann die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Aber solche Situationen gefährden unsere Beziehung nicht. Ich glaube, das ist ne wichtige Sache, die ich bislang noch nicht lernen konnte.

Dann noch was anderes: Ich finde mich selbst vernünftig. Oder besser gesagt: vernünftiger als andere Menschen. Überlegter. Ich glaube, meine Freundin ist ähnlich vernünftig und überlegt, gut, sie ist 1,5 Jahre älter als ich, wir haben ähnliche Ansichten vom Leben und was wir so erwarten von unserer Zukunft. Hört sich kleinbürgerlich spießig an, wenn ich den letzten Satz selbst so lese, aber irgendwie "normal" in meinen Augen. Ich hab nen schönes Beispiel für was Unvernünftiges: Meinen Bruder. Er ist 2 Jahre älter als ich. Er ist aber von Natur aus nicht so der überlegte Mensch, eher impulsiv. So alla: "Ich fühle jetzt so, also handel ich gleich mal so, scheiss auf die Konsequenzen". Er hatte ne Freundin/Affäre. Etwas was nicht lange dauerte, 3 Monate daten und vögeln. Problem: Sie hat sich verliebt in ihn, sehr heftig, dachte er sei die große Liebe. Als er den Versuch machte sich zu trennen, wurde sie "ganz plötzlich unerwartet" schwanger. Huch, wie kann sowas denn passieren? Und natürlich glaubt mein Bruder dass sie natürlich TROTZ Pille schwanger wurde (ja klar), soll ja reihenweise vorkommen grade wenn man sich trennen will. Das Kind und die Schwangerschaft waren ein ziemlich guter Grund für ihn bei ihr zu bleiben, bzw. zu ihr zurück zu finden. Ich bezweifle nicht, dass er seine Tochter liebt. Dass er alles für sie tun würde, sogar mit ihrer Mutter zusammen sein um eine intakte Familie zu bilden. Und irgendwann meinte mein Bruder im Taumel seiner Gefühle, die Mutter seines Kindes heiraten zu müssen. Gemeinsame Wohnung, Glück pur. Geheiratet wurde klein beim Standesamt im Dezember, seit Juli liegen Scheidungspapiere beim Anwalt. Und seit 3 Wochen lebt mein Bruder bei uns, oder besser in unseren Arbeitszimmer, wo mein PC steht (vielleicht komm ich deswegen so selten zum schreiben hier). Aber um auf den Punkt zu kommen: Alle Zeichen stehen auf "SCHIEF"-"KLAPPT NICHT"-"DUMM NACH SO KURZER ZEIT ZU HEIRATEN WEGEN DEM KIND" und er kriegt die Rechnung. Sie sagt, sie liebe ihn nicht mehr, er ist schon 3 mal fremdgegangen wärend der Ehe ... über sowas könnte ich nur die Augen verdrehen.

Gut, als wäre ich nicht fremdgegangen *hüstel* aber es war nie ne andere Frau. Aber mal davon abgesehen haben wir auch nach 2 Jahren zwar irgendwann vor zu heiraten, wenn´s halt passt. Jetzt noch nicht, das ist zu früh. Wir haben auch vor Kinder zu haben, wir reden sogar sehr ungezwungen über das Thema, aber nicht so dass sie am besten morgen schwanger wird. Wir wissen, dass wir uns noch Zeit lassen wollen. 2 Jahre mindestens, wenn wir zusammen bleiben wollen. Zur Zeit wollen wir das beide sehr gerne, am liebsten für immer. Aber es gibt ja für nichts ne Garantie. Also schauen wir ob wir noch ne ganze Weile miteinander aushalten, geniessen die Zweisamkeit und dann eventuell Familienplanung. Familienplanung ist eigentlich nen Wort, dass mir Unbehagen bereitet. Mit dieser Frau an meiner Seite aber irgendwie nicht. Ich stell mir unsere Zukunft unglaublich schön vor, selbst wenn uns ein-zwei Kleinkinder auf Trap halten. Aber das heisst noch lange nicht, dass ich die Kinder lieber gestern als heute um mich hätte. Selbst wenn ich den Kindergedanken heute schon mag, kann ich mir doch trotdzem damit noch Zeit lassen? So eine Denke finde ich (in meinen Augen) vernünftigt.

Ich glaube, wenn ich jemand anderes wäre, der auf mein Leben schaut, wäre ich lieber ich. Mein Leben ist gut, so wie es grade läuft. Finde ich zumindest, und das ist sehr gut, dass ich das finde.


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