Boys don´t cry

22.06.2009 um 13:16 Uhr

Grenzenlos

von: Ryan

Letzte Woche war furchtbar - meine persönliche Grenzgänger-Woche. Die Arbeit hat mal wieder neue Rekorde geschlagen bzgl. Arbeitsaufwand. Wir waren mal wieder nur zu zweit und eigentlich hatten wir uns verabredet in der Übergabe alles zusammen zu machen - blöd war nur, dass ich meine Kollegin während des ganzen Dienstes nur 3 mal gesehen hab ... ja soviel war zu tun. Auf einer Station und trotzdem sieht man sich nicht weil man aus den Patientenzimmern nicht mehr rauskommt. Nur rumrennen, wenn ich grade den letzten gewindelt hatte, konnte ich beim ersten wieder neu anfangen. 6 Leuten, die ich gleichzeitig füttern sollte, aber in ihrem Tempo mindestens ne halbe Stunde brauchen bis sie wirklich satt sind - aber ich kann nicht 3 Stunden lang nur Essen geben ... pünktlich zum Mittagessen hatten ich dann meinen ersten Nervenzusammenbruch auf der Arbeit. Eigentlich war ich schon um 11.00 so erschöpft, dass ich über meinen persönlichen toten Punkt hinausgearbeitet hatte, ich war körperlich schon total alle, hab selber noch nicht einen Happs gegessen, meine Wasserflasche hab ich mir aufm Weg zum Wäschelager schnell geschnappt und die stand verbotener Weise schon neben meinen Akten. Das war wirklich nen Tag, an dem ich mich selber über meine Kondition wundere, sonst wäre ich höchstwahrscheinlich zusammen geklappt. Nein, das einzige war zusammen geklappt ist, war mein Nervenkonstüm.

Irgendwann gegen 12.00 ging gar nichts mehr und nachdem wir meine letzte Oma noch den Boden "vollgekackt" hat und mir damit noch mehr Arbeit als so schon machte, bin ich total ausgeflippt. Mir sind die Tränen gekommen. Ich hab letztes Mal als Schüler im Dienst geweint und ich glaube sogar, dass es am Tag meiner Zwischenprüfung war - aber diesmal hab ich wirklich aus Erschöpfung geweint. Ich hatte die Nacht vorher knapp 2 Stunden Schlaf gehabt und dann noch diese gewaltige Überlastung, wurde nur angemault, musste alle dicken Leute alleine windeln, hochziehen und lagern (das geht natürlich auch total in den Rücken und in die Arme), meine Kollegin rannte auch nur mit schlechter Laune als Einzelkämpfer von Zimmer zu Zimmer ... und dann irgendwann war Feierabend. Auf dem Weg zu irgendwas, was ich tun musste, bin ich in nen Lagerraum abgebogen, hab mich hinter die Tür gestellt und mir kamen die Tränen. Ich hab´s echt selten erlebt, dass ich wirklich so vor Erschöpfung geweint hab. Ich war so erledigt, körperlich, psychisch, keine Hilfe in Sicht, der Arbeitsberg wird mit jeder Minute größer und im Moment hab ich auch schon wieder ne ganze fiese Phase, in der ich meine Arbeit so anzweifel, mich selber frage ob das alles so sein muss wie wir das machen. Muss jemand mit 97 Jahren noch reanimiert werden? Muss jemand in dem hohen Alter überhaupt noch Antibiotikum kriegen oder kann man da nicht aml sagen: So, Schluss. Müssen wir wirklich soviel Zeit, Geld und Energie darein stecken, dass Leute mit vielen Krankheiten ein hohes Alter erreichen? Aber das grenzt ja schon wieder an der anmaßenden Frage: Wann ist ein Leben lebenswert und wann nicht? Also versorgen wir wie gehabt ALLE - und ALLE sind ganz schön viele.

Ne halbe Stunde später lief mir meine Kollegin übern Weg, nahm mich unter Arm und zerrte mich raus aufm Parkplatz und ne Zigarette später waren meine Tränen versiegt, ich war zwar immer noch unendlich erschöpft aber es ging wieder halbwegs. Zumindest so dass ich halbwegs adäquat ne Übergabe an den Spätdienst machen konnte - hab ich erwähnt dass ich trotzdem ich mir fast schon beide Beine ausreisse immer noch 2 Stunden länger bleiben konnte, weil ich meinen Frühdienstkram nicht in 8 Stunden geschafft hab?

Das Fazit: Ich erzähl das Ereignis meiner (psychiatrisch arbeitenden) Freundin und die sagt nur: "Das war nen Nervenzusammenbruch! Du meldest dich morgen krank! Du gehst morgen mal zum Arzt und lässt dir dein Burn-Out-Syndrom diagnostizieren!"

Hab ich natürlich nicht gemacht ... ich bin ja ich. Ich mach sowas ja nicht ... statt dessen hab ich mir von diesem extrem harten Tag irgend ne Infektion gehalt, bin am nächsten Tag mit Fieber und Halsschmerzen aufgestanden, 2 Paracetamol und ab zur Arbeit. Auch klever. Aber anstatt alles selber zu machen und mir dabei nen Bein auszureissen, hab ich gleich um 8 Uhr meine Pflegedienstleitung angerufen und gefragt, wie ich 6 Leuten gleichzeitig Essen geben soll, wie ich alleine 16 Vollpflege-Patienten versorgen und waschen soll? Wussten die auch nicht und PLINK plötzlich stehen 3 Leute von anderen Station (unter anderen mein Hübscher) pünktlicher zu den Mahlzeiten vor der Tür: "Wir sollen Patienten essen reichen bei euch?" ich weiss auch nicht warum sowas immer erst funktioniert, wenn die Station kurz vorm zusammenbrechen ist ...

Und sonst so war ich dann Freitag (mein erster freier Tag) richtig krank: Gliederschmerzen, Kopf- und Halsaua, Fieber, Schnupfnase ... toll ... ich hatte nämlich ne Karte für´s Hurricane Festival in Scheeßel und saß also den ersten Tag des Festivals zuhause aufm Sofa mit Fieberthermometer im Mund ...  ganz großes Kino ... weiter im zweiten Teil (ich glaube so elend lange Blogs liest kein Mensch, also teilen wir den mal).

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenHedera schreibt am 22.06.2009 um 14:21 Uhr:lieber Ryan, und wenn dein Eintrag 3x so lang wäre, deine "Fans" lesen ihn natürlich!
    Und ich bewundere an dieser Stelle einmal mehr dich und deine zahllosen KollegInnen ob ihrer Arbeit und das sie sich immer wieder hinschleppen - trotz miesester Bedingungen und schlechter Bezahlung.
    Ich wünschte wirklich, ich könnte in diesem Fall ein flappsiges: Wird schon wieder einfügen - das wirds sicherlich auch, um dann am Ende wieder in Chaos auszubrechen...............hach, ich harre dann mal Teil II!!
    lg
  2. zitierenJeanny schreibt am 25.06.2009 um 04:02 Uhr:Hi Ryan - ich liebe Deine Einträge - egal wie lang sie sind.

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