Boys don´t cry

25.10.2007 um 22:01 Uhr

Heute hasse ich meinen Job

von: Ryan

Musik: Travis, Scala, Tori Amos, Tracy Chapman

Ich weiss gar nicht was ich schreiben kann, um zu beschreiben wie ich mich fühle. Ich bin tot müde und matschig, obwohl ich nach dem Frühdienst 3 Stunden geschlafen habe ... ich fühl mich wie in Watte gepackt und gleichzeitig scheint alles irgendwie sinnlos.

Nein, ich falle nicht in ein neues Loch der depressiven Verzweiflung, ich hatte nur nen furchtbaren Arbeitstag. Nachdem ich die letzten Tage sehr, sehr stolz auf meine Leistung bezüglich der Arbeit war und meine Stationsleitung sich wirklich herabgelassen hat mich zu loben und ich davon ausgegangen bin, dass trotz der übermenschlichen Arbeit ich ein super gutes System aufgebaut habe, um im ganzen Stress nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, war heute mal wieder alles ganz anders ... was für ein langer Satz. Ich hab gearbeitet wie ein Bekloppter, gleich bei der ersten Runde, alles abgearbeitet was ging - man weiss ja nicht was der vormittag so bringt ... es war wie verhext, kaum kam ich von der Pause wieder, war es als habe jemand einen Hebel von "Stress normal" auf "Stress unmenschlich" umgelegt. Ein Notfall nach dem nächsten - hier blutet einer, da ist jemand gestürzt, ein anderer musste vom Parkplatz aufgelesen werden, wieder ein anderer hatte einen Krampfanfall, der nächste kollabiert - nebenbei stehen 3 Aufnahmen gleichzeitig vor der Tür und wir haben keine Betten frei. Einer kollabiert im Zimmer, hat nen Herzstillstand, wird reanimiert - draussen aufm Flur regen sich die ersten Patienten auf, warum es noch kein Mittagessen gibt  - Patient mit Herzstillstand verlegt auf die Intensiv so fix wie möglich ... ich komm in ein Patientenzimmer rein (eigentlich nur um Medikamente an den Nachtschrank zu stellen) und ich weiss noch, dass es ganz ruhig in dem Zimmer war und ich mit der Patientin geredet hab so alla: "Ich stell Ihnen ihre Medikamente hin!" oder sowas ... und denk mir noch: Mensch ist das ruhig hier ... und 2 Sekunden später merke ich, dass sie nicht mehr atmet ...

Das kam total überraschend, die Patientin war nicht totkrank ... sie sagte nachm Frühstück noch, dass sie sich hinlegen möchte, weil sie so müde ist ... eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht - der schönste Tod den man haben kann, meiner Meinung nach. Ich musste mich erstmal 2 Minuten auf den Boden an die Wand gegenüber des Bettes setzen bevor ich weiter arbeiten konnte ... mehr als 2 Minuten waren aber nicht drin, zuviel zu tun. Wir haben die erste Totenschau, dann mit der Schülerin zusammen gemacht, weil die Tote "für eine Tote" gut aussah und ich das irgendwie besser finde, wenn man die Schüler gezielt fragt, ob sie dabei sein wollen, den Toten nochmal sehen, sich verabschieden etc. Es gibt genug Kollegen, die die Krankenpflegeschüler ins kalte Wasser schmeissen und das muss nicht sein.

Und obwohl ich weiss, dass das Sterben zum Leben dazugehört und es wirklich wünschenswert ist auf diese Art und Weise zu sterben und man in gewissen Hinsicht auch dankbar sein muss, weil es ne Schmerzpatientin war, die keinen Schritt laufen konnte ohne Schmerzen zu haben, trotz alle dem isses traurig und ich bin total betroffen. Und es ist mir schwer gefallen den Kollegen das zu sagen, weil die auch fragte, warum das Zimmer abgeschlossen war. Die Mitpatientin konnte daraufhin ja nicht mehr ins Zimmer, zur Erklärung: Wenn jemand stirbt, muss der Arzt den Patienten gleich daraufhin für tot erklären und nach 2 Stunden NOCHMAL, gesetzlich vorgeschrieben sind 2 Leichenschauen mit 2 Stunden dazwischen. Wir konnte die Tote auch nicht rausschieben, weil wir keinen Platz hatten, kein einziges freies Zimmer ... und natürlich kommt von der lebenden Bettnachbarin natürlich die Tochter und kriegt nen riesen Ausraster warum Mutti nicht in ihr Zimmer kann. Und man selbst steht da und bitte um Verständnis und versucht zu ruhig wie möglich bleiben, kann aber auch nicht sagen: "Weil da ne Leiche drin liegt im Zimmer ihrer Mutter." Nein stattdessen: "Ich kann verstehen, dass Sie sich aufregen, aber wir haben ganz gravierende Gründe und ich bitte Sie um etwas Verständnis für die Umstände." und die Angehörige rafft es nicht und spricht der Beschwerdebeauftragten erstmal auf den Anrufsbeantworter.

Und nebenbei der übliche Stress: Mittagessen verteilen, ich hasse es. Die Patienten essen bei uns in nem Aufenthaltsraum ... und wenn man noch nicht mal den letzten Mittagessen gegeben hat, schreien die ersten schon, dass sie zurück ins Bett wollen. Und kein Mensch hat auch nur einen Funken Geduld. Immer nur: "Ich will." Wie die Kleinkinder. "Ich will ins Bett." - "Ich will noch nen Joghurt." - "Ich will meine Bedarfsmedikamente." - "Ich will dass ENDLICH eine Schwester zu mir kommt." ... oh man ... und nebenbei die Kollegen (v.a. die Ärzte): "Ryan, kannst du mal ... würdest du bitte ..." Dann noch die Arbeit, die man eh schon hat ... und die Patientenklingeln ... es macht mich wahnsinnig, die klingeln im Moment so abartig viel - man kann sich auch nicht konzentrieren, wenn im Hintergrund dieser ziemlich laute Piepton zu hören ist.

Ich habe ne Stunde Überstunde gemacht und ich habe mich 10.000 Mal entschuldigt, weil ich garantiert vieles vergessen hab. Man macht sich im Kopf ne Art Liste und versucht die abzuarbeiten. Ich schreib mir schon massenhaft Notizzettel ... aber nach der Leichenschau mit der Schülerin und den beiden Stationsärzten war meine Liste im Kopf weg ... ich hab völlig vergessen was ich tun wollte. Es waren keine lebenswichtigen Aufgaben, das weiss ich - aber schon Dinge, die ich selbst noch abarbeiten wollte und nicht dem Spätdienst noch überlassen muss.

Zuhause bin ich totmüde ins Bett gefallen und hab geschlafen. Und jetzt hab ich grade geduscht (ich wünsch mir so sehr eine Badewanne) und trink jetzt erstmal nen Bier und dann irgendwann will Steffi bei mir auftauchen - wir haben morgen zusammen frei und können ausschlafen.


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