Boys don´t cry

29.05.2008 um 04:03 Uhr

Ich bin angetrunken und schreib da mal was auf

von: Ryan

Im Moment läuft alles echt gut - ich mag mein Leben echt gerne ... ich bin stolz darauf sagen zu können, dass ich mein Krankenpflegeexamen geschafft habe, dass soweit in allen meinen Lebensbereichen alles super läuft - ich hab ne schöne Beziehung, nen guten Arbeitsplatz mit super netten Kolleginnen ... und ich hab grade etwas viel Alkohol intus ... ja ich war feiern ... UNTER der Woche.

Ich hatte Spätdienst, bin dann noch zu ner Feier von ner Kollegin, hab da zuviel Hochprozentiges genossen, zuhause meine Freundin wachgeklingelt alla: "Ich wollt nur mal deine Stimme hören." - oh, wie ich sie vermisse. Schrecklich - aufgrund von Schichtdienst und dass sie zu ihren Eltern gefahren ist, sehen wir uns jetzt 7 Tage am Stück gar nicht ... ich weiss noch gar nicht wie ich das überstehen soll ...

Im Moment muss ich mich echt zusammenreissen hier nicht allzuviele Tippfehler einbauen, ich hab echt nen Tick zuviel getrunken ... Gott sei Dank hab ich morgen Nachtdienst, das heisst ich hab den ganzen Tag noch zum ausnüchtern. Und nachdem ich meine Freundin angerufen hab und 10 Minuten mit der telefoniert hab, hab ich noch ne Freundin angerufen, die grade Nachtdienst hat und hab mit der noch ne halbe Stunde gequatscht.

Im Moment haben wir echt ruhige Zeiten auf Station, das heisst ich habe mir vorgenommen mal ne Runde zu putzen und den ganzen Laden sauberer zu hinterlassen als ich ihn vorfinde im Nachtdienst. Alles ist siffig, klebt ... eigentlich bin ich nicht das Putztier, aber irgendwie stört mich das - oder bin ich einfach nur auf der neuen Station angekommen und fühle ich da so wohl, dass mein Instinkt mir sagt, dass es da sauber sein muss? Auf der anderer Station vorher war es mir schnuppe ... plötzlich nicht mehr. Ich hab den Wunsch dort zu bleiben, wo ich bin - mehr zu lernen und wie schon gesagt, mehr Zeit dort verbringen zu dürfen. Mit einem Mal putze ich, mit einem Mal sind mir bestimmte Dinge nicht mehr egal, die vorher nichtig waren, ich versuche das Beste aus mir rauszuholen und mich selbst zufrieden zu machen. Gut - was heisst "das Beste" - selbst die Freundin mit der ich telefoniert hab (mit der ich gelernt hab), sagt in nem Nebensatz: "Hey Ryan, du bist immer so überkorrekt und sauber in deiner Arbeit." - Perfektionismus, mein Antrieb und mein Feind.

Eigentlich ist es schlimm - ich hab eh schon so nen harten Job, der sowas von unterbezahlt ist ... und reiss mir so schon den Arsch auf ... und das reicht mir nicht und ich will noch mehr erreichen. Meine Oberschwester fragte mich letzte Woche, ob ich Mentor werden möchte. Mentor bedeutet, ich würde mich um die Krankenpflegeazubis kümmern, deren Zeugnisse schreiben, sie anleiten in Pflegemaßnahmen etc. Ich hätte eigentlich Lust dazu ... vor allem weil wir pro Station 2 Mentoren habe sollen und zur Zeit nur eine haben - die eine Mentorin hat heute Abend mit mir getrunken und findet die Idee großartig - aber es würde mehr Arbeit bedeuten für das gleiche Geld - 1 Tag mehr frei im Monat, aber kann ich den nehmen? Ich weiss es nicht ... aber heute Abend haben mir soviele Leute bestättigt, dass ich ein guter Mentor wäre, dass ich mich entschieden habe, dass ich mich um die Position bewerben werde. Ich, der Mentor ... seltsame Vorstellung ... bis vor nem 3/4 Jahr hatte ICH Mentoren, die auf mich aufgepasst haben ... und jetzt ich selbst einer ... seltsame Vorstellung, aber irgendwie macht mich das stolz, dass es Menschen gibt, die an mich glauben und mir das zutrauen.

Irgendwie ne doofe Situation, wenn man so ergeizig ist nen extrem guten Job machen zu wollen, medizinisch absolut fit zu sein und nebenbei dann doch jeden Tag alten Damen den Hintern abwischt, Stuhl - und Urinproben entnimmt, sich mit intelligenzgeminderten Patienten rumschlägt, sich beschimpfen lassen muss, sich selbst dabei erwischt wie man menschlich ein super Arschloch wird wegen dem ganzen Leid und Schmerz um einen herum (hey, ich steh in der Blüte meines Leben und ich hab am Tag 9 Stunden mit krebskranken oder schmerzgeplagten Patienten zu tun) - und wie man dann noch nebenbei Ergeiz behalten kann um wirklich das allerbeste aus sich selbst rauszuholen - ich weiss nicht wie ich das mache, aber ich mach´s. Ne destruktive Eigenschaft von mir? Keine Ahnung. Andere Leute sagen: "Hey, du musst eh das Beste aus dir rausholen, weil du mit Menschen arbeitest und deren Gesundheit!" Aber die wissen nicht unter was für einem Stress wir arbeiten, wie furchtbar Schichtwechsel sind ... wie angegriffen man sich fühlt, wenn nen Patient undankbar reagiert. Es gibt doch grade diesen Fall dieser Ärztin, die nem kleinen Franjo ne falsche Infusion angehängt hat und die auch noch zu lange laufen liess ... ich bete jeden Tag, dass mir sowas niemals passieren wird - und man kann nur beten, denn man ist nie sicher, dass sowas nicht wirklich passiert. Zu wenig geschlafen nach nem Schichtwechsel, Doppelschicht geschoben, zuviele Überstunden, 10 Leute, die dich nebenbei anquatschen während du ne Infusion vorbereitest ... und klack haste nicht gesehen WAS du das fertig machst. Oder mal ganz ehrlich: Wann mache ich Medikamente für die Patienten fertig? um 1 Uhr nachts im Nachtdienst ... bin ich das 100% fit? Nee ... vor allem nicht wenn ich schon 2 Nachtdienste hatte, weil man am Tag uneffektiv schläft - man kommt also verpennt und matschig auf Station an, und soll dann wichtige Dinge vorbereiten wie die Medikamentendispenser für den ganzen Tag ... meine Müdigkeit vs. den Menschenleben, die die Medis dann später nehmen müsse - und nicht alle Patienten sind so fit, dass sie sagen: Oh das sind aber nicht meine Medis!

Und was krieg ich für den ganzen Mist? 1,200 Euro wenn ich kaum Nachtdienste mache, 1,700 maximal wenn ich ca. 10 Nachtdienste im Monat ableiste und noch ne Menge Spätdienste bis knapp 22.00h. Eigentlich lohnt es sich nicht für 1,700 Euro pro Monat mit einem Bein im Knast zu stehen bei allem was man so macht ... oh man, ich krieg schlechte Laune, ich sollte echt aufhören. Ich trink mein Absacker-Bier noch aus, geh in die heia und versuche so lange wie möglich zu schlafen, um dann morgen ausgeruht und motiviert zum Nachtdienst zu erscheinen. Pfleger Ryan hat Nachtdienst ... ganz großes Tennis ...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSchussel schreibt am 29.05.2008 um 18:18 Uhr:Frage an Pfleger Ryan: Ist das Brutto oder Netto???

    Aber zu deiner "Ich-hol-das-Beste-aus-mir-heraus" Sache...du bist mit Leib und Seele Krankenpfleger. Du hast einen Beruf gewählt, hinter dem du voll und ganz stehst.
    Dann ist es doch nur rechtens wenn du voll dabei bist!!!!!

    Solange du Spaß an deiner Arbeit hast, wirst du immer alles geben!!!!

    Btw....nur Looser geben ihr Bestes! Der Sieger fickt die Königin :-)

    Viel Spaß im Nachtdienst! Hoffentlich wieder nüchtern *gg*

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