Boys don´t cry

08.11.2007 um 23:02 Uhr

Ich bin kein Patient

von: Ryan

Ich hab lang nicht mehr geschrieben - es gibt auch kaum was Neues oder Besonderes. Ich arbeite viel und hart. Ja, ich arbeite ... dauernd ... ich hab jetzt nen 10 Tage-Turn hinter mir und ich habe grade Feierabend von meinem 10. Spätdienst gemacht ... und ich bin fertig, richtig fertig ...

Mittlerweile fühle ich mich wohl auf der Station, die Kollegen sind gut, ich hab mich nur mit der Oberärztin angelegt, weil die menschlich einfach ein totaler Arschloch-Mensch ist - aber mit der Meinung stehe ich nicht alleine da. Da muss man eben durch.

Ich bin einfach ziemlich müde und fertig, fühle mich ausgebrannt und jetzt trinke ich erstmal - Bier - das hab ich mir verdient - trauriger Weise merke ich, dass es jeden Tag nen Grund zum Trinken gibt. Ich versuche mich wirklich zurück zu halten. Ich betrinke mich nicht dauernd, vielleicht maximal 2 Bier wenn ... aber zu oft. Viel zu oft. Dafür pausieren andere Dinge, womit ich mir sonst so schade. In der Hinsicht bin ich richtig gut.

Heute Abend gehts mir echt nicht gut - ich habe soviele Patienten, die krank sind - im übrigen sind wir ne Reha-Station, aber das sieht Frau Oberärztin nicht - also haben wir Patienten, die man nicht rehabilitiert, sondern da so rumliegen hat, die auch zu krank sind um ausm Bett geholt zu werden. Oder gleich kollabieren, sobald sie auf der Bettkante sitzen - oder zu verwirrt sind um im Rollstuhl sitzen zu bleiben und dann aufstehen, stürzen und sich noch die andere Hüfte brechen. Solche Patienten haben wir massenhaft ... wir nehmen alles auf ... Krebs - Endstadium ... egal, nehmen wir ... Krebs ... sowas fieses ... ich hab heute ne Patientin versorgt, die noch maximal 5 Wochen zu leben hat und wirklich tot-tot-tot-krank ist ... ich hab noch nie einen Patienten gehabt, der so starke Schmerzen hatte. Irgendwann guckte sie mich an und fragte: "Kannst du machen, dass ich weniger Schmerzen hab und schlafen kann?" und ich hab gesagt, ich könne ihr was geben, dass sie heute schläft für ein paar Stunden - und dann hab ich die auch schlafen gelegt. Nein, keine Sterbehilfe, nein, nein ... aber nen ordentliches Schmerzmittel und was zum müde werden. Ich war da sehr großzügig mit Morphium.

Das war echt traurig, so traurig ... und mal ganz hart gesagt (ich habs nur zu ner Kollegin gesagt), das fiese ist: Diese Frau wird solche Schmerzen haben bevor sie stirbt. Das tragische ist nicht, dass sie stirbt, sondern, dass sie Schmerzen haben wird während sie stirbt. Sie wird leiden, egal was wir ihr geben. Dann sagte sie noch zu mir: "Ach mein Süßer (ich bin der einzige an den sie sich erinnert, weil sie schon ziemlich weggedämmert ist), wenn ich etwas jünger wäre, ich würd so nen lieben Kerl wie dich heiraten. Und dann würd ich dir jeden Tag dein Lieblingsgericht kochen." und so ging das ne ganze Weile, während ich Infusionen angeschlossen hab, Zugänge verbunden hab - danach musste ich erstmal eine rauchen ... zum rauchen muss ich immer durch den Keller und dann durch nen Hinterausgang, damit mich auch ja kein Patient beim rauchen sieht ... und ich hab geheult, ich konnt nicht mehr ... das hat mich so mitgenommen diese sterbende Frau zu sehen, ich hab viele Menschen schon sterben sehen, aber das hat mich so gekickt heute ...

Ich musste mir echt selber sagen: "Nicht du bist der Patient, du bist nicht tot-krank - du musst dich jetzt zusammen reissen."

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensquirrel schreibt am 08.11.2007 um 23:46 Uhr:hey,

    es gibt solche tage wie heute und dann wieder tage an denen du die ganze welt vor glück umarmen könntest. jeder hat seine berechtigung. auch wenn die dunklen momente einen glauben lassen das es nie wieder besser wird. aber das wird es.
    ich zieh den hut vor dir, dein job ist hart aber du gibst dein bestes.
  2. zitierenSandra schreibt am 09.11.2007 um 11:10 Uhr:Hey mein Lieber!

    Du wirst noch öfters an deine Grenzen kommen menschlich wie emotional , es wird dich öfters noch mitnehmen und gewöhnen kann man sich daran nicht , aber eins ist wichtig du bist da , für sie , und sie muss diesen Weg nicht alleine gehen .... menschlich gesehen das grösste Geschenk was du ihr jetzt noch machen kannst in ihren letzten Tagen! Ansonsten tue dir nach solchen Diensten was gutes , rede mit jemanden drüber und lenke dich dann ab .... leider gilt hier immer noch Arbeit ist Arbeit ,Privat ist Privat klingt abgedroschen aber diese Grenzen sollte man strikt ziehen sonst geht man schnell unter in dem Beruf!
    Ich bin stolz auf dich Ryan verdammt stolz!
  3. zitierenIchmalwieder schreibt am 10.11.2007 um 12:26 Uhr:Ach je,
    glaube mir das ist Anfangs normal, da leidet man immer mal mit einem Patienten mit. Irgendwann baut man sich ein Schutzschild um zu überleben oder man gibt den Beruf auf. Ich knuddel dich mal, du wirst deinen Weg finden, die ersten Jahre sind hart. Pass nur mit dem trinken auf und auch mit den anderen Drogen, gerade weil unser Beruf sehr hart ist müssen wir gut auf uns aufpassen.
    Liebe Grüße Steffi (ja heiße wie deine Freundin)

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