Boys don´t cry

08.12.2016 um 02:26 Uhr

Ich hab hier seit 3 Jahren nix geschrieben

von: Ryan

... und es gibt wirklich Menschen, denen das auffällt. Wahnsinn. Ich bin echt geplättet gerade. Ich versuche mich heute Nacht eigentlich nur ein wenig länger wach zu halten (morgen Nachtdienst), hab einen Browser angeklickt, den ich ewig nicht benutzt habe, und sah den Link von meinem *alten* Blog ... Passwort stimmte auch noch ... 43 Nachrichten, die sich alle fragten, wo ich stecke und ob ich noch lebe ... wahnsinn, ich bin echt sprachlos.

Warum hab ich ewig nicht geschrieben? Ich weiss es selbst nicht genau. Irgendwie hab ich den Blog vergessen. Ich weiß noch, dass ich manchmal überlegt hab, ob mir der Blog gut tut. Ich heule ja schon ziemlich viel rum. Und dann noch im Internet. Und um sich gut zu fühlen sollte man die positive Dinge im Leben aufzählen, nicht die negativen. Ich neige leider sehr dazu mich an den schlechten Dingen aufzuhängen und mich selber runterzuziehen. Irgendwann wollte ich das nicht mehr, hatte auch wenig Zeit - mein Arbeitszimmer wurde in Beschlag genommen und meine tägliche Routine an den Computer zu gehen mit einer Tasse Kaffee oder einem Rotwein wurde unterbrochen - und dann hab ich eines Tages nicht mehr daran gedacht, dass ich seit JAHREN Tagebuch über einen Blog schreibe. Einfach vergessen, traurig sowas.

Was ist passiert? Viiiiel und doch wenig. Ich bin mittlerweile 32 Jahre. Ich bin immer noch mit Steffi zusammen. Im Mai werden es 10 Jahre. Und ich bin immer noch ab und zu schwer verliebt in sie. Es wird auch irgendwie nicht weniger. Sie ist mittlerweile 33 und sie wird wirklich immer schöner je älter sie wird. Ich liebe es zu ihr nach Hause zu kommen und wir darüber reden, wie unser Tag war. Die seltenen Abende zu geniessen, die wir zusammengekuschelt auf unserer Couch verbringen können. Ich bin sehr dankbar eine so tolle Frau für mich begeistern zu können - gleichzeitig finde ich es gruselig, dass ich bereits 1/3 meines Lebens mit dieser Frau verbracht habe (Steffi findet das auch gruselig "Sind wir echt schon soooo alt?")

Heiraten war mal ein großes Thema ... aber wir haben es ewig aufgeschoben. Die Feier hätte ja soviel Organisation erfordert ... und mittlerweile sind wir an dem Punkt, dass wir nicht heiraten müssen, läuft ja auch so optimal - dafür müssen wir nicht einen Tag die dicke Verwandtschaft durchfüttern und Ringe tragen.

Aber Kinder sind mittlerweile ein großes Thema, über das wir viel reden. Und auch aktiv dran arbeiten. Aber bislang wollte ihr Körper noch nicht schwanger werden. Noch machen wir uns keinen Stress, aber so kleines Würmchen, dass wir beide gemacht haben, wäre schon fantastisch. Ein weiterer kleiner Mensch, den wir beide lieben können.
Wir leben noch in der gleichen Wohnung in Hamburg - suchen aber nach einem Ein-Familien-Haus, in einem halbwegs netten Stadtteil, bei dem uns die Miete nicht das Genick bricht finanziell. In Hamburg gar nicht so einfach.

Ich überlege gerade wo ich 2013 stand beim letzten Blog-Eintrag. Ich hab damals auf einer Station gearbeitet, auf der ich nicht arbeiten wollte. Im Nachhinein betrachtet waren die Kolleginnen der blanke Horror. Alles durchweg Hexen, subtiles Mobbing an der Tagesordnung. Aber alles Schlechte hat ein Ende und das Gute kommt meist von selbst.

Durch Zufall hab ich nen Job in einem anderen Krankenhaus bekommen - Intensivstation. Mein alter Job auf Normalstation hat mir lange Zeit Spaß gemacht - aber irgendwie wollte ich immer mehr als nur Medikamentenbecher verteilen, Popos abwischen und alte Damen zur Toilette begleiten.
Statt 41 Patienten versorge ich mittlerweile 2-3, die haben es dafür aber ins sich. Es ist ganz anders als alles, was ich vorher kannte. Ich arbeite mittlerweile täglich mit Medikamenten, von denen ich vorher nicht mal ahnte, dass es sie gibt. Ich arbeite mit hochkomplexen Maschinen, Dialyse-Maschinen, Beatmungen und und und.
An meinem Hospitationstag stand ich neben dem erfahrenen Intensivpfleger und vor uns lag ein maximal kranker, maschinell-beatmeter Mensch, künstliches Koma, nur durch Maschinen am Leben erhalten ... überall waren Kabel und Infusionsschläuche, ständig piepte irgendwas, so dass ich Panik hatte, dass dieser Mensch sofort stirbt, wenn ich ihn auch nur ansehe. Ich traute mich nichts anzufassen.

Mittlerweile arbeite ich da seit über einem Jahr und natürlich hab ich mich in den Job gut eingefuchst und Routine entwickelt. 
Es war früher mein absoluter Alptraum, dass ein Patient reanimationspflichtig wird ... man denkt nur panisch: "Oh Gott, der stirbt, oh mein Gott!! Was wenn ich einen Fehler mache? Das Herz schlägt nicht!!! PANIK!! Wo bleibt das Rea-Team??? PANIK!!"
Mittlerweile bin ICH das Rea-Team - man hat immer noch Respekt vor so einem Zustand, aber keine Angst. Jetzt denke ich: "Oh, das Herz hat gerade aufgehört zu schlagen ... na, springt es von alleine wieder an?? Na?? Na?? Komm schon ... ja dann nicht, dann müssen wir halt nachhelfen ... wo steckt denn der faule Arzt? Ein Arzt bitte in Zimmer drei!! REANIMATION!!"
Die Arbeit ist komplett anders, aber ich finde es wahnsinnig befriedigend hochkonzentriert arbeiten zu dürfen.
Gleichzeitig ist das Team toll. Ich komme mit allen gut aus und hab relativ schnell meine Homies gefunden. Zwei Jungs und eine Schwester von Station würde ich sogar mittlerweile zu meinem Freundeskreis dazuzählen. Gemeinsame Campingurlaube inklusive.

Für mich ist es also in letzter Zeit sehr, sehr gut gelaufen.

Nur das Alter merke ich langsam. Man wird ruhiger und freut sich am freien WE, dass man Samstag schon um Mitternacht ins Bett DARF. Wenn man mal feiern geht (so einmal im halben Jahr) braucht man danach eine Woche Urlaub. Und der Betriebsarzt sagt plötzlich so Sachen wie: "Na na, Ihr Cholesterin-Spiegel ist aber schon ziemlich grenzwertig."
Vor ein paar Jahren hab ich mich gewundert, dass plötzlich alle Jugendlichen *YOLO* mit Vornamen heißen - und in meinem Freundeskreis werden plötzlich vermehrt Kinder geboren - nicht ausversehen, sondern geplant.

Ich weiß nicht wieviel ich mich in Zukunft mit dem Blog beschäftigen werden - ich bin ja immerhin schwer beschäftigt eine Familie zu gründen, meiner Frau genügend Aufmerksamkeit zu widmen, zu arbeiten und Hobbies nachzugehen. Es gibt viele gute Bücher, die gelesen werden wollen und in der Zeit kann ich natürlich nix bloggen. Logisch oder?
Ich denke, die Prioritäten verschieben sich im Leben. Ausreichend Schlaf und ruhige Beschäftigungen sind dann plötzlich wichtiger als Selbstdarstellung im Internet.

Wenn ich dran denke, werde ich in Zukunft ab und an hier mal ein paar Zeilen tippen. Nicht dass wieder so eine Panik losbricht mit "Oh Gott, Ryan, meld dich!!" - "Gib ein Lebenszeichen von dir!!" - "Ist er tot?!!"
Ich bin echt ganz gerührt. Danke danke danke und dicker Knutscher natürlich an alle.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenmovie_tv_addict schreibt am 08.12.2016 um 20:18 Uhr:Sehr schön, dich nach dieser langen Wartezeit wieder bei blogigo begrüßen zu dürfen. :-)

    LG
    Stephan
  2. zitierenzhangyong schreibt am 05.01.2017 um 07:29 Uhr:Ich dachte, dass du in der letzten Zeit ein bekannter Schriftsteller geworden bist :)
    LG Yong
  3. zitierenRyan_Fan schreibt am 02.04.2017 um 13:24 Uhr:Juhuuu, er hat sich gemeldet :) Freude.
  4. zitierenSnuffPrincess schreibt am 01.05.2017 um 16:20 Uhr:Irgendwie schön, dass alle "alten" blogs hier scheinbar, genau wie ich, alle paar jubeljahre mal vorbeischauen. :)

    Gut zu hören wie es bei dir läuft
    beste Grüße
  5. zitierenJani schreibt am 15.05.2017 um 10:07 Uhr:Hey :) Ich hab gerade eben erst gesehen, dass du wieder was geschrieben hast. Es ist echt super zu wissen, dass es dir gut geht :D Dann wünsch ich euch beiden mal ganz viel Glück, vielleicht klappt es ja bald mit dem Kinder kriegen;) Ich werd auf jeden Fall weiterhin ab und zu hier vorbeischauen, evtl hört man ja mal wieder was von dir :)
  6. zitierenlilu schreibt am 18.06.2017 um 20:59 Uhr:
    Über so viele Jahre hinweg habe ich regelmäßig auf den Link geschaut, ob was neues da ist und heute, oh Wunder, wieder ein Eintrag. Der alte Ryan ist back. Es freut mich sehr, dass du wieder da bist. Und auch, dass du mit deiner Liebe noch zusammen bist. Deinem Leben scheint es gut zu gehen. Wenn du magst, lass uns noch weitere Male gerne teilhaben. Bis zum nächsten mal.

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