Boys don´t cry

04.10.2007 um 23:43 Uhr

Ich lebe um zu arbeiten

von: Ryan

Heute mal wieder Thema Arbeit. Ich bin irgendwie nur noch auf der Arbeit. Heute mal wieder Spätdienst - ich bin eh nicht der Frühdienstmensch, ich komm immer völlig verpennt in die Übergabe, bin nur damit beschäftigt möglichst viel Kaffee in mich reinzukippen und mitzukriegen was die Nachtschwester mir zu erzählen hat. Und dann diese furchtbare Waschorgie morgens ... ich hasse es ... jedes Mal wenn ich meine Waschschüsseln zusammen suche, könnt ich heulen. Allerdings versuche ich immer so zu arbeiten, dass ich in der ersten Runde möglichst viel geschafft bekomme, also das alle sauber sind, angezogen und vielleicht noch nen paar Verbände und ähnliches. Und wenn ich Glück hab, ist der Vormittag dann ruhig.

Im Spätdienst isses irgendwie andersrum ... alles was der Frühdienst nicht schafft, muss ich machen. Also ich hab heute nur Visten ausgearbeitet, EKGs geschrieben und was weiss der Teufel, bevor ich mal ne Windelrunde machen konnte. Pünktlich zum Abendbrot schiebt ein Patient nen Insult (auf deutsch = Schlaganfall) ... ab auf die Intensivstation. Nächster Patient stürzt ... und ist danach nicht mehr ansprechbar ... ab auf die Intensiv ... anderer Patient klappt zusammen ... ab auf die Intensiv ... und plötzlich war schon Feierabend, aber ich hatte noch keinen ins Bett gebracht, keine Infusion angehängt und nix ... toll ... wieder 2 Überstunden.

Ich hatte heute wirklich diverse Momente, in denen ich mich einfach nur aufm Boden hätte schmeissen wollen und heulen hätte können. Ich wollt nicht mehr ... ich wollt einfach nicht mehr. Scheiss Gesundheitssystem ... und die Patienten sind ja die Leidtragenden, die merken ja wie sehr ich unter Stress bin und wie angespannt und hektisch ich ihnen begegne - ich versuche wirklich ruhig zu sein in den Zimmern, aber ich muss dann auch zackig arbeiten, weil ich sonst nicht mal annähernd pünktlich Feierabend machen kann.

Jetzt muss ich auch noch dauernd einspringen, weil uns Steffi aufm Dienstplan fehlt - diese und nächste Woche hat sich mein Dienstplan komplett geändert. Und Steffi gefällt es sehr gut auf der psychiatrischen Station, wo sie jetzt arbeitet. Ich freu mich wirklich für sie, sie hat wohl auch mehr Spielraum im Dienstplan und richtet sich jetzt etwas nach mir ... im Novemberplan versucht sie ihre freien Wochenenden auf meine abzustimmen, was großartig wäre. Im Moment sehen wir uns sehr sporadisch und selten - und wenn dann ziemlich verkrampft - ich hab neulich bei ihr geschlafen, weil ich Frühdienst hatte und sie näher am Krankenhaus wohnt als ich ... und das war wirklich so, dass ich um halb 10 abends bei ihr war und um 11 lagen wir schon im Bett, weil ich um kurz vor 5 wieder aufstehen musste.

Und wenn ich dann mal zuhause bin, hab ich zu nix Lust. Ich daddel nen bissle vor mich hin, mach den Haushalt und geh irgendwann schlafen, aber mehr ist im Moment nicht drin. Mir tut alles weh, die Füße, die Beine, und vor allem: Der Rücken ... als ich bei Steffi geschlafen hab, ich es nicht mehr ausgehalten mitten in der Nacht, ich hab kaum ein Auge zugetan und irgendwann hab ich mich mit Decke flach auf den Teppich gelegt ... sie ist irgendwann aufgewacht und fragte ganz erschrocken: "Warum liegst du aufm Boden?" - "Ich hab so Rückenschmerzen." Das liegt auch daran, dass ich nen Mann bin - mir mutet man eher die schweren, unbeweglichen Patienten zu als meinen zierlichen, weiblichen Kollegen. Und wir sind nur 3 Männer auf Station, wobei der eine nur Nachtdienst macht und der andere nur Frühdienst. Ja, wer geht da in den Spätdienst? Meiner einer ...

Auf der anderen Seite hab ich rausgefunden: Ich krieg sofort nen schlechtes Gewissen, wenn mir jemand das Gefühl vermittelt, dass er/sie mehr gearbeitet hat als ich ... ich fühl mich sofort so, als würden die anderen mich als faul ansehen, ich glaube es sogar selbst ... aber hey ... ich kann gar nicht faul sein, wenn ich diese Unmengen an Pflegemaßnahmen durchführe, die ich täglich mache. ich schaffe ja meine Arbeit und meistens sogar nen Stück mehr. Aber ich kann es nicht ertragen, wenn ich weiss, dass da wer ist, der mehr arbeitet als ich - ich will derjenigen dann auch helfen (ich hab ja fast nur weibliche Kollegen) und mindestens genauso viel machen - allerdings ist mir in der Hinsicht auch neulich echt einer durchgegangen - ne Kollegin (ich find, dass sie unroutiniert ist, studiert nebenbei noch Medizin, aber als Krankenschwester ... naja) maulte vorm Frühdienst schon, dass sie soviele Patienten hat ... und ich hab dann gesagt, dass ich ihr 2 Patienten abnehme ... ich hatte daraufhin 8 Patienten, und sie 5 zu versorgen (dazu musste man sagen, dass meine Patienten alle tierisch lange und komplizierte Verbände hatten) und dann stellt sich Schwester blöde Kuh wirklich vor mich hin uns sagt: "Naja, das ist ja wohl das mindestens was du für mich übernimmst, weisst du eigentlich wie schwer meine Patienten sind?" und ich nur: "Nee sorry, aber ich find mit 8 Patienten bin ich jetzt gut bedient." und sie war richtig sauer auf mich ... naja ... wie lief die Schicht ab? Sie hat zuerst Pause machen können, ich hab sie das doppelte rauchen gesehen, als was ich rauchen konnte und im Nachhinein hab ich rausgefunden, dass sie gleich schon bestimmte Pflegemaßnahmen wie Bein wickeln, Visiten ausarbeiten usw. weggelassen hat alla: "Hab ich keine Zeit für." und ne Stunde früher Feierabend gemacht hat von wegen: "Ich bin fertig mit meiner Arbeit." - Gut, ich hab wenigstens das gute Gewissen, dass ich meine Arbeit gründlich und vollständig mache.

 

Ich sollte aufhören, sonst geh ich morgen nicht zum Dienst ...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSchattenwind schreibt am 07.10.2007 um 00:46 Uhr:Hey du!

    Ich finds sehr beeindruckend, wie sehr du dich trotz allem Stress für deine Arbeit begeistern kannst. Das liest man richtig heraus. Ich beneide dich dafür, dass du diesen Beruf ausüben kannst, ich könnte das nicht.
    Ich kenn das Gefühl, dass es kurz vorm Zusammenbrechen immernoch so aussieht, als hätte man zuwenig gemacht, aber du weißt sicher selbst, dass du mehr als nötig machst. Am Perfektionismus scheitert jeder ;)
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft!
  2. zitierenIchmalwieder schreibt am 10.10.2007 um 11:51 Uhr:Ich schick dir mal ganz viel Nerven und Kraft . Ich kenne das Gefühl und dabei ist das sowas von blödsinnig. Du machst deine Arbeit bestimmt gut und denke dran auch Pflegekräfte sind Menschen *knuddel*

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