Boys don´t cry

20.05.2010 um 01:21 Uhr

Irre

von: Ryan

Es ist immer noch anstrengend und heute ist es auch ein wenig schlimmer als die letzten Tage. Ich bemühe mich aufzustehen, aber es fällt mir schwer. Heute zum Beispiel bin ich erst um 14 Uhr aufgestanden, weil ich bis dahin immer wieder schlafen konnte - also tue ich es auch so lange ich kann, denn solange hab ich meine Ruhe vor mir selbst und vor allem anderen. Schlafen ist nicht anstrengend. Steffi sagt aber, ich müsse nen vernünftigen Tag-Nacht-Rhythmus kriegen, und ich weiss dass sie recht hat. Es hilft mir nicht wenn ich bis zum späten Mittag schlafe, das unterstützt meine Krankheit, aber es fällt mir schwer aufzustehen.

Ich war kurz einkaufen und hab was echt leckeres gekocht. Wir haben uns angewöhnt so gegen 18.00 warm zu essen. Da sind wenigstens fast immer alle da. Und ich hab echt lecker gekocht: Pilze mit Zwiebeln, baked Potatoes und Putensteaks. Dazu Kräuterbutter. Chris und Steffi haben nicht ein Wort beim Essen gesagt - ein sehr gutes Zeichen, dass es ihnen schmeckt. Ich bin ja der Koch bei uns. Und grade wenn ich nicht arbeiten gehe, sollte ich wenigstens das übernehmen. Aber irgendwie war ich die ganze Zeit dabei so angespannt innerlich, dass ich nix geniessen konnte. Ich hatte Kopfschmerzen - ich denke ich hab Spannungskopfschmerzen - durch meine innere Anspannung verkrampft sich mein Rücken und meine Nackenmuskulatur und ich kriege dann irgendwann Kopfschmerzen. Und irgendwie war ich trotz des leckeren Essens nur froh als endlich alles abgespült war und zuende.

Oh, ich hasse es so. Ich will nicht so sein wie ich grade bin. Ich hab an nichts Freude. Ich hab zu nichts Antrieb. Ich mag nicht shoppen, ich mag nicht die Sonne geniessen. Nichts, einfach nichts. In mir ist ein großes, fieses, alles fressendes Nichts. 

Ich hab immer noch nicht beim Psychiater angerufen. Ich versuche die Medis vor mir herzuschieben. Ich hab keinen Antrieb was zu ändern. Es ist schwer. Alles so schwer. Aber ich muss. Das macht mich irre.  Ich fühl mich wie unsichtbar, aber gleichzeitig belastet es mich, wenn ich merke, dass es nicht so ist. Ich möchte ein paar Tage unsichtbar sein, für mich alleine sein. Ruhe haben. Niemand, der mich fragt, ob ich schon draussen war an der frischen Luft. Kein "Wie geht´s dir heute" Einfach nur ne Weile unsichtbar sein. Ich hab neulich gelesen, dass Menschen mit nem Burnout Syndrom daran leiden, dass ihr Akku leer ist. Bzw. besser gesagt: Der Akku kaputt ist. Sie können ihn nicht aufladen. Sie können keine Erholung finden und Kraft schöpfen so wie andere Menschen. Das denke ich mir immer für mich: "Mein Akku ist kaputt" und so fühle mich auch. Früher bin ich nach nem "doofen", erschöpfenden Tag schlafen gegangen und bin dann fit und munter wieder aufgewacht. Aber ich erhole mich nicht mehr im Schlaf. Ich stehe noch geräderter auf als ich schlafen gegangen bin. Das ist doch furchtbar.

Mich machen die Dinge, die mich sonst glücklich machen, nicht mehr glücklich. Ich sehe sie an, ich versuche sie zu tun, aber ich fühle nichts. Da ist nix. Und jedes Mal wenn mir das bewusst wird, ist es schrecklich. 

Ich weiss nicht was ich tun soll. Was ich ändern kann.  Aber das weiss ja keiner um mich herum. Ich wünschte, da wäre jemand, der mir ne klare Linie zeigt. Der kommt und morgens brüllt: "Steh auf, geh duschen und styl dich! Zieh gute Klamotten an, nicht das Schlapperzeug!" oder in der Küche beim Frühstück: "Iss kein Zuckermüsli! Mach dir was Nahhaftes! Nein, das sind zu wenig Kalorien! Iss was Vernünftiges!" - "Geh raus! Mindestens eine Stunde spazieren, geh verdammt noch mal raus!" Aber da ist niemand, der mich anbrüllt und mich stösst. Niemand der genau weiss, was ich tun und lassen soll. Aber ich hab mir selbst so Halbwissen angeeignet, von dem ich nicht weiss, ob es stimmt. Zum Beispiel, dass man viele Proteiene zu sich nehmen soll, weil das gut für das Gehirn ist, viel Bewegung um das Cortisol (Stresshormon) aus dem Gehirn zu kriegen, was sich abgesetzt hat und krank macht. Aber das hab ich irgendwo gelesen, ich weiss nicht ob es stimmt, und außerdem weiss ich nicht ob es mich weiterbringt. Und ich hab keine Lust dazu. Also lasse ich es. Meine große Hoffnung ist ja dass mein Psychiater einen tollen Masterplan erstellen wird und mir genau sagt, was ich tun muss. Das würde mir helfen. Ich würde mich genau an den Plan halten, damit ich mich so schnell wie möglich besser fühle und ich gut mir selbst helfen kann. Aber so ergeizig ich auch bin, so schlimmer wird es. Je mehr ich mich bemühe, desto schlimmer wird es. Ich muss viel ändern, aber ich weiss nicht was und ich weiss nicht wie. Verzweiflung pur.

Alle erwarten von mir gesund zu werden - zumindest ist das so in meinem Kopf. Und das setzt mich so unter Druck, dass ich es kaum aushalte. Heute zum Beispiel war das so mein Hauptgedanke, den ganzen Tag über: "Werd gesund, werd gesund, du musst gesund werden, wie wirst du nur gesund? Egal, aber sieh zu, dass es schnell geht, du musst gesund werden, sieh zu dass du gesund wirst." Den ganzen Tag lang ging das so in meinem Kopf. Kein Wunder, dass ich Kopfschmerzen hab.


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