Boys don´t cry

20.01.2006 um 21:22 Uhr

Ja es gibt mal wieder was zu lesen von mir

von: Ryan

Musik: Wir sind Helden - Wenn es passiert

Wieder Zuhause, ich versuche jeden freien Tag in Zuhause zu verbringen. Ich brauch wirklich Abstand von dem Ganzen.

Obwohl ich zwar noch immer irgendwie so ne Bäh-Stimmung dieser ganzen Psychiatrie-Geschichte gegenüber habe, gehts mir besser damit. Ich hatte diese Woche wirklich Schichten, die mir Spaß gemacht haben.
Allerdings merke ich auch, dass ich mich ganz gut auf der Station eingelebt habe, mittlerweile einige Sachen selbstständig erledigen kann, die Abläufe kenne.
"Ich fang schon mal hier und damit an ... ich bereite schon mal das und jenes vor ... ich hab die Medikamente gestellt, magste mal drüber gucken ob ich alles richtig gestellt hab?"
Das gibt mir eigentlich ein ganz gutes Gefühl.

Mittlerweile denke ich auch, dass ich mich ganz gut abgrenzen kann gegenüber den Patienten. Konnte ich vorher eigentlich schon ganz gut, mittlerweile merke ich aber, dass es immer besser funktioniert.

Ich hab auch so ein ganz gutes Feedback von anderen Menschen. Ich merke, dass man mich mag. Ich brauch mich nicht verstellen. Ist auch schwer wenn man dauernd zusammen hockt, aber je mehr ich so bin wie ich bin, und die Stimmungen auslebe, die ich grade so hege, desto besser nehmen mich die Menschen an.
Zum Beispiel saß ich gestern mit Leuten aus meinem Kurs zusammen, ich war irgendwie müde, niedergeschlagen und ne Kollegin hat das gemerkt. Sie fragt nach was los sei und ich meinte: "Mmh, kommt grad irgendwie alles zusammen, Schlafmangel, Single, Psychiatrie ..." und sie meinte: "Ach Ryan ..." Ende vom Lied war dann, dass ich den halben Abend von ihr gekrault wurde.
Was lernt Ryan aus sowas? Es ist nicht schlimm auch mal nicht gut drauf zu sein, die Menschen mögen einen trotzdem. Zumindest die Menschen, die ich grade so um mich hab.

Was gibts sonst noch? Ich kam zuhause an, musste erstmal tausend Telefonate führen mit meiner Familie. Mutti mal anrufen um zu fragen wie es ihr so geht. Mein Bruder hat sich das Bein gebrochen, also mal anstandshalber den anrufen wie das passiert ist.
Seitdem ich so nen medizinischen Berufsweg eingeschlagen hab, denkt meine ganze Familie sie könnte mich alles fragen. Mutti nimmt Medikamente zum Ausschwemmen. "Verschreibt man die oft?" - "Ja." - "Ich muss aber seitdem öfters aufs Klo." - "Ja Mutti, das ist normal." - "Wirklich?" - "Ja - lies mal die Packungsbeilage."

oder mein Bruder heute: "Also der Arzt meinte, der Gips muss 3 Wochen draufbleiben, ist das nicht viel zu lang? Was denkst du?" - "Keine Ahnung, frag deinen Arzt."

Oder mein anderer Bruder ruft an: "Meine Freundin hat Fieber und übergibt sich die ganze Nacht ... und außerdem Bauchschmerzen. Was könnte das sein?" - "Ich kann keine Diagnose stellen." - "Na dann sag was professionelles." - "Okay: Fahr sie zum Arzt und frag den!"

Ich lag vorhin aufm Sofa und hab Fernsehen gesehen. Eigentlich läuft nichts, was mich im geringsten interessiert. Aber irgendwie bin ich zu mehr gar nicht in der Lage. Ich fühl mcih wieder sehr erschöpft und müde. Na gut, ich muss aber heute auch zugeben, dass ich Frühschicht hatte und nur 4 Stunden geschlafen hab. Ich hab mich bei meinen männlichen Kollegen bei Bier und Poker versabbelt. Ich kann jetzt Poker spielen. Cool.

Was ist in der Psych so los? Eigentlich nichts spekutakuläres. Wir hatten heute ne Härtefallbesprechung über einige Patienten, die wahrscheinlich eh wieder rückfällig werden, wenn sie entalssen werden. Und diese ganzen Gespräche drehen sich so im Kreis.
Wenn man die Leute forder, kann es sein, dass man sie überfordert und sie dann aus Frust trinken. Wenn man sie mit Samthandschuhen anfasst, kann es sein, dass sie sich nicht weiter entwickeln und wieder in alte Verhaltensweisen fallen. Folge: Sie trinken auch wieder. Großartige Aussichten.
Das nervt mich eigentlich am meisten an diesen Entzugsstationen. Man kann die Leute nicht entlassen und weiss, sie sind trocken/clean, nein man geht davon aus dass sie rückfällig werden. Der Therapieerfolg besteht dann darin, dass sie sich wieder Hilfe suchen, wenn sie rückfällig werden und nicht heimlich Jahre weiter saufen, koksen bla bla.
Das heisst aber auch, dass einige alle paar Wochen/Monaten wiederkommen.
Und dann seh ich einen Alkoholiker, der zum 15. Mal auf Entzug ist, schwerste körperliche Schäden vom übermäßigen Alkoholkonsum und die Therapeuten sagen alle: "Der wird spätestens 24h nach Entlassung rückfällig."
Und ich ertappe mich dabei zu denken: "Dann lass ihn sich doch totsaufen. Das ist alles verschwendete Liebesmüh." Und ich fühl mich schlecht, dass ich sowas denke. Sowas darf man nicht denken, aber ... es ist so.
Und heute Nacht hat eine junge Frau sich versucht zu suizidieren. Pulsadern aufgeschnitten, ich war derjenige, der morgens die Sauerrei aufwischen durfte. Nachdem sie stabilisiert wurde, wurde sie ins Krankenhaus bei mir in Hamburg um die Ecke eingeliefert. Ich hatte dran gedacht sie am Wochenende kurz zu besuchen - lieber nicht. Nette Geste, aber nicht gut für mich. Sowas sollte man lassen.

Na gut, soviel zu meinem Seelenmüll aus der Psychiatrie.
Eigentlich geht es mir heute ziemlich gut, muss ich sagen. Ich bin "nur" müde, nicht niedergeschlagen.

Ansonsten wird mir neuerdings wieder klar wie hart mein Job eigentlich wirklich ist. Wissen die Menschen, was Krankenschwestern und Pfleger inner Psychiatrie täglich durchmachen? Was sie sehen und hören?
Ich hab den unterbezahltesten Beruf auf der ganzen Welt ...

Ich lenk mich jetzt ne Runde mit Anno 1602 ab.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenFlumi schreibt am 20.01.2006 um 22:25 Uhr:Schönes Wochenende ;-)

Diesen Eintrag kommentieren