Boys don´t cry

23.07.2013 um 08:45 Uhr

Kein Titel - nur Nachtschicht

von: Ryan

Nachdem ich Tage lang kein Thema gefunden hab, dass es lohnen würde darüber zu schreiben, schreib ich nochmal kurz nach meinem Feierabend. Arbeit hilft ungemein, was zu erleben. Nachtschicht - bei sommerlichen 30 Grad. Super. Steffi und ich haben uns einen großartigen Plan gemacht, um schlafen zu können: Tagsüber die gesamte Wohnung verdunkeln, leben wie im Fledermausnest und nachts, bevor wir zur Arbeit gehen, alle Fenster auf. Ich muss sagen, das funktioniert erstaunlich gut. Das Schlafzimmer hat nur 25 Grad.

Wer jetzt denkt, Nachts isses ruhiger, denkt richtig - immer nervt niemand rum. Keine Ärzte, die meisten Patienten liegen in der Poffe und schnarchen und nur man selber ist wach und passt auf. Allerdings bleibt im Moment vom Tagdienst soviel über, dass ich mit den Nacharbeiten schon bis 1.00 beschäftigt war, und dann kam ja noch meine Arbeit. Irgendwo hab ich mal gelesen, dass mir im Nachtdienst ne Stunde Pause zusteht ... pfff. Essen ist auch nur so zwischen Tür und Angel drin.

Aber das wirklich Schlimme heute Nacht war die Beruchsbelästigung - von mir selber. Obwohl ich zuhause noch geduscht hatte und ne halbe Dose Deo auf meinem Körper verteilt hab, nur in Shorts, Tshirt und FlipFlops  zur Arbeit gegangen bin, mich fauler Weise sogar die Hälfte der Strecken fahren lassen hab, war ich in der Umkleide so verschwitzt, dass ich schon wieder hätte Duschen müssen. Aber es nützt ja nix, umgezogen und auf Station - und gleich im ersten Rundgang, im ersten Patientenzimmer erzählt mir eine Patientin, der liebe Herr Doktor habe ihr erlaubt abends ein Glas Wein zu trinken, wegen der Gesundheit und so. Sofort wurde die Weinflasche gezückt und eingeschenkt, und während ich verträumt neben ihrem Bett was in die Akte schreibe, kippt das Glas um und erwischt den Pfleger. Klever wie ich bin, hab ich das versucht rauszuwaschen unterm Wasserhahn, aber Rotwein geht ja selten gut aus weißer Kleidung raus - und dann hatte ich nicht nur nen Kasak, der nach Schweiß und Alkohol roch (ich muss Vertrauenswürdigkeit ohne Ende ausgestrahl haben heute Nacht), sondern auch noch nass war. Und just in diesem Moment stand plötzlich ne Gruppe Rettungsassistenten mit Patient auf der Trage vor mir, schnüffelten kurz an mir und fragten sowas wie: "Kommst du klar?"- "Ja ja, Patient bitte in Zimmer 3, da entlang."

Dann nochn Krawall-Opa, der ab 4 Uhr nachts ums Dienstzimmer schlich und so Kommentare abließ wie: "Also ich finde ja junge Menschen mit solchen Tattoos voll scheiße!" (was für ne Ausdrucksweise für über 80!) - im Endeffekt hab ich rausgekriegt, dass er nur tierisch Schmacht nach ner Zigarette hatte, hab ihm dann großherzig wie ich bin eine geschenkt - zum Dank kam folgender Satz: "Du bist ja gar nicht so dumm wie du aussiehst!" Es gibt halt Menschen, die überschlagen sich halb vor Dankbarkeit ... ich hab dann sowas geantwortet, er soll mal zusehen, dass er auf den Raucherbalkon kommt, wenn er sich weiterhin so sehr freut, könnte es sein, dass ich morgen keine Zigaretten dabei hab. 

Ich bin wirklich ein guter Pfleger, immer freundlich, zugewandt, beruhige die ängstlichen Patienten, hole die aggressiven Patienten alle wieder runter, lass mich mit Rotwein bekleckern ohne zu schimpfen, arbeite ohne zu murren die halbe Spätschicht auf, hinterlasse meinen Arbeitsplatz sauber und ordentlich, erledige meine Arbeit gewissenhaft, räume auf - und dann höre ich doch wirklich von der blöden Frühdienstkollegin, warum ich nicht noch MEHR vorgearbeitet hab - faule Socke.  Ich bin schon immer derjenige, der seine Arbeitsleistung auf 140% hält, während die anderen gemütlich auf 80% runtergehen. Da gibts dann immer so Sätze wie: "Das kann mal ein Mann machen" schwere Kartons tragen und so - ich hab nach jeder Nachtschicht Rückenschmerzen. Oder auch sehr beliebt: "Das hab ich wirklich nicht mehr geschafft!" Hauptsache keiner stirbt vor Arbeit, hauptsache niemand muss einen Fingertip mehr machen als die anderen. Und wenns dann mal abzusehen ist, dass es wirklich viel zu tun gibt, ham sie alle gleich grottenschlechte Laune. 

ABER, zwei Nächte noch und dann interessiert mich das alles gar nicht mehr, weil ich Urlaub hab. Und das Schlimmste ist ja eh, wenn das Bier alle ist. In diesem Sinne, Gute Nacht, ich geh schlafen.


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