Boys don´t cry

27.06.2009 um 18:01 Uhr

Live and let die

von: Ryan

Denn wir sprechen von "dem Tod", um die Dinge zu vereinfachen, aber es gibt fast ebenso viele von seiner Art, wie es Personen gibt. (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)

 Eine komische Woche, so kurz vor der freien Zeit, die mich jetzt erwartet. Eine Nachtdienst-Woche. Meistens so, dass ich nen völlig erschöpften Spätdienst angetroffen habe, die sich den Tag über durch 7-10 Aufnahmen gequält hatten und ich dann versucht habe das Chaos zu ordnen über Nacht - was mir eigentlich auch immer gut gelungen ist ... zwischendurch mal etwas beschäftigt mit verwirrtem grade nachts austickenden Patienten ... also eigentlich das gleiche Theater wie immer, nur mit dem Unterschied, dass ich selbst zur Zeit wahnsinnig dünnhäutig und sensibel reagiere - was nicht unbedingt immer schlecht ist, weil ich mich sehr sensibel, fürsorglich und mitfühlend gezeigt hab - mich aber auch kaum noch abgrenzen kann zur Zeit - so viel zur derzeitigen Selbstanalyse.

Und unter diesen Vorraussetzungen passierte irgendwie sehr häufig folgendes: Ich versuche natürlich schnell zu arbeiten, Chaos aufräumen, fix meine Sachen machen, die ich so machen muss, keine Pause, Zack zack zack ... mir fällt irgendwann auf, dass ich noch was machen wollte, Blutzucker messen, nochmal gucken ob der Patient ausscheidet, Infusion ändern, egal was ... ich komm ins Zimmer und ich seh gleich schon, der Patient atmet nicht mehr. Und das in einer Häufigkeit, dass ich an meiner eigenen Person zweifle - es ist im Krankenhaus oft so, dass man sagt: "Schwester Maria hat immer Pech, bei ihr sterben häufig Leute." Man spricht auch in "Bilanzen" die einer hat, zum Beispiel: "Ich hatte mal in 3 Nächten 2 Tote" und dadurch, dass wir auf der Inneren arbeiten mit den krankesten und ältesten Patienten überhaupt, haben die Kollegen in meinem Team die höchste Todesbilanz - aber ich hab diesmal den Vogel abgeschossen.

Das nimmt mich extrem mit - obwohl ich genau weiss, ich kein Verschulden. Alle Kollegen versicherten immer wieder, ich hätte keine Schuld, ist nur dumm gelaufen -lapidar gesagt. Es waren auch immer ältere und sehr, sehr kranke Menschen. Teils so krank, dass wir nur noch großzügig Schmerzmittel gegeben haben und bei denen es wirklich jede Minute hätte passieren können, aber auch Patienten wo es zwar abzusehen war, dass sie nächste Woche nicht mehr leben würden, aber man nicht wusste ob es heute oder übermorgen sein würde.

Das ist echt nen blödes Gefühl, wenn man in der tiefsten Nacht in nen Zimmer kommt und merkt, mein Patient atmet nicht mehr - schon wieder. Meine diensthabene Ärztin mag ich Gott sei dank sehr gerne und sie war zum Beispiel so lieb und ist immer noch bei mir geblieben wenn ich die Toten versorgen musste - ich find´s nämlich unheimlich alleine an Leichen zu arbeiten. Die Stimmung war auch nicht dramatisch. Eher so: Patient ist halt tot, passiert schon mal ... müssen wir reanimieren? Nein, gut so. Ja? Mmh ... aber der hat schon deutliche Todeszeichen, bringt nix mehr ab ... und nebenbei: wie war dein Wochenende eigentlich? So in etwa - und wenn wir fertig waren, haben noch eine geraucht für Nerven.

Manchmal - zum Beispiel heute - finde ich es sehr erstaunlich wieviel man ertragen kann . Für die meisten Menschen sind Tote ein absolutes No-Go-Thema. Ich weiss noch wie vor nen paar Wochen ne Patientin in ein Zimmer gelatscht kam und wir grade dabei waren ne Leiche umzulagern und diese Patientin dann psychisch so zusammen geklappt ist, nur weil sie die "gesehen" hatte. Mittlerweile finde ich es auch schwierig solche Erlebnisse "los zu werden", also sich sowas von der Seele zu reden, denn es beschäftigt mich, ich hab die Bilder im Kopf - aber der Großteil meiner Freunde ist ganz froh, wenn sie davon verschont bleibt, weil Thema Tod und Leichen nun nicht grade das geilste Thema beim Sushiessen ist. Ich muss auch zugeben, selbst hier verkneife ich mir Details.

Und jetzt? Jetzt geniesse ich meinen ersten Urlaubstag, ich hab endlich mal gut geschlafen, obwohl ich bis heute morgen noch gearbeitet hab, und heute Abend bin ich mit Freunden verabredet und werde mir mal richtig die Kante geben - und dann mal schauen.


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