Boys don´t cry

06.12.2006 um 03:14 Uhr

Making Friends

von: Ryan

Ich habe endlich frei - nach einem duzent Tage Arbeiten ohne einen einzigen Tag frei. Ich war allerdings ungewohnt fit, vielleicht gewöhne ich mich an die langen Turns so langsam nach 2 Jahren.

Im Moment ist allerdings immer noch die Hölle auf Station los, wir haben sehr viele sehr aufwändige Pflegefälle. Nebenbei haben wir seit einer Woche frisch-angefangene Azubis, die eigentlich nur im Weg stehen. Gut, vor 2 Jahren war ich genauso und hab wohl auch nur im Weg rumgestanden, dementsprechend kann ich mich auch in die Azubis hineinversetzen. Auf der anderen Seite sind die so frech und fordernd ... dass ich heute echt einige Mal kurz davor war richtig auszurasten. Wir hatten Dienst, 4 Azubis, ich als fast-fertiger Azubis und 2 examinierte noch sehr junge Krankenschwestern. Und wir waren echt schwer beschäftigt. Die Azubis haben wir zum Waschen diligiert, weil das so ziemlich die einzige Aufgabe neben Klingeln-Ablaufen ist, die sie eigenständig übernehmen können.

Und "wir" (die examinierten Schwestern und ich) waren beschäftigt mit Medis verteilen und stellen, Infusionen, Sondenkost anhängen, Blutzucker messen, Spritzen und die Isolationszimmer (=ansteckende Krankheiten) versorgen. Und irgendwann um 9.00 waren die Azubis weg ... frühstücken gegangen ... ich hab die vom Frühstück weggescheucht und war echt sauer. Immerhin hatte noch kein einziger Patient gegessen, da esse ich auch dann auch nicht. Das ist irgendwie ne Selbstverständlichkeit, die ich eigentlich nicht erklären muss oder?

Ne halbe Stunde später beschwerten sich die Azubis: "Wir wollen nicht mehr waschen, wieso müssen wir nur waschen und ihr macht das nicht?" WEIL wir alle Aufgaben übernehmen, die die Azubis noch nicht dürfen und können ... und das ist mehr als waschen. Und ich hab mir schon echt Mühe gegeben WENN Zeit war mir mal einen von denen rauszugreifen und den mitzunehmen alle: "Willst du mal zuschauen wie ich ne Sondenkost anhänge? Möchtest du zuschauen, wenn ich den Verband wechsel?" Und hab auch supern viel erklärt trotz Stress. Und wir haben gewaschen, die Isolationszimmer. MRSA - das issn super resistenter, super ansteckender Keim, wo man wirklich mit Mundschutz und komplett verhüllt rein muss, den Patienten komplett mit ner Desinfektionslösung waschen, alle Oberflächen desinfizieren und und und ... und das dauert pro Patient vielleicht 30-40 Minuten, wenn wir SCHNELL sind. Ich hätte das auch mit nem Azubi gemacht, aber das musste heute einfach schnell gehen.

Bis 12.30 haben wir gewaschen und waren dann erst mit der ersten Runde fertig. Und dann geht auch schon die zweite Runde los, weil dann das Mittagessen los geht, Blutzucker wieder gemessen werden muss, die Ärzte die Visten alle eingetragen haben, nochmal in alle Windeln schauen usw. Wir haben die Azubis auch irgendwann zum Frühstück geschickt, weil die ja auch essen müssen --- aber als dann um 12.30 die Hölle tobte mit mehreren Neuaufnahmen und wir panisch die Azubis gesucht haben, weil wir völlig überfordert waren und ich die Mädels gemütlich beim Mittagessen inner Küche gefunden hab ... hatte ich fast nen mittelschweren Tobsuchtanfall.

Genauso Raucherraum ... eine examinierte Schwester und ich rauchen und wir beide haben genau EINE Zigarette geraucht im GESAMTEN Dienst weil einfach zuviel zu tun war. Und die Azubis: "Ach herrjee, ich rauch hier soviel, ich hab ja fast ne Schachtel runter heute im Dienst."

Ich hab jetzt einmal ganz klar und deutlich die Ansage gemacht, dass bevor sie rauchen oder essen gehen, sie gefälligst zu fragen haben ob noch was zu tun ist. Und dass sie auch nen bissle Verständnis haben müssen, dass wir die Aufgaben teilen müssen - sie dürfen noch nicht alles und diese Aufgaben übernehmen wir - dafür müssen sie für uns einfachere Aufgaben übernehmen, auch wenns doof ist, wenn man dauernd aufräumen muss. Aber so ist das nun mal im ersten Ausbildungsjahr. Und ich wäre glücklich gewesen, wenn da jemand wie Pfleger Ryan gewesen wäre, der mich trotz des Stresses mitnimmt um irgendwas zu sehen, was interessanter ist als waschen. Die sollen ja auch was lernen, aber auch arbeiten. Und mit drei Schwestern, die voll mitarbeiten können kommen wir nie im Leben durch die Frühschicht.

Dann hatten wir noch ca. 5 Neuaufnahmen und die alten Akten voller Visten. Ich hab dann angefangen die Visiten alle auszuarbeiten, nachdem ich die Schüler zum Mittagessen austeilen geschickt habt (Kommentar: "Wieso müssen wir Mittagessen austeilen? Mach ich für sowas ne Ausbildung?" - Kommentar von mir: "Weil Lena inner Küche (unsere Küchenfee) gebeten hat, dass ihr jemand hilft, damit sie nicht noch mehr unbezahlte Überstunden macht!"). Die anderen beiden haben die Akten ausgearbeitet (pro Akte braucht man ca. 1 - 1,5 Stunden), weil wir wussten, dass der Spätdienst noch schlecht besetzt ist und die, die Akten erst recht nicht schaffen, Nachtschicht genauso ... und nen Tag lang Visiten und Akten vor sich herschieben GEHT NICHT. Das ist wichtig.

Und dann kam von den Azubis: "Na ihr sitzt da auch gemütlich mit dem Aktenkram und wir müssen arbeiten." - Ich hatte richtig Lust einen von denen zu schütteln und zu würgen ... ey, so frech und fordernd ... ich war damals nicht so. Ich hab das verstanden wenn einer sagte: "Sorry, wenn du soviel waschen musst, aber ich muss anderen Aufgaben nachkommen. Ich hasse es Medikamente zu verteilen, ich würd lieber waschen, aber ich MUSS das, weil sie es nicht dürfen und noch nicht können. Genauso diese scheiss Aktenschreiberei.

Um 13.00 der Anruf: "Azubi-Vertretung Ryan bitte zur Schule, da haben sich erst-Kurs-Schüler über eure Station beschwert." - Gut, dann saß ich auch noch ne Stunde bei meinem Klassenlehrer und konnte mir anhören die Station sei unfreundlich, die Azubis müssten nur waschen und werden nur angepampt. Und dürfen nicht frühstücken. Mein Klassenlehrer hat allerdings meine Sicht der Dinge sehr gut verstanden, nachdem ich ausgeführt hab was da auf Station los ist und dass ich es für selbstverständlich empfinde, dass ich erst dann frühstücke, wenn meine Patienten auch gefrühstückt haben und nicht vorher. 15 Minuten vor Feierabend bin ich wieder auf Station gewesen, hab mir die Schüler rausgegriffen und denen ganz ruhig und freundlich erklärt, was sie ändern müssen und dass sie vorsichtig sein müssen. Dass es echt nicht gut ankommt, wenn die Hölle sich wegen der vielen Arbeit auftut, und sie gehen dauernd rauchen.

Sie haben dann auch "relativ" verständnisvoll reagiert - weil ich ja auch noch Azubi bin und ich auch gleich erklärt hab, dass ich das auch ungerecht fand als ich im ersten Kurs war und nicht verstanden hab wie lange Medikamente, Infusionen und so nen Kram dauern kann. Du siehst ja erstmal nur die Arbeit am Patienten und das sind Kleinigkeiten, die sie nicht machen dürfen, wie Spritzen, Medis, Infusionen, das dauert eigentlich nicht lange. Aber die ganzen administrativen und organisatorischen Aufgaben sieht man zu dem Zeitpunkt noch nicht und das kostet Zeit (und Nerven). Und es ist wahnsinnig anstrengend für 20 Zimmer nen Blick zu haben und zu sagen: "Okay, ihr beiden wascht Zimmer 1 bis 6, du misst alle Blutdrücke, in Zimmer 7 gehe ich mit der Schwester XY und dann ..." und nebenbei hab ICH dann im Kopf "Okay, Infusionen in Zimmer 1,2 und 4, Sondenkost in Zimmer x bis y, Verbände in 4 Zimmern, denk dran, dass Frau soundso Erbrechen hat und wir noch ne Probe nehmen müssen und diese und jene Kultur muss noch abgenommen werden uuund ...." - ja ...

Wie gesagt, die Azubis haben "relativ" verständnisvoll reagiert. Ich hab das erklärt, ich bin auch immer noch deren Lieblingspfleger und ich hab auch gleich gesagt, egal ie pampig oder ernst ich Anweisungen gebe, es ist nicht böse gemeint und es tut mir leid, wenn ich unfreundlich wirke. Und sobald ich sitze und 30 sekunden Luft hatte, bin ich auch wieder bereit rumzualbern usw. Ich hab mich auch echt beim Spätdienst auskotzen müssen über die Azubis, weil ich so geladen war. Ich hab auch erst in meinen Überstunden zwischen 14.00 und 15.00 das erste Mal was essen können WÄHREND ich noch Akten ausgearbeitet hab.

Und dann noch nebenbei nen Notfall, nachdem ich echt dachte es bricht alles zusammen ... nen Patient wurde plötzlich sehr blass, ist kollabiert, ich sofort hin, Puls nicht fühlbar, keine Atmung, Sauerstoffstättigung ist rabide gesunken --- super, Herzstillstand. Maja, meine eine Kollegin hat nur schnell den Arzt informiert während ich schon beatmet hab, Bine (eigentlich Sabine, aber ich nenn sie nur Bine) ist die Schüler beschäftigen gegangen, damit die nicht unbedingt sofort inner ersten Woche ne Reanimation mitkriegen. Maja, Ralf (unser Stationsarzt), noch nen anderer Arzt und ich am Reanimieren, bis Maja mal kurz die Medis abchecken wollte und brüllt plötzlich: "Scheisse, der Patient hat ne Verfügung! Der darf nicht reanimiert werden." --- Scheisse, großartig ... sofort Hände weg, aufhören, Patient ins Bett gelegt und ich hab noch mal ne halbe Stunde alle Vitalzeichen gemessen --- bis es dann vorbei war. Dann war ich noch mit Ralf auf Leichenschau --- die Azubis: "Boah, Ryan rennt auch nur hinter dem Arzt her." -- Maja aber: "Nee Ryan muss mit zur Visite." - Azubis: "Aber der andere Arzt da hat ohne Schwester Visite gemacht." - Maja: "Ja ... aber ... bei dem Patienten ist das ganz wichtig, dass Ryan mitgeht."

"Visite" --- klar, aber klever von Maja. Und nach der zweiten Leichenschau haben Maja und ich die Leiche runtergebracht und als wir den Patienten dann in der Box verstaut hatte mussten wir uns auch einmal umarmen, weil wir beide echt fertig waren --- von der Schicht, vom Stress, weil wir nen Berg Arbeit vor uns haben, den wir nicht abgearbeitet bekommen, weil wir da grade einem Patienten sterben lassen mussten, weil der ne Verfügung hatte und weil wir grade ne Leiche in die große Tiefkühlbox geschoben haben. Wir sind dann hoch auf Station gefahren, relativ schweigend und bedrückt --- Fahrstuhl geht auf, Maja nur: "Lass mal erst eine rauchen - und dann gehts weiter." - Und zwei Azubis standen aufm Flur am quatschen und sagen echt sowas wie: "Na? WO ward ihr denn?! Zigarette danach oder was? ... ist ja toll, dass wir hier waschen müssen und die verpissen sich." - und Maja nur: "Ryan, nicht aufregen ... setz dich, rauch eine. Denk nicht drüber nach ..." Maja kann mich echt gut wieder runterbringen. Dafür guckten die Azubis während der Übergabe auch SEHR blöd als Maja sagte: "Zimmer 14 ... Herr bla bla ... verstorben." Große Augen der Azubis: "Wann das denn?" - und Maja nur ganz keck: "Kurz bevor Ryan und ich eine Ziagarette "danach" geraucht haben." - "Hä? Der ist gestorben als ihr ..." - "NEIN - Ryan und ich haben den nur runtergebracht." - und wieder eine: "Äh, wieviel sterben denn hier?" - "Unterschiedlich, je nachdem was für Erkrankungen." - Azubi: "Ich will aber keine Leichen sehen, das ist ja eklig." - Schweigen ... Ryan wieder vorlaut konnte sich nicht verkneifen: "Herzlich Willkommen im falschen Beruf." - von den Azubis große Augen oder nen böser Blick, meine Kolleginnen nur so geguckt alla: "Boah, endlich hat´s einer ausgesprochen."

Als ich dann endlich um 16.00 auch da rauskam, hat mir ne Kollegin auch gesagt: "Ich find das toll, dass du das gesagt hast, kein anderer hat sich das getraut." - Super, bei mir kommt sowas immer automatisch über die Lippen. Gleichzeitig hab ich aufm Weg nach Hause noch Krisentelefonate mit den Azubis geführt, weil ich ja Azubivertretung bin. Und ich kann sie verstehen, weil ich auch in der Lage WAR - und ich kann meine examinierten Kollegen verstehen, weil ich in der Situation BIN. Ich hab dan Azubis auch nochmal ganz deutlich gemacht, dass sie aufpassen sollen was sie sagen, dass ich diverse Sätze heute unpassend fand - wir albern rum, das Team versteht sich super untereinander und wenn ich mit bestimmten Leuten Dienst hab, komm ich ausm Lachen nicht mehr raus, aber so vorwurfsvolle knalleharte Sätze, können sie sich sparen. Dann sollen sie lieber später mich als Kummerkasten benutzen, wenn sie drüber nachgedacht haben, aber nicht in der ersten Wut allen anderen das Leben schwer machen. Genauso, dass man Verständnis haben muss für den Umgangston, wenn´s stressig ist und dass nun mal einfach auf sie die Decksarbeit abfällt. Das ist so - ich bin auch nen Pfleger, der seinen eigenen Dreck wegräumt und auch eher nochmal nen Wäschesack wechselt, bevor ich Pause mache.

Aber es geht nicht, dass die Azubis nach so kurzer Zeit schon über solche Aufgaben meckern. Gibt natürlich Stationen, wo man als Azubis echt nur aufräumt, aber das ist bei uns nicht so. Genauso würde ich die auch nie mit der Leiche alleine lassen, deswegen haben Maja und ich die runtergeschoben. Es gibt auch Stationen, die den Azubis nur die Leiche und den Schlüssel für die Leichenkammer in die Hand gedrückt hätten.

Gut --- ich merk doch, dass ich nach 12 Tagen echt schlecht abschalten kann.

Was hab ich mir vorgenommen für die freien Tage: Weihnachtsgeschenke kaufen. Mein Weihnachtsgeld ist da und ich möchte Mama und meine Brüder beschenken. Putzen muss ich auch dringend und mal mehr als 6 Stunden Schlaf kriegen. Und telefonieren. Ich bin im Moment zu müde zum telefonieren aber ich weiss gar nicht mehr was bei meinem Freunden abgeht. Mein Privatleben wird wirklich vernachlässigt durch die vielen Dienste.


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