Boys don´t cry

08.11.2012 um 10:53 Uhr

Mein Bruder und die OP - Teil 2

von: Ryan

So, jetzt geht´s eigentlich um meine Mutter. Man muss dazu sagen, meine Mutter hat das Leiden dieser Welt mit all ihren Sorgen und Nöten ganz für sich alleine reserviert. Ich weiss, eigentlich sollte ich nicht so reden/schreiben oder mich über sowas aufregen, aber das hat sich echt aufgestaut.

Es geht einfach darum, dass mein Bruder eine große OP hatte, mein Bruder ist schwach, mein Bruder und seine Frau brauchen Hilfe und ich wollte meinem Bruder und seiner Frau und seinen Töchtern helfen. Und nicht meiner Mutter! So, was ist passiert? Meine Mutter war ja mal wieder auf psychiatrischer Kur ("Das hab ich so dringend gebraucht, Ryan, ich war schon wieder vööööllig fertig mit den Nerven, mir ging es sooo schlecht") und keiner hat verlangt, dass sie die abbricht. Wir haben alles ohne sich organisiert und alles war in trockenen Tüchern. Ich bin mit Sack und Pack bei meiner Schwägerin eingezogen am Montag, hab meine Nichten zum Kindergarten und zur Schule gebracht, war einkaufen, hab sauber gemacht, Wäsche usw. Abends kam meine Schwägerin von der Arbeit, wir waren gemeinsam bei meinem Bruder im Krankenhaus - alles war gut. 

Dienstag Morgen hat meine Mutter empört ohne Ende bei meiner Schwägerin angerufen, sie hält es nicht mehr aus auf Kur, sie muss sofort nach Hause kommen, sie muss alle unterstützen, ohne sie läuft ja nix. Gut, also hat meine Mutter ihre Kur abgebrochen, natürlich planmässig, dass sie am gleichen Tag wie mein Bruder nach Hause kommt - und mein Bruder lebt im gleichen Stadtteil wie meine Mutter - und meine Mutter war original eine Stunde vor meinem Bruder angekommen, hat sich auf die Couch gesetzt und dann ging das Theater los, es ginge ihr psychisch so schlecht. Die Sache mit der OP habe sie so mitgenommen, sie sei zu nichts mehr in der Lage. Katastrophe hoch 10. Und dann hatten wir Stress, also meine Schwägerin und ich, denn uns war sofort klar: Jetzt haben wir zwei Kranke. 

Und ich hatte wirklich die Hoffnung, dass meine Mutter sich nach einem Tag verkrümmelt - nein, es war schlimm. Es war echt schlimm. Meine Mutter hat sich auf die Couch gesetzt und ist nur abends wieder aufgestanden, um zum schlafen nach Hause zu gehen. Bei meinem Bruder war klar, dass er schwach ist, dass er nicht alleine kann. Er kann nicht 600 Meter gehen, um seine Töchter abzuholen, er kann nicht einkaufen gehen, er sollte sich auch ausruhen. Aber meine Mutter hat das gleich so aufgefasst, dass sie sich auch ausruhen soll. 

Ich weiss gar nicht wie ich das beschreiben soll, um deutlich zu machen was da los war: Ich frage meinen Bruder, was ich einkaufen soll - und augenblicklich quatscht meine Mutter dazwischen: "Wenn du schon gehst, kannst du mir bitte auch das und jenes mitbringen? Und du bringst es doch auch zu mir nach Hause?" Klar, sicher. Am Anfang hab ich noch alles gemacht. Wenn man schon mal geht ... und es liegt ja aufm Weg. Ich bin sogar zu meiner Mutter rüber und hab deren Wäsche gemacht - bis mir klar wurde: meine Mutter ist so stock depressiv, die macht schon länger nix mehr. Auch in den Wochen vor der Kur. Und meine kleine Schwester, die noch zuhause wohnt, ist entweder sau faul (was ich vermute) und angeblich auch stock depressiv. Ungelogen: ich hab in 2 Tagen 6 Maschinen Wäsche alleine bei meiner Mutter durchgekloppt.

Und dann ging´s weiter: "Ryan, wenn du schon drüben bist, kannst du kurz noch durchwischen?" Klar. "Ryan, wenn du nachher kochst, du denkst dran, dass du für mich und deine Schwester mitkochst?" Ja, selbstverständlich. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hab mich zusammengerissen, weil ich keine schlechte Stimmung machen wollte. Und es waren ja auch nicht meine eigenen 4 Wände, ich hätte meine Mutter sonst rausgeschmissen. Ungelogen, sobald sie wach war, war sie drüben, und ging erst gegen 22.00. Und sie wusste alles besser: "Ryan, dein Bruder soll kein Koffein! Er hatte eine Herz-OP!" - "Ich mache ihm einen Cappucchino!" - "Da ist Koffein drin!" - "Im Krankenhaus durfte ich morgens auch eine Tasse Kaffee trinken, wieso darf ich jetzt kein Koffein?" - "Das ist nicht gut für dein Herz!" - "Das ist nur Cappucchino und kein Espresso." - "Na gut, wenn ihr Jungs meint, ihr müsst Mike umbringen, dann will ich nichts gesagt haben!!!"

Oder noch so ein Thema: wann wird die Kleine ausm Kindergarten geholt? Meine Schwägerin sagt, sie hätten eine Zeit zwischen 12.00 und 16.00. Man muss nur aufpassen, dass man die Wochenzeit nicht so überstrapaziert. Einen Tag ist sie komplett zuhause bei mir geblieben, weil sie die Woche vorher bisschen zu lang im Kindergarten war. War alles abgeklärt. Und dann mischt sich meine Mutter ein: "Ryan, guck mal auf die Uhr." - "Es ist 12.30, was möchtest du mir damit sagen?" - "Ja Ryan, es ist schon 12.30 ... jetzt denk mal nach ... willst du Kleine gar nicht mehr ausm Kindergarten holen?" - "Doch, ich mach das hier nur noch eben fertig." - "Ryan, ich wollt nix sagen, aber du bist schon eine halbe Stunde drüber." - "Ich hatte geplant sie um 13.00 zu holen." - "Ryan, verlässlich sieht anders aus ..." - "Ich hab mit Sabrina besprochen, dass ich sie um 13.00 heute hole." - "Wenn ICH sie hole, hole ich sie immer um 12.00." - "Dann hol du sie doch, wenn du es so eilig hast. Dann kann ich hier in Ruhe Wäsche auffalten und kochen." - "Ryan, du weisst ganz genau wie krank ich bin!"

Und diese Diskussionen hatte ich non-stop an der Backe ... und immer wieder dieses "Ich bin sehr krank" ... blablabla ... sie hat folgende Diagnose bekommen in diesem Kuraufenthalt: depressive Episode. Ich möchte nichts abwerten, Depressionen sind eine sehr schlimme, ernstzunehmende Krankheit. Aber niemand der auf der Couch sitzt und non-stop meckert ist stock-depressiv!!!

Ich hab mich wirklich heftig zurück gehalten - und meine Schwägerin auch. Die war irgendwann auch massiv angenervt, aber sie wollte kein Machtwort sprechen, um keine schlechte Stimmung zu machen, Stress zu vermeiden, weil mein Bruder so angeschlagen war und meine Mutter hat extra die Kur abgebrochen hatte, damit sie "helfen" kann. Im Grunde genommen - sagen wir mal ganz klar wie es war - ich hatte zwei Haushalte an der Backe, den von meiner Mutter hab ich nämlich noch mitgemacht. Und als meine Schwester dann auch noch rüber kam, weil der alleine so langweilig war, ging gar nichts mehr. Meine Schwester ist nämlich mittlerweile von meiner Mutter so stark beeinflusst, dass die sich jetzt auch eien Depression einredet. "Depressionen sind nämlich vererbbar!" musste ich mich belehren lassen. 

Und wenn man soviel Zeit miteinander verbringt und soviel spricht, gibt es natürlich auch immer die Gelegenheit um noch mal allen Seelenmüll rauszulassen. Natürlich hatte meine Mutter kein leichtes Leben, aber das betraf die ganze Familie. Aber sie ist immer noch darüber hinweg, was für Abscheuchlichkeiten mein Stiefvater ihr angeblich angetan hat. Letztendlich hatte das erst ein Ende als er sie für eine andere Frau verlassen hat vor ein paar Jahren, aber sie stellt das immer so hin, als ob sie ihn rausgeworfen hat. Meiner Meinung nach würde dieser schreckliche Mann immer noch in meinem Elternhaus wohnen, wenn er nicht freiwillig gegangen wäre. Und mitten beim Essen holt meine Mutter die furchtbaren Geschichten raus, was mein Stiefvater ihr alles angetan hat, er hat sie sogar 2 mal geschlagen. Und da ist selbst meiner Schwägerin der Hals geplatzt, ist mitten beim Essen aufgestanden (Mutti erzählt schön weiter, die bekommt so zwischenmenschliche Sachen nicht so mit, gewollt oder ungewollt) und fragte ob ich kurz mit ihr raus gehe, weil´s ihr nicht gut ginge. 

Und draussen fragte Sabrina mich, ob das nicht auch ´ne Krankheit sei, wenn man verblendet durch´s Leben geht. Zum einen sitzen ja die wirklich jungen Enkelkinder am Tisch, die solche Horrorgeschichte nicht hören müssen - und zum zweiten drehte sich ja alles nur um meine Mutter. "Mir geht es schlecht, weil MIR das passiert ist." Es ist ja nicht so, dass uns anderen das nicht auch passiert ist. Mein Stiefvater hat Mike mit 16 vor die Tür gesetzt - meine Mutter hat zugelassen, dass der Mann dafür sorgt, dass ihr ältester Sohn abdachlos ist. Mit Chris hat er genau das gleiche abgezogen als der auch erst 17 war. Meine Mutter geht es so furchtbar, weil er zwei mal die Hand gegen sie erhoben hat, ich hab 3-4 mal die Woche was eingesteckt. Und nun fängt meine Schwester genauso an ... und dabei war sie immer die kleine Prinzessin. Meine Brüder waren die Kuckuckskinder und ich der Bastard, die nur so mit durchgefüttert werden mussten. 

Ich will niemanden absprechen, dass er/sie leidet oder wirklich schlimme Zeiten ertragen musste. Aber wie um Gottes Willen kann man sich so dermassen in seinem Seelenmüll wälzen und sich den ganzen Tag mit alten Geschichten runterziehen?? Und dann kommt ja auch nicht mal sowas wie: "Es tut mir leid, dass ich den Typen nicht früher rausgeschmissen hab." - Nee, wenn´s um unsere Rolle geht, kommt eher sowas wie: "Ich hatte mir ja immer Hilfe von meinen Söhnen erhofft, aber da kam nicht viel." Ja wie auch? Entweder wir waren zu Kinder oder hatten Hausverbot. Und ganz ehrlich, wenn jemand so tief in ´ner Co-Abhängigkeit und Opferrolle drinsteckt, kannst du nicht helfen.

Und ich glaube, das ist das Problem: meine Mutter hat keine anderen Indendität mehr als dieses arme Opfer meines Stiefvaters. Aber das kann man ihr auch nicht so direkt sagen. Das versteht sie auch nicht. Sie fasst alles als Angriff auf, also traut sich auch keiner mehr Kontra zu geben. Und wenn man Kritik äußert, geht gar nichts mehr.  Und diesen Eiertanz hab ich mir volle 6 Tage angetan.

Mein Bruder ist jetzt zur Herz-Reha, um wieder auf die Beine zu kommen und er schrieb mir gleich am ersten Tag: "Hi, bin gut angekommen, hab jetzt endlich Ruhe ;)"

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenMajas_Traumwelten schreibt am 08.11.2012 um 13:07 Uhr:Lieber Ryan,

    es freut mich, dass Dein Bruder die OP gut überstanden hat und auf dem Weg der Besserung ist!

    Deine Mutter hat euch ja wirklich fest im Griff! Du schriebst, sie ist in ihrer Opferrolle verhaftet. Ist es aber nicht auch von euch eine Art Opferrolle, wenn ihr euch von ihr rumkommandieren lasst und euch nicht mal mehr traut, ihr Kontra zu geben?

    Ich weiss, es ist die Mutter und bei einer Diagnose wie Depressionen hat man ja auch Bedenken, dass man dem Menschen in seiner Labilität schadet, aber ich glaube, dass Deiner Mutter klare Worte und klare Grenzen, knallhart durchgezogen, nicht schaden würden. Letztendlich ist es schädlicher für sie, wenn ihr um des lieben Friedens willen (den sowieso keiner hat in ihrer Gegenwart) einfach den Mund haltet - und für euch ist es ganz sicher schädlich, wenn ihr all die Wut so schluckt.

    Ich kann nur für mich sprechen, aber ich würde dem ganzen einen Riegel vorschieben und all ihr Gejammer ignorieren. Mutter hin oder her, aber alles muss man auch nicht mitmachen, schon gar nicht, wenn die eigene Mutter nicht mal sieht, dass sie eine Mitschuld daran trägt, dass es ihren Kindern nicht wirklich gut ging in der Kindheit und Jugend.

    Viele Grüsse
    Maja

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