Boys don´t cry

07.07.2013 um 03:48 Uhr

Mein Goldstück von Frau

von: Ryan

Ein beinahe dramatischer Abend in meiner Küche. Dazu muss ich vorher sagen, im Moment sehe ich meine Freunde wieder regelmäßiger. Wir haben uns alle aus diversen Gründen in den letzten Wochen und Monaten wenig gesehen, dann bekommen alle wieder einen Rappel und plötzlich sieht man sich beinahe täglich. Wie es immer so ist, man hat viele Bekannte, "beinahe-Freunde", aber die richtig guten Freunde beschränken sich meistens dann doch nur auf eine Hand voll Menschen. Bei mir ist es mittlerweile so, ich habe drei sehr enge Freundinnen und zwei Kumpels, also fünf Menschen denen ich immer alles erzählen würde, bzw. die ich immer mag und gerne habe, egal was sie grade gemacht haben.

Eine Freundin zum Beispiel hat vor zwei Monaten ihre Hochzeit abgesagt. Sechs Tage vorher bekam sie plötzlich eiskalte Füße, fing an zu weinen bei dem Gedanken zu Heiraten und hat sich dann ein Herz gefasst und - ich muss sagen, mutige Entscheidung - hat die Hochzeit abgesagt. Ich als ihr Mann (im Sinne Lebenspartner) hätte sie wahrscheinlich sofort rausgeschmissen - als bester Freund hab ich natürlich die glückliche Lage einfach sagen zu können: "Egal was ist, ich steh hinter dir. Egal was für nen Mist du machst, ich bin und bleib dein Kumpel."

So, mit dem Hintergrund wollte ich mich eigentlich nur mit meiner anderen Freundin (die vom Festival) treffen, bisschen Wein trinken, Fotos vom Festival angucken und einfach nur reden. So war der Samstag Abend geplant - am Nachmittag bekam ich noch eine SMS von meinem Kumpel: "Ich hab gehört, dass sie heute Abend bei dir ist - darf ich nachm Spätdienst auch kurz vorbei kommen?" - "Klar sicher." Keine halbe Stunde später eine SMS von der Braut, die sich nicht traut: "Ich hab gehört Matthias und Claudia sind heute bei dir, darf ich auch kurz auf ein Glas Wein kommen?" Bei mir sind ja immer alle willkommen. 

Steffi hat sich abends verzogen (freiwillig), weil "das sind ja deine Freunde". Es geht nicht darum, dass Steffi sich unwohl fühlt, sondern dass wir gegenseitig respektieren einen eigenen Freundeskreis zu haben und mit diesem auch mal Zeit alleine zu verbringen. Steffi hat dann Christina vom Spätdienst abgeholt und hat mit der am Elbstrand ein Bier getrunken.

Worauf will ich hinaus? Ach ja, schwierige Themen. Wir sind mittlerweile alle so Ende 20, Anfang 30. Alle sind in längeren Beziehungen (zwischen 3 und 10 Jahren). Wir kennen unsere Partner auch alle sehr gut untereinander - mit Matthias Partner hab ich zum Beispiel zusammen in ner WG gewohnt. Nun krieselt die Beziehung der Braut und das ist natürlich im Moment immer ein großes und einnehmendes Thema. Ich kannte die Problematik zwischen den beiden jetzt schon, weil die Braut und ich gestern schon Wein trinken waren. Aber je länger man redete, desto mehr unangehmene Gemeinsamkeiten in den Beziehungen, bzw. der Männer wurde sichtbar: Er kommt nicht mehr von der Couch hoch, früher ist er noch mit mir ins Kino gegangen, jetzt hat er zu gar nichts mehr Lust. Sexualleben eingeschlafen, will nur seine Ruhe wenn er von der Arbeit kommt. Macht keine Komplimente mehr, bringt nie Blumen mit und so weiter und so fort. Selbst Matthias als schwuler Mann beklagte haargenau die gleichen Probleme wie die Mädels mit ihren Männern.

Natürlich kam immer und immer wieder Frage: "Ryan, du als Mann ... wie siehst du das?" Natürlich hab ich meine Meinung dazu gesagt, aber ich muss zugeben: ich fühlte mich deplaziert. Natürlich haben Steffi und ich auch unsere Probleme, aber nicht in dem Ausmaß. So Kleinigkeiten, dass der eine mehr putzt als der andere, sind normal. Und das technotyp mich unendlich angenervt hat, war nicht Steffis Verschulden. Unsere bisherigen Beziehungskrisen (ich erinnere mich an zwei wirklich Große, wo es wirklich nicht ganz klar war, ob wir zusammen bleiben) haben wir gut überstanden und sind dran gewachsen, wie man so schön sagt.

Mit dem Abend im Hintergrund muss ich sagen, ich hab mit meiner Frau den Jackpot gezogen, also beziehungsmäßig. So große, aufgestauhte Probleme haben wir praktisch gar nicht (bis auf Technotyp, aber da spielte sich auch viel in meinem Kopf ab), weil wir relativ schnell miteinander reden. Meine Frau ist für eine Frau relativ umgänglich, muss ich wirklich zugeben. Natürlich hat sie auch ihre zickigen Phasen, aber selbst von meinen besten Kumpelinnen möchte ich behaupten, dass die bei ihren Männern zuhausen nen Zacken schärfer zickig sind als meine bei mir. Bei uns ist es auch nicht so, dass immer nur ein Partner Treffen mit Freunden organisiert, wir gehen relativ getrennt voneinander los. Ich hab mich ja gestern zum Beispiel mit der Braut ein ein Glas Wein in einer Kneipe getroffen, Steffi ist mit ner Freundin und nem Kumpel zur "Barmbeker Kneipen-Tour" losgezogen (das bedeutet jede Kneipe ein Bier und ein Kurzer bei uns im Stadtteil). Um drei Uhr nachts haben wir uns zuhause getroffen und uns erzählt, wie unser Abend so war.

Mittlerweile akzeptieren wir uns auch so wie wir sind. Ich weiß, dass Steffi es mit dem Putzen nicht so hat (aber sie gibt sich Mühe, sie hat vorgestern unser Wohnzimmerregal entstaubt OHNE dass ich was gesagt hab), von mir wiederrum weiß sie ganz genau, dass sie vor zehn Uhr morgens mich nicht ansprechen darf, bzw. zu gemeinsamen Frühstückssessions hab ich mich auch nur im ersten Beziehungsjahr durchgerungen. Steffi liebt es Brunchen zu gehen, ich schlafe lieber mit Mittags.

Steffi und ich saßen vorhin noch in der Küche alleine, haben beide noch was getrunken und die Chips-Reste gefuttert, und ich habe sie gefragt, ob sie das genauso sieht wie ich, dass wir glücklich miteinander wären, und doch ja, sie kann sich vorstellen die nächsten 50 Lebensjahre mit mir als Mann zu verbringen. Ich glaube sogar, dass man sich als Mann sehr geehrt fühlen darf, wenn eine Frau bereit wäre mit dir Kinder zu bekommen UND auch groß zu ziehen. Ich muss auch ganz ehrlich zugeben, hätte ich Steffi nicht ausgebremst vor zwei Jahren, hätten wir bereits mindestens ein Kind. Steffi meinte im gleichem Atemzug heute Abend, als wir so drüber sprachen, dass man aber trotz all des Glücks usw. dennoch achtsam bleiben müsste.

Ich muss auch zugeben (angeben), dass wir uns sehr bemüht um den anderen zeigen. Kaffee ans Bett bringen kommt regelmäßig vor; wenn wir entgegen gesetzt arbeiten und uns wenig sehen, schreiben wir uns kleine Zettel mit "Ich denke an dich"; wenn ich einkaufen gehe, bringe ich ihr ihre Lieblingsschokolade mit, auch wenn diese nicht auf dem Einkaufszettel stand; wir laden uns gegenseitig zum Essen ein - auch ein Phänomen was anscheinend irgendwann abnimmt. Alle meine Freunde berichten, dass dieses "gemeinsam mal als Paar was trinken/essen gehen" beinahe gar nicht mehr vorkommt. Natürlich machen wir das auch nicht jede Woche, im Kino waren wir auch ewig nicht, aber jetzt grade heute sind wir spontan Essen gegangen, einfach nur weil man in dem Restaurant in der Sonne sitzen konnte.

Und ich muss ganz ehrlich und offen sagen, Steffi ist mit Abstand der psychisch gesundes Mensch, den ich wahrscheinlich jemals kennen lernen werde. Natürlich hat ihre Familie auch ihre Problematiken, aber es hilft schon sehr, dass Steffi zum einen eine wahnsinnig positive Grundeinstellung zu jeglichen Dingen in ihrem Leben hat, und zum zweiten natürlich soviel psychiatrisches Fachwissen besitzt, dass sie weiß, was sie für ihr eigenes Leben besser macht als die ganzen "Kloppis". Eine Weile, grade als Steffi anfing in der Psychiatrie zu arbeiten, war das ein großes Problem, auch zwischen uns. Steffi fühlte sich immer verantwortlich "psychiatrisch" korrekt sich zuverhalten und konnte das zuhause ganz schlecht abstellen. Am schlimmste war es, wenn ich mich versucht hab mit ihr zu streiten. Ich stand dann völlig aufgebracht und wütend vor ihr, hab ihr Vorwürfe gemacht bis unter die Decke, und sie saß seelenruhig vor mir, beobachtender Weise und sagte dann irgendwann ganz ruhig: "Ryan, ich sehe, du bist wütend." und ich bin richtig ausgeflippt, weil "Gefühle spiegeln" der älteste Psychotrick überhaupt ist, und ich das natürlich mitbekommen hab, wenn sie sowas zuhause abgezogen hat. Vor allem ist es das Schlimmste überhaupt, wenn du selbst stink sauer bist, manchmal muss man sich ja einfach anschreien und Reibungsfläche finden. Aber wenn dann einer völlig emotionslos vor dir steht und dich "analysiert" , drehste ja erst richtig frei. Das lag aber zum Beispiel daran, dass Steffi sich in ihren vorherigen Beziehung nie streiten musste, und irgendwann ein Streit zur Trennung führte. Das Streiten aber zu einer intakten Beziehung gehört, und man sich bei jedem Streit nicht gleich trennt, musste sie auch erst lernen. Mittlerweile kann Steffi Arbeit und Zuhause super trennen. Wenn sie in unserer Straße angepöbelt wird, schreit sie zurück, wo sie auf Arbeit professionell ruhig bleiben muss. Auch heute Abend fragte eine der Mädels: "Steffi (Steffi kam später dazu), du als Fachfrau, ist das noch normal oder ist das Verhalten von meinem Freund schon sowas wie eine Depression?" Und Steffi ganz cool: "Keine Ahnung, ich bin im Urlaub." Steffi sagt auch mittlerweile nicht mehr gerne, was sie beruflich macht, wenn wir neue Leute kennen lernen, weil sie einfach keine Lust hast, dass die Leute sich von ihr psychiatrisch bewerten lassen wollen. Meistens kommt dann gleich eine Lebensgeschichte mit schlechter Kindheit usw. 

Generell habe ich großen Respekt vor dem Beruf meiner Frau. Mittlerweile ist sie "dienstälteste Frau" auf ihrer Station (geschlossene Psychiatrie), weil die anderen diesen Job einfach nicht so lange durchhalten. Steffi hat viele Akutsituationen auf Arbeit, das bedeutet viele Übergriffe, Gewalt, Aggressionen - körperlich gegen Personal, Steffi hat da noch nicht viel abbekommen, ab und an ein blauer Fleck, aber sie sagt selbst, sie passt immer gut auf. Aber auch sexuelle Übergriffe und Drohungen, weswegen viele Frauen irgendwann nach ein paar Jahren aus diesem Bereich sich freiwillig versetzen lassen. Ich hab Steffi mal gefragt, wie es ihr damit geht, und sie zuckt wirklich nur mit den Schultern und sagt sowas wie: "Wenn mir ein verwirrter Typ mit Vergewaltigung droht, hör ich das schon gar nicht mehr. Ich hab doch einen Notfallpiper - der kann gar nicht so schnell die Hose aufmachen, wie er bei uns in den Gurten liegt." Ich bin ja der Meinung, wenn meine Frau nicht so ein grundauf positiver Mensch wäre, könnte sie so eine Arbeit nicht machen. 

Auch verrückt: Ich als Mann arbeite nur mit alten Omas, und sie als Frau schwerstkranken Psychopathen. Auf der anderen Seite wollen wir beide den Job des anderen nicht geschenkt haben. Wir waren auch noch nie auf der Station des anderen. Steffi kommt bei dem Geruch von "richtigen" Krankenhäusern die kalte Galle hoch, ich hingegen würde mich immer nur panisch umschauen, ob mir einer ihrer Patienten gleich den Schädel einschlagen will. 

Jetzt bin ich wieder beim Arbeitsthema gelandet - aber das nur kurz um auszudrücken, dass wir uns beide beruflich respektieren, obwohl wir die gleiche Ausbildung haben. 

Was natürlich auch ein großer Anteil unserer gut laufenden Beziehung ausmacht, ist nicht das miteinander reden können, sondern dass wir uns beide auch attraktiv finden. Ich kann mit nicht wenig Stolz behaupten, ich werde eine sehr schöne Frau heiraten. Aber natürlich hat sie die typischen Frauenprobleme: wird unruhig wenn sie einen Monat nicht beim Friseur war (ein Drama, sie lässt sich grade die Stufen rauswachsen, weil zur Hochzeit will sie ja lange Haare und eine Hochsteckfrisur) und natürlich der Klassiker: ein ganzer Kleiderschrank voll mit "nix anzuziehen". Nur so nebenbei: Ich hab mir vor zwei Monaten neue Converse Schuhe gekauft und die geschont und nie angezogen, weil ich meine alten, abgelatschten Schuhe aufm Festival tragen wollte, um die neuen nicht einzumatschen. Beim Festival hab ich ja nur Gummistiefel angehabt, also sind die alten Schuhe nicht eingematscht. Nun hat Steffi bei Bekannten auf den Hochzeitsfotos gesehen, dass der Bräutigam eiskalt Converse Chucks zum Anzug trug. Ich aus Spaß: "Hey, das sieht ja gar nicht schlecht aus, das mach ich auch." und hab mich innerlich schon auf die empörte Ohrfeige eingestellt. Steffi allerdings: "Das sieht echt nicht schlecht aus. Das kann ich mir bei dir auch gut vorstellen." Ende vom Lied: Steffi hat meine neuen Schuhe weggestellt, damit die vor der Hochzeit nicht schmutzig werden, dann brauchen wir keine neuen kaufen, kost ja alles Geld - und ich darf meine neuen Schuhe nicht anziehen. "Ach, ein Jahr kommste doch mit den Alten noch klar. Guck mal, da ist nur ein winziges Loch drin. Wasch die mal, dann sehen die wieder besser aus."

Ja, mein Goldstück von Frau ... also in einem dreiviertel Jahr ist Hochzeit, wir haben noch nix organisiert (Matthias vorhin: "Also ich hab Bekannte, die haben zwei Jahre lang pausenlos ihre Hochzeit organisiert!") aber wenigstens hat Steffi die Bräutigams-Schuhe schon mal zur Seite gepackt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 07.07.2013 um 13:06 Uhr:Chucks zur Hochzeit kann man sich bei dir tatsächlich gut vorstellen, also warum nicht?
    Hast du hier berichtet, was eure großen beiden Krisen waren, weswegen ihr euch fast getrennt hättet? Falls ja, hab ich es jedenfalls vergessen. Aber schön, wenn ihr dran gewachsen seid, das ist ja das wichtigste. (Bild ich mir das ein, dass mal von nem Fehltritt die Rede war? Aber kann ja schlecht sein, du schriebst ja letztens mal, dass Steffi dich dann in hohem Bogen rauswerfen würde...)

    Ihr scheint ja intuitiv oder bewusst genau DAS richtig zu machen, was man in ner Beziehung nur richtig machen kann, wenn sie lange und/oder glücklich laufen soll.
    Achtsam bleiben, kleine und nette Gesten, dem Partner zb mit anderem Freundeskreis ein wenig Freiraum lassen, den Partner attraktiv finden, was ja in der Regel ein gutes Sexleben bedeutet (Sex soll zwar nur die schönste NEBENsache der Welt sein, aber es zeigt sich ja doch immer wieder, dass Untreue deutlich schneller n Thema ist, wenns im Sexleben mal nicht so dolle ist, oder selbiges nicht mehr existiert), und nicht zu ändernde Macken wie zb Morgenmufflichkeit einfach hinnehmen...
    Ausserdem wollt ihr beide mit dem anderen ein oder mehrere Kind(er), vermutlich vertretet ihr auch bei vielen Ansichten einfach die gleichen Werte...
    Ryan, vielleicht schreibst du am falschen Buch. Du solltest nen Beziehungsratgeber rausgeben... oder wie wärs mit ner Kolumne in ner Frauenzeitschrift? ;-)
    (Schreibst du an deinem Buch überhaupt noch?)

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