Boys don´t cry

16.06.2006 um 23:37 Uhr

Meine kranke Wahnehmung oder meine kranke Umwelt??

von: Ryan

Im Moment ist meine Welt viel zu verrückt, als dass es mir gelingen würde normal zu bleiben. Ich versteh die Welt um mich herum auch nicht mehr – und noch schlimmer: Sie mich wahrscheinlich auch nicht mehr.

Das geht los, wenn ich morgens auf Station gehe. Neuaufnahme, 21 Jahre alt, weiblich, Missbrauch in der Vorgeschichte, Anorexia Nervosa. Sie setzt sich taff uns gegenüber, verschränkt die Arme und das erste was sie sagt: "Ihr könnt mir eh nicht helfen ... und nur falls einer fragt: JA ich bin fett."

Hä?

"Ja, also Frau S., warum haben Sie sich dann bei uns einweisen lassen?" – "Ich hab keine Ahnung, ich muss betrunken gewesen sein." – "Möchten Sie wieder gehen? Es ist ihr freier Wille und wir werden das respektieren." Große Augen. "Gehen?? Jetzt? Wollen Sie mir gar nicht helfen??!" – "Sie haben doch grade selber gesagt, dass wir Ihnen nicht helfen können ..." – "Ja genau ... ich sag hier eh nichts ..." Okay ... warten und schweigen ... und die Patientin wieder: "Mein Exfreund hat mein Grundvertrauen nämlich in die Menschen kaputt gemacht. Ich kann einfach niemanden mehr vertrauen und ich kann auch niemanden mehr was anvertrauen – und helfen kann mir eh keiner ... aber irgendwie will ich ja doch stationär ... und die Hoffnung stirbt ja zuletzt ... und meine Mutter, was die mir alles angetan hat ... und ich bin ja seit über 10 Jahren depressiv ... aber helfen kann mir ja eh keiner ... habe Sie jetzt nen Platz für mich oder nicht?! Haben Sie Sportangebote hier? Ich muss dringend abnehmen, ich bin so fett ..."

Woah ... das geht so den ganzen Tag. Dann hatte ne Kollegin die Idee: "Mal gucken ob du es schaffst die Leute zu überreden zu backen. Hier haste 20 Euro, geh mal mit denen einkaufen."

Ich also in den Aufenthaltsraum, super motiviert: "Hey Leute, Schwester Martha hatte ihren spendablen Tag und ich langweile mich zu Tode – wie wärs mit einkaufen und Kuchen backen?" Große Augen, unschlüssige Gesichter. Was will der Pfleger von uns? Sofort die Erste: "Nee, also ich würd ja gerne, aber mir geht’s heute so schlecht ... ich kann nicht, ich hab nen depressiven Schub." Ich hab auch nen depressiven Schub und geh trotzdem zur Arbeit und geb mir sogar Mühe ... "Ich hab auch Depressionen und kann nicht." – "Ich hab ne Angststörung, ich kann nicht vor die Tür gehen." Angststörung ...? Ich hab die doch vorhin im Spar getroffen als ich mir nen Brötchen geholt hab??!

Letztendlich schauten mich zwei große Augen an unserer jüngsten Patientin (20): "Ich geh mit Ihnen gerne einkaufen." Ich natürlich super dankbar, sie harkt sich gleich bei mir unter. Ich denk nur: Klasse, endlich jemanden halbwegs geholfen. Noch auf der Treppe: "Sie sind aber auch nen ganz Süßer." Sie grinst mich herzerweichend an. Was hatte sie für ne Störung? Das war doch die mit dem Exfreund ... die ist doch wegen der Trennung hier weil sie das nicht verkraftet hat und so überiridisch starke Gefühle für andere Menschen entwickelt ... oh scheisse ... im Kaufladen war sie völlig manisch: "Schokostreusel!!!" Sie rennt aufs Regal zu: "Wir können soviel backen mit Schokostreusel!" Echt? Wat mir nicht klar ... aber nimm mit wenns sein muss ... bei der Kasse: "Sag mal, hast du eigentlich ne Freundin? So nen hübscher Mann, wie du ist doch bestimmt nie alleine?!" Wieder dieses herzzerreissende Grinsen und Blinker Blinker mit den großen Augen.

"Äh nee." Blinker blinker. "Ich bin schwul." Kein Blinker blinker. "Aber sagen Sie es nicht weiter, ich vertrau Ihnen das an, aber es soll nicht so öffentlich werden." – Strahlendes Gesicht: "Aber natürlich!" Wieder Blinker blinker, das versteht sie anscheinend und fühlt sich voll eingeweiht in mein intimes "Geheimnis". Aufm Rückweg und beim Backen unterhalten wir uns nur über Männer – und ich erfahre mehr über ihren oben genannten Exfreund als mir lieb war.

Die Stunden bis zum Feierabend sind furchtbar lang. Ab 13 ist es totlangweilig. Ich überrede Patienten mit mir Kuchen zu essen, Tischtennis zu spielen, und räume alle erdenklichen Ecken auf. Ich kontrolliere alle Akten, sie sind natürlich pikobello, weil ich sie die letzten 4 Tage schon 6 Mal täglich kontrolliert habe. Ich geh alle halbe Stunde rauchen – und denk mir: Super wieder 4 Minuten meiner Arbeitszeit rum – was mach ich mit dem Rest?

Irgendwann ist dann doch endlich Feierabend, ich steig auf mein Fahrrad und fahr nach Hause, schliess es ab ... geh zur Haustür, großer Zettel an meiner Haustür: "Ryan, ich vermisse dich!" Die schizophrene Ex ... ich krieg die Krise. Zettel abgerissen, in der Wohnung in die nächste Mülltonne. Ich koche mir die erste Mahlzeit seit 7 Tagen, die ich auch im Magen behalten möchte – Nudeln mit Ketchup. Nebenbei beim essen schau ich mir nen Bericht an über die Psychiatrie wo ich anfang des Jahres gearbeitet hab – und bin enttäuscht. Nur so "Bla ba, wir sind so toll, wir haben hier ne sensible Psychiatrie, die Patienten sind so begeistert von der Landschaft ... Bla bla ba ..." Hört sich an wie die Spitzenpsychiatrie – aber ich war da mal integriert, und weiss dass nur die Hälfte stimmt. Die Patienten geniessen zum Beispiel nicht die tolle Landschaft, sondern fühlen sich sehr abgeschoben und weggeschlossen, weil der nächste Zigarettenautomat 10 km weit weg ist, geschweige denn das nächste Dorf oder die nächste Einkaufsmöglichkeit.

Ansonsten hab ich versucht mich bei diversen Leuten auszuheulen: "Ryan also wir grad aufm Sprung, ruf Sonntag nochmal an, da bin ich für dich da." Okay, der nächste: "Also Ryan, mir geht’s gar nicht gut ..." – "Ja okay, kein Problem." – "Frag jetzt nicht wieso." – "Nee, ist in Ordnung, also ich wünsch dir nen schönen Abend ..." – "Frag bitte nicht wieso!! Es hat nichts mit dir zu tun." – "Äh nee, hab ich auch gar nicht gesagt, also ..." – "Es geht wirklich nicht um dich!" – "Ja, hab ich jetzt verstanden ..." – "Das ist halt alles grade so kompliziert und ... schluchz ..." – "Ja, äh, du brauchst auch gar nichts sagen, also schönen –" - "Es hat echt nichts mit dir zu tun!" – "Nein, lass dich nicht stören, schönen Abend!" schnell auflegen ... Woah.

Selbst Mama: "Schatzi, das ist jetzt hier ganz schlecht. Ich hab grade Männerbesuch." – "Männerbesuch?! Kenn ich den?" – "Äh nee, aber wir gehen gleich Essen beim Griechen." – "Ach ja, isser nett und sieht gut aus?" – "Ich kann jetzt nicht reden, er steht inner Küche ... aber JA!! ... kicher ..." Soviel zu Mutti.

Dann ne Freundin ... wir haben uns nett unterhalten und ich hab dann auch so halb angefangen mich halbwegs auszukotzen bei mir (was ich wie gesagt gaaaanz dringend bräuchte) und ich war auch irgendwie halb im Satz, da kam von mir: "Mein Freund ist so nen Wichser." Ich hab das bewusst ignoriert und hab ihr quasi mein Leid weiter aufgezwungen. Stille, keine Antwort, irgendwann wieder: "Mein Freund ist ein Arschloch." Ah ja ... es geht mal grade nicht um dich sondern um mich. Wär nett, wenn du auf mein Gesagtes auch eingehst. Ich brauch das mal ab und zu ... "Du hast aber gemerkt, dass ich dir was wichtiges gesagt hab?" – "Du gehst grade gar nicht auf mich ein, ich hab Probleme mit meinem Freund!" Oh sorry, dein Freund geht natürlich vor. Wir reden zwar 90% der Zeit über deinen Freund und ich dachte, dass du ne gute Freundin wärst, aber ...

Kein Mensch auf dieser Welt schafft es mich dort abzuholen, wo ich grade stehe. Niemand. Und mir geht’s ausnahmsweise richtig schlecht. Und ich wollte allen erzählen, dass ich Yoga machen will, weil ich es heute mal ausprobiert hab. Aber alle sind zu beschäftigt – meist mit sich selber. Ich hab bestimmt ein duzent Menschen angerufen und nochmal nen duzent abgechattet – und keiner schafft es auf mich einzugehen, 5 Minuten zuzuhören und was zu sagen dazu. Nicht mal ein "Ja versteh ich." Oder "Ryan, das seh ich anders."

Nichts – rein gar nichts hab ich gekriegt – nicht mal ein "Ryan, hör auf zu jammern." Ich bin sehr beliebt und sehr gerne gesehen, solange ich großartig zuhöre, meine Fühler nach den Gefühlen anderer ausstrecke und sie immer schön an dem Punkt abhole wo sie grade stehen. Ich gehe auf die Sätze ein, die sie sagen. Ich sehe Zweideutigeiten, frage nach ... und wenn ich mal sehr eindeutig sage: Mir geht’s schlecht, bitte hör mir 10 Minuten zu, kriegt das keiner hin. Oder es heisst: "Ja klar, ich höre dir gerne zu." Und nach 3 Minuten kommt: "Boah hab ich dir das neueste von meinem Freund erzählt?!" – Nein, ich wills auch gar nicht wissen, ich wünsche mir dass es mal um mich geht, ich bin grade dabei dir mein innerstes Seelenleben vor die Füsse zu schmeissen, aber bitte tritt einen Schritt vor und erzähl mir von deinem Freund ...

Und wie gesagt: Nachdem man so ungefähr 20 mal bei diversen Leuten versucht hat halbwegs Dampf abzulassen und es jedes mal scheiterte, dann hört einem Mister Johnny Walker zu. Aber auch leider nur der.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAiHua schreibt am 17.06.2006 um 00:42 Uhr:...egoistisch sein, wenn man es vorher nicht wahr, ist schwer durchzusetzen, das verstehen andere einfach dann nicht... vielleicht solltest du erst jemanden anrufen, wenn du dich schon in einen heulkrampf gesteigert hast, das solte dann doch wirklich jeder verstehen!



    Na ja, ich kann jetzt nicht wirklich zu hören, aber ich habe alles gelesen und kann wenigstens schreiben: Ich kann einiges nachvollziehen!



  2. zitierenno_name schreibt am 17.06.2006 um 10:01 Uhr:Hi Ryan



    Ja dass kenn ich.... vielleicht solltest du auch lernen Nein zu sagen!! Ich musste und muss es auch heute noch immer weider mal lernen dass durchzusetzen. Auch bei mir ist es so, dass ich ein super Obijekt bin zum ausheulen, um wo man sich Rat hohlen kan, aber nur wenige oder fast keiner fragt mal nach, hey wie gehts dir überhaupt, oder gehen drauf ein wenn ich ihnen auf die Frage eine ehrliche Antwort gebe.



    Ist traurig.... kann dich verstehen dass du enttäuscht und vielleicht sogar traurig bist. Wenn du wen zum quatschen brauchst.... bin da ;) ich weiss wir kennen uns nicht.... ich dich auf alle Fälle nur von deinen Texten hier. Also wenn du magst... Msn findest du in meinem Blog.



    Und was ist jetzt mit Yoga? Hast jetzt damit angefangen? ich würde auch gerne Yoga machen, aber leider vermag ich es aus finanziellen Gründen nicht. Leider.... aber ich hoff dass ich nächstes jahr dann Mal anfangen kann und dann möchte ich nach 3 Jahren die Ausbildung zur Yogalehrerin machen. Wenn das Geld vorhanden ist.



    Lass denn Kopf nicht hängen!! Wünsch dir noch ein schönes Wochenende.



    no name
  3. zitierenpocoos schreibt am 17.06.2006 um 18:30 Uhr:das macht mich sehr betroffen. weil ich auch so ein \"ich-hab-das-hauptproblem\" -typ bin. ich fürchte, ich verfahre genauso bei meinen freunden. danke für diesen eintrag. werde ich bessern. lese dein blog sehr gern.
  4. zitierenJanna schreibt am 17.06.2006 um 21:45 Uhr:hi ryan,

    du, ich muss erstmal sagen, dass ich deinen schreibstil wundervoll finde. ich hab mich schlappgelacht, beim lesen der geschehnisse in der klinik. du kannst das sehr schön reflektieren, find ich *ganzdolllob*

    zum beitrag selbst, also ich kenn das so gut, wenn es einem richtig mies geht und man mal nicht als zuhörer funktioniert, dass dann ausgerechnet dann kein mensch einem das geben kann, was man braucht. weder ein ohr leihen, noch trösten oder sogar vorbeikommen. das macht mich persönlich ziemlich wütend. ich hüpfe dann wie ein kleines hb-männchen durch die wohnung und reg mich fürchterlich darüber auf. ich fang dann auch stark an zu zweifeln, weil ich nicht in der lage bin, mir das einzufordern. krieg ich nicht über die lippen. zu guterletzt resigniere ich dann und ziehe mich in mich selbst zurück (asperger-autismus). sobald dann diese phase vorbei ist, fang ich an zu schreiben. ich fühl mich dann nicht mehr ganz so im stich gelassen, wenn ich weiß, dass es jemand liest im internet. wünsch dir auf jeden fall ganz viel kraft und drück dich mal ganz fest

    liebs grüßli,

    janna
  5. zitierenacid schreibt am 18.06.2006 um 15:35 Uhr:ohne jmd zu verletzen oder gemein zu sein, aber ryan regt sich über leute auf die jedes gespräch auf ihre probleme lenken und dann lese ich die kommentare und 2 machen genau das worüber er sich aufregt.

    ihr lenkt von seinem Problem auf euers.

    an ryan: das du einen super schreibstil hast hörst du wahrscheinlich ständig deswegen werde ichs mir verkneifen :)

    ja dein problem ist schlimm und man fühlt sich richtig mies und alleine, aber ohne illusionen zu zerstören, es wird dir noch lange so gehen, bis du einen menschen kennenlernst, der genauso zuhören kann wie reden. wenn dieser mensch wirklich an dir und deinen gefühlen interessiert ist, fragt er auch nach deinem befinden und er vertraut dir so dass er dir auch seine gefühle anvertraut.

    also es hilft nur suchen und viele menschen kennenlernen die einem nicht guttun, nerven oder einen einfach nur anrufen wenns ihnen schlecht geht und sie reden wollen.

  6. zitierenWendy schreibt am 01.07.2007 um 16:02 Uhr:Ohja...
    da kann ich dir gut nachfühlen.
    Irgendwie sind alle Leute heute bloß noch auf sich selbst fixiert und von den Menschen, die einem nahe stehen, merkt niemand oder will niemand merken, wenn es einem schlecht geht.

    Mit deiner Wahrnehmung ist nichts verkehrt.

    Und nen schönen Namen hast du auch noch.
  7. zitierenKami schreibt am 01.08.2007 um 21:00 Uhr:Oh man, mit so einem Einfühlungsvermögen sollte man auch echt in einer Anstalt arbeiten.
    Deine Patienten tun mir leid.

    Erst aufregen das die sich beschweren und dann selbst rumheulen wie ein Schlosshund. Was willst du denn? Eine Runde Mitleid? 0o
    Wer bekommt sowas schon? Für die Patienten mit denen du arbeitest hast du es ja auch nicht übrig, wie kommst du dann darauf das du es verdienst?

    "Kein Mensch auf dieser Welt schafft es mich dort abzuholen, wo ich grade stehe. Niemand."
    "Ihr könnt mir eh nicht helfen ... und nur falls einer fragt: JA ich bin fett."

    Hmmmm..... lasst uns mal nachdenken.... merkwürdiges Phänomen? Muss menschlicher Natur sein... Reflektier mal etwas über dich selbst, dann merkst du ganz schnell wo du stehst und das nur DU dich abholen kannst.
  8. zitierenJulez schreibt am 13.02.2009 um 15:14 Uhr:Hey,

    hmmm geb Kami Recht, sorry Ryan.
    Kennst Du das "wie innen so außen" ?
    Ich denke, nicht die Anderen sind das "Problem" - sondern Deine Sichtweise auf sie.
    Mach Dich nicht kleiner als Du bist.
    JEDER hat seine Sorgen, JEDER fühlt sich mal schlecht - DAS ist die Aufgabe: es zu lösen damit es einem wieder gut geht.
    Versuch zu entspannen, höre auf Deine innere Stimme, freu Dich an den kleinen, unscheinbaren Dingen des Alltags.
    Das was man ausstrahlt bekommt man zurück...
    Ich wünsche Dir alles alles Liebe und innere Stärke.
    Hab den Text gern gelesen.
    Gruß
    Julez
  9. zitierenmimmy schreibt am 11.01.2010 um 00:00 Uhr:Ähm Kami,meinst du wirklich das der Satz "Deine Patienten tun mir Leid" angebracht war?

    "Lasst uns mal nachdenken", sind wir in der Lage einen Menschen, den wir nicht kennen, zu beurteilen? Ich denke eher nicht...und jemand der wirklich Probleme hat, kann sowas garnicht gebrauchen!

    Ich kenne dieses Phänomen! ;-)

Diesen Eintrag kommentieren