Boys don´t cry

26.04.2013 um 00:37 Uhr

Modeschmuck und schwule Chirurgen

von: Ryan

Woaaah, was für ein Tag - nachdem ich grade mal den Ausschlaftag hatte und dann gleich wieder in den Spätdienst einspringen konnte, weil´s unserer Schwangeren nicht gut ging, hab ich ab jetzt Wochenende. Ich gönne mir ein 3 Tage Wochenende - ich freue mich so, bis Montag Morgen muss ich den Drecksladen nicht sehen. Woran liegt´s? Die nerven mich alle - die Mädels sind okay, sogar mit Uschi hab ich heute gelacht - sie hat so ein ganz quieckiges, schrilles, fast schon aufgesetztes Lachen, so als würde jemand auf einen Quitscheball drücken. Dafür war ich Dienstag streng mit ihr. Ich hing so durch, völlig gejetlagt vom Nachtdienst, keinen Bock mehr die Patienten zu sehen - einige liegen die sechse Woche in Folge bei uns und jeden Tag zur gleichen Tag: "Mir ist schlecht." Und genau eine Stunde später: "Ich krieg so schlecht Luft." Das geht jeden Tag so - ich stell schon die dementsprechend Medikamente vom vorraus hin, weil ich weiß: Irgendwann fällt dem Ömchen ein, dass ihr schlecht sein könnte.

Naja, Dienstag - ich war so schlecht drauf, und Uschi wedelt schon mit dem Katzenposter -  ich hörte mich selbst nur knurren: "Ich will da keine Poster haben, da kommt ein Kunstdruck hin!" (Ich rahm das Nirvana-Poster ein und sag, es sei ein Kunstdruck) und sie war sofort still - Kunstdruck! Jaaa, das hat Stil. Hat sie sofort verstanden.

Heute war nicht so cool auf Arbeit - im Grunde genommen sogar ziemlich ätzend. Zum einen hatte ich mittags gleich ein Gespräch. Die anderen Stationen nutzen schamlos aus, uns die schwierigen Patienten, bzw. die nölligen unmotivierten Omas zu geben. Deswegen bekam der geriatrische Chef heute eins aufn Deckel - nein, natürlich haben wir wie Erwachsene die Problematik angesprochen. Dann hat der Aufwachraum sich angewöhnt sich zu entlasten, indem sie mir nachmittags und abends Aufwach-Post-OP-Patienten in die Überwachungsbetten schieben - weswegen ich die Überwachungspatienten nicht nehmen kann und die wiederrum auf der richtigen Intensiv landen. Geil. Heute lagen original 4 Post-OPs in meinem 2 Überwachungsbetten. Ja wie geht das? Man die schiebt die Betten näher aneinander - alles geht, wenn man es nur richtig macht. Deswegen war ich ziemlich sauer als ich zum Dienst kam. Den verantwortlichen Chirurgen hab ich natürlich gekrallt, der durfte persönlich eine Post-OP mitnehmen und auf die Chirurgie schieben. Ja, so fies bin ich!! 

Aber ich muss unheimlich charmant nebenbei sein - denn der Chirurg kam eine Stunde später zurück, entschuldigte sich ausführlich  und zwinkerte mir verheissungsvoll zu. Ich sofort eine Freundin angerufen, die auf der Chirurgie arbeitet: "Ist der schwul?!" - "Ja! Der hat sich so über dich aufgeregt, da hab ich gesagt, du seist auch schwul - da isser gleich runter und wollt sich entschuldigen bei dir!" So einfach ist die Welt zu regeln: Gib den Leuten den Hauch einer Chance auf Sex und sie entschuldigen sich sofort für ihr arschiges Benehmen. Unglaublich. Erst kommt: "Ich kann nix dafür, wenn ihr überfordert seid!" Kaum denkt er, ich sei, schwul höre ich Sätze: "Wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt, ich bin der Thimo." Thimo kam dann auch persönlich noch fünf Mal runter, um seine Post-OPs anzuschauen - vorher hab ich noch nie einen Chirurgen bei den Post-OPs gesehen.

Gegen 19.00 war ich völlig fertig, hatte allerdings 3 meiner 4 Post-OPs verlegt bekommen, weil Thimo fand, sie seien kreislaufstabil und könnten jetzt auf die Peripherie. Dafür fühlten sich meine geriatrischen Omas so unterversorgt, dass die alle 5 Minuten pro Nase auf die Klingel drückten und alle besonders schlimme Atemnot hatten als an anderen Tagen. Selbst meine Azubinne guckte schon ganz gequält und wusste nicht wie sie gegen die Flut von Wünschen und "Nöten" ankommen sollte. Und es ist nur Kleinscheiss: "Meine Beine jucken" - "Ich möchte telefonieren" -  "Mir ist schwindelig" - "Wieso krieg ich nur einen Joghurt?" - "Mein Kissen muss ausgeschüttelt werden" - "Ich brauche Klopapier" - außerdem waren alle so unverschämt meine sehr taffe Auszubildende zu bitten eine "richtige" Schwester zu holen, zum Kissen ausschütteln. Dann fiel der diensthabenden Internistin noch ein komplett alle Visitenreiter zu ziehen ... und was soll man sagen? Ich war zwei Stunden zu spät zu Hause wegen Klopapier und Kissen ausschütteln. Und die letzte Post-OP Dame war noch so durchgängig, dass die um halb noch nackt mit Drainagen im Bein und Infusionsflasche hinter sich her ziehend auf dem Flur brüllte: "Ich sterbe!!!" --- bis zu dem Zeitpunkt hatte ich um 13.00 die letzte Zigarette geraucht, nicht einen Bissen gegessen und vielleicht eine halbe Tasse Kaffee getrunken --- ich hab den unterbezahltesten Job der Welt. Man kann sich wohl lebhaft vorstellen wie angepisst ich war.

Um´s kurz zu machen: Heute hasse ich meinen Job.  Nicht den Chef-Job, sondern den Krankenpfleger-Job. Der einzige Gedanke, der mich über Wasser hält, ist der Jungesellinnen-Abschied am Samstag von meiner besten Freundin. Ich freue mich darauf mich erst in einer Limousine zu betrinken mit vielen lustigen Mädels und mir danach sternhagelvoll einen Stripper anzugucken. Steffi und der zukünftige Bräutigam sind Fahrer - ha! Erst muss Steffi uns hinfahren und später kann sich mich am frühen Morgen irgendwo betrunken wieder einsammeln. Dafür gehe ich morgen mit ihr einkaufen - Klamotten shoppen für Steffi ist immer ein Drama, weil sie fast in Tränen ausbricht, wenn sie Größe 38 anziehen soll. Aber sie schätzt meine werte Beratung (ich kann wirklich gut Frauen einkleiden - vielleicht sollte ich das hauptberuflich machen), aber ich drück mich, nachdem es die letzten Male immer Streit gab: "Das ist zu groß!" - "Nee, das passt dir!" - "Nein, das ist Größe 38! Das schlabbert!" - "Da schlappert nix, und 36 war zu klein." Dann zieht sie den Bauch ein und sagt mit angehaltender Luft: "Das schlabbert, das ist zu groß!" und am Ende nennt sie sich mich "Arsch!" und ich sie "Blöde Kuh!" und wir schweigen den ganzen Weg nach Hause. Super auch der Satz: "Ich hab doch gesagt, dass mir das Kleid in 34 passt!! - und jetzt hilft mich das wieder auszuziehen, ich krieg kaum Luft!" Was so ein dummes Zettelchen an der Kleidung genäht für große Auswirkung haben kann! Ich hab ihr mal eine Bluse gekauft und den Zettel mit der Größe rausgeschnitten - ist seit dem Tag ihr Lieblingskleidungsstück. Nicht weil ICH es gekauft habe, sondern weil es gut aussieht ohne sie mit einer Kleidungsgröße zu verurteilen. Plan für morgen: Die Verkäuferin dazu bringen alle Zettel rauszuschneiden, bevor wir bezahlen können. Meine Verlobte ist auch immer super abzulenken beim einkaufen: "Guck mal, da gibt´s Modeschmuck." - "Was?! Wo?!!!" Unglaublich, dass man Frauen 20-30 min beschäftigen kann mit einem Regal voll billigen Schmuck. Wahlweise geht das auch mit Schuhen. 


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