Boys don´t cry

30.04.2011 um 03:55 Uhr

Nachtdienst

von: Ryan

Hi - schon wieder ordentlich Zeit verstrichen seit dem letzten Eintrag. Ich erzähle heute nur mal kurz wie mein Tag war. Ich hatte Nachtdienst - ein ruhiger Dienst, alles entspannt. Ich mag Nachtdienste. Ich bin alleine, kaum Hektik. Wenn ich Glück habe, schlafen die meiste Zeit alle. Nur ich bin wach, die Station ist bis auf wenige Lampen dunkel und still, sitz in meinem Dienstzimmer, arbeite meine Aufgaben von Stunde zu Stunde hab, laufe alle 2 Stunden alle Zimmer ab, öffne die Tür nen Spalt und schau ob alles in Ordnung ist, alle schnarchen, setze mich kurz an ne Bettkante zum Reden, wenn jemand nicht schlafen kann.

Morgens um 6 kommen dann die Kollegen, ich hab Kaffee gekocht und mache ne halbstündige Übergabe, in der ich meistens schon Wortfindungsstörungen hab vor Übermüdung. Ich bin meistens nicht müde, aber ich merke sehr deutlich, dass mein Kopf nicht das macht, was ich will. Ich verhaspel mich oder klassisch: Plötzlich sind Dinge weg, die ich grade noch in der Hand hatte. Ich kann mir nichts merken. Ich gehe in den Lagerraum, 4 Meter Fusstrecke und sage mir immer wieder: "Eine Ringer-Lösung, eine Ringer-Lösung ..." und wenn ich angekommen bin, weiss ich nicht mehr was ich mitnehmen wollte.

Heimfahrt aufm Fahrrad bei Sonnenaufgang - ich find´s immer toll, dass alle hektisch und genervt zur Arbeit müssen um 7 Uhr morgens. Nur ich alleine komme von der Arbeit und darf ins Bett. Aber ich hab mir das auch verdient. Immerhin hab ich ne 10 Stunden-Schicht hinter mir.

Zuhause noch ne heisse Milch mit Honig und ne Zigarette vorm Schlafengehen. Und kaum hatte mein Kopf das Kissen berührt, stellte der Bauarbeiter von der Baustelle in meiner Strasse den Schlagbohrer an ... großartig. Im Nachtdienst schlaf ich tagsüber immer mit Ohrstöpsel, um nicht vom Hupen der Autos oder sonstigem geweckt zu werden. Wenn ich aber den letzten Nachtdienst hinter mich gebracht hab, versuche ich nur wenige Stunden zu schlafen, um wieder in nen normalen Tag-Nacht-Rhythmus zu finden. 

Ich hab mich dann doch für Ohrstöpsel entschieden, meinen Wecker nicht gehört und bin erst wach geworden als Steffi um 15.00 nach Hause kam. Die ist im Moment super angeschlagen. Keine Ahnung was sie hat, sie ist mega kaputt, Schnupfen-Symptomatik, alle 3 Tage mal kurz Fieber. Ich hab die Vermutung, dass sie allergisch gegen irgendwelche Pollen ist - sie meint, das ist nix. Sie ist nen Typ, der ne Paracetamol einschmeisst und mit 39 Fieber sich zur Arbeit schleppt. 

Duschen, Tiere füttern, nach Steffis Mittagsschlaf mal ne Stunde reden was so in den letzten Tagen passiert ist, an denen wir uns nur schlafend gesehen haben. Essen, Steffi ist dann schnell auf der Couch eingeschlafen, bis ich sie geweckt hab, damit sie ins Bett geht - und ich hab noch 2-3 Gläser Wein getrunken, ferngesehen und jetzt sitz ich hier und schreib noch nen Blogeintrag.

ich weiss gar nicht wieso, aber mir kommt grade was in den Sinn, was ich irgendwie los werden muss. Nachts sterben die meisten Patienten. Ich arbeite auf einer Station, auf der wir vorwiegend sehr alte und sehr kranke Patienten betreuen. Klar, dass da mal einer stirbt. In meiner letzten Nacht ist wieder eine gestorben. Ganz kranke Frau. Ich bin nicht traurig, etwas bedrückt, aber ich kann gut akzeptieren, dass es der Lauf der Dinge ist. Diese Frau hat sich schon lange gequält. Es gibt einen Zeitpunkt, an dem man sieht, dass Menschen anfangen zu sterben. Und dann kann man auch nichts mehr machen. Man könnte alles an jeglichen medizinischen Massnahmen machen, aber es geht nicht mehr. Im medizinischen Fachchinesisch nennt man das "Präfinal" = kurz vor Tod. Eigentlich ist es Multiorganversagen, aber es ist einfach so, dass man dann nichts machen kann. Egal wie sehr man wollen würde. Die arme Frau hat sich Tage lang gequält. Es war ab zu sehen, dass sie stirbt. Was ich sagen will: Sie war tagelang präfinal. Das ist schwer mit anzusehen und auszuhalten. Ich stehe dann immer neben diesem Bett des Patienten, weiss nicht in wie weit ich noch was machen soll. Ich hab Angst, dass der Patient Schmerzen hat, wenn ich ihn anfasse, versuche alle quälenden Massnahmen auf ein Minimum zu beschränken. Oft hab ich das Gefühl unsere blosse Anwesenheit ist diesen sterbenden Menschen unangenehm. Manche wiederrum wollen scheinbar nicht alleine sein. Dann versuche ich mir Zeit freizukämpfen, in der ich mal einfach nur neben dem Bett sitzen kann um einfach nur da zu sein.

Es gibt sehr seltsame Dinge im Zusammenhang mit dem Tod. Wenn bei uns auf Station Menschen sterben, sind es immer drei. Man sagt abergläubisch: "Einer nimmt zwei mit" Und es ist so. Sobald wir einen Todesfall nach langer Zeit hatten, warten wir auf die zwei anderen. Ich arbeite seit sieben Jahren im Krankenhaus - es sind immer drei innerhalb weniger Wochen. Danach haben wir einige Monate "Ruhe" von Todesfällen. Aber es sind immer drei innerhalb kurzer Zeit. Noch ein Aberglaube: die Seele muss raus. Wenn ich jemanden finde, der verstorben ist, ist mein erster Gang zu Fenster - um es aufzumachen und die Seele rauszulassen. Bei uns auf Station machen das ausnahmslos alle Kollegen. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein - ich bin kein religiöser Mensch - aber ich glaube, dass die Seele sich von dem Leichnam lösen muss. Oft hab ich das Gefühl, dass da noch was von der Persönlichkeit da ist, wenn der Mensch frisch verstorben ist - und später ist da nur noch der Körper - für uns ist die Arbeit ja nicht getan, wenn die Atmung aufgehört und das Herz nicht mehr schlägt. Wir müssen zwei "Leichenschauen" zusammen mit dem Arzt machen, um den Tod festzustellen. Wir managen den Abschied der Angehörigen, richten die Leiche für die Angehörigen her, richten die Leiche für den Bestatter her, Transport in den Keller, wo die Kühlräume sind und ggf. die Autopsie stattfinden kann.

Die arme Seele, auf die ich heute Nacht aufgepasst hab, ist kurz vor 6 Uhr morgens eingeschlafen und hab nochmal mit ihr "geredet". So nen letztes Gespräch quasi. Eine Kollegin und ich sind mal zu dem Entschluss gekommen, dass wahrscheinlich total viele Sterbende Angst haben loszulassen und deswegen nicht sterben können oder sowas in der Art. Auch ne unheimliche Geschichte: wenn wir merken, dass dieser Todeskampf schon total lange geht, gehen wir zu den Leuten und reden mit ihnen. Ich sag dann so Sachen, dass sie jetzt aufhören sollen zu kämpfen, dass alles gut ist und sie die Augen zu machen sollen und schlafen. Und maximal zwei Stunden später sind sie tot. Ich glaub, sie warten auf sowas, dass jemand ihnen sagt, dass sie loslassen können.

Ich weiss noch, mein Opa hat solange gewartet mit dem Sterben bis meine Mama, seine Lieblingstochter, gekommen ist, um sich zu verabschieden. Er hat sich Tage lang gequält und konnte nicht sterben. Meine Mutter ist dann abgereist, saß ne Stunde neben seinem Bett, um sich zu verabschieden - und dann erst ist er verstorben.

Sowas ist mega unheimlich - zumindest war es das lange für mich. Aber das scheinen Gesetze zu sein, die zwischen Himmel und Erde zu gelten scheinen. Manchmal finde ich das alles normal und hab´s akzeptiert - und dann wird mir manchmal klar, dass es in meinem Alter total wenig Menschen gibt, die schon soviele Menschen sterben gesehen haben wie ich. Es gab Situationen, in denen sind mir Menschen unter den Händen bei ner Reanimation weggestorben. "Maschienen abstellen" ist ne äußerst seltene Geschichte, hab ich noch nie erlebt. Das läuft ganz anders. Es wäre toll, wenn´s einfach nur nen Knopf oder nen Stecker wäre und alles wäre vorbei. Das andere ist schwer zu ertragen.

Eigentlich wollte ich gar nicht so nen schweres Thema anschneiden - und eigentlich wollte ich auch schon vor spätestens zwei Stunden im Bett sein. Ich mag meinen Job, aber auch das gehört dazu. Aber manchmal wünschte ich, ich wüsste das alles nicht. 

Neulich - gut, es ist auch schon ein paar Monate her - erzählte mir ne Freundin, dass ein Freund von ihr, den ich flüchtig kannte, gestorben ist. Er war Ende 20, hat bei seinen Eltern aufm Dorf Holz gehackt, war unvorsichtig, die Axt ist weggerutscht und in sein Bein. Soweit undramatisch - medizinisch gesehen. Nix, was man nicht wieder hinkriegt. Er kam sofort per Helikopter ins Krankenhaus und in den OP - während der Nakose muss sich aber irgendwo nen verstecktes Blutgerinsel gelöst haben und ist in seine Lunge gewandert - Lungenembolie. Er ist dran gestorben und nie wieder aus der Nakose aufgewacht. Und ich sitz da - sie erzählte das während ner Party, 10 Leute am Tisch und sie guckt mich an und sagt vorwurfsvoll und wütend: "Wie kann das sein? An sowas muss doch heute keiner mehr sterben!" Sie weiss es nicht besser - ich schon. Die einzige Therapie für eine Lungenembolie ist eine Lysetherapie, bei der die Blutgerinnung so stark heruntergesetzt wird, bis das Gerinsel sich auflöst. Aber der Typ hatte ne riesige Wunde im Bein ... er wäre dann aus dieser Wunde verblutet, weil er keine Gerinnung mehr hat. Und es bleibt zu wenig Zeit um die Wunde chirurgisch zu verschliessen (und es würde trotzdem bluten) und gleichzeitig die Lyse einzuleiten bevor die Lunge schaden nimmt - wenn das Herz nicht schon schlapp gemacht hat. Ganz, ganz, ganz dumme Kombi.

Ich hab ihr das gar nicht erklärt - ich hab sie nur in den Arm genommen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKREATIV schreibt am 03.05.2011 um 12:03 Uhr:Ja, dein letzter Entrag ist schon ein Weilchen her....

    Ich schreibe das deshalb, weil du viel zu erzählen hast und ich dir gerne zuhöre. Besser gesagt deine Einträge gerne lese.
    Eigentlich sind Männer schreibfaul, deshalb erstaunst du mich so.

    Zu deinem "ernsten Thema":
    Das hab' ich mir zweimal durchgelesen.... Ein Beruf, der viel erleben läßt - zu diesem Thema.
    Ich mach' mir oft Gedanken wenn es mal mit meinen Eltern soweit ist. Wie ich mich da verhalte, ob ich bei ihnen am Bett sitzen kann, ob ich mit ihnen reden kann, was ich reden kann oder ist einfaches Dasein ausreichend oder ergibt sich das, was man in schwierigen Situationen macht, von alleine??? Ich weiß z.Zt. nicht wie ich dem gegenübertreten soll. Ich hoffe ich werde dann nicht so hilflos sein, wie es sich hier anhört!

    Solltest du noch mehr solcher Erlebnisse los werden wollen, hier ist jemand, der dir aufmerksam zuhört.

    Grüße, Kreativ
  2. zitierenHedera schreibt am 05.05.2011 um 10:08 Uhr:ich kam auch erst gerade zum lesen, im moment sind viele meiner favoriten irgendwie schreibfaul...
    der 2. teil deines eintrages macht mir gänsehaut. du bist soviel jünger als ich und ich habe noch nie einen toten, einen sterbenden menschen gesehen. es beruhigt mich aber irgendwie zu wissen, wie ihr damit umgeht. ich finde es schön, dass ihr die seele hinauslasst etc....das hat mich sehr berührt.
    vielen dank dafür
  3. zitierenHidee schreibt am 28.05.2011 um 18:22 Uhr:Hallo Ryan,

    Die Geschichte, die Du erzählst, hat mich eben sehr bewegt. Vor allem, wie Du mit Sterbenden umgehst. Ich glaube Dir, glaube auch, dass die Seele, die Persönlichkeit noch eine Zeitlang um den Körper ist, im Raum. Ein bekannter Krankenpfleger hat mir erzählt, dass er jedesmal zuerst das Fenster öffnet. Wie Du. Auch das mit dem Loslassen und der Angst klingt irgendwie verständlich. Es ist sicher gut, wenn jemand da ist, der die richtigen, helfenden Worte findet.

    Alles Liebe, Hidee

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