Boys don´t cry

26.11.2009 um 01:42 Uhr

Nahe am Burnout

von: Ryan

Eigentlich ist mal wieder alles in Ordnung. Ich kann mich nicht beklagen. Privat läuft eigentlich alles gut. Okay, es kann auch nicht anders laufen, aber irgendwie ist es mal wieder wie gewohnt. Nichts neues, immer die gleiche alte, ermüdende Leiher.

Die Arbeit ist mal wieder erschöpfend und anstrengend. Zuviel für einen alleine zu ertragen, zuviel zu schaffen, zuviele Patienten, zuviel zu tun. Und wenn ich nach Hause komme - teilweise nach 10-11 Stunden Schichten ohne Pause, bis auf ne kurze Zigarrette um die Nerven zu behalten - kann ich nicht mehr. Ich schaffe nichts mehr. Ich bin erschöpft. Schaue fernsehen, rede kurz mit meiner Freundin - wenn sie nicht auch grade arbeiten ist - gehe schlafen ... und das wars. Aber das kanns doch nicht gewesen sein. Scheinbar isses das dann doch. Das macht mich so unzufrieden.

Schlafen tue ich viel. Aber irgendwie dann doch nicht. Ich schlafe 6-12 Stunden am Stück, träume scheinbar nur aber richtig erholt bin ich kaum noch. Dann geh ich zur Arbeit, versuche Stunden lang mein Bestes zu geben, mache erschöpft, kaputt und genervt meine Übergabe. Im Moment überwiegt mal wieder das Gefühl der Unzufriedenheit. Meine eigene Mitte ist ganz weit weg von meinem Selbst.

Okay, man kann sagen, wir haben viel zu tun in den Wintermonaten. Alle kriegen ne Lungenentzündung, alle wollen was, ich kann nichts dafür, die Patienten noch weniger und trotzdem müssen wir da alle durch. Es kommen auch wieder andere Zeiten - aber im Moment ist das alles kaum auszuhalten. Zumindest für mich. Vielleicht hat sich eine kleine Winterdepression eingeschlichen, aber irgendwie ist es grade alles mehr als traurig.

Ich geh im Moment zur Arbeit, fühle mich schon am Anfang des Dienstes (selbst beim Aufstehen) schon erschöpft. Dann geht der Dienst los  - die ersten Tage war ich noch motiviert, hab einiges gerissen, Ideen eingebracht. Es gibt zum Beispiel so Sachen, an die denkt man nicht als Krankenschwester/-Pfleger. Wenn einer Fieber hat, gibt man ein Medikament zum Fieber senken. Basta, aus. Ich komme dann zum Beispiel auf so Ideen wie Wadenwickel. Ich bin ein Arbeitstier. Ich kann viel arbeiten, ich mache es auch eigentlich immer. Ich gebe soviel, ich kann richtig brennen. Ich hasse Dienste, in denen nichts los ist. Ich liebe stressige Dienste. Aber die Dienste, die wir jetzt haben, sind nicht stressig, nein, sie tun weh. Es tut irgendwann nur noch weh.

Mein Rücken bringt mich um. Ich nehm seit Tagen Schmerzmittel bevor ich aus dem Haus gehe, damit ich überhaupt zur Arbeit komme. Ne Freundin aus unserer Röntgenabteilung hat schon nen Bild von meiner Wirbelsäule gemacht, ist aber nichts zu sehen, kann nichts schlimmes sein, also kann ich arbeiten. In meinem letzten Mitarbeitergespräch hab ich von meiner Chefin nen großartiges Feetback bekommen, ich sei wahnsinnig fleissig, hätte alles im Blick, würde meinen Kolleginnen immer helfen, bei den Patienten beliebt, könnte hart durchgreifen, würde neue Ideen mitbringen, sei ein beliebter Kollege. Und was hab ich davon? Nichts. Ich hab das Gefühl als würde ich in dem Topf nur noch am Boden kratzen, aus dem sonst meine Energie kommen. Ich bin schon wieder weit, sehr weit sogar, über meine Grenze hinaus gekommen und irgendwie gehts trotzdem weiter. "Wie lange noch und mit welchem Ziel?" würde meine Freundin jetzt sagen. Und ich würde sagen: "Ich weiss es nicht" und denke mir dabei, dass sie mich nicht versteht. Sicherlich macht sie auch nen stressigen, kräfteraubenden Job aber ich glaube trotzdem nicht, dass sie sich so wahnsinnig erschöpft fühlt wie ich. Ich hab heute soviele Patienten hochgezogen im Bett und gelagert - alles alleine - ich hab Muskelkater und kann vor Rückenschmerzen kaum die Arme heben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihr wirklich so geht.

Nebenbei merke ich auch wie dünnhäutige ich bin. Mir geht vieles so schnell aufm Keks. Ich fange an wirklich zu schreien, Leute blöd anzumachen, sie runterzumachen. Neulich hatte unsere Küchenaushilfe die goldene Arschkarte gezogen. Sie hatte ziemlich bocklos ihren (nicht so anspruchsvollen) Job gemacht - zum Beispiel hat sie den Patienten nicht das gebracht, was die essen wollten, viele Patienten komplett vergessen oder ignoriert - und als sie noch allen ne Gabel neben den Suppenteller gelegt hatte, bin ich ausgeklingt. Ich hab sie mir geschnappt und sie fast brüllend gefragt, ob sie zu dämlich ist nen Löffel von ner Gabel zu unterscheiden. Ich hab im Moment auch irgendwie das erdrückende Gefühl für alle mitdenken zu müssen. Keiner macht seinen Job, außer ich sage es ihm. Die Putzfrau ignoriert die Isolationszimmer bis ich ihr erzähle, dass die Staubmäuse mittlerweile schon Party feiern mit Kumpels, die überforderten Ärzte müssen auch auf alles gestubst werden. Zum Beispiel hatte ein Kaliumwert einer Patientin einen intensivpflichtigen Bereich erlangt - hatte die Ärztin irgendwie die ganze Woche nicht mitgekriegt - solange bis ich was gesagt hab ... ich drehe durch.

Ich kann viel ertragen, aber irgendwie gehts grade nicht. Und ich glaube, nein ich bin sogar ziemlich überzeugt, dass es meinen Kolleginnen auch so geht. Die harte Zeit dauert einfach schon zu lange an und nichts passiert um es zu kompensieren. Schnauze halten und hoffen dass es gut geht. Es ging ja bis jetzt auch immer gut.

Und dann noch so Kleinigkeiten, über die ich mich tägliche ärgere. Unser Nachtdienst steht zum Beispiel immer den Tränen nahe, weil wir grade echt viele Leute haben, die einfach klingeln aus Langeweile. Das sieht dann so aus, dass du eigentlich keine Minute ohne eine Patientenklingel verbringst. Du kannst keine Schreibarbeiten erledigen, ohne dass irgendwer noch irgendeinen Wunsch hat. Ich hab da grade ne spezielle Patientin im Gedächnis, die trotz aller Ermahungen und Bitten dauernd klingelt. Kopfkissen 8 mal ausschütteln, Wasser einschenken (könnte sie zwar selber, aber nein, drück ich lieber auf die Klingel damit es ne Schwester macht). Dann klingelt sie um sie fragen, wie die eine Tablette heisst, das Licht soll aus, das Licht soll an, das Fenster auf, dann zu, Gardiene auf, nein doch lieber zu, ich glaub mein Larken ist krumm, Bettdecke über die Füße, wieder Kissen aufschütteln, hochziehen, wieder Wasser einschenken, mal nach dem Namen vom Arzt fragen und so weiter und so fort ... das geht den ganzen Tag so. Ich kann mittlerweile auch nicht mehr freundlich sein. Ich versuche es krampfhaft, werde aber zunehmenden zynischer und großkotziger. Der Typ, der meine Erschöpfung überspielt, mag ich nicht. Und wenn ich zu ner Kollegin sag: "Bitte geh du da mal hin, ich drehe ihr gleich den Hals um" fühle ich mich schuldig, weil meine Kolleginnen auch genug Arbeit und stressige Patienten an der Backe haben.

Morgen bin ich der Nachtdienstpfleger. Da hab ich die ganze Station, alleine. 10 Stunden lang, werd auf dem Zahnfleisch nach Hause kriechen morgens. Ich will nicht leben um zu arbeiten, aber im Moment kann ich nicht leben, wenn ich arbeite. Kann ich kündigen? Klar. Irgendwie glaube ich aber, dass das feige wäre. Es wird hart und ich kündige. Zähne zusammen beissen und durch. Irgendwie muss es gehen. Durchhalten solange wie es geht.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKat schreibt am 26.11.2009 um 11:08 Uhr:Hallo Ryan,
    ich glaube ich habe hier noch nie kommentiert, aber ich lese schon seit geraumer Zeit fleissig mit, zum einen weil ich deine Erlebnisse interessant finde, zum anderen weil du einen wirklich guten Schreibstil hast (und ich bin Buchhändlerin).

    Kannst du vielleicht bei deinem Chef/Chefs (wer ist das in einem Krankenhaus eigentlich? Oberschwester/Pfleger?) fragen ob dir jemand ein bisschen Arbeit abnehmen kann, ich weiss das ist bestimmt nicht einfach, aber andererseits kann es ja auch nicht sein das du dich bis zum psychischen und physischen Exitus durcharbeitest. Du musst auch mal an dich (und an deine Freundin) denken, das ist wichtig!
    Kündigen wäre nicht unbedingt feige, sondern unter Umständen etwas das dich vor einer (offensichtlich) ungesunden Arbeitsweise/atmosphäre fernhält. Andererseits wachsen bestimmt auch im Pflegebereich die Arbeitsplätze nicht auf Bäumen, daher kann ich dich verstehen.
    Ach bitte gib auf dich acht.
  2. zitierenHedera schreibt am 27.11.2009 um 11:05 Uhr:Hast du schon mal daran gedacht zu studieren? Eine unserer Schwestern hat jetzt ein Studium angefangen. Dann war deine Ausbildung nicht umsonst, du kannst dein Wissen einbringen und weiterkommen und stehst dann quasi auf der "anderen" Seite, bringst anderen bei, wie sie zu guten Schwestern und Pflegern werden können oder sowas ähnliches? Du bist doch noch jung, dir stehen doch alle Wege offen!!!

Diesen Eintrag kommentieren