Boys don´t cry

01.07.2009 um 03:23 Uhr

Never enough

von: Ryan

Nachdem ich mich etwas erholen konnte von meinem "Todesengel"-Image und jetzt mal einige Tage kein Krankenhaus von innen sehen musste, keinen alten Menschen freiwillig helfen mussten (zivil mache ich sowas ganz, ganz selten) und mich auch sonst nichts an Tod und Krankheit erinnert hat in den letzten Tagen, ich ausreichend Schlaf nachholen konnte, gehts mir besser.

Ich geniesse meine freien Tage - ja ich kann sie wirklich mal endlich geniessen. Selbst als meine Freundin neulich sagte sie wolle mit mir an irgendeinen Ostsee-Strand fahren, habe ich ich ohne Maulen und Widerworte zugesagt, und wir haben uns wirklich 2 Stunden in die Sonne gelegt, auf den der Schabeutzer Strand gestrahlt hat und ich bin braun geworden. Und konnte es sogar geniessen.

Um so schlimmer, dass ich merke, dass mir sowas zur Zeit schwer fällt, und um so begeisterter ich bin, wenn mir Menschen wie meine Freundin sowas Gutes angedäuen lassen und ich es auch mal endlich zulasse. Woran liegt das, dass ich sonst so unzufrieden und griesgrämig durch die Welt gehe? Im Grunde erschreckt mich das. Eigentlich ... oder besser vor einigen Jahren war es noch so, dass ich relativ naiv und gutgläubig durch die Welt gelaufen bin. Am Freitag Abend hatte ich x-tausend SMS auf meinem Handy und konnte mich zwischen 5 Partys entscheiden, die ich so antreten wollte oder auch nicht. Mittlerweile ist das nicht mehr so. Die meisten meiner Freunde wissen, dass ich am WE meistens arbeiten muss. Ich verabrede mich nicht mehr mit irgendwelchen Menschen, die ich irgendwoher kenne - meine freien Wochenenden sind rar und kostbar.

Dann muss ich auch noch immer eine gewisse Zeit als Erholungsphase einrechnen ... man kann nicht 10 Höllenschichten arbeiten, 3 Tage durchfeiern und weiterarbeiten als ob man erholt wäre ... nee, das geht leider nicht. Ich bin ja keine 18 mehr ... dann noch die Familie, die auch noch am Leben teilnehmen möchte ... und dann noch die feste Freundin, die auch viel zu oft zu kurz kommt, denn nebeneinander auf der Couch Fernsehen ist keine effektive Beziehungszeit.

Und wenn man dann noch - wie ich - Überstunden schiebt, teilweise 11 Stunden auf der Arbeit ist, trotzdem wegen Personalmangel grade so das nötigste im Vollgas geschafft hat - was bleibt einem dann eigentlich dann vom Leben übrig? Das frage ich mich oft - sehr oft.

Und trotzdem ... neulich hatte ich Spätdienst. Und ich hab mir ne Raucherpause erkämpft. Und ich stand draussen vor dem Haupteingang, die Abendsonne schien noch auf Hamburg, kurz vorm Untergehen, kurz vor meiner Abendrunde, in der ich nochmal alles geben müsste, um alle noch mal zu betten und windeln. Und die Sonne schien, ich rauchte meine Zigaratte in den 3 Minuten Pause, die ich mir erkämpft hatte - und ich sah mein Spiegelbild in der Glastür und dachte: "Eigentlich hast du keinen Grund dich zu beschweren.

Du hast ein gutes Leben. Du wohnst eigenständig ohne deine Eltern - so wie du es wolltest. Du hast Kontakt zu ihnen wenn du es möchtest - so wie du es wolltest. Du hast dein Abitur bestanden, du hast ein Staatsexamen, du bist ein guter Krankenpfleger - deine Kollegen achten dich. Deine Kollegen mögen dich sogar. Mit einigen bist du sogar sehr gut befreundet. Du bist beliebt. Du hast großartige Freunde, und eine super Freundin, die dich sehr liebt egal was du machst. Du hast eine wunderschöne Altbauwohnung im Zentrum von Hamburg. Du hast Klamotten, von denen du vor 5 Jahren nur träumen konntest. Du siehst nicht schlecht aus. Du verdienst genug Geld zum Leben, genug Geld dass du zufrieden bist. Du bist gesund. Es ist doch alles in Ordnung - warum bist du so unzufrieden??"

Warum bin ich so unzufrieden? Ich weiss es selber nicht. In dem Moment, in dem ich das dachte und mich selbst betrachtete in der Abendsonne kam es mir alles so unsinnig vor, so naiv unzufrieden zu sein obwohl ich soviel erreicht habe, obwohl ich sovieles mein eigen nennen kann. So unglaublich blöd noch mehr zu wollen als ich schon habe. Und ich weiss nicht mal was ich noch will.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenlady_bright schreibt am 01.07.2009 um 07:54 Uhr:Ich glaub nicht, daß es ein "Mehr"-Wollen ist, eher ein "Anders"-Wollen..
  2. zitierenl_Kris_l schreibt am 01.07.2009 um 09:57 Uhr:Für mich liest sich das irgendwie, als würde dir einfach ein Ziel fehlen (ob groß oder klein, ist wohl erst mal nebensächlich).
    Etwas, das du wie früher "erreichen" kannst.
    Früher hattest du als Ziel, dein Abi zu schaffen, oder deine Ausbildung gut zu beenden, endlich Geld zu verdienen, usw.
    Und im Moment lebst du so vor dich hin, und versuchst dich nicht von deiner Arbeit verschlingen zu lassen...
    Ist nur so n Gedanke, aber vielleicht bist du DESHALB so unzufrieden.
    Am Scharbeutzer Strand war ich letztens auch, genauer gesagt Sa. War ja prima Wetter dafür :)

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