Boys don´t cry

16.04.2010 um 21:30 Uhr

News

von: Ryan

Es hat sich einiges getan. Die guten Tagen werden häufiger, Angstattacken hab ich so gut wie keine mehr. Ich komme morgens aus dem Bett und ich war sogar schon arbeiten. Gut, ich erbringe nicht meine Best-Leistung, aber ich war auch sehr lange raus. Ich glaube, das darf so sein. Ansonsten konnte ich heute meinen langerwarteten Psychiater-Termin wahrnehmen, nur um dem guten Mann zu sagen, dass es mir mittlerweile wieder gut geht. Er meinte, ich hätte schon ne sehr schwere Depression gehabt wenn es mir körperlich so schlecht ging. Er hätte mir Antidepressiva verschrieben, aber zur Zeit würde ich sie nicht brauchen. Sehe ich auch so.

Ansonsten musste ich ein wenig von meinem familiären Hintergrund berichten, das hat mich heute ziemlich mitgenommen. Der Stiefvater ein alkoholabhängiger Haustyran und die halbe Familie Co-Abhängig. Da meinte der Doktor doch wirklich, es würde ihn freuen zu was für einem stabilen Menschen ich mich trotzdessen entwickelt hätte. Andere würden da mit ner dicken, fetten, lebenslangen Persönlichkeitsstörung rausgehen. Und ich bin halbwegs stabil. Bis auf mein Burnout jetzt grade. Aber die meiste Zeit meines Lebens komme ich ziemlich gut klar.

Das hat mich etwas nachdenklich gemacht. Ein wenig dünnhäutig bin ich auch. Und müde. Irgendwie hab ich schlecht geschlafen und ziemlich erschöpft. Meine Lebensgefährtin nervt mich im Moment ziemlich. Vielleicht bin ich es auch, der einfach zu empfindlich ist, aber irgendwie bringt sie mich zwei duzend Mal heute zum ausrasten. Zum Beispiel nervt mich echt, dass sie unaufmerksam ist. Ich sage etwas und sie fragt noch mal nach. Ich wiederhole es, sie fragt wieder nach. Ich rede eigentlich ziemlich klar und deutlich aber sie hört nicht zu ... Und nach dem 10. Mal, möchte ich am liebsten sagen: "Ach vergiss es." Oder im Moment ist sie ziemlich pampig, zieht nur ne Schnutte und reagiert manchmal echt irgendwie doof. Ich bin mir sicher, dass es daran liegt, dass sie auch viel um die Ohren hat. Zum einen bin ich sicherlich auch ziemlich anstrengend manchmal, dann hat sie ja auch ne harte Zeit hinter sich mit meinen Depris und dann hat sie auch noch seit einem Monat nen 2. Job. Ich glaube, ich wäre auch maulig und pampig an ihrer Stelle, aber es nervt mich abgrundtief! Und ich bin zwar auf dem Weg der Besserung, aber noch nicht ganz gesund. Ich hab das Gefühl, das schnallt sie noch nicht so ganz. 

Zum Beispiel hatten wir heute nen ziemlich anstrengenden Tag. Früh aufgestanden, Psychiater-Termin (sie war in der Zeit bei H&M shoppen, ich musste über meine verkorkste Kindheit reden), und nochmal in den Baumarkt, ich hab Essen organisiert, sie war im Internet daddeln. Ich putze das Badezimmer, sie telefoniert mit ihrer besten Freundin. Ich sortiere unsere Papiere ne Stunde lang und kümmer mich um unbezahlte Rechnungen, sie liest Zeitung - und ist dann abends sauer, wenn ich um 8 total müde aufm Sofa liege und mault mich an, ich soll doch mitkommen mit ihrer besten Freundin zum feiern.  Ihr zuliebe bin ich mitgegangen ... um vor der Disse zu merken wie müde und lustlos ich wirklich bin. Nein, ich bin wirklich erschöpft. Ich reize es lieber noch nicht aus. Nein, ich bin noch nicht gesund. Nein, es geht mir besser, aber ich brauche noch Ruhe wenn ich mich erschöpft fühle. Und sie ist sauer. Es nervt mich. Ich bin dann alleine nach Hause, sagte ihr ich sei so müde, dass ich im Stehen fast einschlafen würde und sie maulte irgendwas vor sich hin. Super Situation. Manchmal fühle mich unverstanden, aber ich denke sie ist nur überfordert. Manchmal wünsche ich mir, dass sie nen bisschen durchgreift und irgendwie aktiv was macht. Vielleicht erwarte ich auch zuviel. Sie arbeitet in ner Akut-Psychiatrie. Wenn ich neben ihr sass und ihr sagte: "Ich hab schon den ganzen Abend dauernd Panikattacken." dann kam von ihr immer nur: "Ja ... mmh ... das tut mir leid ... mmh" Was macht sie denn auf Arbeit, wenn ein Patient über sowas klagt? Ich bin mir sicher, dass sie dann anders reagiert. Aber wahrscheinlich gibt sie nur Tabletten. Ich würde mir irgendwie ne Übung wünschen, Motivation zum richtigen Atmen und was es da nicht alles gibt. Aber anstatt dessen fühle ich nur ihre Unsicherheit. Und fühle mich dann irgendwie alleine.

Ja, es ist alles nicht so einfach mit mir. Hab ich eigentlich schon die erfreulichesten Veränderungen erzählt? Ich glaube nicht. Davon gab´s in dieser Woche eine Menge. Ja ich war wieder arbeiten. Super stressige Schichten, aber ich hatte weder Herzklopfen, noch bin ich in Tränen ausgebrochen, nein ich war ziemlich gut und hab ne Menge geschafft. Aber nur das was wirklich nötig war. Nicht wieder meine 250%, die ich sonst gewohnt zu geben war. Alle meine Kolleginnen haben sich sehr gefreut, dass ich wieder da bin. Dicke Umarmungen. Super schön meine Mädels wiederzusehen. Natürlich hab ich auch nen bisschen erzählt wie es mir in den letzten Woche so ging und grob, was so war. Und plötzlich sagte ne Kollegin: "Ja, das hatte ich vor 5 Jahren auch." Eigentlich finde ich nur Verständnis. Mit meiner Abteilungsleiterin hatte ich nen sehr gutes Gespräch. Auch viel Verständnis, Tips und einige Angebote, die ich nutzen kann, wenn es mir wieder schlecht geht. Ich könnte zum Beispiel auf eine andere Station meiner Wahl für eine gewisse Zeit oder für immer wechseln, wenn ich das wollen würde. Ich dürfte auch mal unbezahlten Urlaub machen, auch über Monate oder Jahre. Man scheint mich zu mögen. Um meinen Arbeitsplatz brauche ich mir keine Sorgen machen. 

Und seit einer Woche nennen zwei Ratten-Ladies mein Zuhause auch ihr Zuhause. Ich hab sie ausm Tierheim. Supersüß die beiden. Sehr zutraulich aber noch schreckhaft. Sie klauen sich schon die Leckerlies von meiner Hand, aber sie kriegen sofort Panik, wenn ich sie versuche auf die Hand zu nehmen. Aber sie sind ja auch erst eine Woche bei uns. Gestern hab ich eine zusätzliche Tür in den Käfig reingemacht - ich kam an eine Stelle des Käfigs gar nicht ran, mit den vorgefertigten Türen - und das abgeknipsen der Gitterstäbe, hat den beiden so Angst gemacht, dass sie danach total beleidigt waren. Leider haben sie noch nen ganz fiesen Schlafrhythmus. Tagsüber liegen sie verkrochen in ihrem Häuschen, und wenn ich ins Bett geh um Mitternacht, feiern die beiden ne Party. 

Es ist echt super, was für ne Wirkung Tiere haben. Ne Freundin von mir sagte: "Tiere sind ja auch ein bisschen Balsam für die Seele" und sie vollkommen recht. Ich hatte ewig keine Tiere mehr. Nachdem meine beiden letzten Ratten total qualvoll gestorben sind, hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf sowas. Die eine hatte nen dicken Tumor, musste ich einschläfern lassen und die andere hatte kurz darauf nen Schlafanfall, lag fiepsend vor Schmerzen im Käfig und hat in Todesangst (obwohl sie super handzahm war) nur noch gebissen, dass ich Angst hatte nen Finger zu verlieren, wenn ich sie rausnehme.

Mit meinen neuen beiden versuche ich mich viel zu beschäftigen. Es geht nicht ganz so schnell wie mit meinen vorigen Tieren - die hatte ich je vom nem Züchter - Kumpel von meinem Bruder - und hab sie je, sehr jung bekommen. Oder hab von ner Freundin bereits handzahme Ratten übernommen, weil die umziehen musste. Meine beiden Süßen sind wie gesagt ausm Tierheim. Sind zwar super neugierig und munter, aber es wurde sich wohl nie wirklich intensiv mit ihnen beschäftigt. Zumindest nicht so mit regelmäßig auf die Hand nehmen und sowas. Aber ich bin recht zuversichtlich, dass wir das mit der Zeit hinkriegen. Es ist total cool, zu sehen, dass selbst Steffi und Chris dauernd vorm Käfig stehen, mit den beiden reden, dauernd fragen ob sie ihnen Leckerlies geben dürfen. Ja ich bin wieder ein Tierbesitzer. Fühlt sich ziemlich gut an. Ich freu mich schon drauf, wenn sie ein  wenig zahmer sind und sie sich streicheln lassen. Mit viel Hingabe wird alles gesammelt, was irgendwie für die Ratten zum spielen verwendet werden kann, Pappkartons, Äste, Klorollen usw. Sämtliche Freunde haben sich schon zum "Rattenbesuch" angekündigt. 

Ansonsten ist mir heute das erste Mal wirklich klar geworden, dass ich im "frei" bin und nicht krankgeschrieben. Das fühlt sich sehr gut an. Aber ich darf noch nicht so viel erwarten. Im Moment ist die Gefahr eines Rezidivs, weil ich noch nicht ganz gesund bin, wahrscheinlich ziemlich hoch. Ich muss mir selbst ein wenig Zeit geben und nicht so streng mit mir sein. Ich muss auch nicht sehr viel arbeiten, mal davon abgesehen, hab ich meine Arbeitsstelle auf 50% runtergekürzt. Alle fragen, ob ich mit dem Geld dann hinkomme, aber das ist meine kleinste Sorge. Ich bin sehr genügsam und hab immer einiges von meinem Gehalt sparen können. Ich hab auch nicht besonders hohe Ausgaben, ich konnte alles beiseite legen, was andere in ihr Auto stecken oder in teure Hobbies oder Auslandsurlaube. Ich werd klar kommen mit weniger Geld. 

Ab morgen hab wir wieder das Kleinkind in der Wohnung rumwuseln. Und Steffi ist sauer. Chris muss Samstag Nacht arbeiten und Steffi hat sich sofort angeboten, dass sie abends auf die Kleine aufpasst. Ich hab sowas gesagt wie: "Find ich nicht gut, wenn deine Tochter da ist, musste die Arbeit auch mal abgeben." Aber Chris sofort: "Ja aber wenn Steffi aufpasst, dann ist doch kein Problem!" Okay, eure Geschichte, macht doch was ihr wollt. Steffi dachte sich natürlich, dass ich auch da bin - obwohl ich sagte: "Und was ist wenn ich feiern gehen will?" - "Dann gehste eben feiern" sagte sie. Gut, heute hab ich mich mit meiner besten Freundin verabredet für´n Biergarten morgen abend ... und Steffi ist muksch. "Da kann ich ja gar nicht mit!" Nein, muss sie auch nicht. Und als ich sagte, ich möchte auch mal was alleine unternehmen, kam sie gleich der Schiene: "Ich bin neu in Hamburg, ich kenn nicht so viele Leute wie du, ich will auch mal raus." Haha, Mausi wohnt schon seit über 6 Jahre hier und trifft sich mal wesentlich häufiger mit ihren Leuten, als ich mich mit meinen. Und theoretisch findet sie das auch super wichtig, dass man mal was alleine macht und nicht nur als Pärchen auftritt, aber wenn ich davon mal Gebrauch machen will, ist sie gleich sauer oder kommt mit der "Ich kenn hier niemanden"-Masche - und sie kennt hier sehr wohl mindestens genauso viele Leute (und die auch noch ziemlich gut) wie in ihrem Heimatdorf. Oder sie will einfach nur wissen, was ich so treibe, wenn ich nicht zuhause bin. Vielleicht ist sie auch ein wenig eifersüchtig, wenn ich nach Hause komme und so Sachen sage wie: "Ich hatte soviel Spaß mit meiner besten Freundin!" Gut, aber ich finde, da muss sie durch. Immerhin gehen wir schon gemeinsam mit meinen Freunden Sonntag Brunchen. Und sie geht heute mit ihrer Freundin in die Disse und ich morgen Abend in´n Biergarten. Ich finde das ausgeglichen.

Ja und ansonsten werde ich heute mal früh schlafen. Ich glaube, ich brauche mindestens 10 Stunden Schlaf um mich erholt zu fühlen. Vielleicht hab ich noch Schlafmangel vom Frühdienst, da hab ich pro Nacht weniger als 5 Stunden gepennt. Komischer Weise hab ich im Moment dauernd Hunger. Nachdem ich Wochelang kaum gegessen hab, hab ich jetzt dauernd Hunger. Ich mach mir jetzt meine Chips auf. Gute Nacht!


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